Abheben, endlich

Vor ein paar Tagen, nach einer ausgedehnten Gassirunde, habe ich einen alten Bekannten wiedergetroffen. Tibo hat mit mir studiert und wir rennen uns ab und an über den Weg. Meistens zwischen Tür und Angel von irgendwas. Dann verabreden wir uns regelmäßig zu Treffen, die jeweils einer von uns kurzfristig absagen muss, weil irgendetwas dringenderes anliegt. Wenn es trotzdem mal mit einer Zusammenkunft hinhaut, ist es immer sehr unterhaltsam mit Tibo. Tibo gehört zu den Leuten, die immer irgendein Ass im Ärmel haben. Du denkst du kennst den Typen und alle Karten sind ausgespielt und dann Zack! Knallt er dir ein Full House auf den Tisch, dass es nur so kracht. Wie das kommt? Ich kann darüber nur mutmaßen. Tibo stammt aus einem Klan von ziemlich originellen Menschen, für die es ständig etwas zum tüfteln und ausprobieren gibt. Sein Großvater, nur mal als Beispiel, wurde auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin, mit einem Kopiergerät beschenkt, mit dem er nach kurzer Zeit die abgefahrendsten Kollagen zauberte, in einem Alter so um die achtzig. Irgendwer seiner Vorfahren war auch mal im Besitz einer namhaften Fabrik für Bürostühle. Ich schätze, da liegt die Tüftelei irgendwie in der Luft. Luft ist überhaupt mal das Stichwort: Wie ich ihn da so am Eingang zum Park treffe, hat er so einen verdächtig großen Rucksack auf dem Rücken. Seltsamerweise sagt mir mir mein Hirn just in dem Moment: Gleitschirm. Obwohl ich noch niemals zuvor in meinem Leben einen Rucksack zu Transport eines Gleitschirms gesehen habe. Wenn der Tibo mit so einem Rucksack auf dem Rücken im Park unterwegs ist, kann es sich wohl nur um ein tragbares Fluggerät handeln. So einfach gestaltet sich anscheinend für meine Denkmaschine die Kategorisierung. Meine Frage ist dann auch nur noch rhetorisch. „Gleitschirm?“ Gleitschirm. Was er damit in einem doch eigentlich sehr flachen Park macht, will ich wissen. Ach so, stimmt! Es gibt diese Anhöhe auf dem Gelände einer mittlerweile zugewucherten Bundesgartenschau. Und da kann man fliegen? „Nö, nicht wirklich, aber man kann den Wind im Schirm spüren.“ Mir ist es eigentlich egal was er da getrieben hat, der Lilienthal meines Bekanntenkreises, ich finde es jetzt schon so abgefahren, dass weitere Details nur meine eigene fantasierte Version davon stören würden. Wir verabreden uns, wie üblich, zu einem Treffen, das so bald wohl nicht stattfinden wird. Ich denke eine Weile lang über das flachländliche Gleitschirmfliegen nach. Mir fällt noch eine Frau in meinem Bekanntkreis ein, die sich auch für das Gleitfliegen als Hobby entschieden hat. Andere Abenteurer, die ich kenne, klettern an Felsen herum, Bouldern nennt sich das heute. Unser kleiner Sohn Mucki steigt auch schon mit Begeisterung auf den kleinen Baum vor unserem Wohnhaus. Hasi, meine Freundin, geht regelmäßig zum Yoga und berichtet mir anschließend begeistert von den Verrenkungen, die sie dabei einstudiert hat. Der innere Drang nach Abenteuer und Risiko, scheint in vielen Menschen zu wohnen. Ich bin zur Zeit eher mit echten existentiellen Risiken beschäftigt, das reicht mir persönlich voll und ganz. Ich überlege, ob ich nicht trotzdem mal was neues ausprobieren könnte. Anscheinend bin ich in Zugzwang. Vielleicht sollte ich mir endlich auch mal einen Tragschrauber zulegen. So ein Motorrad der Lüfte. Vor ein paar Jahren schon, ist ein entfernter Bekannter damit zur Arbeit geflogen, von Hamburg nach Hildesheim und zurück. Ob das Sinn macht, fliegende Motorräder bei norddeutschem Wetter? Sicherlich nicht. Aber man macht es, weil das Fliegen so inspirierend ist. Hoffentlich kann ich mir bald wenigstens mal eine Fahrt mit einem dieser neumodischen Flugtaxis gönnen.

