Raumschiff Afrika

ÜBER AFROFUTURISMUS

Stell dir einfach vor ein nicht unwesentlicher Teil deiner Vorfahren wäre vor geraumer Zeit aus einem anderen Kontinent importiert worden. Als menschliche Ware, um auf Baumwollfeldern zu schuften. Unendgeldlich und in Leibeigenschaft. Zu den wenigen Freiheiten deiner Vorfahren, gehörte —neben dem Singen während der Arbeit— der Besuch von Gottesdiensten. (Vermutlich ist es unter diesen Bedingungen nicht ganz ausgeschlossen, dass das Musizieren, speziell das Musizieren während des Gottesdienstes, einen besonderen Stellenwert bekommt.) Zwar wurde in einem  Bürgerkrieg im Land der Ausbeuter das Ende der Sklaverei erstritten, jedoch änderte dies nicht viel am sozialen Stellenwert deiner Vorfahren. Die neue Freiheit verkehrte sich stattdessen in Ghettoisierung und Rassentrennung. Danach dauerte es ziemlich genau 100 Jahre, bis deine Vorfahren zu ersten Mal auf die Strasse gingen und für ihre Rechte einstanden. Das war um das Jahr 1965 herum. Ihre traditionelle Musik wurde zum Soundtrack der Revolution. Man bezeichnete diese Musik ganz pragmatisch als Rhythm and Blues,  in ihrer modernen Form als Soul. Soulmusik  wurde allerdings nur in gewissen geschmacklichen Grenzen toleriert, die die Unterdrücker deiner Vorfahren vorgaben. (Und zwar obwohl sich diese gerne am musikalischen Erbe deiner Vorfahren bedienten.) Die Überwindung dieser stilistischen Grenzen, die auch eine Art von Fremdbestimmung waren, wurde mindestens so wichtig für die Selbstfindung deiner Vorfahren wie die Bürgerrechte für die sie kämpften.

Wie kann es nun sein, dass ausgerechnet das Erscheinen von afroamerikanischen Ausserirdischen und Cyborgs auf der Bühne des Popbiz eine politische Bedeutung hat?

Manchmal gehen besonderen kreativen Leistungen besonders traurige Ereignisse voraus: Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King  nach einer Kundgebung in Memphis von einem vorbestraften Rassisten erschossen. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung befand sich danach in einer Art Schockstarre. Musikalische Revolutionsführer füllten die entstandene Leere mit hymischen Songs. Say It Loud — I´m Black And I´m Proud  (James Brown, August 1968), Stand!  (Sly And The Family Stone, 1969).

Der vielleicht wichtigste Punkt der Emanzipation ist, dass man sich so gibt wie man wirklich ist.

Die afroamerikanische Kultur schaffte sich nach 1968 den Raum in der Öffentlichkeit, den sie brauchte. Die neue Unangepasstheit wurde unüberhörbar und unübersehbar. Funk wirkte dabei wie ein stilistischer Befreiungsschlag. Auf der Strasse geboren, wurde Funk  zur authentischen Ausdrucksform eines neuen afroamerikanischen Selbstbewußtseins. Unbändig und verrückt, psychedelisch und hypnotisch, radikal und experimentell groovte sich die Seele Schwarzafrikas in die amerikanische Realität. In der Black Community  wuchs nicht nur das Verlangen die eigene Herkunft aufzuarbeiten, sondern auch der Wille die eigene Geschichte komplett neuzuschreiben. Es war genügend kreativer Erfindergeist vorhanden die eigene Historie um neue Mythen zu ergänzen und zum Stoff für die Vision der eigenen Zukunft zu machen. Afroamerikaner waren Aliens im eigenen Land, wieso sollten sie sich nicht auch als ausserirdische Wesen outen? Wenn gesellschaftliche Konventionen die Weiterentwicklung hemmen, bleibt nur ein Ausweg: Zu etwas werden, auf das die Diskriminierung nach irdischen Massstäben nicht mehr passt. 1968 gründet George Clinton  die Funkband Parliament (Funkadelic)  und wird neben seiner Tätigkeit als musikalischer Zeremonienmeister und Erfinder des P-Funk (Pure Funk),  zum offiziellen Chronisten und Botschafter der fernen Afrozukunft. Selbst die eher mainstreamigen Jackson Five  bedienen sich im Video zu Can You Feel It  der Möglichkeit zu etwas vom anderem Stern zu werden.

