Schönheitsfleck

Der Mensch ist ein Schönheitstier. Es gibt zahllose Belege dafür, dass er oder sie sich an den Formalitäten von Proportion und Harmonie orientiert. Mal treten diese Vorlieben als mathematisches Verhältnis zu Tage, mal als Nasenbeinkorrektur. Das Augenscheinliche birgt natürlich ebenfalls die Möglichkeit der Augenwischerei. Jedoch, selbst wenn diese schon als enttarnt gilt, tut das der Begeisterung oft keinen Abbruch.

Vor ein paar Tagen wurde mir im Netz ganz unfreiwillig ein Werbeclip vorgespielt, der mein Harmonieempfinden besonders herausforderte. Inmitten der Diskrepanz zwischen Inhalt und äußerer Form, findet sich nämlich oft die eigene Wahrheit. Es ist zutiefst unangenehm, wenn die Sinne geschmeichelt werden und man doch tief in sich drin die Stimme der Aufgeklärtheit den Untertitel sprechen hört. Die Konsumkultur spielt oft mit unserer Sehnsucht nach Harmonie und am Ende wird das Schöne nur als Hebel für die Kaufentscheidung bemüht. Jeder weiß das und trotzdem funktioniert Werbung. Wie wehrt man sich am besten gegen den Missbrauch des Schönen? Gleich wegsehen, verschämt und verlegen, weil es einen doch igrendwie erwischt hat, oder versuchen die Fassung zu bewahren und die Eindrücke mit einem Schutzschild aus Sarkassmus abwehren? Ich wehrte mich nach Kräften, trotzdem bohrten sich die Bilder in mein väterliches Herz. Es war genauso gemeint. Was mich schwach machte: Die traurige Musik, die Bambi-Augen, die glitzernd-schöne Weihnachtsstimmung, die Message… Ohh man. Was war zu sehen, zu hören, zu fühlen? Der Plot ist schnell erklärt: Ein kleiner Junge wächst allein mit seiner Mutter in einem Häuschen auf —kleiner und verschrobener als die schicken Bongalows der Nachbarn. Die Mutter, ein bamby-äugiges Wesen, ist sehr darum bemüht dem Jungen, mit den wenigen Mitteln, die sie hat, eine Freude zu bereiten. Sie näht ihm ein Eisbären-Kostüm, aber die Nachbarskinder in ihren coolen Spiderman-Outfits, lachen ich bloß aus. Sie schlendert mit ihm an einer Eisbahn entlang auf der die anderen Kinder spielen, aber sie hat kein Geld ihm eine Runde zu spendieren. Als Weihnachten vor der Tüt steht, liegen keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Zerstörte Vorfreude in den Augen des Kleinen. Eisbärspuren führen ihn stattdessen zur heimischen Garage. Darin hat ihm die Mutter eine eigene kleine Eisbärenwelt gebaut. Nach der anfänglichen Enttäuschung, setzt die Fantasie des Jungen ein und er fliegt auf dem Rücken eines imaginierten Eisbären durch eine arktische Disney-Zauberwelt. So schön, so gut. Die ganze Zeit wartet man innerlich darauf, dass der anrührende Kitsch durch das eingeblendete Logo einer bekannten Marke endlich eindeutig als Werbung gekennzeichnet wird. Dann die Erlösung! Es erscheint das Signet: Penny. Spruch: Weihnachten braucht nicht viel – Nur Liebe. Das tut echt weh! Weil —man kann es direkt spüren: Der Clip eine echte Wahrheit enthält, aber leider doch nur das Gegenteil will: Unschuldige Kinderherzen unter Pennymarkt-Plastikspielzeug verschütten. Ich war den Tränen wirklich nah. Nur einen Tag später, muss ich wirklich weinen. Mucki sitzt schon am Küchentisch und isst sein geliebtes Nussmußbrot. Nichtsahnend schalte ich das Radio ein. Es läuft dieser Lindenberg-Song mit dem kleinen Jungen. Ein Anti-Kriegslied aus den Achtzigerjahren. Schönheit und Tragik liegen nicht selten nah beieinander: Der eine Junge singt aufrichtig und ernst über Dinge ausserhalb seiner Vorstellungskraft. Der andere kleine Junge hört ihm dabei genau zu. Ich blicke meinen kleinen Jungen am Küchentisch an und weiß, dass ich ihm leider gleich erklären muss, worüber der Junge im Radio singt. Abschalten kann ich das Radio nicht mehr, da die Song-Zeilen schon unwideruflich im Raum stehen. Die Situation ist leider ähnlich. Die Unschuld des Jungen, der den Song singt, wird eigentlich auch nur als Vehikel benutzt: Um die Botschaft in Form der bittersten Wahrheit über den Menschen möglichst eindringlich zu transportieren. Auch hier spürt man den Zwiespalt zwischen Form und Inhalt und ist trotzdem zutiefst gerührt, vorallem als Vater der seinem kleinen Sohn jetzt Songtexte erklären muss.

