Denkmal

Es gibt Markenzeichen, Marken und echte Originale. Kurt gehörte mit ziemlicher Eindeutigkeit zur letzten Kategorie. Ein kleiner Arbeitsunfall vor dreißig Jahren brachte ihn in die missliche Lage, in der er sich jetzt befand. Genaugenommen aber, verdiente keine von Kurts Lagen jemals die Bezeichnung misslich. Kurt war immer noch Herr über sich selbst. Seine Beine und sein rechter Arm hörten zwar nicht mehr auf die Steuerimpulse seines Rückenmarks, aber das war im Grunde ziemlich unwichtig. Solange er Leute um sich herum hatte, die ihn mit Gesprächthemen versorgten, aus der Welt aussserhalb seines Krankenbetts. Seit einer gewissen Zeit war er ziemlich an dieses Bett gefesselt. Seine Lähmung kletterte vor ein paar Jahren bis in den Halswirbelbereich. Davor war er recht selbstständig, brauchte die rund-um-die-Uhr-Betreuung durch sogenannte Assistenten nicht und hatte noch Affären mit seinen Physiotherapeutinnen und Putzfrauen. Seine kleine Hornbrille verschwindet wieder hinter einem Schwall von dichtem Zigarettenrauch. Ja, auch als Schwerstbehinderter braucht man mindestens ein Laster. Eben hat er mit dem Besitzer des benachbarten Schrottplatzes telefoniert. Er beendete das Gespräch, wie immer, auch wenn er mit dem Ausgang eines Telefonats nicht ganz zufrieden war, mit den Worten: „Danke für das Gespräch!“ Ich kenne Niemanden, der diese Worte in einem derartig süffisanten Unterton rahmen kann. Ein Original eben. Zu Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit mit dunklem Humor verpflichtet. Kurt kam aus einfachen Verhältnissen. Einer kinderreichen, vor allem sohnreichen Hartmalocher-Familie aus Bochum. Sechs Brüder, eine Schwester. Die Schwester ist das jüngste Kind. Ende der Familienplanung. Kurt hätte gerne Abitur gemacht, dazu war aber irgendwie nie die Zeit, bei soviel Leben. Während seiner Lehre bei einem Modehaus in Bochum, lernte er nicht nur den stilsicheren Auftritt, sondern auch wie man aus einen Tag mit vierundzwanzig Stunden einem Tag mit vierzehn Arbeitsstunden macht: Nach den acht Stunden im Geschäft ging er regelmäßig bis tief in die Nacht kellnern. Während seiner ausgedehnten Nachtschichten lernte er unter Anderem die illustren Kreise des Bochumer Rotlichmillieus kennen. Ab und zu war richtig was los: Saufen, Geldspiele und Keilerei. Aber Keilerei nach den Regeln der Gentlemen: „Wenn einer auf der Erde lag, war Schluß. Nicht so wie heute.“ Was braucht ein echter Mann von Welt mehr, als Ahnung von guter Oberbekleidung und der richtigen Benutzung von Fäusten? Ein wildes Jahr als Chefkellner in einem Berliner Restaurant, gönnte er sich noch, dann war Kurt wieder im Kreise seiner Familie. Nach dem frühen Tod der Mutter, war der Klan auf das flache Land in der Nähe einer kleinen ostwestfälischen Kreisstadt gezogen. In der Provinz erlebte Kurt auch das eine oder andere Wirtshauswunder. Feine, pointierte Anekdoten gab er zum besten, je öfter er sie zum Besten gab (er wiederholte sich ab und an), desto schillernder wurden die Farben seiner Erzählungen. Ich hörte ihm gerne zu. Auch bei der Schilderung seines Unfalls. Wie er das Kellnern irgendwann Ende der Siebzigerjahre satt hatte, und wie das Bauhandwerk zu seinem neuen Lebensunterhalt und Lebensinhalt wurde. Bis zu jenem lebensentscheidenden Tag, als das Baugerüst, auf dem er sich befand, plötzlich umkippte. Das bemerkenswerte daran: Er erzählte auch seine Leidensgeschichte völlig ohne Wehmut, wie etwas das ganz natürlich zum Leben dazugehört. Original trifft Schicksal und andersherum. Kurts zweites Laster war eigentlich eine Leidenschaft: Snooker. Es ist überhaupt kein Wunder, dass ausgerechnet diese Variante des Billiards seine Begeisterung entfachte. Gut bekleidete Ehrenmänner, die ein vertracktes Strategiespiel in rauchiger Kneipenatmosphäre unter Einhaltung strenger Regeln des gegenseitigen Respekts spielen. Er musste diesen Sport einfach lieben. Er verpasste so gut wie keine Übertragung der internationalen Tuniere. Was Snooker anging, wurde Kurt zu einer Art Mentor für mich. Er weihte mich in das komplizierte Regelwerk ein. Wir verbrachten hunderte Nachmittage mit einer für ihn spielbaren Snooker-Videospielsimulation. Hitzige Duelle waren das. Kurt war vor allem eins: Ein Gegner, der nie aufgab. Wenn man in Kassel die Leipzigerstrasse stadtauswärts fährt, kommt man irgendwann an einem unübersehbarem Denkmal für Kurts Willensstärke vorbei: Eine Acht Meter hohe Schallschutzmauer, die die benachbarten, kinderreichen Wohnhäuser vor dem Lärm und dem Staub eines angrenzenden Schrottplatzes schützt.

