Von Särgen und Tränen

Vor ein paar Jahren fielen mir besondere Lautsprecher in die Hände. Seitdem gibt es kein Entrinnen mehr für mich und meine unterdrückten musikalischen Gefühle. Das ist wirklich schlimm, denn immer müssen Tränen dabei fließen. Wollt ihr die ganze mysteriöse Geschichte? Hier ist sie:

Es ist gut, wenn man als Paar feststellt ähnliche Interessen zu teilen. Sehr schön ist es auch, wenn es dabei eine gewisse Schnittmenge in Sachen musikalischer Vorlieben gibt. In einem frühen Stadium unserer Beziehung gingen Hasi und ich dann und wann gemeinsam in Secondhand-Läden Platten shoppen. Nach nur kurzer Zeit füllte sich ein heimischer Plattenregalmeter mit gebrauchten Siebzigerjahre-Scheiben. Auf einer unserer gemeinsamen Shoppingtouren in einem Trödelladen, musste ich mir kurz die Zeit damit vertreiben das restliche Sortiment zu inspizieren, da Hasi im Eifer ihrer Sammelleidenschaft einen Stapel von mehreren Dutzend alter Scheiben vor der einzigen Abhörmöglichkeit angelagert hatte. Während meiner Runde duch das kleine Ladenlokal, entdeckte ich zwei mannshohe Standlautsprecher ohne Firmenlogo. Gekleidet in angestoßenes Nußbaum-Funier, an einer Seite von der Sonne ausgeblichen, waren sie wirklich keine Schönheiten. Mein Nachfragen über die Herkunft der Geräte brachte keine weiteren Erkenntnisse. Schnell zog ich mein Interesse wieder zurück. Was sollte ich auch mit den komischen Dingern anfangen, ich hatte ja bereits ein paar ordentliche Lautsprecher zuhause.

Zu spät. Zwei Tage danach stand ich wieder in dem Laden um die Schallwandler unbekannter Herkunft pobezuhören. Trotz einiger Verrenkungen, die der Ladenbesitzer auf sich nahm, um die Lautsprecher im Sarg-Look mit anderem alten Musikequipment zu verdrahten, war ich eigentlich nicht begeistert von ihrem Sound. Zu diesem Zeitpunkt war mir der Klangeindruck aber fast schon egal. Das lag daran, dass die Musikschränke auf eine unbestimmbare Art meine innere Vorstellung von Lautsprechern spiegelten und mich deshalb magisch anzogen. Ich bezahlte nach kurzem Handeln und vereinbarte sie abzuhohlen, sobald ich einen Umzugswagen dafür frei hätte. Die Klangtruhen brachten nämlich ein gewichtiges Problem mit sich. Jede der Boxen wog, laut Angabe des Ladenbesitzers, so um die 60 Kilo. Das Umzugsauto für den Umzug in unsere erste gemeinsame Wohnung, schien die erstbeste Möglichkeit für den Abtransport. Mein Einstieg in das audiophile Hören war ein echter Sprung ins kalte Wasser, bis auf das hohe Gewicht hatte ich wirklich keine Ahnung was mich erwartete. Über Umwege fand ich heraus, dass es sich bei den Lautsprechern um ein Selbstbauprodukt eines renommierten französischen Herstellers handelte. Die 400 Euro, die ich investierte, waren möglicherweise ein echtes Schnäppchen. Als nach dem geglückten Transport das Paar Boxen und auch das restliche Mobiliar endlich in unserer neuen Wohnung stand, machte sich beim ersten Soundcheck im neuen Zuhause wieder die Ernüchterung breit. Ausgerechnet die Mittelton-Chassis, die als seltene Juwelen gehandelt werden, waren kaputt. Aus irgendeinem schicksalhaften Grund verkaufte aber genau zu diesem Zeitpunkt jemand zwei dieser Raritäten auf einem Kleinanzeigenportal. Stichproben ergaben, dass dieses Angebot bis zum heutigen Tag einmalig war. Da mir der Trödelhändler den Differenzbetrag für den Austausch erstattete, stieg in mir erneut die Vorfreude für ein neues Testhören auf. Endlich komplett bestückt —wieder Ernüchterung. Jetzt mit den Mitten klang alles irgendwie zu … mittig. Ich lernte, dass auch ich mich zuerst auf die Suche nach den passenden Audio-Komponenten machen musste. Drei verschiedene alte Verstärker, alle in der Preisklasse um die 70 Euro, waren kurz zu Gast in meiner sogenannten Sigalkette, zwei davon gingen wieder. Die paar Euros, die ich investierte, sind natürlich ein Witz im Vergleich zu den Summen, die normalerweise von dieser Leidenschaft verschlungen werden. Nicht selten fließen in audiophilen Haushalten Gelder in handverlötete Röhrenendstufen und Masselaufwerke, die den Wert eines Eigenheims leicht übersteigen können. Man muss im Leben eben Prioritäten setzen. HighEnd-Liebhaber sind eine spezielle Gattung. Meistens sind es Leute mit elektrotechnischem Wissenshintergrund oder einem Hang zur Esoterik, oder einer Mischung aus beidem. Ein gewisses Maß an übersinnlichen Fähigkeiten wird in diesem Metier vorrausgesetzt: Natürlich kann man hören, ob der Strom sauber ist und selbstverständlich haben Anschlusskabel einen großen Anteil am Klang einer Anlage!

