Lieferheld

Herr Xiu zwängt schiebt sich und sein Fahrrad zwischen den anderen Fahrgästen hindurch in die Straßenbahn. Mit der inneren Ruhe, die nur Asiaten eigen ist, steht er auf dem Platz, der normalerweise für Kinderwägen und Rollstühle reserviert ist. Bei jedem Anfahren und Bremsen kommt er ein bisschen aus dem Gleichgewicht. Seine Gleichgewichtsstörung wird hauptsächlich durch den quadratischen Rucksack verursacht, den er auf dem Rücken trägt und der ihn wie einen großen Schuljungen aussehen läßt. Auf dem Gepäck ist der Name eines bekannteren Lieferdienstes aufgedruckt. Auf eine skurile Art unterstreicht die Aufschrift die tatsächliche Heldenhaftigkeit seines Trägers. Möglicherweise betrifft dieses Phänomen jeden Mitarbeiter des Lieferservice‘. Bei Herrn Xiu fiel dies vielleicht nur deshalb so besonders ins Auge, weil der Widerspruch zwischen Branding und Mitarbeiter offensichtlich größer nicht sein konnte. Herr Xiu kam Anfang der Neunzigerjahre nach Deutschland, ein Jahr nachdem die Studentenaufstände, die auf dem Platz des himmlischen Friedens begannen, von chinesischen Militärs blutig beendet wurden. Als Mitglied einer Arbeiterorganisation war er damals in den Streik gezogen. Nach der Revolte floh er über Hong Kong in Richtung Westen. Seitdem Herr Xiu in Deutschland ankam, verlief seine berufliche Karriere nur schleppend. Zunächst heuerte er bei einem Bekannten der Familie an, in einem Chinarestaurant, und verdingte sich zwölf Jahre lang als Kellner. Sein eigenes Lokal, ein kleines Running-Sushi-Restaurant, führte er nach Kräften, bevor es vor ein paar Jahren Pleite ging. Seitdem reihten sich die Schicksalsschläge aneinander. Zuerst verließ ihn seine Frau mit den zwei Kindern, danach der Lebensmut. Privat-Insolvenzen sind wie schleichende Krankheiten, die nur durch den konstanten Fluß der Zeit kuriert werden können. Seit gut zwei Jahren galt er offiziell als geheilt, aber was brachte ihm sein neues schuldenfreies Leben? Auf seinem Rücken lastete jetzt, für jeden gut sichtbar, eine andere Bürde. Der Rucksack war zu einem ständigen Begleiter geworden. Er war Zunftsymbol und Stigma, Werbeträger und Werkzeug. Herr Xiu trägt ihn mit Fassung, wie sowieso alles in seinem Leben. Die Fremde, die Einsamkeit, die Monotonie seines Tagesgeschäfts, die allgemeine deutsche Kühle. Um sich, während seiner Lieferantentätigkeit, das Erklimmen der einen oder anderen Steigung aus reiner Muskelkraft zu ersparen, nimmt er sein klappriges, altes Fahrrad manchmal einfach mit in die Straßenbahn. Hinten drin, in seinem Ranzen, hat Herr Xiu – neben seinem Schicksal – natürlich auch chinesisches Essen, oder vielmehr das, was man hierzulande dafür hält. Meistens sind es ein paar flüchtig im Wok erwärmte Gemüsestreifen und etwas Fleisch. Schwimmend in Curry-, Thai-, oder süß-saurer Soße gelagert. Darunter Reis oder Nudeln als saugfähige Unterlage. Herr Xiu hatte den Geschmack und den Duft der Jiaozi aus seiner Heimat noch nicht vergessen. Handgemachte Mautaschen, die in China in über fünfhundert Varianten zubereitet werden. In Deutschland landeten sie eher selten auf dem Teller. Als ehemaliger Gastronom wußte er natürlich auch warum das so war. Echte Jiaozi waren aufwändig in der Herstellung und galten hier, auf eine für Chinesen unnachvollziehbare Art, als nicht chinesisch genug. Auch die anderen Köstlichkeiten, seiner Heimat, sauer-scharfe Kartoffel- oder Kohlgerichte, fanden in der Fremde kaum Anklang. Ganz zu schweigen von den traditionellen Suppengerichten. Herr Xiu´s Blick verliert sich in der Ferne vor der Scheibe der fahrenden Strassenbahn. Plötzlich reißt ihn ein Ruck aus seiner Kontemplation. Diesmal quietschen die Bremsen der Bahn deutlich stärker als bei den  Bremsvorgängen zuvor. Herr Xiu verliert kurz den Boden unter den Füßen, kommt ins Straucheln und klammert sich verzweifelt an die Schulter eines anderen Passagiers. Das Fahrrad scheppert auf den Boden. Herr Xiu rutscht vom Mitfahrer ab und bekommt bäuchlings Bodenkontakt. Schnell rappelt er sich wieder auf, entschuldigt sich ausdauernd beim anderen Fahrgast, liest sein Fahrrad auf und rückt seinen Helden-Rucksack zurecht. Dann steigt er aus und verschwindet spurlos in die Nacht.

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