Der Afroübermensch der Zukunft, reist ohne Beschränkungen der Gegenwart durch Raum und Zeit. Er ist eine überaus schöpferische Kreatur, lebt im Einklang mit den Bewohnern des Planeten Erde und nutzt hypermoderne Technologie um sich selbst zu verwirklichen. Er hat sich weiterentwickelt. Ist zu einer hybriden Spezies geworden, einem Cyborg —halb Roboter, halb Mensch— hat seinen Körper nach eigenen Bedürfnissen umgestaltet, ihn mit integrierten Schaltkreisen und Bioimplantaten geschmückt, die ihm neue Fähigkeiten geben und ihn ausserdem ziemlich stylisch aussehen lassen.

Früher oder später bekommt jeder afroamerikanische Musiker, der es ernst meint, Upgrades für seinen Körper: Die Black Eyed Peas  sind schon längere Zeit nicht mehr in ihrer menschlichen Grundausstattung gesichtet worden und Beoncé  trägt im Video zu Put A Ring On It,  statt eines ordinären Eherings einen Cyberhandschuh. Wenn heutzutage Mischwesen, halb Afroamerikaner, halb Maschine, in Musikvideos auftauchen, sieht das natürlich ziemlich cool aus, es schwingt aber auch immer auch der Geist der Neuerfindung des schwarzen Bewußtseins mit. Die Politik des Stils ist manchmal eben doch realpolitisch. Ich jedenfalls warte gespannt auf die neuen Transformationen des Arfrocyborgübermenschen.

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Lost in Music

Lost in Music  von Sister Sledge  ist ein Song den ich mehrdeutig interessant finde. Ich selbst war in meinem Leben auch eine Zeit lang lost in music.  Musikalische Wellen wurden zum Transportmittel meiner Identität. Vielleicht kommt der straighte Gesangstext dieses Discohits deswegen so gut bei mir an. Viele von euch werden mit Disco vielleicht nicht viel anfangen können. Das macht überhaupt nichts. In diesem Artikel geht es sowieso nicht um Geschmack, schon garnicht um Musikgeschmack. Geschmack kann sich ändern, Aussagen bleiben bestehen. Was könnte die Aussage dieses Songs sein? Was sagt der Begleittext zur Musik? Mal schauen… Ahh, ja ja. Das groovt schon beim lesen:

We’re lost in music — Caught in a trap
No turnin‘ back — We’re lost in music

We’re lost in music — Feel so alive
I quit my 9 to 5 — We’re lost in music

Have you ever seen — Some people lose everything
First to go is their mind — huh
Responsibility To me is a tragedy
I’ll get a job some other time, uh-huh

I want to join a band — And play in front of crazy fans
Yes, I call that temptation

Give me the melody — That’s all that I ever need
The music is my salvation

Klare Statements, worauf es im Leben eines Musikers wirklich ankommt. Eigentlich sind diese Zeilen ein Glaubensbekenntnis. Da wird nichts anderes behauptet, als dass man bereit ist alles für die Musik aufzugeben, auch den Brotjob. Wo findet man diese Worte sonst in dieser Direktheit?

Die Stimme, die diesen Text singt, gehört Kathy Sledge,  gemeinsam mit ihren älteren, backround singenden Schwestern Debbie, Joni und Kim bildete sie die Band Sister Sledge.  Als Viererformation waren die Sledge Schwestern Ende der Siebzigerjahre eine feste Größe im Discogeschäft. Debbie, Joni, Kim und Kathy landeten mit Hilfe der eingängigsten Rhythm Section der damaligen Zeit, bestehend aus Nile Rodgers  and Bernard Edwards,  mehrere Top-Ten-Hits. Schaut man sich auf Youtube  um, taucht unter anderem ein Live-Videomitschnitt aus der britischen Chartshow Top of the Pops  auf. Ein Schritt rechts, ein Schritt links, Hands Up, Drehung, Hipshake, Handclap, dabei bitte immer Lächeln. Weitere Videoquellen bestätigen den Verdacht: Man hatte sich eine Choreografie für die Playback-Performance ausgedacht von der man wirklich nie abwich. Vielleicht darf man sich niemals Videomitschnitte alter Disco-Hits ansehen, wenn man sich eigentlich für die Musik interessiert. Beim Sichten des Videomaterials überkommt einen, neben der Begeisterung für den guten Groove, immer auch ein wenig Beklommenheit, ob der statischen Performance der Musiker, insbesondere der Sänger. Das ist – oder war – aber natürlich dem Imperativ Disco  geschuldet.