Wo bei mir der Unterschied zum Hören auf einer ganz gewöhlichen Stereoanlage liegt? Das läßt sich leicht beantworten: Ich muss regelmäßig rumheulen wenn ich bestimmte Musik auf diesen besonderen, alten Lautsprechern höre. Dann kullern mir echte Männertränen die Wangen herunter. Das liegt daran, dass diese abgeschabten Dinger die Musiker erst in unsere Wohnung holen, und dann direkt in mein Herz. Das ist mir manchmal wirklich unangenehm. Ich will nicht so oft die Kontrolle über meine Gefühle verlieren. Deswegen benutze ich sie selten, diese kostbaren Audiomöbel.

Anspieltipp (Tränen auch auf durchschittlichen Lautsprechern möglich):

Marcia Ball – Louisiana 1927

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Märchenstunde

Weil ich unfreiwilliger Abonnent von zwei Technik-Newsfeeds bin, landen regelmäßig kurze Informationstexte über die technische Neuerungen in meinem E-mail-Postfach. Zugegeben: Diese als Unterhaltung getarnte Werbung ist mir auch lieber als die Werbebeilage im Stadtmagazin, weshalb ich sie noch nicht abbestellt habe. Mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier führe ich mir die Inhalte – bei ausreichender Langeweile – ab und an zu Gemüte. Neben anderen Themen, war heute die Ankündigung eines namhaften europäischen Automobilkonzerns dabei, in naher Zukunft, und unter dem Dach einer neuen Marke, ein reines Elektroauto produzieren zu wollen. Ich nenne keinen Namen, denn es bedarf an dieser Stelle keiner herstellermäßigen Unterscheidung. Die Marketingaktivitäten der großen Autobauer sind sich in diesem Punkt alle sehr ähnlich. Digitalisierung und sportliche Performance stehen immer ganz oben auf der Agenda. Man darf mit Superlativen rechnen. Ich lasse mich vom Datenstrom einsaugen und lande schließlich auf dem Video, in dem der erste der Wagen der neuen Marke den Vertretern der Fachpresse präsentiert wird. Die Vorstellung beginnt standesgemäß. Nach und nach erscheinen wichtige Repräsentanten der Firma unter dem selbstleuchtendem, übermenschlich großem Logo. Auf einer riesigen, nur schummrig bestrahlten Bühne, werden schließlich zwei Prototypen des Autos feierlich enthüllt. Blitzlichtgewitter und Raunen dringt vom Parkett. Die Märchenstunde beginnt.

