Schönheitsfleck

Der Mensch ist ein Schönheitstier. Es gibt zahllose Belege dafür, dass er oder sie sich an den Formalitäten von Proportion und Harmonie orientiert. Mal treten diese Vorlieben als mathematisches Verhältnis zu Tage, mal als Nasenbeinkorrektur. Das Augenscheinliche birgt natürlich ebenfalls die Möglichkeit der Augenwischerei. Jedoch, selbst wenn diese schon als enttarnt gilt, tut das der Begeisterung oft keinen Abbruch.

Vor ein paar Tagen wurde mir im Netz ganz unfreiwillig ein Werbeclip vorgespielt, der mein Harmonieempfinden besonders herausforderte. Inmitten der Diskrepanz zwischen Inhalt und äußerer Form, findet sich nämlich oft die eigene Wahrheit. Es ist zutiefst unangenehm, wenn die Sinne geschmeichelt werden und man doch tief in sich drin die Stimme der Aufgeklärtheit den Untertitel sprechen hört. Die Konsumkultur spielt oft mit unserer Sehnsucht nach Harmonie und am Ende wird das Schöne nur als Hebel für die Kaufentscheidung bemüht. Jeder weiß das und trotzdem funktioniert Werbung. Wie wehrt man sich am besten gegen den Missbrauch des Schönen? Gleich wegsehen, verschämt und verlegen, weil es einen doch igrendwie erwischt hat, oder versuchen die Fassung zu bewahren und die Eindrücke mit einem Schutzschild aus Sarkassmus abwehren? Ich wehrte mich nach Kräften, trotzdem bohrten sich die Bilder in mein väterliches Herz. Es war genauso gemeint. Was mich schwach machte: Die traurige Musik, die Bambi-Augen, die glitzernd-schöne Weihnachtsstimmung, die Message… Ohh man. Was war zu sehen, zu hören, zu fühlen? Der Plot ist schnell erklärt: Ein kleiner Junge wächst allein mit seiner Mutter in einem Häuschen auf —kleiner und verschrobener als die schicken Bongalows der Nachbarn. Die Mutter, ein bamby-äugiges Wesen, ist sehr darum bemüht dem Jungen, mit den wenigen Mitteln, die sie hat, eine Freude zu bereiten. Sie näht ihm ein Eisbären-Kostüm, aber die Nachbarskinder in ihren coolen Spiderman-Outfits, lachen ich bloß aus. Sie schlendert mit ihm an einer Eisbahn entlang auf der die anderen Kinder spielen, aber sie hat kein Geld ihm eine Runde zu spendieren. Als Weihnachten vor der Tüt steht, liegen keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Zerstörte Vorfreude in den Augen des Kleinen. Eisbärspuren führen ihn stattdessen zur heimischen Garage. Darin hat ihm die Mutter eine eigene kleine Eisbärenwelt gebaut. Nach der anfänglichen Enttäuschung, setzt die Fantasie des Jungen ein und er fliegt auf dem Rücken eines imaginierten Eisbären durch eine arktische Disney-Zauberwelt. So schön, so gut. Die ganze Zeit wartet man innerlich darauf, dass der anrührende Kitsch durch das eingeblendete Logo einer bekannten Marke endlich eindeutig als Werbung gekennzeichnet wird. Dann die Erlösung! Es erscheint das Signet: Penny. Spruch: Weihnachten braucht nicht viel – Nur Liebe. Das tut echt weh! Weil —man kann es direkt spüren: Der Clip eine echte Wahrheit enthält, aber leider doch nur das Gegenteil will: Unschuldige Kinderherzen unter Pennymarkt-Plastikspielzeug verschütten. Ich war den Tränen wirklich nah. Nur einen Tag später, muss ich wirklich weinen. Mucki sitzt schon am Küchentisch und isst sein geliebtes Nussmußbrot. Nichtsahnend schalte ich das Radio ein. Es läuft dieser Lindenberg-Song mit dem kleinen Jungen. Ein Anti-Kriegslied aus den Achtzigerjahren. Schönheit und Tragik liegen nicht selten nah beieinander: Der eine Junge singt aufrichtig und ernst über Dinge ausserhalb seiner Vorstellungskraft. Der andere kleine Junge hört ihm dabei genau zu. Ich blicke meinen kleinen Jungen am Küchentisch an und weiß, dass ich ihm leider gleich erklären muss, worüber der Junge im Radio singt. Abschalten kann ich das Radio nicht mehr, da die Song-Zeilen schon unwideruflich im Raum stehen. Die Situation ist leider ähnlich. Die Unschuld des Jungen, der den Song singt, wird eigentlich auch nur als Vehikel benutzt: Um die Botschaft in Form der bittersten Wahrheit über den Menschen möglichst eindringlich zu transportieren. Auch hier spürt man den Zwiespalt zwischen Form und Inhalt und ist trotzdem zutiefst gerührt, vorallem als Vater der seinem kleinen Sohn jetzt Songtexte erklären muss.

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