Seit den frühesten Tagen des Funk  war die sogenannte Tightness  ein wichtiges Qualitätsmerkmal der gesamten Band, allem voran natürlich der Rhytmus-Gruppe. Tight  sein, heißt nichts anderes, als den Groove akurat durchzuhalten, ohne über die Songlänge an Genauigkeit zu verlieren. In einer Funkband sind alle Mitglieder irgendwie Slave to the Rhythm,  der Rhytmus, bei dem jeder mit muss, wird zur Pflichtausübung. Es gibt insofern keine Individualisten, keine Stars, keine echte Selbstbestimmung. Diven vom Vormat einer Gloria Gaynor  täuschen ein wenig darüber hinweg: Eine weitere unbequeme Wahrheit über Disco ist, dass die Geschlechterrollen stramm definiert waren. Es heißt Produzentenmusik, nicht Produzentinnenmusik. Die Vocals sollten kein Eigenleben entwickeln, weibliche Performerinnen in erster Linie textsicher und schön anzuschauen sein. Worin liegt dann die Faszination dieser Musik? Die Antwort ist zugleich einfach und kompliziert: In der Selbstaufgabe. Die ständige Wiederholung des Themas und die monotone Wiederkehr des Beats ermöglichen es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren  —beim Tanzen. Scheinbar ist etwas im Wesen von uns Menschen angelegt, das möchte, dass der Beat immer weiter geht. Möglichst ohne Unterbrechungen. Dieses menschliche Urverlangen nach rhytmischer Wiederholung fällt glücklicherweise mit der Fähigkeit von Automaten zusammen, Vorgänge besonders gut wiederholen zu können. Wahrscheinlich konnte sich Disco nur mit Hilfe von Technologie weiterentwickeln. Erst wurden sie von Kraftwerk besungen, dann kamen die Musikroboter wirklich: In Form von Drum Machines  und Samplern. Disco wurde unwiderrufbar zu House und Techno. 

Die Botschaft des Kraftwerksongs Wir sind die Roboter  ist im Grunde identisch mit der Textaussage des Sister Sledge-Songs. We´re lost in Musik,  das klingt bei der sechzehnten Wiederholung so wunderbar mechanisch, dass ich fast ein bisschen enttäuscht war, als ich das Promovideo des Songs zum ersten Mal sah. Ich stellte mir beim Hören des Musikstücks im Radio immer vor, wie die Interpretinnen roboterhafte Bewegungen zur Musik machten. Kühl und sexy. Auf mich wirkte die Live-Performance der Sledge Schwestern bei Top of the Pops,  noch viel zu organisch. Ich wollte so gern schwarze Soulroboter sehen. Tippt man bei Youtube  »Black Soul Robots« ein, gelangt man zu Videos der Black Eyed Peas  (Imma Be Rocking That Body) und von Beoncé  (Single Ladies).

Fortsetzung folgt.

 

 