Der Vorstandsvorsitzende, ein schneidiger Typ, der ohne Krawatte in einem gelbschimmernden Anzug steckt, erläutert die Vorzüge des neuartigen Gefährts. Begleitet von einer riesigen Beamerpräsentation, die parallel zu seinen Ausführungen im Hintergrund abläuft, wirkt er im ersten Moment wie einer dieser Diplom-Meteorologen vor der digitalen Wetterkarte. In aufwändigen 3D-Animationen wird das neuartige Automobil in seine technischen Bestandteile zerlegt. Als Material, das alles möglich macht, taucht immer wieder das gute alte Carbon (Kohlefaserverbundwerkstoff) auf, das als Wunderwerkstoff gepriesen wird. Die Karosserie würde durch die Verwendung des Leichtbaustoffs nicht nur wesentlich weniger wiegen, sondern auch Verwindungssteifer sein, weshalb man überhaupt erst diese schnittige Coupé-Bauform hätte realisieren können. Der Fortschritt in Kürze: 250 Kilogramm leichter (Als was? Es existiert keine Angabe des Gesamtgewichts.), 45% steifer, etwas tiefer und etwas breiter. Seltsam bleibt, bei soviel Neuartigkeit, allein die Tatsache, dass das man sich beim Anblick der neuen Formsprache ständig an amerikanische Muscle-Cars aus den siebziger Jahren erinnert fühlt. Anscheinend sind diese agressiven Formen ein allgemeingültes Designstatement für Fahrdynamik. Während des Vortrags werden weitere einzigartige Verkaufsargumente aufgezählt. Die „Inner Secrets“ des Antriebsstrangs bestünden aus mehreren superstarken Elektromotoren und Akkus der neuesten Generation (noch) in Kombination mit einem Verbrennermotor, sowie einem speziellen System zur Steuerung der Kraftübertragung. In der Summe: Technische Neuerungen um schneller um Kurven herumzukommen und schneller Beschleunigen zu können, gepaart mit einer famosen Reichweite von 150km. Beeindruckend, nicht wahr? Bei diesen mannigfaltigen Innovationen, fällt es etwas schwer den Blick für das Wesentliche zu behalten. Damit etwas Klarheit in das Dickicht des Novitäten-Dschungels kommt, versuche ich mich kurz an einer Übersetzung des Infotainments in Fakten mit mehr Realitätsbezug:

Um uns Primaten die Elektromobilität schmackhaft zu machen, bedarf es einiger Winkelzüge. Das ist wie mit dem Veganismus. Beides zielt im Grunde auf eine nachhaltige Verhaltensänderung ab, scheitert aber schnell an unserer Unfähigkeit von Gewohntem zu lassen. Die Warenwirtschaft nutzt diese Bewußtseinslücke sehr plump aus —mit Produkten, die uns vorgaukeln, durch sie wäre Veränderung ohne Verhaltensanpassung möglich. Ein Beispiel sind etwa diese veganischen Analogien, also Fleischersatz in Wurst- und Schnitzelform, hergestellt mit Inhaltsstoffen unbekannter Herkunft. Die wichtigste Frage in der Produktentwicklung ist offensichtlich nicht: Wie gut geht neu? Sondern: Woran haben wir uns gewöhnt in den letzten Dekaden? Im Falle von Individualverkehr lautet die Antwort: An Gasfußgeprotze, Ampelrennen, Survival of the drehmomentstärkste Karre. Davon zu lassen fällt schwer, das kann ich echt verstehen. Soziales, umweltverträgliches Miteinander bietet nicht so viel eindeutiges Distinktionspotenzial. Deswegen muss die neuartige Elektrokarre aussehen wie ein blutiges Steak auf Rädern. Umweltfreundlich ist diese Form der Mobilität übrigens keineswegs. Die Herstellung von Kohlefaserverbundwerkstoffen ist eine ziemliche Sauerei. Man erhält hierzu seltsamerweise keine genauen Angaben, aber es wird gemunkelt, dass für die Herstellung des schwarzen Goldes der zwanzigfache Energiebedarf anliegt, wie für die Herstellung von Stahl. Recyclingfähig ist Carbon auch nicht, jedenfalls nicht in den mengenmäßigen Maßstäben der Automobilbranche. Wieso wird es dann eingesetzt? Weil man damit schneller um die Kurven rumfahren kann, selbstverständlich.

