lost and found

Bei meinem Cousin Tobias handelt es sich um eine sagenumwobene Gestalt meiner weitverzweigten Großfamilie. Seit zwei Jahrzehnten wollte ich mich immer mal wieder mit ihm treffen. Jetzt ist es wirklich passiert. In jeder größeren Familie gibt es bestimmte Triebe, die etwas abseitig aus dem Astwerk herausragen und der Muse zugewandt, andere Wellenlängen des Sonnenlichts einfangen. Damals keimte in mir die Vermutung, in meinem zwanzig Jahre älterern Cousin nicht nur einen Verwandten und Geistesverwandten zu finden, sondern eventuell auch ein Alter Ego. Jemanden, der mir die Welt besser erklären könnte, als ich selbst dazu in der Lage war. Leider war ich dann doch nur auf mich selbst und ein paar gute Freunde gestellt, bei der Erkundung der unbekannten Landmassen meiner Jugend. Trotzdem zeigte sich bei unserem leicht verspäteten Treffen, dass ich möglicherweise nicht ganz falsch lag, mit dem sehr naheliegenden Verdacht, neben der rein verwandschaftlichen Beziehung, auch soetwas wie Seelenverwandschaft zu finden. Tobias war immer irgendwie existent und dann auch wieder nicht, fast so wie ich. Mit meinen Eltern war ich während meiner Kindheit und Jugendzeit hin und wieder zu Gast im Haus seiner Eltern. Diese Begebenheiten allein, reichten damals wohl kaum für ein näheres Kennenlernen aus, zumal uns auch fast zwanzig Jahre Altersunterschied trennten. Dort wo sie wohnten, in einer kleinen Enklave zwischen Österreich und Deutschland, begegneten sich verschiedene Teile der Familie eher flüchtig. Trotzdem sind mir die paar Begegnungen mit Tobias einigermaßen bewußt in Erinnerung geblieben. Einmal fertigte er von mir, auf Geheiß seines ebenfalls kunstschaffenden Vaters, eine flüchtige Skizze an, die mich im Garten auf irgendeinem Hauklotz sitzend zeigt. Ein anderes Mal unternahm er mit mir und meiner Mutter eine Bootstour in einem gelben Schlauchboot, das er, der Einfachheit halber, aufgeblasen auf dem Dach seines Combis transportierte. Gebannt lauschte ich jahrelang den Geschichten meiner älteren Geschwister, in denen er immer wieder als hundeschlittenfahrender, künstlerisch begabter und sehr weltgewandter Naturbursche auftauchte. Selbstverständlich sind Alpinismus, wilde Tiere und Kunst ein guter Nährboden für die Fantasie junger Heranwachsender, was wohl auch zur Legendenbildung beitrug. Das schöne an Menschen, die man interessant findet, aber über die man wenig weiß, ist, dass die spärlichen Informationen zu ihren Lebensläufen nach Bedarf mit selbsterdachten Mythen ergänzt werden können. Jetzt, wo er endlich vor mir sitzt, mischt sich das Bild, das ich von ihm fantasiert hatte, ganz angenehm mit der realen Person. Typisch für fast alle Familienmitglieder, ist er gleichzeitig nahbar und unnahbar. Auch er scheint die spezielle Nähe-Distanz-Störung zu haben, die vielen, vorallem männlichen Familienmitgliedern zu eigen ist. Nach ein paar Stunden Gemeinsamkeit, muss er erstmal ausgiebig Zeit mit sich selbst verbringen. Ich kann das gut verstehen, da ich von der gleichen Symptomatik betroffen bin. Wenn Tobias mit sich selbst beschäftigt ist, dann macht er Kunst. Malerei, Plastiken, Zeichnungen. Aufrichtig und ernsthaft kreist er mit seinem Output um die eigene Wahrnehmung. Alles scheint dabei vom Standpunkt abzuhängen. Psychologisches mischt sich auf seiner Palette mit mit Physikalischem. Es enstehen dabei ernsthafte Körper, ernsthafte Gebilde, ernsthafte Landschaften und ernsthafte Ansichten. Ob er selbst ernsthaft ist? Das schon. Aber er ist – auf der Suche nach ein wenig Ablenkung von sich selbst – vor einer Weile auf den trockenen Humor des englischen Teils der Familie gestoßen. Das ist übrigens der Grund warum wir uns gegenüber sitzen. Der plötzliche Tod der letzten Schwester meines Vaters, veranlasste Tobias nach weiteren Familienmitgliedern zu suchen. Meine Tante Ursula war anscheinend für ihre gute und völlig unernsthafte Laune weit über den Ärmelkanal hinaus bekannt. Schade, ich hätte sie auch gerne kennengelernt —um mit ihr gemeinsam über den Ernst des Lebens zu lachen.