Torwächterei

Manchmal muss man erst Bewertungen anderer Menschen über sich ergehen lassen, um zu erfahren wer man ist und wo man steht. Nein, ich meine nicht die üblichen, alltäglichen Vorurteile. Ich meine die richtig großen Hürden, über die man irgendwie hinweg muss. Die paar Prüfungen, die darüber entscheiden wie man in Zukunft einsortiert wird. Menschen lieben schnell erfassbare Kategorien. Eine genaue Berufsbezeichnung erleichtert den Vorgang des Einsortierens erheblich. Die individuelle Einschätzung macht zuviel Arbeit. Nicht ohne Grund haben öffentliche Bewertungen großen Unterhaltungswert. Alle Casting-Formate versetzen ihre Zuschauer in beide Rollen: In die des Bewertenden, aber auch die des Bewerteten. „Ich habe heute kein Bild für dich.“ Diese Worte können vernichtend sein. Vielleicht werden sie in Zukunft auch dann gesprochen, wenn Prüflinge das zweite Staatsexamen in Jura verkacken, passend wären sie allemal. Wer will schon ohne Selbstbild nach Hause gehen?

Für die wenigsten wird die Berufung zum Beruf. Die meisten von uns müssen sich durch harte Lehrjahre schlagen und am Ende durch Prüfungen. Auch ich musste mich schon durch derlei Prüfungen winden. Für aufstrebende Künstler, die sich an einer Kunsthochschule bewerben, kann leicht der ganze Lebensweg auf dem Spiel stehen. Das etwaige Nichtbestehen der Aufnahmeprüfung kann unter Umständen vorentscheidend sein. Das hat mit dem beschädigtem Selbstkonzept in Folge einer Ablehnung zu tun. Als Kunstschaffender ist der Glaube an das eigene Talent existentiell wichtig. Den Glauben an sich selbst aufrechtzuerhalten, fällt natürlich leichter, wenn andere ebenfalls davon überzeugt sind. Bei meiner ersten Bewerbung an einer Kunsthochschule wurde ich auch nicht gleich angenommen. Das war hart, aber ich wußte innerlich, dass ich noch nicht bereit war und dass ich beim nächsten Mal vielleicht schon bereiter sein werde. Zum Glück fand das zweite Prüfungskommitee meiner Wahl, die schweinsköpfige Darstellung meiner zukünftigen Professorenschaft genauso witzig wie ich. (Aufgabe: Menschen mit tierischen Zügen. Ich: Schweine mit Professorengesichtern.) Ein anderes Mal wurde in einer Aufnahmeprüfung von mir verlangt, mir eine Nudel für eine spezielle Zielgruppe auszudenken. Ich fand die Idee originell, eine Kreationisten-Hochzeitsnudel zu entwerfen. Ein doppelhelixförmiger Trauring, während eines ominösen Hochzeitsrituals in der Mitte zerbrochen werden sollte. Anscheinend fanden auch andere diesen Einfall so originell, wie ich selbst, weshalb ich zum zweiten Mal an einer Kunsthochschule studieren durfte. Und? Was ist aus mir geworden? Das wüßte ich langsam auch mal gerne. Einen einsortierungswürdigen Titel habe ich immer noch nicht. Die Leute in meiner Nachbarschaft sind einerseits ungeduldig und andererseits total überfordert. Die Einordnung würde mit einem Dr. der Lebenskunst oder einem vergleichbaren akademischen Grad viel leichter fallen. Was soll ich nur machen? Mancheiner kauft sich den Titel einfach. Das ist unkompliziert, macht weniger Arbeit und ist genauso wirkungsvoll. Es gab doch mal diesen Typen, der diverse hohe Ämter bekleiden durfte, bloss weil man es bei seiner Einstellung nicht so genau nahm, mit Tatsachen und Vorgaben. Was macht der eigentlich jetzt? Ist der schon Karriereberater, oder sitzt der noch ein paar Jahre auf einem Plastikmöbel im Foyer eines Arbeitsamts ab? Ein guter Bekannter hatte auch jahrelang Probleme mit der gesellschaftlichen Sortierungsanlage. Er: Erfolgreicher Absolvent im Fach BWL, super Benotung, jung, dynamisch, Deutschtürke. Wir rätselten beide jahrelang, warum das nicht klappen wollte, mit seinem Berufseinstieg. Sollte es etwa nur am letzten Wort in der Aufzählung liegen? Kann doch nicht sein, oder? Zum Glück haben die Arbeitsämter Eingliederungsquoten für den eigenen Personalbestand. Erdoran hat mir mal erzählt, er würde schon an der Art wie seine Klienten in sein Büro geschlichen kommen, erkennen, ob sie im nächsten Moment Mist erzählen, um doch noch an die gestrichenen Leistungen zu kommen. Ich schätze er hat im Leben selbst einfach genügend Ausreden gehört und enttarnt Lügen deshalb etwas schneller als seine Kollegen.

