Kaleidoskop

Meine Mittagspause verbringe ich gerne in einer türkischen Bäckerei. Sie wird von Erol, einem eloquenten und sehr sympathischen Bäcker betrieben. Die Teigwaren, die Erol täglich um halb vier Uhr morgens aus dem Ofen zieht, vereinen das Beste beider Welten. Den Duft des türkischen Orients mit dem Handwerk des deutschen Okzidents. Es entsteht dabei ein guter, feiner Teig mit exotischen Zutaten. Seine Sesamschnecken, die er nach einem alten Familienrezept bäckt, sind unvergleichlich. Oder diese Kringel mit einer Mischung aus Feigen und Mürbeteig darin. Einfach lecker. Da ich gut und gerne an vier Tagen pro Woche dort auftauche und wir schon die eine oder andere gemeinsame Ansicht ausgetauscht haben, ist der Umgang schon ziemlich vertraut. So vertraut, dass man sich auch mal mit Ehrlichkeit begegnet. Letzlich mußte ich mich leider beschweren. Da Erol ein sehr sympathischer und eloqenter, aber eben auch sehr beschäftigter Geschäftsmann ist, —was ja eigentlich für seinen guten Geschäftssinn spricht, sonst hätte er ja weniger zu tun— versucht er sich auch permanent in der Optimierung seines kleinen Geschäfts. Die Einführung der Plastikstäbchen, die man normalerweise in jedem Backshop für den Coffee to go  findet, fand ich irgendwie unpassend in einer türkischen Bäckerei. Für mich war das leise Bimmeln des metallenen Teelöffels im Glas türkischen Tees, eben typisch türkisch. Bitte nicht verändern! Da bin ich strickt konservativ. Ganz abgesehen vom unnötigen Müll, der dabei entsteht. Meine Beschwerde ging bei Erols Schwager ein, der konnte meine traditionsbewußte Entrüstung gut verstehen. Ein paar Tage später war die türkisch-deutsche Teelöffelwelt wieder in Ordnung.

Oft sitze ich dort, schaue gedankenverloren durch die Schaufensterscheiben, die die Welten im selben Augenblick trennen und verbinden. Das Aussen mit dem Innen, das Türkische mit dem Deutschen, den einen Kulturraum mit dem anderen. Man sieht und spürt beides, Unterschied und Gemeinsamkeit. Eindrücke verschmelzen. Das Förmliche und das Ungezwungene, das Geschäftliche und das Menschliche, deutsche Tugenden und türkischer Esprit und alles auch andersherum. Der Blick wandert durch das Glas, die eine Kultur wird der Rahmen für die andere. Vor dem Schaufenster und auch dahinter. Hier drinnen geht alles seinen Gang. Ältere Herren, junge Mütter, Schwestern und Freundinnen, Stammkunden aus allen Erdteilen, sie tätigen hier ihre Einkäufe, man begrüßt sich eher traditions- als religionsbewußt mit „Salam Alaikum!“ und der Erwiederung „Alaikum Salam!“. Eine wirklich schöne Grußformel, das denke ich jedesmal wenn ich sie höre. Ich selbst würde sie auch gerne benutzen, traue mich aber noch nicht. Manchmal kommen auch ganze Familien vorbei und speisen gemeinsam. Es ist einigermaßen deutlich zu erkennen, dass es sich um patriachaische Strukturen handelt, bei denen, wie fast überall auf unserem Planeten, die Frauen das letzte Wort behalten. Viele seiner türkischstämmigen Kunden spricht Erol zuvorkommend mit „Bruder!“ an. Letzlich, ich wollte gerade bezahlen, da ging das „Bruder!“ auch in meine Richtung, und obwohl ich mir fast sicher war, dass er irgendwen hinter mir in der Reihe meinte, fühlte ich mich total geschmeichelt. Wie aus Reflex verneigte ich mich leicht, bewegte meine rechte Hand zum Zeichen der Anerkennung in Richtung meines Herzens. So hatte ich es beobachtet, bei den alten Stammkunden.