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Märchenstunde

Weil ich unfreiwilliger Abonnent von zwei Technik-Newsfeeds bin, landen regelmäßig kurze Informationstexte über die technische Neuerungen in meinem E-mail-Postfach. Zugegeben: Diese als Unterhaltung getarnte Werbung ist mir auch lieber als die Werbebeilage im Stadtmagazin, weshalb ich sie noch nicht abbestellt habe. Mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier führe ich mir die Inhalte – bei ausreichender Langeweile – ab und an zu Gemüte. Neben anderen Themen, war heute die Ankündigung eines namhaften europäischen Automobilkonzerns dabei, in naher Zukunft, und unter dem Dach einer neuen Marke, ein reines Elektroauto produzieren zu wollen. Ich nenne keinen Namen, denn es bedarf an dieser Stelle keiner herstellermäßigen Unterscheidung. Die Marketingaktivitäten der großen Autobauer sind sich in diesem Punkt alle sehr ähnlich. Digitalisierung und sportliche Performance stehen immer ganz oben auf der Agenda. Man darf mit Superlativen rechnen. Ich lasse mich vom Datenstrom einsaugen und lande schließlich auf dem Video, in dem der erste der Wagen der neuen Marke den Vertretern der Fachpresse präsentiert wird. Die Vorstellung beginnt standesgemäß. Nach und nach erscheinen wichtige Repräsentanten der Firma unter dem selbstleuchtendem, übermenschlich großem Logo. Auf einer riesigen, nur schummrig bestrahlten Bühne, werden schließlich zwei Prototypen des Autos feierlich enthüllt. Blitzlichtgewitter und Raunen dringt vom Parkett. Die Märchenstunde beginnt.

Der Vorstandsvorsitzende, ein schneidiger Typ, der ohne Krawatte in einem gelbschimmernden Anzug steckt, erläutert die Vorzüge des neuartigen Gefährts. Begleitet von einer riesigen Beamerpräsentation, die parallel zu seinen Ausführungen im Hintergrund abläuft, wirkt er im ersten Moment wie einer dieser Diplom-Meteorologen vor der digitalen Wetterkarte. In aufwändigen 3D-Animationen wird das neuartige Automobil in seine technischen Bestandteile zerlegt. Als Material, das alles möglich macht, taucht immer wieder das gute alte Carbon (Kohlefaserverbundwerkstoff) auf, das als Wunderwerkstoff gepriesen wird. Die Karosserie würde durch die Verwendung des Leichtbaustoffs nicht nur wesentlich weniger wiegen, sondern auch Verwindungssteifer sein, weshalb man überhaupt erst diese schnittige Coupé-Bauform hätte realisieren können. Der Fortschritt in Kürze: 250 Kilogramm leichter (Als was? Es existiert keine Angabe des Gesamtgewichts.), 45% steifer, etwas tiefer und etwas breiter. Seltsam bleibt, bei soviel Neuartigkeit, allein die Tatsache, dass das man sich beim Anblick der neuen Formsprache ständig an amerikanische Muscle-Cars aus den siebziger Jahren erinnert fühlt. Anscheinend sind diese agressiven Formen ein allgemeingültes Designstatement für Fahrdynamik. Während des Vortrags werden weitere einzigartige Verkaufsargumente aufgezählt. Die „Inner Secrets“ des Antriebsstrangs bestünden aus mehreren superstarken Elektromotoren und Akkus der neuesten Generation (noch) in Kombination mit einem Verbrennermotor, sowie einem speziellen System zur Steuerung der Kraftübertragung. In der Summe: Technische Neuerungen um schneller um Kurven herumzukommen und schneller Beschleunigen zu können, gepaart mit einer famosen Reichweite von 150km. Beeindruckend, nicht wahr? Bei diesen mannigfaltigen Innovationen, fällt es etwas schwer den Blick für das Wesentliche zu behalten. Damit etwas Klarheit in das Dickicht des Novitäten-Dschungels kommt, versuche ich mich kurz an einer Übersetzung des Infotainments in Fakten mit mehr Realitätsbezug:

