Hausbürgermeisterin

Alina Iovanescu hatte zwei Grundsätze von denen sie nie abwich:

  1. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
  2. Nutze die Gelegenheit bevor sie vorbei ist!

Sie hatte viel erlebt, in den letzten Dekaden. Ihr Heimatland Rumänien kannte sie auch aus Sowjetzeiten. Im Gegensatz zu den anderen Ländern des Bündnisses erlaubte sich das Ceaușescu-Regime gewisse Alleingänge, unter anderem bescheidene Aussenhandelsbeziehungen zu Deutschland, was bei der Parteiführung in Moskau nicht gern gesehen wurde. Ansonsten war der Wille Ceaușescus eine harte Probe für den Menschenverstand. Weil er seinem Land ein realitätsfernes Strukturprogramm nach dem anderen verordnete, gingen die Ressourcen drastisch zur Neige. Eine Zeit lang wurden Nahrungsmittel nach einer wissenschaftlichen Berechnung des körperlichen Grundumsatzes rationalisiert. Zigaretten der Marke Kent waren die härteste Währung des Landes. Was man unter diesen Umständen lernt: Gemütsruhe, die Nerven behalten —egal was passiert. Seit einem Vierteljahrhundert lebt sie jetzt mit ihrer Familie in einem der riesigen Wohnblocks im Westen von Bukarest. Die Plattenbauten aus Ceaușescus Zeit werden von ihren Bewohnern als vertikale Dörfer empfunden. Auch kleine Gemeinden brauchten Ortsvorsteher, die das Leben in ihnen ordneten. Alina Iovanescu war seit zehn Jahren die Hausbürgermeisterin von Block A13, an der Strada Segarcea. Sie hatte ihren Amtsbereich eigentlich ganz gut im Griff. Kannte jeden Bewohner persönlich, genauso wie jeden, der hier ein und ausging. Um sich die Nachvollziehbarkeit der Besucherströme etwas zu erleichtern, und auch um den Überblick über die ordnungsgemäße Müllentsorgung durch die Mieter besser im Auge zu haben, fing sie vor ein paar Jahren damit an, an Knotenpunkten im Haus Kameras zu installieren. Ein gesundes Misstrauen war angebracht in einem Land wie Rumänien. Öffentliche Ordnung ist dort am wichtigsten, wo sie leicht versagen kann.

Jetzt saß sie im Wohnzimmer ihrer Tochter. Sie war mit ihrem Mann auf Weihnachtsbesuch in Deutschland, die Bescherung ist schon eine Stunde her. Ihr kleiner Enkel spielt zufrieden mit seiner neuen Eisenbahn. Zeit um etwas nach dem Rechten zu sehen, denkt sie sich. Sie zieht einen Tablet-Computer aus ihrer Damenhandtasche, logt sich ins Internet ein und startet ihre Überwachungs-App. Auf dem Bildschirm ploppen etwa zwanzig Kamera-Ansichten auf, auf denen schummrig beleuchtete Szenen zu erkennen sind. Ein Mann huscht von einer Kamera zur nächsten. Erst sieht man ihn vor der Eingangstür stehen, dann wie er über den Flur im Erdgeschoss läuft, wie er in den Lift steigt, wie er im fünften Stock aus dem Lift aussteigt und zu welcher Tür er sich bewegt, wie er kurz klopft, wie ihm die Tür geöffnet wird und wie sich die Tür schließt. „Radko ist spät dran, heute“, sagt sie mehr zu sich selbst. „Er könnte wenigstens am heiligen Abend auf ein paar Bier verzichten.“ Plötzlich sieht man, wie mehrere Personen verstohlen aus ihren Wohnungen huschen, scheinbar haben alle das gleiche Ziel. Nach einer Weile haben sich etwa fünfundzwanzig Leute auf dem etwas besser beleuchteten Foyer im Erdgeschoss eigefunden. —Im Panorama vor der Überwachungskamera. Alle haben der Kamera den Rücken zugedreht. Etwas flakert hinter ihnen auf. Alina verfolgt die Szene mit Argwohn. Was kann das nur bedeuten? Ein Putsch, etwa? Kollektive Sabotage ihres Video-Systems? Was macht denn die alte Dorova da hinten? Auf ein Zeichen drehen sich alle gleichzeitig um. Jeder hält einen selbstgemalten Buchstaben in der Hand, dazwischen funkeln Wunderkerzen. Sie liest sich leise vor: „Frohes Weihnachtsfest und danke für die Anträge!“

Getreu ihrem zweiten Credo: »Nutze die Gelegenheit bevor sie vorbei ist!«, hatte sie sich vor einer Weile gründlich über die Fördermittel Informiert, die die EU für Sanierungsarbeiten bereitstellte. Sie fand heraus, dass die Bewilligungsverfahren für Fördergelder relativ problemlos abliefen, vorausgesetzt man war mit jemandem in der Gemeindeverwaltung per Du. Und das war sie. Jetzt hatte das Teerdach keine Risse mehr und auch die Heizung lief endlich wieder. Alina Iovanescu: Unsere beste Hausbürgermeisterin!

