Under Construction

Bämm, Bämm, Bämm! Ssschrrrriiiiek! Wuuuhuuuwuuu! Ich freue mich über jedes Lebenszeichen meines Nachbarn. Ehrlich. Wo andere Leute wahrscheinlich die Krise kriegen würden: Aufheulende Stichsäge um drei Uhr nachts, unrhytmisches, vorallem unvorhersehbares Gehämmere zu jeder Tageszeit, garniert von spontanem Bohrmaschinen- und Akkuschraubergejaule in Baumaterialien unbekannter Konsistenz. Aus vorangegangenen Gesprächen mit meinem Nachbarn weiß ich: Er ist ein kleines Sensibelchen, ziemlich vom Schicksal strapaziert, vorallem von seinem eigenen. Deswegen ist es gut, dass man etwas von ihm hört, ab und zu. Bleibt es eine Weile lang zu ruhig, beginne ich mir Sorgen zu machen. Letztlich hat Hasi auch mal direkt, nach einem unbekannten, krachenden Geräusch bei ihm geklopft. Es klang verdächtig danach, als ob er, oder irgendetwas anderes irgendwo heruntergefallen wäre. Vermutlich waren fehlinterpretierte intuitive Berechnungen schuld am Vorfall häuslichen Einkrachens. Auf Hasis vorsichtiges Nachfragen kam von innen nur ein verhaltenes: „Kein Problem, alles in Ordnung!“ Gut dass er die Tür bei der Gelegenheit nicht geöffnet hat!

Es gibt nur eine Sache, die besser ist, als Baustellen direkt zu beobachten: —Baustellen, bei denen man nur vermuten kann was gebaut wird.

Die kurzen Gespräche, die ich mit unserem Nebenmieter im Treppenhaus führe, sind ein guter Nährboden für Spekulationen. Ich halte mich bewußt mit meinen Fragen zurück, vermeide es, einen zu neugierigen Eindruck zu erwecken, beende das Gespräch abrupt, sobald ich den Verdacht bekomme, er wolle mir etwas über sein Bauvorhaben verraten. Ich will meine eigenen Innenausbau-Fantasien nicht vorzeitig durch zu konkrete Informationen über das Bauprojekt gestört wissen. Ich will schon garnicht sehen, was er da treibt. Die Maschinen Geräusche, die immer wieder auch von einem eigentümlichen Schaben und Kratzen unterbrochen werden, gehören schon seit etwas über drei Monaten zum klanglichen Inventar unserer Bleibe. Was die Sache noch interessanter macht sind, die Ansammlungen von Baumaterial im Flur: Alte Küchenplatten, Vierkantholz, Teile von Kleinmöbeln, Drahtwaren, Fußbodenleisten. Was er damit macht? Ich will es nicht wissen! Abends wenn ich Mucki ins Bett bringe, erzähle ich ihm – anstelle der Gutenachtgeschichte – Mythen von der unbekannten Baustelle von nebenan. Wie unser Nachbar kreisrunde Auschnitte in mehrere Dutzend Abeitsplatten schneiden mußte, damit die größte Bowlingkugel-Murmelbahn der Welt langsam Form annimmt. Oder wie man hunderte leere Farbeimer zu einem labyrinthartigen System von Röhren zusammenstecken kann und wie in diesem Zusammenhang die Stichsäge einzusetzen ist, deren Lärm schon so oft zu seinem Schlaflied wurde. Staunende Kinderaugen beobachten jede meiner Ausführungen genau, sehnsuchtsvolle Kinderohren lauschen meinem Humbug. Das Thema Bauen ist bei kleinen Jungs ohnehin ein großes. Väter bauen Behausungen, Turbinen, Flugzeugträger und vieles mehr. Kleine Jungs eifern ihnen früher oder später nach. Es gibt für einen Kleinjungen nur ein Spielzeug, dass einen echten Kleinjungenzanck wert ist: Der Bagger. Pardon! —Wie oft wurde ich schon von einer besserwissenden Schnute korrigiert: „Das ist kein Bagger, das ist ein Radlader!“ Woher weiß Mucki das? Ich vermute mal: Es handelt es sich um Jungswissen, das einfach vererbt wird. Überhaupt hat das Wort Bau eine große Bedeutungsspanne: In den Bau gehen, einen Bau bauen, einen bauen, auf dem Bau arbeiten, aufbauen, umbauen, abbauen, anbauen, einbauen, ausbauen. Alle diese Dinge sagt Mann mit Stolz im Klang der Stimme. Vielleicht beruht der Tatendrang unseres Nachbarn auch auf väterlichen Inspirationen aus einem längst verdrängtem Abschnitt seiner eigenen Kleinjungen-Kindheit. Vielleicht baut er jetzt die Wünsche, Sehnsüchte oder Fantasieszenarien, die seit langer Zeit tief in seinem Unterbußtsein schlummern. Wer weiß, irgendwann lädt er uns auf die große Indoor-Rutschbahn ein, die er sich damals zusammen mit seinem Vater erträumt hat und leider erst jetzt bauen kann.

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