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Zaunkönige

Vor ein paar Tagen habe ich auf einem, mir verbliebenen Fahrrad, eine kleine Runde durch die nähere Umgebung des Parks gedreht. Wenn man so durch die Gegend düst, ist man innerlich ganz losgelöst von der Welt. Trotzdem fallen einem manche der kleinen Details, an denen man vorbeirauscht, mit einem Mal intensiver auf. Wahrscheinlich werden die Poren der Sinne geweitetet, durch eine Mischung aus echter Freiheit und körpereigenen Opiaten. Eine Aufschrift, die ich auf einem Wagen einer Sanitärfirma entdecke, erinnert mich plötzlich an ein Kinderlied: Gebrüder Jakob. Anschließend rolle ich durch einen kleinen Ort, sehe für einen kurzen Moment jemanden in grüner Berufsbekleidung auf einem Hof stehen, der seinen Arm offensichtlich im Hintern eines Pferdes hat. Während ich noch überlege ob das real war, oder ich schon etwas überdosiert bin, mit Endorphinen, dringt der nächste Reiz in meine Wahrnehmung. Eine Werbetafel: Alcatraz Zaunsysteme. Ob gleich die »Ferienwohnanlage-Guantanamo« kommt? Alcatraz Zaunsysteme, das ist zwar Namefinding extrem, bleibt aber hängen. Der Werber in mir sagt: Der Impact  stimmt. Der Erfinder des Zaunfirmen-Firmennamens hat erreicht was er wollte. Selbst beim flüchtigem Vorbeilesen, habe ich ihn mir gemerkt, den gruseligen Namen. Möglicherweise werde ich ihn auch nie wieder vergessen. Immer wenn ich irgendetwas vor mir auftauchen sehe, dass nur im Entferntesten mit Eingesperrtsein assoziiert werden könnte, ist er wahrscheinlich wieder da.

Gestern habe ich meine Freundin und unseren kleinen Sohn besucht. Meine beiden Lieben haben zur Zeit Flüchtligsstatus. Meine Freundin ist Fotografin, also eine richtig gute Fotografin, die nicht nur Selfies knippst um sie auf irgendeiner einer Image-Schleuder im Netz zu posten. Sie gehört zu den wenigen Ausnahmenbildgeberinnen, die das Fotografieren noch richtig ernst nehnen. Künstlerisch ernst. Sie hat sich durch diese Ernsthaftigkeit das Recht erarbeitet, in sogenannten Aufenthalts-Stipendien für vier Wochen oder länger kaserniert zu werden. Was beim ersten Lesen etwas spitz klingt (kaserniert und so…), trifft bei ihrem derzeitigen Artist in Residency-Stipendium  leider voll und ganz zu. Die Veranstalter sind tier- und kinderfeindliche Kunsthof-Besitzer mit deutlich überdüngten Egos. Zum Schutz des eigenen Nervenkostüms geht man ihnen besser aus dem Weg. Zum Glück haben ihr ihre Eltern, die zufällig in der Nähe wohnen, Asyl gewährt. Das Eigenheim ihrer Eltern bekommt allerdings zur Zeit, wegen der neuen bungalowbauenden Nachbarn, immer mehr Ähnlichkeit mit einer echten Flüchtlingsunterkunft. Das eigene, offene Anwesen ist leider schnell eingemauert, wenn plötzlich jeder andere Grenzen um sein Eigenheim zieht. Die neuen Anlieger lieben es nämlich, ihre eingeschössigen, nach amerikanischen Vorbild in den Vorort einkopierten Häuschen, hinter meterhohen Mauern zu verschanzen. Das ist in der dortigen Gegend gerade ziemlich en-vogue: Mauern oder Alcatraz-Zäune, einmal um das eigene Leben rum. Die pluralistische Gesellschaft erfordert gewisse Gegenmaßnahmen. My Zaun is my Alcatraz.