Um uns Primaten die Elektromobilität schmackhaft zu machen, bedarf es einiger Winkelzüge. Das ist wie mit dem Veganismus. Beides zielt im Grunde auf eine nachhaltige Verhaltensänderung ab, scheitert aber schnell an unserer Unfähigkeit von Gewohntem zu lassen. Die Warenwirtschaft nutzt diese Bewußtseinslücke sehr plump aus —mit Produkten, die uns vorgaukeln, durch sie wäre Veränderung ohne Verhaltensanpassung möglich. Ein Beispiel sind etwa diese veganischen Analogien, also Fleischersatz in Wurst- und Schnitzelform, hergestellt mit Inhaltsstoffen unbekannter Herkunft. Die wichtigste Frage in der Produktentwicklung ist offensichtlich nicht: Wie gut geht neu? Sondern: Woran haben wir uns gewöhnt in den letzten Dekaden? Im Falle von Individualverkehr lautet die Antwort: An Gasfußgeprotze, Ampelrennen, Survival of the drehmomentstärkste Karre. Davon zu lassen fällt schwer, das kann ich echt verstehen. Soziales, umweltverträgliches Miteinander bietet nicht so viel eindeutiges Distinktionspotenzial. Deswegen muss die neuartige Elektrokarre aussehen wie ein blutiges Steak auf Rädern. Umweltfreundlich ist diese Form der Mobilität übrigens keineswegs. Die Herstellung von Kohlefaserverbundwerkstoffen ist eine ziemliche Sauerei. Man erhält hierzu seltsamerweise keine genauen Angaben, aber es wird gemunkelt, dass für die Herstellung des schwarzen Goldes der zwanzigfache Energiebedarf anliegt, wie für die Herstellung von Stahl. Recyclingfähig ist Carbon auch nicht, jedenfalls nicht in den mengenmäßigen Maßstäben der Automobilbranche. Wieso wird es dann eingesetzt? Weil man damit schneller um die Kurven rumfahren kann, selbstverständlich.

Mein erstes Mal

Ein paar Wochen ist es her, da war mein Neffe Kofi zu Gast bei uns. Er besucht uns ziemlich regelmäßig, immer wenn die documenta in der Stadt ist. Also in etwa alle fünf Jahre. Das mit Kofi ist in etwa vergleichbar mit der Beobachtung von erdnahen Asterioiden, die alle paar Jahre an unserem Mutterplaneten vorbeischrammen. Man kann diese Himmelkörper und ihren Feuerschweif einen Moment lang im Fernrohr besichtigen, bevor sie wieder in den Tiefen des Alls verschwinden. Zügellose Trabanten, die einen immer wieder in ihren Bann schlagen, sobald sie sich dem eigenen Orbit nähern und einen mit einem Schweif aus Fragen und Vermutungen in der eigenen Umlaufbahn zurücklassen.

Kofi, ist ein echter Weltenbummler, spricht mehrere Sprachen fließend und hat meistens keinen lokalisierbaren Wohnsitz. Ich weiß im Grunde nicht viel über ihn. Nur, dass er ab und zu Autos nach Afrika verschifft und schöne Gedichte schreibt. Da stand sie also mitten im Raum, seine sehr weltgewandte italienische Echtleder-Reisetasche. Kofi selbst war schon wieder unterwegs. Auf Joggingschuhen. Kaum war er angekommen, war er auch schon wieder mal kurz weg —im Zeichen der Fitness. Es sollte noch eine gute Stunde dauern, bis wir uns zur Begrüßung in den Armen lagen. Ich freute mich innerlich schon ganz diebisch auf die Eindrücke seiner letzten Reisen. Das ist so, bei Leuten wie mir, die selber sehr ortsbezogen sind und es kaum schaffen das eigene Quartier zu verlassen. Kofi erzählte von seinem letzten Ausflug auf den Kontinent der Verwandten seines Vaters. Natürlich hatte er wieder ein Auto im Gepäck. Bei einem Zwischenstop in Hamburg spontan gekauft und danach schnell nach Ghana verschifft. Einen Wohnwagen hätte er sich auch gerade besorgt, für einen Arbeitsurlaub in Zürich. Er wollte da für vier Wochen rüber mit seiner Freundin. Was für Kofi in ein bis zwei Nebensätze passte, bedurfte für mich noch weiterer Erklärungen, da kam ich mit dem Finger auf der Landkarte nicht so schnell hinterher. Das mit der Freundin war eine neue Facette, die ich noch nicht an ihm kannte. Wie soll das auch gehen, feste Freundin und ständig unterwegs. Aber klar – Freundin die im Wohnwagen mitkommt, in den Arbeitsurlaub, um bei der gleichen Firma zu arbeiten – das geht natürlich auch mit dem Status gemeinsam nicht sesshaft. Leider hatte seine Liebste irgendetwas anderes zu tun, weshalb sie gerade nicht mit dabei war. Ich mache mir keine Hoffnung sie jemals persönlich kennenzulernen. Am nächsten Tag war ein Besuch der 14. documenta angesetzt. Ich hatte mich im Vorhinein etwas informiert. Man konnte bei der Veranstaltung nie ganz sicher sein, ob der Unterhaltungswert konstant gewährleistet ist. Besser man bediente sich Insiderwissen. Meine Informanten hatten mir zugetragen, dass es sich, vorallem bei den im Ottoneum (so heißt das hiesige Naturkunde-Museum) ausgestellten Arbeiten, um echte Geheimtipps handelte. Wir begannen unsere Runde auf der Weltkunstaustellung trotzdem zunächst mit den Standards. In der Neuen Galerie war die Dichte an politisch aufgeladener Kunst allerdings so hoch, dass offensichtlich niemand der Besucher in der Lage war, das zu verarbeiten, was die ausgestellten Künstler verarbeiteten. Ziemlich zombiehaft bewegten sich große Menschenströme durch die langen Gänge. Mein Fazit: Die Mischung aus Reizüberflutung und schlechter Luft knipst Menschengehirne verlässlich aus. Kofi und ich entschieden uns den konspirativen Tipps zu folgen und wir machten uns auf den Weg zum Ottoneum. Dort angekommen stellte Kofi fest, dass er seine Eintrittskarte wohl irgendwie verloren hatte, auf dem Fußmarsch. Aber kein Problem, Weltbürgern wie ihm wird immer gerne Zutritt gewährt, ob mit oder ohne Karte. Nach ein paar Metern befanden wir uns in einem Raum, in dem eine Videoinstallation epischen Ausmaßes lief. Verteilt auf zwei Videoleinwänden, beide mehrere Dutzend Quadratmeter groß, war ein Mensch zu sehen, der mit geflochtenen Tiermasken im Urwald umherstapfte. Passend zum jeweiligen Geschöpf das er verkörperte, führte er einen rituellen Tanz auf. Beeindruckend war nicht nur das Naturschauspiel, sondern auch die Auflösung der Videobeamer. Ich ertappte mich dabei, wie ich versuchte das Fabrikat der bildgebenden Medien auszumachen. Leider vergeblich. War das vielleicht die erste Vorstellung in voller 4K Auflösung, die ich hier erlebte? Bei aller Andacht für die atemberaubenden Naturaufnahmen, die bei ihrer Ursprünglichkeit, auch die Unfähigkeit des Menschen thematisierten, selbst nur ein Teil der Schöpfung zu sein – schon durch die Gabe des abstrakten Denkens und der Beherrschung von Technologie – muss ich einfach sagen, dass 4K-Videos wirklich, wirklich superscharf sind.