Advertisements

Der Tag an dem Maus ging

Mucki wollte vom Weihnachtsmann eine Maus. Der Weihnachtsmann, ein nachsichtiger alter Kauz mit spleenigen Vorlieben für fliegende Paarhufer und Midgets als Mitarbeiter, hatte Mucki´s Wunschzettel anscheinend beherzigt. Am heiligen Abend verzauberte uns dieser besondere, stille Glanz in den glücklichen Kinderaugen. Von da an war Maus (bitte immer ohne Artikel davor) Mucki´s treuer Begleiter. Maus war eigentlich immer mit von der Partie: Wenn Mucki müde wurde, brauchte er Maus in seiner Kinderhand. Beim Mittagessen musste Maus zumindest anwesend sein und auch die ersten Fahrversuche auf Mucki´s neuem Fahrrad musste Maus als Beifahrer im Lenkerkorb miterleben. Überhaupt hatte Maus relativ wenig Freizeit. Vielleicht braucht Maus ab und zu einfach einen Day Off. Einmal schon hatten wir Maus vermissen gelernt. Papa hatte Maus und Schäfchen (das andere hauptberufliche Kuscheltier), in der Hektik einfach bei Omi liegengelassen. Mucki trug den plötzlichen Kuscheltierverlust mit Fassung. Immerhin waren die Beiden in Sicherheit. Omi versicherte uns telefonisch, dass sie sich gut um die beiden kümmern werde. Aus ein paar Tagen mit Ersatzkuscheltieren wurden schließlich doch zwei Wochen und die Wiedersehensfreude fiel demensprechend überschwänglich aus. Diesmal lag der Fall allerdings anders. Die Chancen auf ein baldiges Wiedersehen standen schlecht. Wer eine kleine mausgraue Stoffmaus mit nur zehn Zentimetern Körpergröße in einem Regionalzug verliert, kann sich sicher sein, sie nie wieder zu Gesicht zu bekommen. Mucki kann nichts dafür. Er hing schon eine Weile lang schlafend auf Papas Arm und der Klammergriff seiner Kinderhand lockerte sich wohl in einem Moment tiefer Entspannung, wahrscheinlich ausgerechnet während des Umsteigens. Natürlich habe ich sofort am nächsten Morgen eine E-Mail mit ausführlicher Personenbeschreibung an den den Anbieter des regionalen Schienenverkehrs geschickt. Bislang leider ohne Lebenszeichen.

Wir Eltern hatten es auch nicht immer leicht mit Maus. Ein derartig kleines Kuscheltierchen bleibt des Öfteren unsichbar, meistens wenn man es überhaupt nicht gebrauchen kann stundenlang danach zu suchen. Etwa wenn das Kind schon im Bett liegt und seinen treuen kleinen Freund plötzlich vermisst. Die allabendliche gemeinsame Suche nach Maus wurde zu einem wiederkehrenden Ritual unserer kleinen Familie. Ich habe keine Ahnung wie viele Stunden dafür draufgingen. Versuche der umtriebigen kleinen Maus eine wiederauffindbare Bleibe zu bescheren blieben erfolglos. Jetzt war Maus also ganz von uns gegangen. Wehmut erfasste die Kleinfamilie. Wird es dem kleinen Plüschfreund an einem anderen unbekannten Ort so gut gehen wie bei uns?

Es ist, wie so oft im Leben, möglich, bestimmte Vorgänge als Zeichen für das nahende Schicksal zu verstehen, vorausgesetzt man ist sensibel genug: Weil wir unseren Zug für die Hinfahrt verpassten, musste sich unsere kleine Familie eine Weile lang auf dem Hauptbahnhof in Kassel herumtreiben. Um die Zeit bis zum nächsten Anschluss totzuschlagen, setzten wir uns auf eine öffentliche Bank direkt auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort trieben sich weitere gestrandete Gestalten herum. Nach einem kurzen Moment der Verzückung durch unser öffentliches Familienleben, nahm sich einer der Stadtstreicher ein Herz und schenkte Mucki einen Koalabären aus Plüsch, der vom Liebhaben durch ein anderes Kind deutliche Abnutzungsspuren an der Koalanase hatte. Das ist ein Geschenk, das man natürlich nicht ablehnen darf, trotzdem ließ ich den Plüschbären vorsorglich auf unbestimmte Zeit in einer Plastiktüte verschwinden. Seltsam bleibt auch der Plattentip meiner besten Freundin, nur einen Tag davor: »John Maus – Addendum«. Als aufmerksame Beobachter des Schicksals hätten wir es wissen besser müssen: Der Kreislauf der Kuscheltiere forderte unsere Mitwirkung ein. Lebe wohl kleine Maus!