trauriger Schampus

Vertreter: Ein anspruchsvoller Beruf. Ein gepflegtes Äußeres ist genauso wichtig, wie gute Manieren und ein – wie soll man sagen – professioneller Humor. Höflich, geduldig, zuvorkommend und ziemlich gut gelaunt sollte man sein, wenn man den Leuten Dinge verkaufen möchte, die sie eigentlich nicht brauchen. Sven ist heute morgen einfach noch nicht warm. Er wäre mit seinen »Verkaufsförderern«, wie er Sekt und Knabbereien nennt, fast die Treppe herunter gestolpert. Das hat eben ganz schön gescheppert, im Hausflur. Jetzt steht er schlüsselsuchend vor seinem Dienstwagen, DuoMix-Repräsentant  steht auf der Seitentür. Anfangs fühlte er sich ein bisschen stigmatisiert von der Aufschrift, aber das Corporate Design macht ab einem bestimmten Punkt alles, auch persönliche Ansichten, zur Firmensache. Mist, zugeparkt! Die Verkaufsförderer stehen schon wieder etwas wackelig. Es müsste doch sicherlich auch so einen praktischen Trolley geben, der oben offen ist, wo man den ganzen Kram reinstellen kann, geht es ihm durch den Kopf, während er in der Hose nach dem Autoschlüssel sucht. Die Papp-Pallette mit dem Perlwein klemmt zwischen Hüfte und Autotür. Gefunden! Endlich. Sven verstaut alles im Fußraum, schließt sachte die Tür und geht ums Auto herum zur Fahrerseite. Seine erste Dienstfahrt heute, wird ihn in den Westen der Stadt führen, wo die Häuser und ihre Bewohner etwas feiner sind. Den Direktverkauf  versteht man dort als Unterhaltungsprogramm. Eine Freundin einer zufriedenen Kundin hat die Veranstaltung für heute morgen gebucht und ein Paar Leute aus ihrem Bekanntenkreis eingeladen. Das Geschäft läuft eigentlich nur über Empfehlungen. Das alles fing auch mit einer Empfehlung an. Von Jürgen, einem Bekannten seines Vaters. Jürgen war ihm eigentlich immer ein wenig unangenehm gewesen, damals. Als Junge fand er die endlosen Diavorträge über die Rocky-Mountains, den Grand Canyon und Las Vegas ziemlich quälend, die von Jürgen und seiner Frau regelmäßig veranstaltet wurden. Ihre dauerklugscheißende Tochter Sarah ging ihm auch auf die Nerven. Er hatte immer den Eindruck, die Wegeners laden Gäste nur zu sich nach Hause ein, um im eigenen Wohnzimmer mit irgendetwas angeben zu können. Er verstand seine Eltern auch nicht wirklich, dass sie sich das antaten. Irgendwann, mehr als ein Jahrzehnt später: Der redselige Jürgen war auf der Tour von einer DuoMix -Party zur anderen bei Sven´s Mutter vorbeigeschneit, wahrscheinlich nur um sie heimlich anzugraben. Sven hatte gerade ein Jahr in Australien verbracht und war etwas früher als geplant nach Hause zurückgekehrt. Da saßen sie in der Küche und das Gespräch hakte ein wenig. Jürgen erwähnte eher beiläufig, dass DuoMix noch Nachwuchsverkäufer suchen würde. Sven war damals ein bisschen abgebrannt. (Für junge Menschen aus Europa bedeutet ein längerer Aufenthalt in Downunder  schlecht bezahlte Arbeit und wenig Freizeit.) Weil Jürgen gutes Geld in Aussicht stellte – nach ein paar Schulungen – ging Sven einfach mal hin zum DuoMix-Infoabend. Im Zuge seiner Ausbildung zum DuoMix-Repräsentanten, nahm Jürgen ihn mit, auf seine »Parties«. Damals gab Jürgen tiefe Einblicke in die sanften Methoden der Verkaufsförderung. „Es ist völlig egal, ob die Leute selbst für Getränke sorgen, du mußt ihnen immer als erster den Sekt anbieten, das macht ungemein locker.“ Jürgen liebte Begriffe mit denen er etwas aufwerten konnte: Ungemein war so ein Wort, aber auch definitiv oder unglaublich. Seit fünf Jahren ist Sven jetzt selbst unterwegs im Namen der praktischen Haushaltshelfer. Eigentlich wollte er damals nur eine kleine finanzielle Durststrecke überbrücken, erlag jedoch irgendwann dem Lebenskomfort der künstlichen Religion. Es ging ihm selbst eigentlich nie darum Waren zu verkaufen. Das Wort Verkauf hatte für ihn keine Seele. In den Schulungen sagte man ihm damals Dinge wie: „Ihr seid die Vermittler zwischen Produkt und Bedürfnis.“ Das klang annehmbarer. Jürgen meinte immer: „Was auch immer du den Leuten andrehst, hauptsache du gibst ihnen das Gefühl das Richtige zu tun. Du verkaufst keine Schnellkochtöpfe, du verkaufst ihnen Sicherheit.“ Mittlerweile trägt Sven den Titel Gebietsleiter. Ab und zu denkt er über Reisen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach. Zum Rodeo nach Palm Springs oder einen Trip zu den Niagarafällen.

Designausstellung I

Denke ich an Holland, sehe ich die Bilder der alten Meister, die Schiffe beim Auslaufen zeigen, die endlose Weite einer Landschaft die quasi fießend ins Meer übergeht. Ich habe dabei den Geschmack von Karamelwaffeln und Spekulatius-Brotaufstrich auf der Zunge, beides bedeutende niederländische Erfindungen, neben Coffeeshops und Maasdamer Käse. Jedoch muß ich auch an weitaus weniger schöne Dinge denken, etwa an Frank Rijkaard der Rudi Völler während der WM 1990 in die Wolle rotzt. Tut mir leid, liebe Holländer, aber ich habe diesen Vorfall, den ich live am elterlichen Fernsehgerät mitverfolgen mußte, noch nicht vergessen können. Es waren Szenen, die sich im mein damals noch junges Gehirn eingebrannt haben, die ich leider nicht unseen  machen kann. Aber weiter im Text: Der Holländer beherrscht beides gleich gut: Pragmatismus einerseits und unkonventionelles Denken andererseits. Wer käme sonst auf die Idee einen Landstrich bewohnbar zu halten, der eigentlich unterhalb des Meeresspiegels liegt. Beides, Pragmatismus und Nonkonformität sind die Essenz guter Gestaltung. Kein Wunder also, dass irgendwann auch das sogenannte Dutch Design auf der Landkarte des guten Geschmacks auftauchte. Bis man das Städtchen Eindhoven auf der Landkarte findet, muss man allerdings mit dem Finger eine Weile lang suchen. Eindhoven war einst ein wichtiger Sitz der Elektronik-Branche in Europa. Kurz bevor japanische Branchenriesen den gesamten Mikroelektronikmarkt schluckten, entschied man sich bei Philips die Produktion nach Asien zu verlegen. Das führte zum Leerstand der ehemaligen Produktionsstätten in dem kleinen Örtchen. Da man dort auf soviel Industriebrache keine Lust hatte, entwickelten die findigen Holländer eine Art Strukturreformprogramm mit Schwerpunkt Design. Die ehemaligen Werkshallen wurden nach und nach zu Werkstätten kleiner und größerer Designbüros. Es ist in diesem Sinne nur konsequent, dass man in Eindhoven einmal im Jahr die Dutch Design Week veranstaltet, um die Welt in Kenntnis zu setzten, dass dort in den geräumigen Lofts interessante Dinge passieren. Mein Weg ins flache Nirgendwo führte mich zunächst per Bahn nach Köln, von dortaus ging es mit einem Bus weiter, meine Reise endete fast direkt vor der Kaderschmiede der holländischen Gestalterszene, der Design Akademie Eindhoven,  ebenfalls in einem umgenutzten ehemaligen Verwaltungsgebäude von Philips beheimatet. Mein kleiner Rundgang durch die Welt des Dutch Design beginnt genau hier.

