Funkloch

Da wo ich aufgewachsen bin, wurde Suburbia potenziert. Wie sollte man eine, vom Ortskern eines Vororts weit entlegene Neubausiedlung sonst am besten nennen? Sub-Suburbia? Ich erinnere mich noch an jedes bauliche Detail meiner Kindheit. Waschbeton, Klinker und Rauputz waren die Grundzutaten des visuellen Feedbacks meiner nächsten Nachbarschaft. Das Leben am Rande der Grauzone hinterläßt jedenfalls mehr prägende Erfahrungen als man zunächst denkt. Die dauernde Reizdeprivation schärft die Sinne, für die Vorgänge hinter den repräsentativen, luftdichten Haustüren. Früh entwickelt man in einer derartigen Kulisse ein Gespühr, oder vielmehr eine Ahnung für soziale Strukturen. Die junge Kinderseele lernt, ob sie will oder nicht, ganz instinktiv, den Unterschied zwischen Freiheit und Hypothek.

Unsere Nachbarn auf der anderen Seite der Straße wohnten alle in riesigen verklinkerten Bungalows, mit steilen, gepflastereten Garagenauffahrten, hatten zwei Kinder und alle den gleichen Nachnahmen. Die Väter hatten alle Oberlippenbärte, die Mütter Dauerwellen. Sie waren alle Kleintierzüchter, CB-Funker oder beides. CB-Funk war damals The Shit. Irgendwer im Ort hatte mal damit angefangen, und kurze Zeit später brach das CB-Virus richtig heftig aus. Alle Kids, die es auf sich hielten, klammerten ihre Kinderfinger um Handfunkgeräte mittlerer Reichweite. Die Geräte wurden slangmäßig als Handgurken betitelt. Keiner ging mehr ohne Handgurke vor die Tür. Emsig wurden die Insider-Kürzel der CB-Szene gepaukt: „Hey, gib mir mal deinen QRB!“ (Wie weit bist du von mir weg?) „Ich versteh dich nicht, hab hier QSM.“ (Störungen) „Du hast bei mir einen S6, ich versteh dich gut.“ (Skala für Empfangsqualität) So hallte das Echo unserer einfachen kindlichen Technikbegeisterung von der einen Seite des Ortes zur anderen. Die mobile Kommunikation unserer Tage wäre soviel lebendiger, wenn der CB-Funk endlich wieder zum festen Bestandteil der Fernsprecherei würde. Man stelle sich nur vor, dass man eigentlich in jedes Gespräch der CB-funkenden Nachbarschaft einsteigen könnte, vorausgesetzt man hätte den richtigen Kanal gewählt. Das wäre total lauschig und würde die Leute wahrscheinlich näher zusammen bringen als Face-Book und Co. Alle wären quasi im Äther vereint. Als ich elf wurde, sind wir, also ich und meine Eltern aus der netten CB-Funk-Idylle weggezogen. In eine größere Stadt ausserhalb der Sendereichweite meiner alten Freunde. Die neue Umgebung war leider ein totales CB-Funkloch. Das war wirklich jammerschade. Die Kids in der Stadt interessierten sich nur für ihre Spielekonsolen und ihre Heimcomputer. Zugegeben, das war – auch für mich – eine interessante bunt-flimmernde Welt, aber so ursprünglich und unmittelbar wie der gute, alte analoge CB-Funk, war danach keine andere elektronische Technologie mehr für mich. Das hat, so glaube ich, mit dem Mythos analoger Fernmeldetechnik zu tun, der immer etwas anachronistisch-abenteuerliches hat. In meiner Privatbibliothek befindet sich ein Buch über Piratensender, inklusive von Bauanleitungen für Sendeverstärker und Antennen. Ohrenzeugenberichte der illegalen Sendebetriebe sind dort genauso dokumentiert, wie das obligatorische Katz und Mausspiel mit der Besatzung der Peilwagen. Ich liebe dieses Buch, weil es die gestorbene Technik so lebendig hält. Ob es heutzutage überhaupt noch Peilwagen gibt, um übermäßig starke FM-Privatsender aufzuspüren? Mit jedem Schritt meiner persönlichen Digitalisierung verlor meine junge Seele ihre Unschuld. Mit dem Kauf meines ersten Mobiltelefons, war es endgültig um mich geschehen. Ich weiß es noch genau, es war eins von diesen PrePaid-Handys in Form einer Fernsehfernbedienung. Es fühlte sich einfach nicht richtig an, schon damals, auch ohne Knebelvertrag. Ich wußte, etwas passiert mit mir. Etwas, das meine innere Reinheit für immer beschmutzen würde. Seitens der Mobilfunkkonzerne, gab es damals ein unglaublichs Geschacher um die Mobilfunklizenzen. Schnell konnte man die Ahnung bekommen, dass es sich wohl um die einschneidenste Art der Geldvermehrung handeln musste, die mit menschlichen Gewohnheiten einhergehen kann. Das ist natürlich lange, lange her. Seitdem ist die Welt immer kleiner geworden, jetzt passt das Wissen der Menschheit in die Jackentasche. Das wichtige Gefühl der Unerreichbarkeit ist schon fast ausgestorben. Nur noch selten gerät man in Gegenden, in denen man keinen Handy-Empfang hat. Manchmal wünsche ich mir das atmosphärische Rauschen und den schlechten CB-Empfang zurück. Um noch einmal die Vorfreude auf das Unberechenbare zu spüren: Einen guten Freund, fünf Kilometer entfernt, der mich hoffentlich  im Laufe des Tages mit einem X  (der Funkereinladung) zum Gespräch bittet. Over and out.

