keine Kurven

Wo steckt er bloß, der gesunde Menschenverstand? Mir scheint es, als wäre er allgemein abhanden gekommen. Ich jedenfalls, habe ihn seit längerer Zeit nicht mehr gesehen, hier im Park. Sachdienliche Hinweise nehme ich sehr gerne entgegen. Wie ich darauf komme, dass er sich verfleucht hat? —Nun, wer des Öfteren im Grün des Kasseler Stadtparks unterwegs ist, oder auch an weniger zugewachsenen Stellen, dem fällt nach einer Weile der Beobachtung der Spezies Mensch manch sonderbares Verhalten auf. Die wenigen Leser meines Blogs werden sich vielleicht noch an meine Verwunderung erinnern, über die damalige Schwemme der Pokemonisten und die damit einhergehende Zunahme von Risiken im öffentlichen Straßenverkehr. Nun scheint eine viel schwerwiegendere Bedrohung im Anmarsch zu sein, die direkt auf unserere Sinne zielt und die uns scheinbar zu willfährigen Zombies macht. Es ist die schleichende Gewohnheit, die empfindliche physikalische Realität nicht mehr wirklich schätzen zu können. So hart es auch klingen mag: Die erweiterte Realität der Datensammler im Jackentaschenformat scheint das Echte mittlerweile zur Kulisse zu degradieren…

Ein paar Tage ist es her, da haben wir als ganze Kleinfamilie an diesem beschaulichen See, der von einer Bundesgartenschau übrig geblieben ist, gefrühstückt. Richtig idyllisch, mit Nacktbaden und heißem Kaffee. Auf dem Rückweg durch den Park rollten wir, wie immer, über diese kleine Brücke hinter der Kunsthochschule. Die macht da so einen Bogen nach oben, deshalb schafft es Mucki mit seinem Kinderfahrrad noch nicht so ganz aus eigener Kraft über das Gebilde. Oben auf der Rundung angekommen, sehen wir überall Konfetti und Plastik-Goldstreifen herumliegen. Schön. Da gab es bestimmt was zu feiern, denken wir uns. Mucki fällt auf, dass da unter uns, im Wasser der Parkanlage, auch eine Menge von diesem Plastik-Goldstreifen-Zeugs herumschwimmt und kombiniert, dass die Enten das lieber nicht wegfuttern sollten, weil sie sonst Bauchscherzen davon bekämen. In der Tat hat sich unter uns eine Art Aue-Park-Kassel-Goldstreifen-Garbage-Patch gebildet, der sich genau wie das große Vorbild im Pazifischen Ozean nicht einfach von selbst auflöst. Um die Umweltkatastrophe wenigstens auf dem Festland einzudämmen, lesen wir die Golddingse von der Brücke auf, damit die sich nicht auch noch im Wasser wiederfinden. Nach weiteren fünfzig Metern Fahrradfahrt kommen wir den Verursachern auf die Schliche: Einer Schulbusladung halb angetrunkener Pomeranzen, die irgendetwas vom Format eines Massenjunggesellinnenabschieds feiern. Die Taschen voller Beweismittel, versuchen wir sie noch ein wenig zu sensibilisieren, für die Folgen ihrer Umweltsauerei. Leider aussichtslos. Das Instagram-Party-Beweisfoto heiligt anscheinend alle Mittel.

Ein paar Tage später sind wir mit befreundeten Eltern unterwegs. Ich wollte den beiden und ihrer kleinen Tochter auf keinen Fall das kasseler Ausflugsziel Nummer eins, den Bergpark, ersparen. Der Einfachheit halber reisten wir diesmal direkt mit dem Nahverkehr auf der Oberseite des Spektakels an. Nach der kollektiven Erstbesteigung des Mount-Herkules (wir waren diesmal wirklich unglaublich dicht unter seinem Gehänge), ging es für uns nur noch abwärts in den Bergpark. Auf dem Weg nach unten traf ich auf ein Motorradfahrer-Pärchen. Sie fragten mich, nun, da sie ja an der Sehenswürdigkeit angelangt wären, wohin genau sie jetzt am besten gehen sollten. Die beiden machten auf mich nicht gerade den Eindruck, als hätten sie große Lust dazu, bei dreissig Grad im Schatten in ihren dicken Motorrad-Kombis hunderte Stufen runter und wieder hoch zu rennen. —Zumal sie auch erwähten, noch zweihundert Kilometer im Sattel ihrer Bikes schaffen zu wollen. Ich schlug ihnen an Stelle der Besichtigung des Bergparks vor, doch lieber eine kleine Runde durch den Reinhardswald zu cruisen, einem bezaubernden Stück Waldland, zwanzig Kilometer von Kassel entfernt. Erste Gegenfrage: „Gibt es da Kurven?“ Ich, leicht perplex: „Ich glaub schon, aber es ist dort vorallem sehr schön, wegen der unberührten Natur.“ Dann gab sie die Strecke in eine spezielle Biker-App mit Kurvendetektor ein, verzog den Mund: „Mhh, da sieht alles ganz schön grade aus.“ Als sie mich dann noch danach fragte, wie es dort mit Geschwindigkeitskontrollen aussieht, konnte ich nur noch mit den Achseln zucken. Eine Frage blieb mir noch im Kopf zurück: Wieso hatten die nicht auch diese Gratis-Radar-Warn-App installiert, die der Typ hatte, bei dem ich letztlich mitgefahren bin?

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