Die Schüler dieser Ausbildungsstätte waren fleißig, überall in den hohen Räumlichkeiten, sind Gegenstände zu entdecken, die von Tatendrang und Eifer durchdrungen sind. Erstmal ankommen. Eine Tasse Kaffee mit Karamellwaffel später, nehme ich die Erzeugnisse der Absolventen unter die Lupe. Ganz egal, ob man nun aufblasbare Fahrräder braucht, oder Sitzmöbel aus marinem Material, geflochtenes Kletterseil als Stauraum für Krimskrams oder selbstgemachte Verbinder, um aus dem Holz-Imitat von Ikea etwas sinnvolles zu bauen: Hier weht der Geist gestalterischer Unbefangenheit. Nachdem eine Maasdamer-Stulle – als kleine Stärkung – ihren Weg in meinen Verdauungstrackt gefunden hat, gibt es eine kleine Führung durch die Produktionsstätte des bekannten Designers Piet Hein Eek. Bekannt wurde Eek mit einem Upcycling-Projekt: Stühle aus alten Fensterrahmen. Mittlerweile will anscheinend jeder Holländer auf so einem Sitzmöbel sitzen, weshalb in ganz Holland alte Fensterrahmen aufgetrieben werden müssen, um das Geschäft am laufen zu halten. In einer Halle ist zu beobachten, dass auch während der DDW die Fließbänder nicht stillstehen. Akribisch werden die Fensterrahmen zu drei mal drei Zentimeter großen Würfeln zersägt. Diese werden zu Beistelltischen verleimt und anschließend großzügig mit Epoxidharz übergossen. Um den Eindruck von Nachhaltigkeit zu erwecken, wurden mehrere Dutzend der leeren Harzeimer zu Skulpturen geschichtet. Zeit für richtiges Essen: Zum Glück wird hier überall Streetfood serviert, um einmal im Jahr eine kleine finanzielle Reserve zu bilden. Weiter gehts zum Hauptschauplatz: Den mächtigen ehemaligen Philips Maschinenhallen am Stadtrand. Die schiere Fülle von Artefakten dort macht einen ganz benommen. Immer wenn zu viel um mich herum los ist, werde ich ziemlich müde. Ich nehme auf einem wasserstrahlgeschnittenem Blechmöbel Platz und fange an zu dösen.

Designausstellung II

Sanft gleite ich ins Traumland, das Stimmengewirr um mich herum wird leiser und leiser. Vor meinem inneren Auge sehe ich wie sich die Werkshallen von Philips wieder mit den Original-Maschinen füllen. Emsige Arbeiter stellen ein Kasettenradio nach dem anderen her. Ich fühle mich, bei soviel Betriebsamkeit, richtig wohl hier, obwohl es nicht gut riecht in meinem Traum, durch Kunststoffverarbeitung und Zinnbad. Plötzlich löst sich das Fabrikationsszenario auf und es erscheinen Heerscharen von Jungdesignern, die damit beginnen, die eben frisch hergestellten Kofferradios auseinanderzunehmen, die Gehäuse zu schreddern und das Granulat zu heißen Kunststoffwürsten zu verarbeiten. Die Würste formen sie zu Sitzmöbeln, die unbequem aussehen und zu großen Lampenschirmen, die die Glühlampen fast komplett umschließen, sodass sie fast kein Licht mehr herauslassen. Dann wird es plötzlich extrem heiß in meinem Traum. Eine Art Glutlawine überrollt das Szenario. Ich flüchte mit den Designern ins Freie. Plötzlich ist alles weg. Der pyroklastische Strom, die Fabrikgebäude, die Designer. Unter meinen Füßen nur Staub. Als ich um mich schaue, sehe ich Menschen mit Tropenhelmen und Expeditionsoutfits. Manche von ihnen hocken in einer Grube und legen mit feinen Pinseln das sandige Erdreich frei. Ich gehe zu einer dieser Ausgrabungsstellen, finde mich selbst mit einem Pinsel in der Hand dort wieder. Ebenfalls damit beschäftigt dem Boden seine Geheimnisse zu entlocken. Etwas wird unter meinem Pinsel sichtbar. Etwas metallisches. Vorsichtig ziehe ich daran. Eine Brosche. Die feine geometrische Struktur verrät mir, dass es sich um einen parametrisch gestalteten, 3D-gedruckten Körper handelt. Bronce. Mir war noch garnicht klar, dass man Bronce 3D-drucken kann. Ich buddle weiter im Sand. Da ist noch etwas, es sieht aus wie der Rand eines Trinkgefäßes. „Späte Designzeit!“ Höre ich jemanden hinter mir sagen. „Wie…?“ „ Ja, das erkennt man an der Regelmäßigkeit des Bandzuges, das ist maschinell entstanden.“ Ich ziehe den Gegenstand aus dem Sand. „Zeigen sie mal her!“ Zögerlich drehe ich mich zu der Gestalt mit dem Tropenhelm um. „Nur zu!“ Lord Tropenhelmchen greift sich die Vase. „Schauen sie mal! Hier sieht man es ganz deutlich, viel zu gleichmäßig für Handarbeit, das ist 21. Jahrhundert. Die fanden das damals originell —handwerkliche Techniken auf CNC-gesteuerte Maschinen zu übertragen.“ „Wer die? “ „Na, die Designer von damals. Das war ja eine Epoche, die eigentlich mit Konsumprodukten übersättigt war. Wir rätseln allerdings noch darüber, was genau hinter der plötzlichen Blüte der Holländischen Designzeit  in der spätklassischen Phase steckt? Wir wissen nicht, ob es unbekannte Mäzene waren, die diese Handwerkskunst förderten, oder ob es eine von wirtschaftlichen Kreisläufen entkoppelte Wertschöpfung gab, die quasi zum Selbstzweck diese Artefakte produzierte? An keiner anderen Fundstelle außerhalb der Asche-Lawine, sind ähnliche Fundstücke aufgetaucht. —Tja, Früher war alles einfacher, da reichte ein Faustkeil, eine Amphore, ein Steigbügel oder ein versteinerter Apple Macintosh um die Welt zu erklären.“ Auf einmal fängt alles heftig zu wackeln an. „Das ist bestimmt ein Nachbeben! Nichts wie weg hier!“ Irgendetwas zieht an meinem Arm. Ich schlage wild um mich. „Mann bist du jetzt völlig behämmert!? Jetzt sind wir durch halb Europa gefahren und hast einen Pipedream,  oder was!?“ Ich habe die Augen wieder offen, schnappe noch nach Luft. Timo, mein Mitfahrer sitzt vor mir. Ich blicke um mich. Keine Glut, keine Asche, kein Staub mehr. Alles sieht wieder aus wie Jetztzeit. „Oh man, Timo! Ich bin wohl schon wieder einfach weggeknackt. Sorry, passiert mir einfach manchmal.“ „Na dann komm jetzt! Ich hab da hinten einen Typen entdeckt, der hat einen Industrieroboter zu einem Riesen-3D-Drucker umgebaut, der macht damit Lampenschirme und ganz coole Stühle aus altem Kunststoff.“