Trotzallem muss hier aus kulturwissenschaftlicher Sicht eine Grenze zur eigenen Subjektivität gezogen werden. Die Differnzierungsmöglichkeiten hören ja nicht am Jägerzaun auf. Wer genau hinsieht, entdeckt die geheimen Zeichen überall. Da wäre zum Beispiel die Gardinen-Kommunikation der Hausfrauen. Die Art des Stoffbehangs am Küchen- und Wohnzimmerfenster gibt Auskunft über die Verhältnissse im inneren des Hauses. Weisse Spitzengardine am Küchenfenster bedeutet: »Alles in Ordnung hier drinnen.« Pastellfarbener Netzstoff bedeutet: »Wechseljahre gut überstanden.« Andererseits gibt es durchaus auch qualitative Unterschiede im Bereich der gezäunten Abschottung. Die Eltern eines guten Jugendfreundes meiner Freundin, der ebenfalls wohlbehütet in unmittelbarer umzäunter Umgebung aufgewachsen ist, haben beispielsweise eine Maßbezaunung vom Fachmann. Das ist solide Qualitätsarbeit aus den Händen eines ortsansässigen Metallbauers. Komplett verzinkt. Auch innen. Zweifach Pulverbeschichtet. Betonfundamente, einsfünfzig tief. Eine Barrikade vom Format einer Panzersperre. Dieser Zaun wird alle diese läppischen, von polnischen Tagelöhnern hingeschusterten Alcatraz-Zäune mit großer Sicherheit überleben. Irgendwann, nach dem großen Atomkrieg, wenn von der beschaulichen Siedlung nichts weiter übrig geblieben ist als Eigentumsumgrenzungen und Staub, werden sie den Archäologen von Morgen als Beweis dienen —die unkaputtbaren verbliebenen Zäune. Für das zivilisierte und offene Zusammenleben unserer Tage.

Das Maß der Dinge

Erinnert ihr euch noch an das schöne Buch Die Vermessung der Welt?  Es handelt sich dabei um einen Historienroman des Autors Daniel Kehlmann,  der die Biografien zweier bedeutender deutscher Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts vermengt. Die, des Mathematikers Carl Friedrich Gauß  und die, des Naturforschers Alexander von Humbold.  Den Titel fand ich, als ich ihn zum ersten Mal hörte, sehr verheißungsvoll. In meiner Version allerdings, waren die beiden in allerelei Erdteilen unentwegt mit dem Zollstock unterwegs. „Aha, ein Pygmäe! Carl Friedrich komm doch bitte mal mit dem Meterstab!“ „So, so! Nur einmeterdreiundzwanzig. Hab´s notiert Herr von und zu!“ Oder ich habe sie mir genau nachmessend vorgestellt, mit dem Bandmaß am Rande einer Schlucht. Gemeinsam die Tiefe und Breite exactement ermittelnd. Als ich dann irgenwann den Film sah, der mit viel überflüssiger Detailliebe die biografischen Wendungen der beiden Protagonisten nachzeichnet, war ich direkt ein bisschen enttäuscht. Ich selbst wollte einfach nur sehen das etwas richtig genau gemessen wird. Wenn die Welt scheinbar ein wenig aus den Fugen gerät und alles etwas unüberschaubar wird, wie in letzter Zeit, braucht man – anstatt all der subjektiven Willkür – ab und zu auch mal echte, unumstössliche Tatsachen. Zahlen jedenfalls vermitteln Beständigkeit. Sie können unser aller Vertrauen aufrechterhalten, in den Lauf der Dinge. Unser Bedürfnis nach Sicherheit stillen, als Statistik, als Messwert, als Ergebnis. Das erleichtert die Interpretation gewaltig. Man will doch nicht zu viel Zeit zubringen, mit Unschärfe generierenden Überflüssigkeiten, wie der eigenen Intuition. Wer Klarheit haben will – auch über sich selbst – der braucht sie: Harte Zahlenfakten.

Sehr zu meinem persönlichen Glück habe ich vor kurzem endeckt, dass ich an einem Ort lebe, der von jeher ein Refugium der Genauigkeit ist. Hier in der unmittelbaren Nähe zum Park wurde nämlich die Sekunde erfunden. Ja, ihr habt richtig gelesen! Die Sekunde ist eine Erfindung aus Nordhessen. Ich dachte – wie viele andere auch – der regionale Erfindergeist sei mit der bekannten überlagerten Fleischware, der ahlen (alten) Wurst, bereits erschöpft —aber weit gefehlt. Der wissbegierige Kasseler Kurfürst Wilhelm der IV., auch Wilhelm der Weise genannt, hatte ein ausgesprochenes Faible für die Wissenschaft der Astronomie und ließ sich, vom damals besten Instrumentenbauer, dem Schweizer Jost Bürgi, die weltweit allererste Uhr mit einem dritten Zeiger, dem Sekundenzeiger, bauen. Seitdem tickt die Zeit so wunderbar genau durch unser aller Leben. Manche mögen ihn jetzt wohl hassen, ob seiner Erfindung, die uns ebenfalls zu Sklaven der sekündlichen Genauigkeit gemacht hat. Ich selbst mag die Sekunde. Sie erleichtert die unmittelbare Beobachtung der Zeitmessung. Ein kurzer Blick auf das Ziffernblatt reicht und man kann sich wieder sicher sein: Die Zeit vergeht regelmäßig.