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Torwächterei

Manchmal muss man erst Bewertungen anderer Menschen über sich ergehen lassen, um zu erfahren wer man ist und wo man steht. Nein, ich meine nicht die üblichen, alltäglichen Vorurteile. Ich meine die richtig großen Hürden, über die man irgendwie hinweg muss. Die paar Prüfungen, die darüber entscheiden wie man in Zukunft einsortiert wird. Menschen lieben schnell erfassbare Kategorien. Eine genaue Berufsbezeichnung erleichtert den Vorgang des Einsortierens erheblich. Die individuelle Einschätzung macht zuviel Arbeit. Nicht ohne Grund haben öffentliche Bewertungen großen Unterhaltungswert. Alle Casting-Formate versetzen ihre Zuschauer in beide Rollen: In die des Bewertenden, aber auch die des Bewerteten. „Ich habe heute kein Bild für dich.“ Diese Worte können vernichtend sein. Vielleicht werden sie in Zukunft auch dann gesprochen, wenn Prüflinge das zweite Staatsexamen in Jura verkacken, passend wären sie allemal. Wer will schon ohne Selbstbild nach Hause gehen?

Für die wenigsten wird die Berufung zum Beruf. Die meisten von uns müssen sich durch harte Lehrjahre schlagen und am Ende durch Prüfungen. Auch ich musste mich schon durch derlei Prüfungen winden. Für aufstrebende Künstler, die sich an einer Kunsthochschule bewerben, kann leicht der ganze Lebensweg auf dem Spiel stehen. Das etwaige Nichtbestehen der Aufnahmeprüfung kann unter Umständen vorentscheidend sein. Das hat mit dem beschädigtem Selbstkonzept in Folge einer Ablehnung zu tun. Als Kunstschaffender ist der Glaube an das eigene Talent existentiell wichtig. Den Glauben an sich selbst aufrechtzuerhalten, fällt natürlich leichter, wenn andere ebenfalls davon überzeugt sind. Bei meiner ersten Bewerbung an einer Kunsthochschule wurde ich auch nicht gleich angenommen. Das war hart, aber ich wußte innerlich, dass ich noch nicht bereit war und dass ich beim nächsten Mal vielleicht schon bereiter sein werde. Zum Glück fand das zweite Prüfungskommitee meiner Wahl, die schweinsköpfige Darstellung meiner zukünftigen Professorenschaft genauso witzig wie ich. (Aufgabe: Menschen mit tierischen Zügen. Ich: Schweine mit Professorengesichtern.) Ein anderes Mal wurde in einer Aufnahmeprüfung von mir verlangt, mir eine Nudel für eine spezielle Zielgruppe auszudenken. Ich fand die Idee originell, eine Kreationisten-Hochzeitsnudel zu entwerfen. Ein doppelhelixförmiger Trauring, während eines ominösen Hochzeitsrituals in der Mitte zerbrochen werden sollte. Anscheinend fanden auch andere diesen Einfall so originell wie ich, weshalb ich zum zweiten Mal an einer Kunsthochschule studieren durfte. Und? Was ist aus mir geworden? Das wüßte ich langsam auch mal gerne. Einen einsortierungswürdigen Titel habe ich immer noch nicht. Die Leute in meiner Nachbarschaft sind einerseits ungeduldig und andererseits total überfordert. Die Einordnung würde mit einem Dr. der Lebenskunst oder einem vergleichbaren akademischen Grad viel leichter fallen. Was soll ich nur machen? Mancheiner kauft sich den Titel einfach. Das ist unkompliziert, macht weniger Arbeit und ist genauso wirkungsvoll. Es gab doch mal diesen Typen, der diverse hohe Ämter bekleiden durfte, bloss weil man es bei seiner Einstellung nicht so genau nahm, mit Tatsachen und Vorgaben. Was macht der eigentlich jetzt? Ist der schon Karriereberater, oder sitzt der noch ein paar Jahre auf einem Plastikmöbel im Foyer eines Arbeitsamts ab? Ein guter Bekannter hatte auch jahrelang Probleme mit der gesellschaftlichen Sortierungsanlage. Er: Erfolgreicher Absolvent im Fach BWL, super Benotung, jung, dynamisch, Deutschtürke. Wir rätselten beide jahrelang, warum das nicht klappen wollte, mit seinem Berufseinstieg. Sollte es etwa nur am letzten Wort in der Aufzählung liegen? Kann doch nicht sein, oder? Zum Glück haben die Arbeitsämter Eingliederungsquoten für den eigenen Personalbestand. Erdoran hat mir mal erzählt, er würde schon an der Art wie seine Klienten in sein Büro geschlichen kommen, erkennen, ob sie im nächsten Moment Mist erzählen, um doch noch an die gestrichenen Leistungen zu kommen. Ich schätze er hat im Leben selbst einfach genügend Ausreden gehört und enttarnt Lügen deshalb etwas schneller als seine Kollegen.