Mein erstes Mal

Ein paar Wochen ist es her, da war mein Neffe Kofi zu Gast bei uns. Er besucht uns ziemlich regelmäßig, immer wenn die documenta in der Stadt ist. Also in etwa alle fünf Jahre. Das mit Kofi ist in etwa vergleichbar mit der Beobachtung von erdnahen Asterioiden, die alle paar Jahre an unserem Mutterplaneten vorbeischrammen. Man kann diese Himmelkörper und ihren Feuerschweif einen Moment lang im Fernrohr besichtigen, bevor sie wieder in den Tiefen des Alls verschwinden. Zügellose Trabanten, die einen immer wieder in ihren Bann schlagen, sobald sie sich dem eigenen Orbit nähern und einen mit einem Schweif aus Fragen und Vermutungen in der eigenen Umlaufbahn zurücklassen.

Kofi, ist ein echter Weltenbummler, spricht mehrere Sprachen fließend und hat meistens keinen lokalisierbaren Wohnsitz. Ich weiß im Grunde nicht viel über ihn. Nur, dass er ab und zu Autos nach Afrika verschifft und schöne Gedichte schreibt. Da stand sie also mitten im Raum, seine sehr weltgewandte italienische Echtleder-Reisetasche. Kofi selbst war schon wieder unterwegs. Auf Joggingschuhen. Kaum war er angekommen, war er auch schon wieder mal kurz weg —im Zeichen der Fitness. Es sollte noch eine gute Stunde dauern, bis wir uns zur Begrüßung in den Armen lagen. Ich freute mich innerlich schon ganz diebisch auf die Eindrücke seiner letzten Reisen. Das ist so, bei Leuten wie mir, die selber sehr ortsbezogen sind und es kaum schaffen das eigene Quartier zu verlassen. Kofi erzählte von seinem letzten Ausflug auf den Kontinent der Verwandten seines Vaters. Natürlich hatte er wieder ein Auto im Gepäck. Bei einem Zwischenstop in Hamburg spontan gekauft und danach schnell nach Ghana verschifft. Einen Wohnwagen hätte er sich auch gerade besorgt, für einen Arbeitsurlaub in Zürich. Er wollte da für vier Wochen rüber mit seiner Freundin. Was für Kofi in ein bis zwei Nebensätze passte, bedurfte für mich noch weiterer Erklärungen, da kam ich mit dem Finger auf der Landkarte nicht so schnell hinterher. Das mit der Freundin war eine neue Facette, die ich noch nicht an ihm kannte. Wie soll das auch gehen, feste Freundin und ständig unterwegs. Aber klar – Freundin die im Wohnwagen mitkommt, in den Arbeitsurlaub, um bei der gleichen Firma zu arbeiten – das geht natürlich auch mit dem Status gemeinsam nicht sesshaft. Leider hatte seine Liebste irgendetwas anderes zu tun, weshalb sie gerade nicht mit dabei war. Ich mache mir keine Hoffnung sie jemals persönlich kennenzulernen. Am nächsten Tag war ein Besuch der 14. documenta angesetzt. Ich hatte mich im Vorhinein etwas informiert. Man konnte bei der Veranstaltung nie ganz sicher sein, ob der Unterhaltungswert konstant gewährleistet ist. Besser man bediente sich Insiderwissen. Meine Informanten hatten mir zugetragen, dass es sich, vorallem bei den im Ottoneum (so heißt das hiesige Naturkunde-Museum) ausgestellten Arbeiten, um echte Geheimtipps handelte. Wir begannen unsere Runde auf der Weltkunstaustellung trotzdem zunächst mit den Standards. In der Neuen Galerie war die Dichte an politisch aufgeladener Kunst allerdings so hoch, dass offensichtlich niemand der Besucher in der Lage war, das zu verarbeiten, was die ausgestellten Künstler verarbeiteten. Ziemlich zombiehaft bewegten sich große Menschenströme durch die langen Gänge. Mein Fazit: Die Mischung aus Reizüberflutung und schlechter Luft knipst Menschengehirne verlässlich aus. Kofi und ich entschieden uns den konspirativen Tipps zu folgen und wir machten uns auf den Weg zum Ottoneum. Dort angekommen stellte Kofi fest, dass er seine Eintrittskarte wohl irgendwie verloren hatte, auf dem Fußmarsch. Aber kein Problem, Weltbürgern wie ihm wird immer gerne Zutritt gewährt, ob mit oder ohne Karte. Nach ein paar Metern befanden wir uns in einem Raum, in dem eine Videoinstallation epischen Ausmaßes lief. Verteilt auf zwei Videoleinwänden, beide mehrere Dutzend Quadratmeter groß, war ein Mensch zu sehen, der mit geflochtenen Tiermasken im Urwald umherstapfte. Passend zum jeweiligen Geschöpf das er verkörperte, führte er einen rituellen Tanz auf. Beeindruckend war nicht nur das Naturschauspiel, sondern auch die Auflösung der Videobeamer. Ich ertappte mich dabei, wie ich versuchte das Fabrikat der bildgebenden Medien auszumachen. Leider vergeblich. War das vielleicht die erste Vorstellung in voller 4K Auflösung, die ich hier erlebte? Bei aller Andacht für die atemberaubenden Naturaufnahmen, die bei ihrer Ursprünglichkeit, auch die Unfähigkeit des Menschen thematisierten, selbst nur ein Teil der Schöpfung zu sein – schon durch die Gabe des abstrakten Denkens und der Beherrschung von Technologie – muss ich einfach sagen, dass 4K-Videos wirklich, wirklich superscharf sind.