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das Örtliche

Selbst sehr beständig sesshafte Menschen, wie ich, brauchen die Luftveränderung wie den Sauerstoff zum Atmen. Zum Glück hat unsere kleine Familie des Öfteren etwas woanders zu tun. Meistens geschieht dies im Namen der Kunst. —Irgendwo gibt es immer eine Ausstellung auf- oder abzubauen. Diesmal waren wir für ein paar Tage in Hamburg. Wie nun jeder weiß, ist Großstadt nicht gleich Großstadt. Bei mancheiner großen Stadt reicht die Größe über die geografischen Bezüge hinaus, klingt im Namen das Besondere des Orts mit, werden Erwartungen, Sehnsüchte und Versprechungen geweckt. Hamburg ist für viele Leute so ein spezieller Ort mit einer wahrnehmbaren Aura, vielleicht sogar mit einer speziellen Form großstädtischer Magie. Bekannte, stilbildende Künstler tun und taten ihr Übriges um das Besondere Image des Orts zu formen. Sie wurden und werden zu den menschlichen Werbeträgern ihrer Heimat: Hans Albers Liederzeilen umwehen diesen Ort, und auch Udo Lindenberg wurde erst in Hamburg zu einem Hamburger Original. Was liegt wirklich in der Luft, zwischen Speicherstadt und Fischmarkt, zwischen Schanze und Blankeneese? Will ich den Bewohnern der Gegend rund um Alster und Elbe womöglich Komplimente machen? Die Sache mit Komplimenten ist, dass sie meistens bloss eine Verneigung bleiben und eigentlich keinen Mehrwert für den Geschmeichelten haben. Sie sind quasi nur die Bestätigung, dass alles bis jetzt toll und richtig und wichtig war. Ich bin nicht so gut in Komplimenten. Wenn man so nach Hamburg hineinrollt, mit der Bahn, wird man allerdings weltmännisch begrüßt, mit einem kurzen Einblick in den Hafen, mit den großen Lagerhallen am Stadtrand und den Containerterminals, die signalisieren, dass gern und viel und vorallem global gehandelt wird. Der Hauptbahnhof ist jedesmal ein Erlebnis. Eine filigrane Stahlkonstruktion im Stil einer gotischen Kathedrale, mit Haupt- und Seitenschiffen, im Gegensatz zum echten Sakralbau aber vollkommen lichtdurchflutet. Platz für Gedanken gibt es hier ausreichend. Vielleicht ist das sowieso ein Hamburg Motto. Die Stadt galt lange Zeit als Hauptstadt der Kreativ-Industrie —jedenfalls was Werbung und Vermarktung anging. Berliner sprechen ihr diesen Ruf mittlerweile gerne ab. Getextet wird hier aber, nach wie vor, ziemlich originell. Das merkt man schon an der Namensgebung lokaler Dienstleister. Fassadenreiger: Besserwischer. Frieseursalon: Frisenleger.

Wir sind in einer Dauerherberge für aufstrebende Kunstschaffende, vornehmlich aus dem Bereich der bildenden Kunst, untergebracht. Fünf Jahre hat man in dieser Artist-Residency, um den hohen Hamburger Wohnungsmietpreisen zu entrinnen und so etwas Geld in die eigene Kunst stecken zu können. Leider überlegt die Stadt Hamburg gerade das Programm nicht zu verlängern. Was wirklich Schade wäre. Gebannt sehe ich mir die eine und andere Tür im untersten Flur an, in dem auch wir untergebracht sind. Haufenweise Aufkleber, allesamt gegenkulturelle Artefakte aus dem Spektrum: Gender, Anarcho, Frechheiten, Underground-Mucke. Ich lese in den Türen wie in einem Buch. Selten bin ich von Türen so gut unterhalten worden. Ein Aufkleber zeigt einen explodierenden Braunkohle-Bagger. Der Text dazu: Bagger-Boom! Mehr braucht es nicht für die Botschaft. Unser kleiner schwarzer Hund Julla findet das ständige Geraschel und Geklapper im Treppenhaus der Künstlerherberge ziemlich irritierend. Sie macht das, was Hunde machen wenn sie irritiert sind: Sie bellt. In den hohen Räumen hallt das ganz schön laut. Ich gehe mit ihr vor die Tür, damit sie mal nicht dauernd bellen muss. Wir bewegen uns quer durch das Schanzenviertel. Jetzt im Herbst ist es um halb acht abends schon dunkel. Die jungen Verkäuferinnen der Boutiken wirken ziemlich verloren in ihren Leuchtkästen. Mir kommt es vor, als würde hier jeder an seiner eigenen Vision vom Großstadtleben in Hamburg basteln: Die Kids in den Szene-Bars, schick gekleidet, in das Geld ihrer Eltern. Die Bettler, die sich in ihre verlorenen Träume hüllen. Die Business-People in ihren kristallartigen Hochhäusern. Die Besucher der Stadt, die händeringend versuchen den Spirit der Metropole einzufangen. Und die bereits erfahrenen Bewohner des Planeten Hamburg, die abgeklärter wirken, aber ebenfalls nichts verpassen dürfen. Alle sind sich seltsam einig. Man darf die kollektive Illusion der großen Freiheit nicht stören —durch zu viel Realismus.