Lost in Music

Lost in Music  von Sister Sledge  ist ein Song den ich mehrdeutig interessant finde. Ich selbst war in meinem Leben auch eine Zeit lang lost in music.  Musikalische Wellen wurden zum Transportmittel meiner Identität. Vielleicht kommt der straighte Gesangstext dieses Discohits deswegen so gut bei mir an. Viele von euch werden mit Disco vielleicht nicht viel anfangen können. Das macht überhaupt nichts. In diesem Artikel geht es sowieso nicht um Geschmack, schon garnicht um Musikgeschmack. Geschmack kann sich ändern, Aussagen bleiben bestehen. Was könnte die Aussage dieses Songs sein? Was sagt der Begleittext zur Musik? Mal schauen… Ahh, ja ja. Das groovt schon beim lesen:

We’re lost in music — Caught in a trap
No turnin‘ back — We’re lost in music

We’re lost in music — Feel so alive
I quit my 9 to 5 — We’re lost in music

Have you ever seen — Some people lose everything
First to go is their mind — huh
Responsibility To me is a tragedy
I’ll get a job some other time, uh-huh

I want to join a band — And play in front of crazy fans
Yes, I call that temptation

Give me the melody — That’s all that I ever need
The music is my salvation

Klare Statements, worauf es im Leben eines Musikers wirklich ankommt. Eigentlich sind diese Zeilen ein Glaubensbekenntnis. Da wird nichts anderes behauptet, als dass man bereit ist alles für die Musik aufzugeben, auch den Brotjob. Wo findet man diese Worte sonst in dieser Direktheit?

Die Stimme, die diesen Text singt, gehört Kathy Sledge,  gemeinsam mit ihren älteren, backround singenden Schwestern Debbie, Joni und Kim bildete sie die Band Sister Sledge.  Als Viererformation waren die Sledge Schwestern Ende der Siebzigerjahre eine feste Größe im Discogeschäft. Debbie, Joni, Kim und Kathy landeten mit Hilfe der eingängigsten Rhythm Section der damaligen Zeit, bestehend aus Nile Rodgers  and Bernard Edwards,  mehrere Top-Ten-Hits. Schaut man sich auf Youtube  um, taucht unter anderem ein Live-Videomitschnitt aus der britischen Chartshow Top of the Pops  auf. Ein Schritt rechts, ein Schritt links, Hands Up, Drehung, Hipshake, Handclap, dabei bitte immer Lächeln. Weitere Videoquellen bestätigen den Verdacht: Man hatte sich eine Choreografie für die Playback-Performance ausgedacht von der man wirklich nie abwich. Vielleicht darf man sich niemals Videomitschnitte alter Disco-Hits ansehen, wenn man sich eigentlich für die Musik interessiert. Beim Sichten des Videomaterials überkommt einen, neben der Begeisterung für den guten Groove, immer auch ein wenig Beklommenheit, ob der statischen Performance der Musiker, insbesondere der Sänger. Das ist – oder war – aber natürlich dem Imperativ Disco  geschuldet.