Pyramiden

Wer wirklich wissen möchte was der Mensch zum Leben braucht, kommt um Diagramme in Pyramidenform nicht herum. Mittlerweile ist sie etwas umstritten, aber über mehrere Jahrzehnte hinweg hat sie den Bewohnern von Industrieländern gute Dienste erwiesen: Die Ernährungspyramide. Sie ist auf fast jedem Supermarktprodukt mit einem gewissen Anteil von Kohlehydraten zu finden. Kein Wunder, sind doch Kohlehydrate die Basis einer guten Ernährung, wie uns die unterste Stufe der Ernährungspyramide vermitteln will. Erst im nächsten Stockwerk der Pyramide tauchen Obst und Gemüse auf, noch weiter oben sind eiweisshaltige Bewohner zu finden und ganz oben »on top« sozusagen, sind die schwergewichtigen Fettlieferanten zu finden. Man muß sich also erstmal von unten durch den Pyramidenstumpf durchfressen, um an die Leckereien zu gelangen. Hat eigentlich jemals jemand so ein Ding in echt gebaut? Als Etagere für´s Frühstückbuffet etwa —aus essbaren Waffeln. „Hey! Du mußt die Ernährungspyramide von unten anfangen, das ist sonst ungesund!“ Pyramidendiagramme erzeugen, durch die eindeutige quantitave Verteilung ihrer Inhalte, eine für jeden leicht erfassbare Gewichtung von gut nach böse, oder von nichtig zu wichtig. Das ist übersichtlich und macht die abgebildete Pyramidenwelt so schön einfach. Jeder will schließlich wissen wo´s langeht. Orientierung ist ein Grundbedürfnis. Überhaupt: Grundbedürfnisse. Da gab es doch noch so eine Pyramide. Diese Maslow-Pyramide. Benannt nach dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow.

Dort, wo bei der Ernährungspyramide die Kohlehydrate sitzen, finden sich im Maslow-Stumpf die Grundbedürfnisse: Nahrung, Schutz, Wärme etc. Weiter oben, zweites Bedürfnisstockwerk: Sicherheit, Geborgenheit, Angstfreiheit, Orientierung. Noch eins drüber kommt eine Etage mit Sozialbedürnissen: Freundschaft, Kontakt, Austausch. In der Chefetage des Bedürfnishotels wohnen die Anerkennung und ganz oben die Selbstverwirklichung. Man muss natürlich sagen, dass die Bewohner dieser Maslow-Pyramide mittlerweile umgezogen sind, in ein Loft mit Flachdach. Unterster Wohnflur: Eigenes Tablet, W-LAN, Facebook-Account, das allernotwendigste also, auch die Selbstverwirklichung und die Anerkennung wohnen jetzt da. Oben drüber sitzt jetzt ein Startup.