Down with the Technoheads

Es ist garnicht solange her, da war ich ein Teil einer Jugendkultur. Für mich begann meine persönliche Technofizierung mit einer Wahrnehmungstörung die durch eine Radiosendung verursacht wurde. Solche Störungen wurden damals erst dadurch möglich, dass die Medienlandschaft allgemein wenig Ablenkung bot. Interessierte man sich für den neuen heißen Scheiss befand man sich in einem Zustand ständiger Reizdeprivation. Nur tief in die Nacht ausgestahltes Untergrund-Radioprogramm (oder das was man dafür hielt), konnte das innere Verlagen junger mittelloser Musiksuchender nach neuen Klangerlebnissen stillen. Ich wurde sehr früh von meinem ältesten Bruder Andreas an die schönsten Blätter des Wellensalats geführt, er schenkte mir noch im Grundschulalter alles was man für die aktive Teilhabe am ultrakurzen Wellenspektrum braucht: Ein Tapedeck, zwei Boxen und einen Receiver (einen Verstärker mit Radioteil). Das machte Sinn, da mein Elternhaus immer in Sendereichweite interessanter Radiosender lag. BFBS (British Forces Radio Station) hinterließ bei mir sehr prägende und düstere Klangeindrücke der 80er-Jahre-Musik. Der Jugendsender des Hessischen Rundfunks, HR3, bescherte mir in der Folge eines der nachhaltigsten Hörerlebnisse meines Lebens. Dazu später mehr… Wie viele andere, versuchte ich diese kostbaren Momente emsig mit Kasettenaufnahmen zu dokumentieren. Heute hätte ich mit dem alten Equipment meines Bruders ziemlich schlechte Chancen auf Kurzwellenempfänglichkeit. Vor kurzem wurde hier das terrestrische, analoge Radio abgeschafft. Ich bin aber rechtzeitig genug auf Internetradio umgestiegen. —Vorerst bleibe ich wohl im Radio Game.

Im Internet kann man jetzt sehr viel mehr Programm finden, als man jemals hören könnte. Das leidige Mitschneiden auf Tape, kann man sich ebenfalls sparen. Geheime Playlists sind meistens schnell gefunden. Auch wenn man sich sowieso niemals etwas ein zweites Mal anhört. Am besten gibt man sich einfach den Geschmacksalgorythmen gängiger Streaming-Dienste hin. Eigentlich schade, dass meine Jugend gerade vorbei ist, jetzt wo es soviel zu hören gibt. Aber Techno ist ja auch schon wieder gestorben. Wieso bekommt man im Leben eigentlich nie den ganzen Kuchen serviert? Moment, ich muss mich korrigieren, da war doch noch etwas: Techno lebt! Ja, ihr lest richtig! Das dumpfe Gehämmere, das ich damals in der HR3-Clubnight hörte, bevor ich überhaupt wußte was eine Clubnight ist, und anfänglich überhaupt nicht für Musik hielt und trotzdem oder gerade deshalb total faszinierend fand, lebt in der Dreißigquadratmeterwohnung meines Nachbarn weiter. Ja richtig, genau bei dem, der immer nachts so viel herumhämmert! Ob das Hämmern Techno war? Nee, der hat sich bloß dort wo es möglich oder unmöglich war, Regale drangebaut. Ich war jetzt doch mal bei ihm drin. Angelockt vom, mir noch aus Jugendtagen vertrauten Sound des Detroid Techno, der aus seiner Wohnung in annehmbarer Lautstärke auf den Flur drang, hab ich einfach mal bei ihm sturmgeklingelt. Weil mich anscheinend niemand hörte habe ich vor die Tür gedroschen, bis mein Nachbar endlich auftauchte. Er setzte mich darauf hin in Kenntnis, dass ich einem Live-Podcast beiwohnte. Hier wurde also gerade – wenn man so will – Radio gemacht. Ich war einem mehrfachen Flashback meiner Jugend ausgeliefert und konnte mich garnicht mehr einkriegen. Plötzlich war alles wieder da: Ich war wieder der gleiche wissbegieriege Schüler der School of Schranz. Meine Lieblingsfächer: Geartalk über Synthesizer, Platten- und Labelkunde, Clubrankings of Germany und natürlich Resident-Dj-Quartett. Aber irgendetwas war auch anders, es fiel mir überhaupt nicht sofort auf. Das Durchschnittsalter der Anweseden Dj´s, Labelbetreiber und Remixer war deutlich jenseits der Dreissig. In einem längeren, klärenden Gespräch brachte ich in Erfahrung, dass der Techno-Lifestyle durchaus mit dem Familienleben eines konventionellen Mittelschichtshauhalts kompatibel ist. DJ-Trümmer plauderte direkt aus dem Nähkästchen: „Für meine Frau ist das völlig ok, wenn ich einmal im Monat auflegen gehe, solage ich Sonntags über in der Lage bin den Geschirrspüler auszuräumen und die Kinder zu bespaßen.“ Na wenn das so ist, bin ich auch wieder dabei!