Noch so eine ziemlich genaue Einrichtung ist das Deutsche Institut für Normung,  kurz DIN. Direkt hinter diesen drei Buchstaben beginnt es, das wundersame Reich der Ingenieure. Beneidenswerterweise verbringen sie den Großteil ihrer Lebenszeit an Orten wo die Genauigkeit regiert. In Prüflaboren, Instituten für Materialwissenschaft, Kontrollstellen für Emmissionsschutz und natürlich in technischen Planungsbüros, die Mikrometerschraube stets zur Hand. Sie reden gerne Fachchinesisch, und die Prinzipien der Thermodynamik, die im Stillen alles verantworten, sind nur ihnen, den Eingeweihten bekannt. Wir verstünden wenig von ihrem Dasein gäbe es nicht das DIN. Seine Normen sind das eigentliche Maß der Dinge. Sie sind überall. Wer aus dem Fenster blickt, sieht eine Welt die in den Standards des DIN errichtet wurde. Egal ob es um die Breite eines Gesimses, die Durchfahrthöhe einer Ampel, oder die Rauheit des Straßenbelages geht. Schaut man gerade nicht aus dem Fenster, sind die Normen trotzdem überall. Sie regeln die Sitzhöhe von Stühlen, die Abmessungen von Tischen, die Beschaffenheit von Scharnieren, Türklinken, Schrauben, Reisszwecken und Büroklammern, den Abstrahlwinkel einer Glühbirne, das Weiss der Wände, die Form des Heizkörpers, der Aktenablage und auch des Blattes Papier, das vor mir liegt. Normen sorgen für Sicherheit und sie teilen die Welt ein, in nachvollziehbare Vorschriften. »Ansonsten könnte ja jeder machen was er will.« Dabei tobt auch im Reich der Normen ein Kampf um die Ordnung. Es ist ein stiller Kampf zwischen DIN-David und ISO-Goliath. Die Normen der International Organization for Standardization  (ISO) werden von einem weltweiten Verband ausgegeben. Und sie bedrohen unsere heimelige deutsche Normenwelt. Aber wir behaupten uns standhaft. Es geht für uns  um nicht mehr und nicht weniger als alles. Alles was uns  ausmacht. Deutsche Pünklichkeit, Genauigkeit, Qualität. Gäbe es eine DIN-Vorschrift für Humor, ich würde sie gerne einhalten.

 

Brexit im Finger

Wer den letzten hier erschienenen Artikel aufmerksam gelesen hat, wird festgestellt haben, dass man dem Autor eine gewisse emotionale Beziehung zum Thema Fahrrad nicht absprechen kann. Ja, ich muss mich wohl als ein sentimentaler, der mechanischen Seite der Technik zugeneigter, Fahrrad-Nerd outen. Ein Freund von mir arbeitet in einem Fahrradgeschäft, ab und an besuche ich ihn an seinem Arbeitsplatz. Ich liebe einfach diese Kaffeehausatmosphäre zwischen all den Rädern. Mir ist, als ob mein Wohlbefinden proportional zur Anzahl der in einem Raum befindlichen Speichen ansteigt. Dieser Freund jedenfalls, erzählt manchmal sehr lebensnahe und detailreiche Geschichten von den Erlebnissen mit seinen Kunden. Zum Beispiel, dass er, seit dem Erscheinen der E-Bikes auf  dem Markt der Fortbewegungsmittel, öfters darüber nachdächte eine Zusatzqualifikation in Geriatrie zu erwerben. Der Altersdurchschnitt des typischen Elektroradfahrers, scheint »gefühlt« um Geburtenjahrgänge direkt nach dem Krieg angesiedelt zu sein. Seine Meinung: Die Branche solle sich besser auf Alter und Gebrechen des neuen Klientels einstellen. Beim Erklären der neuen E-Bike-Technologie müsse man sehr oft ganz langsam und deutlich und auch etwas lauter sprechen. Ein verknappter Wortschatz unter Aussparung zu komplizierter und technischer Begriffe wäre ausserdem hilfreich. Immer schön mit leichtverständlichen Beispielen aus der unmittelbaren Lebenswelt der älteren Bevölkerung arbeiten: „Vergleichen sie die Sitzposition mit der, die sie beim Schieben ihres Rollators haben.“ Dabei ist nicht nur für das altersgerechte Erklären der Funktionsweise dieser Fahrzeuge Fingerspitzengefühl von Nöten. Schon das Aufsteigen auf ein elektrisch betriebenes Zweirad erfordert mehr Konzentration und Geschick als den wagemutigen Rentnern bewußt ist. Wie er letzlich meinte, stünde er schon mit ein paar Alterssportgruppen im Kontakt, in denen er vorbereitende Kurse mit Ziel »E-Bike-Tauglichkeit« anbieten möchte. Wenn es mehr seiner Kunden schaffen würden selbstständig auf das Fahrrad zu steigen, könnte dies die Kaufmotivation nachhaltig verbessern.