Seit den frühesten Tagen des Funk  war die sogenannte Tightness  ein wichtiges Qualitätsmerkmal der gesamten Band, allem voran natürlich der Rhytmus-Gruppe. Tight  sein, heißt nichts anderes, als den Groove akurat durchzuhalten, ohne über die Songlänge an Genauigkeit zu verlieren. In einer Funkband sind alle Mitglieder irgendwie Slave to the Rhythm,  der Rhytmus, bei dem jeder mit muss, wird zur Pflichtausübung. Es gibt insofern keine Individualisten, keine Stars, keine echte Selbstbestimmung. Diven vom Vormat einer Gloria Gaynor  täuschen ein wenig darüber hinweg: Eine weitere unbequeme Wahrheit über Disco ist, dass die Geschlechterrollen stramm definiert waren. Es heißt Produzentenmusik, nicht Produzentinnenmusik. Die Vocals sollten kein Eigenleben entwickeln, weibliche Performerinnen in erster Linie textsicher und schön anzuschauen sein. Worin liegt dann die Faszination dieser Musik? Die Antwort ist zugleich einfach und kompliziert: In der Selbstaufgabe. Die ständige Wiederholung des Themas und die monotone Wiederkehr des Beats ermöglichen es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren  —beim Tanzen. Scheinbar ist etwas im Wesen von uns Menschen angelegt, das möchte, dass der Beat immer weiter geht. Möglichst ohne Unterbrechungen. Dieses menschliche Urverlangen nach rhytmischer Wiederholung fällt glücklicherweise mit der Fähigkeit von Automaten zusammen, Vorgänge besonders gut wiederholen zu können. Wahrscheinlich konnte sich Disco nur mit Hilfe von Technologie weiterentwickeln. Erst wurden sie von Kraftwerk besungen, dann kamen die Musikroboter wirklich: In Form von Drum Machines  und Samplern. Disco wurde unwiderrufbar zu House und Techno. 

Die Botschaft des Kraftwerksongs Wir sind die Roboter  ist im Grunde identisch mit der Textaussage des Sister Sledge-Songs. We´re lost in Musik,  das klingt bei der sechzehnten Wiederholung so wunderbar mechanisch, dass ich fast ein bisschen enttäuscht war, als ich das Promovideo des Songs zum ersten Mal sah. Ich stellte mir beim Hören des Musikstücks im Radio immer vor, wie die Interpretinnen roboterhafte Bewegungen zur Musik machten. Kühl und sexy. Auf mich wirkte die Live-Performance der Sledge Schwestern bei Top of the Pops,  noch viel zu organisch. Ich wollte so gern schwarze Soulroboter sehen. Tippt man bei Youtube  »Black Soul Robots« ein, gelangt man zu Videos der Black Eyed Peas  (Imma Be Rocking That Body) und von Beoncé  (Single Ladies).

Fortsetzung folgt.

 

 