Doppeltrial und Mehrfacherror

Das mooresche Gesetz hat mich mit voller Wucht erfasst. Schon eine Weile lang hatte ich ignoriert, dass sich die Rechengeschwindigkeit meines Desktop-Computers verdächtig dem Geschwindigkeitsniveau meines eigenen Verstandes näherte. Das Gute am Computer ist – sollte man einmal erkannt haben, dass er über mehr Intellekt verfügt als man selbst – man kann sich ziemlich sorgenfrei auf ihn verlassen. Die Industrie arbeitet, sehr zu unserer aller Beglückung, daran diesen Zustand in Zukunft noch ein wenig zu verbessern. Ich weiß nicht wie ihr darüber denkt, aber mir persönlich käme es ganz gelegen manchmal mit dem Denken aufzuhören. Ich habe festgestellt, das können andere sowieso besser. Wann immer ich anfange zu denken, regen sich sofort meine Mitmenschen über mich auf. Vergesslich bin ich auch. Warum sollte nicht irgendwann ein intelligenter Computer diese unselige Arbeit für mich übernehmen. Sie kostet mich zudem ziemlich viel Zeit, diese Denkerei. Ich sollte wirklich langsam damit aufhören. Ich könnte mich dann auf andere, wichtigere Dinge konzentrieren. Das Träumen etwa, finde ich tendenziell wichtiger als das ständige Nachdenken, zumal man sich beim Träumen zumeist in einem gemütlichen, schlafartigem Zustand befindet. Es gibt Menschen die jeden Tag hart meditieren, um in einen weitestgehend gedankenfreien State of Mind zu kommen. Die Vorteile sind unbestreitbar: Einklang mit sich selbst, eine reine feine Seele, gut Zuhören können, Besonnenheit, Nachsicht, Muße, Einfühlsamkeit, Ehrlichkeit mit sich selbst und anderen, innere Hamonie und ein gerader Rücken. Kurz: Das Paradies auf Erden. Ich sehe mich selbst schon im Lotussitz verharrend auf einer Binsenmatte, in einem Moment absoluter, gedankenloser Versunkenheit, das einzige Geräusch ist das leise Surren des Staubsaugerroboters der mich umrundet. Leider müssen wir noch ein paar Jahre auf die Ablösung warten. Allen Prognosen zum Trotz: Die Computerwissenschaftler sind leider noch nicht soweit. Es wird wohl noch eine kleine Weile dauern. Bis dahin können wir uns noch ein wenig damit unterhalten, wie tolpatschig die Maschinen manchmal sind. Wieso gibt es eigentlich auf Youtube keine Fail-Compilations von Robotern? Ist das noch nicht so lustig? Selbstfahrender Tesla kracht in Sattelschlepper, Siri hat mal wieder keine Checkung, blöder Roboter kriegt die Türklinke nicht gedrückt, Roboterhund fällt Treppe runter.

Seit Asimov-Gedenken machen sich Roboter in Geschichten nützlich, mal erscheinen sie als büchsenförmige Sympathieträger, mal als humanoide Übermenschen. Ihre vorgegebenen Fähigkeiten und ihre Aufträge rechtfertigen ihr Roboterdasein, aber sie bekommen – wie manchmal im echten Menschenleben – die Chance ihrem programmierten Handlungsstrang zu entrinnen. Besonders gerne wird dabei inszeniert, was die Automaten so menschlich macht. Ihre Leidensfähigkeit etwa, obwohl sie eigentlich nicht fühlen können, oder ihr Umgang mit der eigenen Endlichkeit, obwohl sie genaugenommen nicht sterben können. Sie gehen kaputt und werden einfach wieder repariert, die kumpelhaften Maschinen. Im Film ist die Reparatur dann immer ein intimer Moment in dem sich Mensch und Maschine besonders nahe kommen.

Ich selbst habe in den letzten Tagen viel über die Psyche meines Computers erfahren. Wir haben uns, abseits unseres gemeinsamen Arbeitsalltags, etwas besser kennengelernt, bei den vielen Reperaturversuchen. Stunden verbrachte ich kniend, leise vor mich hinbetend, vor den Innenleben meines PCs. Er ist jetzt, nach Abschluss der Prozedur, eine gespaltene Persönlichkeit mit zwei Betriebssystemen. Eine online gestellte Anleitung eines erfahrenen Computermediziners, half mir dabei, die linke Seite seiner Seele zu retten. In zwanzig Schritten, die ihn vor dem Verlußt seines Bewußtseins bewahrten und mich dem Rand des Wahnsinns näher brachten. Ich stellte fest, mein Personal Computer hat eine Personality voller innerer Widersprüche: Neue Software, die mit den alten Organen inkompatibel ist, alte Software, die mit den neuem Innereien nicht funktionieren wollte. Neue Updates waren nötig, um alte Updates installieren zu können. Ich begab mich in einen Irrgarten der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Annahmen wechselten sich mit Irrtümern ab, Vermutungen mit Ratlosigkeit. Zuletzt blieb leider das vertraute Lebenszeichen beim Hochfahren aus: Dieser kurze Piepton. Derzeitig stockt sein Mitteilungsbedürfnis: Abgehackte Sätze am DOS-Prompt, blaue Bildschirminformationen mit schlechten Nachrichten. Er befindet sich jetzt zu seiner eigenen Sicherheit in einem künstlichen Koma. Ich leide mit ihm mit. Ein neuer BIOS-Chip wird ihn hoffentlich zurück holen, in unser gemeinsames Leben. Gib nicht auf! Denk an R2D2, Nummer fünf, Seven of Nine, den T-800! M2N68-CM, du kannst es schaffen!