Mechanik

Gemeinsam sitzen Hasi und ich in ihrem neuen Atelier. Besuche in Ateliers sind etwas besonderes. Kunst ist immer da, wo etwas besonders ist. In Ateliers wird vieles besonders. Sie drückt mir eine alte DDR-Fotokamera in die Hand. Behauptet, dass diese nicht mehr funktioniert. Ob wir die Kamera nicht auseinander schrauben könnten. Sie war im Baumarkt, jetzt kramt sie in ihrer Einkaufstasche, holt ein Set Uhrmacherschraubenzieher hervor. Noch ehe ich meine Einwände ausformuliert habe, beginnt sie schon an den ersten Schrauben des Gehäuses herumzudrehen. Es kostet mich etwas Überwindung ihr zur Hand zu gehen. Der Respekt für feine Mechanik ist noch in mir drin, auch wenn die Behauptung möglicherweise stimmt, dass der Fotoapparat nicht mehr richtig funktioniert. Überhaupt: Was soll das bringen diesen Apparat zu zerlegen, wo man sowieso nicht in der Lage wäre ihn wieder zu reparieren? Ach so: Alles reine Neugierde. Ich fange an klugzuscheißen, wie es sich für einen Mann gehört, der einer Frau dabei zusieht, wie sie mechanisches nicht versteht. Als ich sehe wie sie einen der kleinen Schraubendreher (ja, es heißt Schraubendreher, nicht Schraubenzieher) schräg ansetzt, um eine der winzigen Gehäuseschrauben loszudrehen, platzt es aus mir heraus: „Lass mich mal!“ Ich erkläre ihr, dass ein Schraubendreher immer genau in der Achse der Schraube rotiert werden muss, da sonst die Werkzeugaufnahme, in diesem Fall ein Schlitz, darunter leidet. Die meisten Schrauben lösen sich mit etwas Nachdruck. Allerdings will der obere Teil des Gehäuses, auf dem die Bedienelemente sitzen, seine eheähnliche Verbindung mit dem Unterteil noch nicht lösen. Ich vermute ein paar sogenannte Sprengringe, die sich in die Nuten auf den Achsen für den Filmtransport krallen. Ich bin überrascht, wie gut ich mich auskenne. Es tut mir Leid. Mechanik: Männerthema. Hasi wendet sich etwas angewidert ab und tut gelangweilt. So ein Mist! Die Emanzipation der Frau hat sich noch nicht in das Innenleben dieser Kamera vorgewagt. Vor ein paar Jahren erzählte mir eine Freundin, wie sie früher mit ihrem Vater Bootsmotoren zerlegt hat. Das tat sie mit sichtbarem Stolz. Ich weiß noch genau, wie ich sie ein bisschen dafür beneidete. Jeder sollte mit seinem Vater Bootsmotoren zerlegen dürfen! Endlich entdecke ich die Sprengringe. Ohne richtiges Werkzeug ist das eine Riesenfummelei die Dinger abzukriegen. Wieder eine kleine Gelegenheit zum Klugscheißen: „Für Sprengringe, oder Wellensicherungsringe, wie man sie auch nennt, gibt es spezielle Sprengringzangen, die die Ringe bei Bedarf auseinanderdrücken, so dass man sie bequem von der Welle runterkriegt.“ Hasi schaut kurz von ihrer Lektüre auf. —Fehlt nur dass sie gähnt. Die nächsten Schrauben, die den Transporthebel am Gehäuse fixieren, schaffen wir zum Glück nur gemeinsam. Hasi klemmt einen von den Miniaturschraubenziehern nach meiner Anweisung in das Maul einer Rohrzange und ich drehe das Gehäuse langsam gegen den Uhrzeigersinn. Das Oberteil fällt endlich ab. Man sieht einen uhrwerkartigen Mechanismus, der das Auslösen und das Hochklappen des Spiegels steuert.