Einer seiner Kollegen, ein gebürtiger Waliser, hatte letzlich einen einigermaßen amüsanten Unfall. Beim Einstellen einer Scheibenbremsanlage geriet er mit der Kuppe seines Mittelfingers in die rotierende Bremsscheibe. Die Scheibe war davon relativ unbeeindruckt und drehte sich noch ein Stückchen weiter. Das Resultat: Kuppe weg. Das ist, an sich, natürlich überhaupt nicht komisch. Jedoch ergibt sich, im Rückblick auf die damalige politische Situation, eine – nicht von der Hand zu weisende – ironisch-schicksalhafte Konnotation. Die Kuppe des walisischen Monteursmittelfingers ging nämlich genau einen Tag nach der vollzogenen Brexit Abstimmung flöten. Das klingt verdächtig nach Karma. Ein Fuck You!  in Richtung kontinentales Festland kostet jetzt mindestens den halben Finger. Unklar ist allerdings bis zum heutigen Tag, ob der arme Mechaniker für oder gegen den Verbleib in der EU gestimmt hat.

Das Hobby geklaut, Fortsetzung

Plötzliche Verluste, sei es ein Teil eines Fingers, oder ein Teil des eigenen Fuhrparks regen natürlich zum Nachdenken an. Mir sind verschiedene Momente aus meiner Vergangenheit zurück ins Bewußtsein gedrungen, in denen der Verlust eines Fahrrades eine besondere Rolle spielte. Traurig aber wahr: Schon mein allererstes Fahrrad wurde mir am gleichen Tag, nach nur ein paar wenigen, stützradgesicherten Kurven entwendet. Danach war Fahrradfahren leider erstmal kein Thema mehr. Bei meinem nächsten Fahrversuch, ohne Stützräder, landete ich prompt wieder auf der Nase. Ich war einfach noch nicht bereit. Zwei Jahrzehnte später, ein weiterer bedeutsamer Fahrradverlust: In der ersten Nacht, die ich bei meiner damals zukünftigen Lebensgefährtin verbrachte, machten sich finstere Gestalten daran, möglichst alle Teile von meinem Verkehrsmittel abzuschrauben, die nicht niet- und nagelfest waren. Am darauf folgenden Morgen hing etwas an der Laterne, auf das der Begriff Fahrrad nicht mehr zutraf, da es erstens nicht mehr fahrbar war und zweitens keine Räder mehr hatte. Nur ich allein verstand die Botschaft: Bleib bei ihr!

Das Hobby geklaut

Die Dinge laufen langsam aus dem Ruder. Die Welt hier im Park ist eine friedliche Scheinwelt, mit den Pokémon-Jägern,  den Softballspielern, den Slackline-Typen,  den Hundebesitzern und den nörgelnden Rentnern. Die den Park umgebende Wirklichkeit, ist ein rauer Ort und in Wahrheit ziemlich bösartig und schlecht. Wir alle wissen das. Schlimme Dinge haben sich gestern Nacht zugetragen. Dinge, die mich beklommen machen. Dinge die mir zeigen wie die Welt normalerweise funktioniert. Das will man manchmal garnicht wissen. Trotzdem muss man irgendwie umgehen können, mit dem unfreiwillig erworbenen Know-How. Ich schätze in meinem Fall wird es noch eine Weile dauern, bis ich mich an die neuen Erkenntnisse gewöhnt habe.