Startups sind mittlerweile die Firma gewordene Spitze der Maslow-Pyramide. Bevorzugte Geschäftsfelder der Jungunternehmer sind, neben den beliebten Programmen für mobile Endgeräte: Biodynamische Essbarkeiten für Mensch und Haustier, Lifestyle Gadgets und Beautyprodukte mit selbstgepflückten Essenzen. Woher ich so genau informiert bin? Es gibt da zur Zeit so eine Dauerwerbesendung auf einem Privatprogramm. Die zumeist jungen und dynamischen Kandidaten stellen sich dort einer Expertenjury aus zwielichtigen Investorenkreisen. Da sitzt etwa der Erfinder eines Schneeballsystems für Vermögensberatung, die ungekrönte Königin des Fernsehdirektmarketings, der Betreiber eines großen Warenhandelshauses, der jederzeit in der Lage ist tausende Supermarktregale mit Nippes zu fluten, ein IT-Halbgott, der aus Distinktionsgründen Skateboard fährt, und ein ehemaliger Stuntman mit einer Firma für Selbsterfahrung und Geschenkversand. Diese Sendung ist für alle, wirklich alle Teilnehmer die Erfüllung großer Sehnsüchte. Die Hoffnung auf den großen Durchbruch, trifft auf die Expertise der Geldspeicherbesitzer. Nicht selten wird dann, mit Hilfe der Publicity der Sendung, das eine oder andere Produkt auf den Markt gedrückt. Eine Sache eint die meisten Erfindungen, die auf diese Weise vermarktet werden: Sie erzeugen ein Bedürfnis, von dem man vorher gar nicht wußte, das man es mal haben könnte. Deutschland wußte bis zum Tag der Ausstrahlung der dritten Ausgabe der Sendung nicht, dass es die Abfluss-Fee  wirklich so dringend braucht. Einen Spülstein fürs Waschbecken. Jetzt sind alle happy. Der Erfinder der Abfluss-Fee,  der Besitzer des Handelshauses, der Sender, der Verbraucher, einfach alle. Die maslowsche Bedürnis-WG hat eine neue Mitbewohnerin: Abfluss-Fee —das passt gerade noch auf´s Klingelschild. Was ist eigentlich mit Leuten wie mir, in denen man eigentlich keine Bedürnisse mehr wecken kann, weil sie sich so wunschlos entkonsumiert haben. Da wirkt es natürlich befremdlich, das Geschäft mit dem Geschäft. Wer sich, wie ich, nicht in die Muckibude verirrt, weil er lieber an frischer Luft unterwegs ist —ohne Smartphone, an dem prallen natürlich auch die Verheißungen des Towell+  ab. Einem superpraktischen fitnessbudenkompatiblen Handtuch mit extra Handytasche. Bedürfniserweckung gescheitert.

Aloha

Es gibt für alles einen guten Grund. Wenn man sich den Jahresurlaub aufspart, um ihn in einen ganz besonderen Moment zu verwandeln, zum Beispiel. Mein Schwiegervater in spe, der Dieter, hat es im Laufe der Jahre geschafft den Individualsport zu seiner ganz persönlichen Sache zu machen. Nicht unter der Ausblendung der Möglichkeit, dass der Individualsport die Menschen ebenfalls in großen Mengen zusammenbringen kann. Mehrere Teilnahmen an Marathon und Triathlonveranstaltungen pro Jahr wurden für Dieter selbstverständlich. Dieter ist für mich, ob seiner strammen Fitness, zu einer eigenen Marke geworden. Wann immer ich einen älteren Herrn zügig und zielstrebig in der Gegend umherlaufen sehe, gut gebräunt und topfit, sehe ich einen Dieter. Seine Liebe zum Breiten- oder – je nach Blickwinkel – Extremsport ging sogar soweit, dass er seine eigene Laufveranstaltung ins Leben rief. Er nannte sie damals in Anlehnung an ein bekanntes Großevent den Rheingau-Man. Es gibt aber im Leben eines begeisterten Ausdauermehrkämpfers den Punkt, an dem das Original zum Original kommen muss. Leider klappte die Qualifikation für die eigene Teilnahme an der berühmt-berüchtigten Mehrkampfveranstaltung auf der Hauptinsel von Hawaii nicht auf Anhieb. Ein Wermutstropfen. Selbst in der Altersklasse von 60+ ist der Konkurrenzdruck gewaltig gestiegen. Dieter hatte alles gegeben. Extratrainigseinheiten, Ernährungsumstellung, leichteres Material, neue Sportoberbekleidung, es half nichts. Je extremer der Sport, desto empfindlicher wird der Athlet für unberechenbare äußere Faktoren, wie Temperatur, Luftdruckschwankungen, stellare Konstellationen. Ein leichtes Unbehagen kann sich schnell in eine ernstzunehmende Magenverstimmung wandeln. Der Betreuerstab, aus Anita, meiner Schwiegermutter in spe bestehend, hatte wie immer versucht den gröbsten Unbill von ihrem Schützling fernzuhalten. Es nutzte alles nichts, es sollte irgendwie nicht sein. Trotz allem, die Fernreise an das Ziel so mancher Träume war schon lange gebucht und würde nun bald auch angetreten. Zu den Hürden der verhagelten Qualifikation, gesellten sich nun auch unsportliche Hürden, wie das leidige Verständigungsproblem. Hasi und Ich versuchten Anita und Dieter, beide des Englischen, politsystembedingt, nicht zu hundert Prozent mächtig, zu unterstützen wo es nur ging. Zum Glück hält die Welt mobiler Kommunikationstechnik mittlerweile für jedes Problem die passende Lösung bereit: Ich entdeckte im Internet eine Software, mit der man einem Smartphone das direkte Dolmetschen beibringen kann. Diese wurde, bei einem Besuch der beiden, im Kreise unserer kleinen Familie, versuchsweise installiert. Leider nur als Testversion. Eventuelle Dialoge müssten knapper ausfallen als gewohnt. Pro Tag waren nur fünf Sätze erlaubt. Egal. Mit der Zuversicht, in Zukunft nicht mehr alle Strophen des bekannten Udo-Jürgens-Hits mitsingen zu müssen, stiegen sie in den Flieger. Der transportierte sie, mitsamt ihrer Vorfreude im Handgepäck, einmal um den halben Erdball nach Hawaii. Nach einem kurzen Zwischenhalt in Canada ging es weiter Richtung Südsee. Dort angekommen, wurde die Gegend zunächst gründlich unter sportlichen Kriterien, wie Streckenbeschaffenheit und Renntauglichkeit inspiziert. Wenn man schon selber nicht an den Start gehen kann, müssen zumindest Basisinformationen für eine sportliche Expertise gewonnen werden. Der E-Mail-Kontakt versorgte uns mit tagesaktuellen Updates über das Paradies aus Palmen, Sand, Vulkangestein und Rennstrecken. Einen Tag bevor das große Rennen begann, bekamen wir genaue Handlungsanweisungen. Wir dürften auf keinen Fall den Live-Mitschnitt der Rennveranstaltung verpassen —man hätte sich da etwas überlegt. Der große Zeitunterschied machte das direkte Mitverfolgen der Liveübertragung für unsere kleine Familie leider unmöglich. Jedoch wurde das Material der Aufzeichnung tags darauf ausdauernd und intensiv gesichtet. Was konnten sie nur gemeint haben mit ihrer letzten Botschaft? Immer wieder wurde das Videomaterial auf Hinweise gefiltert. Dann erhärtete sich der Anfangsverdacht. Im Zieleinlauf, drei Meter vor der Zielfahne, waren sie zu sehen. Zwei kleine Deutschlandfähnchen, die heftig geschwenkt wurden. Nicht ganz unpassend: Wurden doch die ersten drei Plätze von Deutschen belegt. Als sie gelöst und noch besser gebräunt als sonst, wieder in heimischen Gefilden angekamen, fand unser Verdacht seine Bestätigung. Auch auf einer Doppelseite eines bekannten Triathlon-Magazins waren die Fähnchen deutlich hinter dem Gewinner des diesjährigen Ironman zu sehen, die Fahnenschwenker indes auch dieses Mal nicht. Manchmal reicht es einfach zu wissen, das man wirklich da war. Dabei sein ist alles.