Ich schätze, dass das, was wir hier sichtbar wird, einen bestimmten Punkt in der Evolution der Technik markiert, den man als Industrienation mindestens erreicht haben muss. Alle wichtigen Herstellungsverfahren sind in diesem kleinen Gehäuse vereint. Feinguss, Stanzen, Fräsen, Biegen, Drehteile, ausserdem alle wichtigen Fügetechniken: Nieten, Kleben, Verschrauben, Sichern mit Federn, Splinten und Sprengringen und das alles mit einer Präzision, die Ehrfurcht gebietet. Die Spezialisten, die mit Schöpfungen wie dieser betraut wurden, sogenannte Feinwerktechniker, haben ab jetzt Gottstatus für mich. Sie alleine besitzen die unbekannten Mächte mit denen sie die feinmechanischen Miniaturwelten in Bewegung versetzen können. Entworfen wurde das komplizierte Innenleben im Übrigen noch ohne Computer. In hochdiffernzierten, arbeitsteiligen Prozessen. Mit Wissen, dass sich in Kreisen von Experten über Generationen hinweg weiterentwickelt hat. Das Gerät ist geschätzt 40 Jahre alt und eigentlich nichts besonderes, eher Mittelklasse. Das Herstellungsland der Kamera, die ehemalige DDR, verfügte nicht im Ansatz über die Produktionsbedingungen des Westens, trotzdem war die Herstellung dieses Geräts dort möglich. Nationen, die heute nicht in der Lage sind so ein Ding auch nur annähernd zur Serienreife zu bringen, sind auf der Landkarte der Technik nicht existent. Auch die DDR konnte nicht wirklich schritthalten, mit dem Fortschritt. Die kleine sozialistische Enklave ging in etwa zu dem Zeitpunkt unter, an dem in ihrem Inneren noch behauptet wurde, dass die zentralen Recheneinheiten der DDR-Computer Eigenentwicklungen wären. Ich überlege, ob die Karten für die Technologiebeherrschung durch die neuen Fertigungsverfahren der Industrie 4.0, oder vielleicht durch Informatik und Biotechnologie neu gemischt werden könnten und ob in Zukunft andere Spielregeln für den globalen Wettbewerb gelten werden. App gegen Apparat sozusagen. Wird es für Schwellen- und Entwicklungsländer jemals eine gerechte Teilnahme am globalen Markt geben? Schon fünf Jahre technologischer Vorsprung gelten heutzutage als uneinholbar. Ausserdem werden, dort wo es drauf ankommt, die geologischen Ressourcen von den technisch am höchsten entwickelten Ländern kontrolliert —sicherheitshalber. Noch geht ein tiefer Graben durch die Welt, noch stehen die Elfenbeintürme.