Frozen Yogurt

Alles was Bernd anpackt wird zu Gold. Auf dem Land sagt man: Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Haufen. Wann das genau anfing, mit seiner Gewinnsträhne, ist nicht restlos geklärt. Schon als Kind hatte er ein bemerkenswertes Talent darin, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein paar Cent abzuzwacken. Jeder seiner drei Brüder ging bereitwillig für die Mutter einkaufen. Nur Bernd machte sich erst auf den Weg, wenn als Belohnung ein Geldstück in seiner kleinen Kinderhand warm wurde. Das brachte ihm den Spott seiner älteren Geschwister ein, aber auch die Erkenntnis, dass es für alles einen Lohn geben kann —wenn man darauf besteht. Da ihm die Geldvermehrung lag, machte sich Bernd bald in der Nachbarschaft nützlich. Ein bisschen Rasenmähen, eine Autowäsche hier, ein Einkauf dort. Sein erstes richtiges Geschäft tätigte Bernd im Verlagswesen. Er hatte entdeckt, dass es in unserer Gegend zwei konkurrierende Stadtmagazine gab. Kurzerhand begann er damit beide Magazine auf seiner Runde auszutragen und verdiente nun, bei gleicher Arbeit, das Doppelte. Lange bevor wir wußten wie man ein Konto eröffnet, hatte Bernd – neben dem üblichen Kindersparbuch – ein eigenes Girokonto. Er erntete damals nicht sofort Zuspruch während des Genehmigungsverfahrens vor seinen Eltern, konnte jedoch letztendlich durch die besseren Argumente überzeugen. Die Expansionsstrategie seiner Unternehmung erforderte einfach einen besseren Cashflow, als ihn ein Kindersparbuch leisten konnte. Wie jeder gute Geschäftsmann war Bernd früh darum bemüht, nicht nur für das Geld zu arbeiten, sondern auch das Geld  zur Arbeit zu schicken. Es ist eine bekannte Tatsache, das dies möglich ist, sobald man eine gewisse Menge davon übrig hat. Bei Bernd war dieser Moment im zarten Alter von 14 Jahren erreicht. Die Möglichkeit, in Kinderjahren zu Vermögen zu kommen, wird gemeinhin unterschätzt. Dabei sind die Wachstumschancen in frühen Teenagerjahren nicht nur auf den Bartflaum beschränkt. Sie sind auch aus geschäftsmännischer Sicht exzellent: Es gibt kaum Ablenkung, die Freuden zwischenmenschlicher Anziehung sind noch nicht entdeckt und werden auch noch eine Weile unentdeckt bleiben —falls man frühzeitig genug den Reizen der Geschäftswelt erlegen ist. Die Unterhaltskosten für Geschäftsräume werden bereitwillig von nahen Verwandten übernommen und man kann sich der allgemeinen Anerkennung der Erwachsenen sicher sein. (Kinder und Jugendliche, die gut mit Geld umgehen können, sind selten und der gute Umgang mit Geld hat im Allgemeinen den Status einer Tugend, was einen unbehelligten Betrieb des jungen Gewerbes garantiert.) Dennoch war die Überraschung einigermaßen groß, als eines Tages dieser nette Herr von der Bank bei den Sieberts vor der Haustür erschien —um mit Bernd über neue Anlagemöglichkeiten zu sprechen. Bernd hatte im richtigen Moment auf ein japanisches Unternehmen aus dem Bereich Unterhaltung gesetzt. Während seine Alterskameraden krampfhaft versuchten einander im Aufstöbern von geheimen Extralevels bei SuperMarioBrothers  zu übertrumpfen, erkannte Bernd schlicht das marktwirtschaftliche Potenzial des japanischen Herstellers der Videospielkonsolen. Bernd setzte den größten Teil seines Geschäftvermögens  auf die »Nintendo-Karte«. Seine Hoffnungen sollten sich bald erfüllen. Innerhalb nur eines Jahres verdreifachte sich der Börsenwert von Nintendo und kletterte von etwa 70 auf 240 Dollar pro Aktie. Kurz danach verfiel der Börsenkurs des Konsolenherstellers abrupt, was wahrscheinlich am fluktuativen Interesse der Zielgruppe lag. Da Bernd sein Geld dringend für weitere Investitionen brauchte, hatte er aber sein Aktienpaket rechtzeitig und aus schnödem Pragmatismus wieder abgestoßen. Dabei hatte er quasi zufällig die wichtigste Lektion erhalten, die man als Opportunist bekommen kann: Jede Chance bleibt ohne den richtigen Moment wertlos. Anfang der Nullerjahre, kurz nach seinem Nintendo-Coup, mußte er allerdings miterleben wie der sogenannte Neue Markt  zur tragischen DotCom-Blase  verschrumpelte. Dieser historische Vorgang hinterließ in Bernds Weltanschauung Spuren. Bernd merkte, Geschäfte waren nicht nur Zahlenspiele, sie waren psychologische Ereignisse. Es galt genau abzuwägen ob man lieber den Zahlen oder der eigenen Intuition trauen sollte. Eine seltsame Verunsicherung legte sich über seine seine Wahrnehmung. Es schien, als hätte er sein erst kürzlich gewonnenes Gespür für die inneren Zusammenhänge wirtschaftlicher Kausalität schon wieder eingebüßt. Er litt auf seltsame Weise mit, als die vielen neuen Startups mit den fantasievollen Namen, eins nach dem anderen Pleite gingen. Die andauernde Talfahrt des Aktienindexes schlug ihm aufs Gemüt. Bernd war fest entschlossen bei seinem nächsten Geschäft mehr auf die richtige Balance zu achten, zwischen Zahl und Gefühl.

 