Reklamation

Seitdem Peter Lippold denken kann, setzt er sich für die Rechte seiner Mitmenschen ein. Ihm entgeht nichts das zu einer Unausgewogenheit führen könnte, in dem feinen Gefüge zwischen Anspruch und Tatsache. Man kann sich noch genau an sein erstes Auftreten als Rechtsexperte in eigener Sache erinnern, auf dem Postamt Hildesheim-Ost. Lippold hatte die Briefmarken schon bezahlt, als der junge Postbeamte versuchte ihm den Restbetrag in einer kleinen Stückelung von Marken niedriger Centbeträge herauszugeben. Das war ein großer Fehler, wie sich bald herausstellte. Lippold nahm es sehr genau, auch gerade bei kleinen Geschäften mit kleinen Beträgen. Da konnte er schonmal aus der Haut fahren. Er witterte das Unrecht schon meilenweit. Der lautstark zu einer Korrektur seines Verhaltens gemaßregelte Briefmarkenverkäufer nahm die Fünf-Cent-Marken so schnell wieder an sich, wie er sie augehändigt hatte und legte zügig die geforderten Werte auf den Tresen, um einer weiteren Eskalation vorzubeugen. Bei Streitigkeiten mit unzufriedenen Kunden mit Entgegenkommen reagieren, das hatte er in der Verkaufsschulung gelernt. Entgegenkommen war bei Lippold die einzige Chance. Es gab im Groben drei Stadien seiner Rage: Im ersten Stadium durchbohrte er sein Gegenüber mit einem starren, prüfenden Rentnerblick, den man am besten standhaft erwidern sollte. Ein Ausweichen vor diesem Augenkontakt ging sofort in Phase Zwei der Rentnerrage über. Ausweichen bedeutete für Lippold das Eingeständnis einer Unehrlichkeit. Die Ahndung folgte auf dem Punkt. Der kategorische Apell an Aufrichtigkeit, Ehrenhaftigkeit, Genauigkeit und Respekt vor dem Alter. Die großkalibrigen verbalen Mörsergranaten trafen den Gegner wie Geschütze aus der Kaiserzeit, die auf Schienenfahrzeugen bewegt wurden und markig klingende Namen trugen, etwa »Dicke Bertha« oder »Langer Max«. Regte sich im Nest der Widerständler verbale Gegenwehr, kam die dritte Ausbruchsphase der Rentnerrenitenz, dabei wurde das Gehhilfsmittel der Wahl, Gehstock oder Regenschirm, gen Wuthimmel gestreckt, unter Gebrauch von altertümlichen Flüchen, wie: Elender Wicht, ein Flegel sind sie, schämen sie sich, sie Dilletant usw. Diese Tirade konnte eine ganze Weile lang anhalten. Manchmal konnte die schiere Wut nur vom Charme einer zur Hilfe eilenden, gutaussehenden Kollegin des oder der Beschuldigten gemildert werden; ein erprobtes Mittel der Rentnerbesänftigung im Einzelhandel. Einmal mußte bei Lippold auch die Polizei anrücken, um den Streit zu schlichten. Eine Kassiererin im Supermarkt hatte seinen Pfandbon übersehen, der war, wie sich viel später herausstellte, vom Warenförderband eingesaugt worden. In Lippolds Augen ein Versuch von Unterschlagung. Selbst die Martktleitung konnte ihn nicht zur Räson bringen. Sehr zur Verwunderung von Augen- und Ohrenzeugen über die plötzliche Beweglichkeit und Agilität, und das erstaunliche Volumen der Rentnerlunge.

Heute war Lippolds Tag. Vor einer Woche hatte er sich einen stattlichen Flachbildfernseher gegönnt. Einhundertzwanzig Zentimeter Bildschirmdiagonale. Die anfängliche Begeisterung über das heimische Kinoerlebnis wurde jedoch schnell gedämpft. Denn da war er. Es war ihm vor Begeisterung über das Großbild nicht sofort aufgefallen. Aber er war doch zu sehen. Dieser feine Kratzer am Standfuß. Bestimmt zwei Zentimeter lang. Im Morgenlicht, während seiner Lieblingsfrühstücksfernsehsendung, sah man ganz deutlich, dass etwas das Gesamtbild störte. Lippold hatte den Fernseher ganz einfach wieder eingepackt. Das Originalverpacken war für ihn fast schon ein kleines Ritual. Nie hatte er jemals eine Umverpackung eines elektrischen Geräts weggeworfen. Stapelweise türmten sich die Verpackungen auf seinem Kleiderschrank im Schlafzimmer. Sicher ist sicher. Jetzt stand Lippold an der Straßenbahnhaltestelle, den Karton mit dem Flachbildfernseher auf das nackte Gestell seines Zwiebelporsches geschnallt, die Oberseite mit einem Müllsack vor Regen geschützt. Sein Streitwagen war gerüstet für die große Schlacht. Er war in seinem Element: Transportschaden, nicht selbstverschuldet, Berufung auf Händlergewährleisung, Androhung von Aufstand unter Einbindung örtlicher Medien, schädlicher Mundpropaganda und Lautstärke. Die dicke Bertha war geladen. Ein Lächeln huschte über seine Gesicht.