Man braucht entweder Radar, infrarote Wellen oder Restlichtverstärker wenn man Objekte oder Personen im Dunkel der Nacht orten will. BND und NSA machen, neben der üblichen Datenbespitzelung, regen Gebrauch von diesen klassischen Beobachtungstechniken. Hat man nicht zufällig einen Geheimdienst um die Ecke, ist man allerdings aufgeschmissen. Dann kann alles mögliche passieren ohne detektiert zu werden. Die Vorstellung das Dinge einfach so vor sich gehen, empfindet man in unserer Zeit schon fast als beunruhigender als die totale Überwachung. Wie ich finde, könnten Geheimdienste ihre nützlichen Observationspraktiken ruhig auch öfter für zivile, nachbarschaftliche Anfragen zur Verfügung stellen. Vielleicht hätte man dann mal im richtigem Moment ein schönes restlichtverstärktes Foto oder ein Wärmebild, von den aufregenden Dingen die nachts passieren. Von dem Typen zum Beispiel, der hier gestern Nacht sein Unwesen in unserem Haus getrieben hat.

Streichen wir die Berufbezeichnung Einbrecher und ersetzen wir sie durch Kandidat. Es muss sich für den Kandidaten ein bisschen so angefühlt haben, wie die Teilnahme an der  großartigen Dauerwerbesendung Geh aufs Ganze!, die jahrelang erfolgreich auf SAT.1  gelaufen ist. Kern der Gameshow waren drei Tore, von denen man nie so recht wußte welcher Preis sich dahinter befindet. Der große Reiz des Formats lag im starken Wechselspiel von Gewinn und Verlust. Nicht nur für die Teilnehmer der Show, sondern auch für das Publikum. Vor Ort und vor dem Bildschirm war eine emotionale Berg- und Talfahrt garantiert. Kaum hatte ein Kandidat Aussicht auf einen fetten Gewinn, verlohr er oder sie ihn auch schon wieder durch die Gier nach dem —vermeintlich— nächstbesseren Preis. Diese traurige Vorführung menschlicher Schwächen zur besten Sendezeit, endete nicht selten mit einem hässlichen Stofftier als Trostpreis in der Hand. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Bei den allermeisten Unternehmungen kommt es auf die richtige Balance von Überlegung und Zufall an.

Wie du, lieber Mann mit Maske, die Haustür aufgestemmt hast, das war ziemlich geübt. Die Flurtür zum Keller war kein ernstzunehmendes Hindernis. Wir wissen nun beide, dass es sich um ein Standardschloss mit einem Standardschlüssel handelt. Weiter unten bist du leider erstmal links abgebogen. Dafür gab es aus dem Off  plötzlich dieses störende Geräusch vom Zonk,  dem Plüschtier gewordenen Pech, aus der eben erwähnten Dauerwerbesendung. Ich hätte dir gleich sagen können, dass hinter »Tor 1«, im Keller der ollen Schreckschraube, höchstens ein paar alte Blumenkästen lagern. Normalerweise gibt es bei Geh aufs Ganze!  keine zweite Chance, aber möglicherweise passt du sowieso nicht unbedingt zum Klientel das gerne in Dauerwerbesendungen mitwirkt, mit diesen Einstichstellen in der Armbeuge. Schauen wir mal was sich hinter dem Vorhang von »Tor 3« verbirgt: Ja, da ist er endlich, der heiß ersehnte Hauptgewinn! Willkommen in meinem lauschigen Keller. Sie gehören jetzt alle dir, die schönen Fahrräder! (hoffentlich nur temporär)

Ich werde wohl noch eine Weile im Bewertungsraster herumirren. Es geht unter anderem um die Neubewertung von Eigentum im Allgemeinen und meinem eigenen Eigentum im Speziellen. Es geht ausserdem um die Umdeutung von privatem Raum in öffentlichem Raum und um die Frage warum sich das Schicksal in so verdammt engen Bahnen um scheinbar banale Dinge wie Besitz und Kapital windet. Davon abgesehen. Das wirklich Wichtige ist noch ist noch da: Mucki, Hasi und Julla.