Komfortzone

Stefan nimmt einen Nagel aus seinem Mundwinkel und klopft ihn mit dem Hammer in den Rigips. Schon komisch. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden hätte er sich nicht vorstellen können, genau diese Tätigkeit auszuüben. Wenn man sich als freischaffender Handwerker durchs Leben schlägt, muss man allerdings mit allem möglichen rechnen. »Reparaturen & Montagen aller Art«, steht auf seinem Firmenfahrzeug. Einem Lastenfahrrad mit einer mittig angebrachten, großen Aluminium-Kiste, seiner »mobilen Werkstatt«. Scherzhaft sagt er immer: „Da ist mein wichtigstes Werkzeug drin: Die Flexibilität.“ Seitdem Stefan seine Handwerkerseele regelmäßig über ein einschlägiges Internetportal veräußerte, hatte sich seine Auftragslage etwas stabilisiert, auch wenn seine Form der Selbstständigkeit immer noch ein junges Abenteuer war. Zu den wenigen Konstanten in Stefans Arbeitsleben gehörte Ulf Meinhardt. Durch die kleinen Aufträge, die er Stefan immer wieder verschaffte, wurde die Unvorhersehbarkeit seiner selbständigen Existenz ein wenig gemildert. Meinhardt war ein kunstliebender, pensionierter Oberstudienrat und kannte Gott und die Welt, auch in den sogenannten besseren Kreisen. Meinhards Netzwerk funtionierte tadellos, es gab immer etwas zu tun für den mehrfachbegabten Stefan. Jetzt stand er in dieser frisch renovierten Maisonettewohnung, auf einer langen Galerie, die mit einer Empore im Wohnzimmer endet. Die Eigentumswohnung war ein echtes Kleinod moderner Raumplanung. In einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus untergebracht, war von aussen nicht zu erahnen, dass es hier einen Lichtschacht gab, der die zwei obersten Stockwerke verband und in einer Tropenregen-Dusche mündete. Stefans Auftrag bestand darin, eine Auswahl von Bildern in der weitgehend identitätslosen Wohnung an den Wänden zu verteilen. Den Besitzer kannte Stefan nicht persönlich, Meinhardt hatte ihm den Schlüssel übergeben. Der Wohnungseigentümer hatte vorgearbeitet und die Bilder an ihrer zukünftigen Position an die Wand gelehnt. Was die Aufhängung betraf, hatte er seitens seines unbekannten Kunden, freie Hand. Stefan behauptete nicht von sich ein großer Kunstexperte zu sein. Er verließ sich bei der Hängung zu gleichen Teilen auf sein Harmonieempfinden und seinen Zollstock. Vorsichtig fädelt er das Bild mit den rückseitigen Ösen auf die zwei frisch eingeschlagenen Nägel. Es ist das letzte in der Reihe. Fünf der Rosenbooms hatte er in exakten Abständen an den Wänden des langen Flurs platziert. Stefan betrachtete sein Werk. Alles hing gerade. Die Rosenbooms waren kleine Originale, kaum größer als eine Schreibmaschinenseite. Öl und Tempera mit einem handbreiten Passepartout drumherum, im Alurahmen, hinter Glas. Die Bilder waren in angenehmen Pastellfarben komponiert, es war nicht ganz klar ob gegenständlich oder abstrakt. Sie erinnerten ihn an die Kunst, die man als Inventar von Arztpraxen kennt. Kunst, die Patienten beruhigen soll, oder ihnen Mut zusprechen —im Umgang mit dem eigenen Leiden und einer möglichen Zahnarzt-Phobie. Meinhardt hatte erwähnt, dass der Auftraggeber selbst ein Arzt war. Einen Behandlungsstuhl gab es hier nicht. Nur eine Kopie des Eames Loungechair,  dem bekannten Designklassiker. Stefan hatte den Sessel neugierig nach dem Logo des deutschen Markenherstellers abgesucht, als er es nicht endeckte nahm er in dem Ledersessel Platz. Der Loungechair  war ein verlässliches Distinktionsmittel. Auch die Kopie machte sich gut, neben der, mit einem grauen Wollstoff bezogenen Couchgarnitur, dem obligatorischen Glastisch, und dem unvermeidlichen Flokati. Man konnte sagen, dass sich hier sanfte Anzeichen von Luxus mit einer gewissen Profanität abwechselten. Statistisch gesehen, kam auf jeden Rosenboom ein quadratisches Ikea-Regal mit pflegeleichter, glatter Möbeloberfläche. Stefan versuchte sich ein Bild des Besitzers zu machen. Es gab nicht viele Hinweise auf seine Persönlichkeit. Da Ulf Meinhardt ihn zu seinem engeren Bekanntekreis zählte, konnte es gut sein, dass es sich um einen eloquenten, turnschuhtragenden Mittfünfziger handelte. Im oberen Geschoß, ganz am Ende der Galerie entdeckte Stefan schließlich erste Spuren des Bewohners. Zwei querformatige, gerahmte Fotos lehnten noch an einer Wand. Ein Bild zeigte einen etwa dreißigjährigen Mann beim Bergsteigen. Das andere Bild zeigte die gleiche Person, frontal aufgenommen, beim Kajak fahren. Stefan und der Unbekannte schienen also die gleichen Hobbies zu teilen. Stefan klopft mit dem Finger gegen die Wand. Diese Mauer bestand nicht aus Rigips, er würde wohl das eine oder andere Loch Bohren müssen, um die ersten Lebenszeichen zu befestigen.