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Manchmal reicht es einfach nicht, den ganzen Tag müde zwischen den Datenströmen rumzuhängen. Zwischen den vielen Instagram- und Facebook-Posts, der Lektüre von Lifestyle- und Modeblogs, und abertausenden WhatsAppNachrichten wird leicht vergessen, dass da noch etwas ist, was das Smartphone hält. Dieses Etwas, so nutzlos es manchmal auch wirkt, will von Zeit zu Zeit bewegt werden. Ja, es ist, so ganz real und ohne Bildbearbeitung nicht immer schön. Es beherbergt diverse unverständliche Stoffwechselprozesse, die zu Gerüchen führen können, zur Absonderung von Schweiß und anderen Abbauprodukten. Das mag manch einem oder manch einer nicht gefallen, aber die Evolution der letzten paarhunderttausend Jahre hat es einfach nicht besser hingekriegt. Die aktuelle Hardware ist mit Homo sapiens  gelabelt, was soviel wie »der weise Mensch« bedeutet, ob damit auch der Körper gemeint ist, bleibt unklar. Es wirkt auf den ersten Blick etwas unsmart, dieses Gebilde, so ganz nackt ohne Bluetooth und WLAN. Kompatibilitätsprobleme mit dem Lebensumfeld der Hypermoderne wurden – Natur sei Dank – nicht rechtzeitig genug durch Firmware-Updates korrigiert. Ziemlich schlechter Service. Wenn Samsung zwanzigtausend Jahre lang keine Softwareupdates liefern würde, wäre das ein firmenvernichtender PR-Supergau. Der eigene Körper, er passt irgendwie so garnicht mehr in die cleane Welt des Internets. Am liebsten hat man ihn heutzutage als bearbeitbare, vermarktbare Oberfläche. Als Projektionsfläche für die Erzeugung des eigenen Image. Wozu sollte dieses, von Sehnen, Knochen und ein paar Bandscheiben zum aufrechten Gang gezwungene Ding sonst noch nützlich sein? Web 2.0 gegen Body 1.0, wie lange das wohl noch gut geht?

Vor ein paar Tagen wurde ich zum Augenzeugen einer stadtbekannten Laufveranstaltung. Da waren sie real zu sehen. Angestrengte Körper. Leidende Körper. Schwitzende Körper. Nein, schön sind sie nicht immer, diese Körper. Auch die trainierten. Im Netz sieht das alles immer so leicht aus, Basejumping, Freeclimbing, Parcour mit Selfie-Drohne. Gefilmte Power-Workouts von von Superbarbies und Superkens. Der Körper, scheinbar geht das nur noch von außen, unter medialer Beobachtung. Sehr zum Glück der hart Trainierenden, erlaubt die heutige Mess- und Datenverarbeitungstechnik auch öffentliche Einblicke auf Leistungskurven und Trainingsparameter. Das macht nicht nur den sportlichen ShowOff  einfacher, sondern führt endlich zum ersehnten Ziel aller Krankenkassen: Der Einheit aus Körper und Datensatz.

Einfach nur Joggen, um das Knirschen der Kieselsteine unter den Sportschuhen zu hören: Ziemlich uncool. »Bitte bei Frischluftaktivitäten immer des Smartphone mitführen!« So steht es jetzt auf Schildern am Eingang des Parks. Allein das Laufen ist langweilig. Nur die individuelle BigData-Playlist auf Spotify  macht die Bewegung an frischer Luft irgendwie erträglich. Eins sein müssen mit dem Körper, mit dem Geschnaufe der Lungenflügel, mit dem Pochen des eigenen Pulses, mit den ständigen Vibrationen, die die laufende Bewegung auf der Erdoberfläche erzeugt: Es ist kaum auszuhalten. Das alles womöglich mit Gegenwind, Kälte, Regen und Schmutz dazu. Gerade Schmutz: Die Natur ist voll davon. Mehrere hundert Millionen Bakterien pro Tropfen Schlamm. Das ist höchst fahrlässig. Die Natur hat Schwein, dass sie ihr Unwesen nicht in Amerika treibt, sonst wären die Klagesummen astronomisch.

Wie ich zu meinem Körper stehe? Wie soll ich das nur beschreiben, so einfach aus mir selbst heraus? Gut, das Geknirsche der Kiesel beim sportlichen Trab im Park nervt mich auch. Deswegen laufe ich nur selten im Park. Meistens renne ich, wenn ich davon bedroht bin eine Verbindung des öffentlichen Personennahverkehrs zu verpassen. Ich bevorzuge stattdessen, wie die nicht vorhandenen Leser meines Blogs wissen müssten, die zweirädrige, nicht motorunterstützte, Fortbewegung per Fahrrad. Nicht nur zu Zwecken des Sports, sondern auch ganz im Allgemeinen zum Transport meines Körpers. Das ist manchmal anstrengend. Es wird auch immer anstrengender. Das Alter, ich meine es schon zu spüren. Nicht dramatisch, aber bemerkenswert. Vielleicht ergibt die Gleichung aus nachlassender Kraft mal  Lebensalter gleich  Lebenswiderstand doch Sinn? Vielleicht besteht der Mehrwert darin, es durch die Überwindung von Widerstand stärker zu spüren zu können, das Leben. Auch durch die Bewegung, die immer schwerer fällt. Das erfordert die Überzeugung, den Willen und den Mut zu sich selbst zu stehen und sich immer noch spüren zu wollen. Keine schlechten Eigenschaften, wie ich finde.