 

Pokermon

Es hat sich etwas verändert, in der Welt. Infantilismus allerorten. Einfach mal unbekümmert über die Strasse rennen. Sich die nervigen Seitenblicke sparen. Das Digitale kollidiert schon seit Längerem mit dem Analogen. Zumal der Strassenverkehr dafür besonders gut geeignet ist. Hier im Park kann zum Glück nichts passieren, hier bewegt man sich mit Vorliebe langsam. Aber auch hier sind sie zu sehen, die Botschaften des Wandels. Es wird jetzt vermehrt mit dauergezücktem Smartphone unter Bäumen herumgelungert. Neben der berüchtigten Rabenpopulation haben sich virtuelle Kreaturen im Park eingenistet. Waren in der Zeitrechnung vor Pokémon Go  nur ein paar Enten- und Rabenfütternde Rentner im Zeichen von Wildlife unterwegs, geht die Alterskurve der Naturbegeisterten jetzt sichtbar auf Talfahrt. Starten wir den Vergleich:

War die Welt früher wirklich besser? Sie ist schon eine Weile gehörig im Umbruch. Sie sollte sich doch mittlerweile an die zunehmenden Spleens ihrer Bewohner gewöhnt haben. Seit den frühen Tagen der modernen Industriegesellschaft, hat sich, parallel zur Taktrate der Fliessbänder, auch das Bedürfnis nach bewußter Freizeitgestaltung erhöht. Gewerkschaften leisteten ihren Teil, indem sie die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Freizeit nach und nach steigerten. Vielleicht tragen sie Mitschuld daran, dass unsere Gesellschaft jetzt eine Spassgesellschaft ist. Davor war Spaß nur in begrenztem Umfang möglich. Zwischen den Sechzehnstundenschichten und den spärlichen Schlafphasen dazwischen. Die Unterhaltungsindustrie stellte sich nur mühsam auf den neuen Bedarf nach Zerstreuung ein. Verbrachte der einfache Arbeiter damals seine Freizeit häufig im Varieté, auf der Kirmes oder im Zoo, um entweder Zwergwüchsige, Preisboxer oder wilde Tiere zu sehen, verbringt – der vom schweren Los der Freizeit betroffene – sie heutzutage immer öfter zockend vorm Bildschirm. Der große Hamburger Songpoet und Soziologe Gunter Gabriel sorgte vor einiger Zeit für einen kleinen Skandal, als er mehr oder weniger nüchtern feststellte:

„Ihr habt ja soviel Zeit, sonst wärt ihr nicht am Nachmittag schon hier. Ich hab leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt!“

Ursprünglich meinte er damit nur sein Publikum auf der Eisleber Wiese,  dem jährlich stattfindenden Festival in der ostdeutschen Lutherstadt  Eisleben. Wie sich aber zeigte, erwies er sich mit dieser spontanen Aussage als ausgesprochen feinsinniger Beobachter gesamtgesellschaftlicher Vorgänge. Als Jemand der das Große und Ganze sieht, ohne seine eigene Perspektive auszusparen. „Ihr habt ja soviel Zeit, sonst wärt ihr nicht am Nachmittag schon hier.“  Aus respektvoller intellektueller Distanz muss ich sagen: Diese Zeile liefert wirklich eine ganz gut gelungene Beschreibung des Status Pokémon Go.  Ich hätte es nicht treffender benennen können. Das Problem an der Freizeit ist ja, dass sie auch als solche sinnvoll genutzt werden will. (Davon abgesehen, gibt es sicherlich bessere Alternativen als Gunter Gabriel beim Singen zuzuhören.) Das »Phänomen Freizeit« betrifft mich im Übrigen auch ganz persönlich, sonst könnte ich diesen Text wohl nicht ganz fertig schreiben —bevor ich meinen Arsch wieder in Bewegung halten muss, damit die Knete stimmt

Von der Eisleber Wiese  mit dem prolligen Gunter zurück auf den feinen englischen Rasen im Park. Da sitzen sie nun: Friedlich versammelt unter den Bäumen, darauf wartend, dass eines der niedlichen Fantasiegeschöpfe hinter einem Strauch vorlugt, um es sodann mit sogenannten Pokébällen  auszuknipsen. Anschließend würden die teilunsichtbaren Kreaturen im virtuellen Raum gezähmt und abgerichtet – für Schaukämpfe in virtuellen Arenen – wie mir berichtet wurde. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der deutsche Tierschutzbund diesem Treiben Einhalt gebieteten wird. Die Pokémon-Experten  werden an dieser Stelle einwenden, dass es sich überhaupt nicht um Tiere handelt, sondern um digitale japanische Geisterwesen, inspiriert von den Naturgottheiten des Shintō. Ja, kann sein. Egal was die anderen sagen: Pokémon Go  könnte dafür sorgen, dass die Freizeitgestaltung in unserer schönen neuen Welt wieder sinnerfüllter wird. Es ist doch eigentlich ganz gut, wenn Mann seine Pixelkarre mal stehen läßt, im virtuellen Umland von San Andreas,  die Streitaxt Axt sein läßt, dem Shooter das Ego entwendet und endlich loskommt, von den verkifften Pokerrunden. Hoffentlich bringt das Einsammeln von Müll im Park Extrapunkte.