 

Denkmal

Es gibt Markenzeichen, Marken und echte Originale. Kurt gehörte mit ziemlicher Eindeutigkeit zur letzten Kategorie. Ein kleiner Arbeitsunfall vor dreißig Jahren brachte ihn in die missliche Lage, in der er sich jetzt befand. Genaugenommen aber, verdiente keine von Kurts Lagen jemals die Bezeichnung misslich. Kurt war immer noch Herr über sich selbst. Seine Beine und sein rechter Arm hörten zwar nicht mehr auf die Steuerimpulse seines Rückenmarks, aber das war im Grunde ziemlich unwichtig. Solange er Leute um sich herum hatte, die ihn mit Gesprächthemen versorgten, aus der Welt aussserhalb seines Krankenbetts. Seit einer gewissen Zeit war er ziemlich an dieses Bett gefesselt. Seine Lähmung kletterte vor ein paar Jahren bis in den Halswirbelbereich. Davor war er recht selbstständig, brauchte die rund-um-die-Uhr-Betreuung durch sogenannte Assistenten nicht und hatte noch Affären mit seinen Physiotherapeutinnen und Putzfrauen. Seine kleine Hornbrille verschwindet wieder hinter einem Schwall von dichtem Zigarettenrauch. Ja, auch als Schwerstbehinderter braucht man mindestens ein Laster. Eben hat er mit dem Besitzer des benachbarten Schrottplatzes telefoniert. Er beendete das Gespräch, wie immer, auch wenn er mit dem Ausgang eines Telefonats nicht ganz zufrieden war, mit den Worten: „Danke für das Gespräch!“ Ich kenne Niemanden, der diese Worte in einem derartig süffisanten Unterton rahmen kann. Ein Original eben. Zu Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit mit dunklem Humor verpflichtet. Kurt kam aus einfachen Verhältnissen. Einer kinderreichen, vor allem sohnreichen Hartmalocher-Familie aus Bochum. Sechs Brüder, eine Schwester. Die Schwester ist das jüngste Kind. Ende der Familienplanung. Kurt hätte gerne Abitur gemacht, dazu war aber irgendwie nie die Zeit, bei soviel Leben. Während seiner Lehre bei einem Modehaus in Bochum, lernte er nicht nur den stilsicheren Auftritt, sondern auch wie man aus einen Tag mit vierundzwanzig Stunden einem Tag mit vierzehn Arbeitsstunden macht: Nach den acht Stunden im Geschäft ging er regelmäßig bis tief in die Nacht kellnern. Während seiner ausgedehnten Nachtschichten lernte er unter Anderem die illustren Kreise des Bochumer Rotlichmillieus kennen. Ab und zu war richtig was los: Saufen, Geldspiele und Keilerei. Aber Keilerei nach den Regeln der Gentlemen: „Wenn einer auf der Erde lag, war Schluß. Nicht so wie heute.“ Was braucht ein echter Mann von Welt mehr, als Ahnung von guter Oberbekleidung und der richtigen Benutzung von Fäusten? Ein wildes Jahr als Chefkellner in einem Berliner Restaurant, gönnte er sich noch, dann war Kurt wieder im Kreise seiner Familie. Nach dem frühen Tod der Mutter, war der Klan auf das flache Land in der Nähe einer kleinen ostwestfälischen Kreisstadt gezogen. In der Provinz erlebte Kurt auch das eine oder andere Wirtshauswunder. Feine, pointierte Anekdoten gab er zum besten, je öfter er sie zum Besten gab (er wiederholte sich ab und an), desto schillernder wurden die Farben seiner Erzählungen. Ich hörte ihm gerne zu. Auch bei der Schilderung seines Unfalls. Wie er das Kellnern irgendwann Ende der Siebzigerjahre satt hatte, und wie das Bauhandwerk zu seinem neuen Lebensunterhalt und Lebensinhalt wurde. Bis zu jenem lebensentscheidenden Tag, als das Baugerüst, auf dem er sich befand, plötzlich umkippte. Das bemerkenswerte daran: Er erzählte auch seine Leidensgeschichte völlig ohne Wehmut, wie etwas das ganz natürlich zum Leben dazugehört. Original trifft Schicksal und andersherum. Kurts zweites Laster war eigentlich eine Leidenschaft: Snooker. Es ist überhaupt kein Wunder, dass ausgerechnet diese Variante des Billiards seine Begeisterung entfachte. Gut bekleidete Ehrenmänner, die ein vertracktes Strategiespiel in rauchiger Kneipenatmosphäre unter Einhaltung strenger Regeln des gegenseitigen Respekts spielen. Er musste diesen Sport einfach lieben. Er verpasste so gut wie keine Übertragung der internationalen Tuniere. Was Snooker anging, wurde Kurt zu einer Art Mentor für mich. Er weihte mich in das komplizierte Regelwerk ein. Wir verbrachten hunderte Nachmittage mit einer für ihn spielbaren Snooker-Videospielsimulation. Hitzige Duelle waren das. Kurt war vor allem eins: Ein Gegner, der nie aufgab. Wenn man in Kassel die Leipzigerstrasse stadtauswärts fährt, kommt man irgendwann an einem unübersehbarem Denkmal für Kurts Willensstärke vorbei: Eine Acht Meter hohe Schallschutzmauer, die die benachbarten, kinderreichen Wohnhäuser vor dem Lärm und dem Staub eines angrenzenden Schrottplatzes schützt.