Schönheitsfleck

Der Mensch ist ein Schönheitstier. Es gibt zahllose Belege dafür, dass er oder sie sich an den Formalitäten von Proportion und Harmonie orientiert. Mal treten diese Vorlieben als mathematisches Verhältnis zu Tage, mal als Nasenbeinkorrektur. Das Augenscheinliche birgt natürlich ebenfalls die Möglichkeit der Augenwischerei. Jedoch, selbst wenn diese schon als enttarnt gilt, tut das der Begeisterung oft keinen Abbruch.

Vor ein paar Tagen wurde mir im Netz ganz unfreiwillig ein Werbeclip vorgespielt, der mein Harmonieempfinden besonders herausforderte. Inmitten der Diskrepanz zwischen Inhalt und äußerer Form, findet sich nämlich oft die eigene Wahrheit. Es ist zutiefst unangenehm, wenn die Sinne geschmeichelt werden und man doch tief in sich drin die Stimme der Aufgeklärtheit den Untertitel sprechen hört. Die Konsumkultur spielt oft mit unserer Sehnsucht nach Harmonie und am Ende wird das Schöne nur als Hebel für die Kaufentscheidung bemüht. Jeder weiß das und trotzdem funktioniert Werbung. Wie wehrt man sich am besten gegen den Missbrauch des Schönen? Gleich wegsehen, verschämt und verlegen, weil es einen doch igrendwie erwischt hat, oder versuchen die Fassung zu bewahren und die Eindrücke mit einem Schutzschild aus Sarkassmus abwehren? Ich wehrte mich nach Kräften, trotzdem bohrten sich die Bilder in mein väterliches Herz. Es war genauso gemeint. Was mich schwach machte: Die traurige Musik, die Bambi-Augen, die glitzernd-schöne Weihnachtsstimmung, die Message… Ohh man. Was war zu sehen, zu hören, zu fühlen? Der Plot ist schnell erklärt: Ein kleiner Junge wächst allein mit seiner Mutter in einem Häuschen auf —kleiner und verschrobener als die schicken Bongalows der Nachbarn. Die Mutter, ein bamby-äugiges Wesen, ist sehr darum bemüht dem Jungen, mit den wenigen Mitteln, die sie hat, eine Freude zu bereiten. Sie näht ihm ein Eisbären-Kostüm, aber die Nachbarskinder in ihren coolen Spiderman-Outfits, lachen ich bloß aus. Sie schlendert mit ihm an einer Eisbahn entlang auf der die anderen Kinder spielen, aber sie hat kein Geld ihm eine Runde zu spendieren. Als Weihnachten vor der Tüt steht, liegen keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Zerstörte Vorfreude in den Augen des Kleinen. Eisbärspuren führen ihn stattdessen zur heimischen Garage. Darin hat ihm die Mutter eine eigene kleine Eisbärenwelt gebaut. Nach der anfänglichen Enttäuschung, setzt die Fantasie des Jungen ein und er fliegt auf dem Rücken eines imaginierten Eisbären durch eine arktische Disney-Zauberwelt. So schön, so gut. Die ganze Zeit wartet man innerlich darauf, dass der anrührende Kitsch durch das eingeblendete Logo einer bekannten Marke endlich eindeutig als Werbung gekennzeichnet wird. Dann die Erlösung! Es erscheint das Signet: Penny. Spruch: Weihnachten braucht nicht viel – Nur Liebe. Das tut echt weh! Weil —man kann es direkt spüren: Der Clip eine echte Wahrheit enthält, aber leider doch nur das Gegenteil will: Unschuldige Kinderherzen unter Pennymarkt-Plastikspielzeug verschütten. Ich war den Tränen wirklich nah. Nur einen Tag später, muss ich wirklich weinen. Mucki sitzt schon am Küchentisch und isst sein geliebtes Nussmußbrot. Nichtsahnend schalte ich das Radio ein. Es läuft dieser Lindenberg-Song mit dem kleinen Jungen. Ein Anti-Kriegslied aus den Achtzigerjahren. Schönheit und Tragik liegen nicht selten nah beieinander: Der eine Junge singt aufrichtig und ernst über Dinge ausserhalb seiner Vorstellungskraft. Der andere kleine Junge hört ihm dabei genau zu. Ich blicke meinen kleinen Jungen am Küchentisch an und weiß, dass ich ihm leider gleich erklären muss, worüber der Junge im Radio singt. Abschalten kann ich das Radio nicht mehr, da die Song-Zeilen schon unwideruflich im Raum stehen. Die Situation ist leider ähnlich. Die Unschuld des Jungen, der den Song singt, wird eigentlich auch nur als Vehikel benutzt: Um die Botschaft in Form der bittersten Wahrheit über den Menschen möglichst eindringlich zu transportieren. Auch hier spürt man den Zwiespalt zwischen Form und Inhalt und ist trotzdem zutiefst gerührt, vorallem als Vater der seinem kleinen Sohn jetzt Songtexte erklären muss.