 

Tomatenpsychologie

Ich bin mit Timo im Park unterwegs. Es gibt Leute, die Timo nachsagen er sei ein bisschen eigen, manchmal. Ich kann das nur bestätigen. Er ist ein einzigartiges Original. Ein funkelnder Bergkristall inmitten von runden Kieseln. Ihr wollt wissen was den Typen so individuell macht? Ok, ich sags euch: Viele Leute hören Musik. Die Platten die Timo hört, hat sonst keiner. Bevorzugte Bestandteile seiner DJ-Sets sind —neben Proto-Wave  und Krautrock-Kostbarkeiten  aus dem Düsseldorfer Umland— türkische Funkbands, Fusionjazz-Raritäten  vom Balkan, Dope-Beats  aus Canada und echte Raregroove-Trüffel,  die so rare sind, dass nur Timo sie in halbbeschatteten Plattenkisten finden kann. Wer an Timo hoch und wieder runter schaut, wird feststellen, dass sein Outfit etwas sehr unbestimmt vagabundenhaftes hat. Timo ist nämlich namentlich und offiziell der Erfinder des originären Trampstyles.  Ein bisschen Bergsteiger, ein bisschen Rollbrettfahrer, eine Prise Handwerker und ein klein wenig Stadtstreicher. Immer in Bewegung, immer lässig, immer unterwegs. Fahrendes Gewerbe, selten im Stillstand. Abgesehen von der schlechten Mobilfunkverbindung, die uns des Öfteren trennt, ist er eigentlich immer da wenn man ihn braucht. Timo´s dauernder Begleiter ist sein Rucksack in dem er ausschließlich essentielle Dinge mit sich führt. Werkzeug, Musik, Fahrradteile, seine Nöte, seine Sorgen, seine Unsicherheiten und ganz viel Weltoffenheit. Egal was er da rauskramt, es ist immer etwas besonderes.

Wir sind auf dem Weg zu einer spontanen Grillparty unseres erweiterten Bekantenkreises. Timo erzählt mir, dass er unbedingt heute Abend noch seine Tomatenpflanzen umtopfen muss, da er mal für zwei Tage weg ist. Wer bei der Sommerhitze seine Tomatenpflanzen für zwei Tage im Stich lässt, hat möglicherweise nicht mehr viel zu ernten. Ich verstehe. Zwei seiner Pflanzen müsste er aus einer anderen Ecke des Gartens zu den etwas größeren, bereits eingetopften Pflanzen stecken. Ich wende ein: Man müsse vorsichtig sein, mit den neuen Mitbewohnern, sollte zunächst das zwischenpflanzliche Gefüge beobachten. Entwickelt sich Futterneid, oder besteht die Bereitschaft die vorhandenen Nährstoffe untereinander zu teilen? Wie sind die Verwandtschaftsverhälnisse, stammen sie von der gleichen Tomatenart ab? Ich hatte schon ein paar Geschichten aus der Welt des Grünzeugs gehört, die mich auf beunruhigende Weise an die Menschenwelt erinnerten. Ich riet ihm seine Führsorge gerecht auf die Stauden zu verteilen, um Eifersüchteleien —sozusagen— im Keim zu ersticken.

Vor einer Weile habe ich einen Artikel über das sogenannte Wood Wide Web  gelesen. Einer nützlichen Einrichtung von Mutter Natur, die mit Hilfe eines waldumspannenden Pilzgeflechts dafür sorgt, dass es zwischen den Bäumen gerecht zugeht. Dabei dient das symbiotische Pilzgewebe nicht nur zur Verteilung von Ressourcen, sondern auch dem Austausch von Pflanzeninformationen. Der Waldbodenpilz: Das Modem der Baumwurzel. Hoffentlich sind die alten Bewohner des Tomatenbeets so freundlich und informieren auch die Neuankömmlinge per Beet-LAN  über herannahende Fraßfeinde und stille Düngerreserven. Denn: Geteiltes Beet ist halbierter Lebensraum. (aus Tomatensicht gefühlt)