Fitness

Manchmal reicht es einfach nicht den ganzen Tag müde zwischen den Datenströmen rumzuhängen. Zwischen den vielen Instagram- und Facebook-Posts, der Lektüre von Lifestyle- und Modeblogs, und abertausenden WhatsAppNachrichten wird leicht vergessen, dass da noch etwas ist, was das Smartphone hält. Dieses Etwas, so nutzlos es manchmal auch wirkt, will von Zeit zu Zeit bewegt werden. Ja, es ist, so ganz real und ohne Bildbearbeitung nicht immer schön. Es beherbergt diverse unverständliche Stoffwechselprozesse, die zu Gerüchen führen können, zur Absonderung von Schweiß und anderen Abbauprodukten. Das mag manch einem oder manch einer nicht gefallen, aber die Evolution der letzten paarhunderttausend Jahre hat es einfach nicht besser hingekriegt. Die aktuelle Hardware ist mit Homo sapiens  gelabelt, was soviel wie »der weise Mensch« bedeutet, ob damit auch der Körper gemeint ist, bleibt unklar. Es wirkt auf den ersten Blick etwas unsmart, dieses Gebilde, so ganz nackt ohne Bluetooth und WLAN. Kompatibilitätsprobleme mit dem Lebensumfeld der Hypermoderne wurden – Natur sei Dank – nicht rechtzeitig genug durch Firmware-Updates korrigiert. Ziemlich schlechter Service. Wenn Samsung zwanzigtausend Jahre lang keine Softwareupdates liefern würde, wäre das ein firmenvernichtender PR-Supergau. Der eigene Körper, er passt irgendwie so garnicht mehr in die cleane Welt des Internets. Am liebsten hat man ihn heutzutage als bearbeitbare, vermarktbare Oberfläche. Als Projektionsfläche für die Erzeugung des eigenen Image. Wozu sollte dieses, von Sehnen, Knochen und ein paar Bandscheiben zum aufrechten Gang gezwungene Ding sonst noch nützlich sein? Web 2.0 gegen Body 1.0, wie lange das wohl noch gut geht?

Vor ein paar Tagen wurde ich zum Augenzeugen einer stadtbekannten Laufveranstaltung. Da waren sie real zu sehen. Angestrengte Körper. Leidende Körper. Schwitzende Körper. Nein, schön sind sie nicht immer, diese Körper. Auch die trainierten. Im Netz sieht das alles immer so leicht aus, Basejumping, Freeclimbing, Parcour mit Selfie-Drohne. Gefilmte Power-Workouts von von Superbarbies und Superkens. Der Körper, scheinbar geht das nur noch von außen, unter medialer Beobachtung. Sehr zum Glück der hart Trainierenden, erlaubt die heutige Mess- und Datenverarbeitungstechnik auch öffentliche Einblicke auf Leistungskurven und Trainingsparameter. Das macht nicht nur den sportlichen ShowOff  einfacher, sondern führt endlich zum ersehnten Ziel aller Krankenkassen: Der Einheit aus Körper und Datensatz.

Einfach nur Joggen, um das Knirschen der Kieselsteine unter den Sportschuhen zu hören: Ziemlich uncool. »Bitte bei Frischluftaktivitäten immer des Smartphone mitführen!« So steht es jetzt auf Schildern am Eingang des Parks. Allein das Laufen ist langweilig. Nur die individuelle BigData-Playlist auf Spotify  macht die Bewegung an frischer Luft irgendwie erträglich. Eins sein müssen mit dem Körper, mit dem Geschnaufe der Lungenflügel, mit dem Pochen des eigenen Pulses, mit den ständigen Vibrationen, die die laufende Bewegung auf der Erdoberfläche erzeugt: Es ist kaum auszuhalten. Das alles womöglich mit Gegenwind, Kälte, Regen und Schmutz dazu. Gerade Schmutz: Die Natur ist voll davon. Mehrere hundert Millionen Bakterien pro Tropfen Schlamm. Das ist höchst fahrlässig. Die Natur hat Schwein, dass sie ihr Unwesen nicht in Amerika treibt, sonst wären die Klagesummen astronomisch.

Wie ich zu meinem Körper stehe? Wie soll ich das nur beschreiben, so einfach aus mir selbst heraus? Gut, das Geknirsche der Kiesel beim sportlichen Trab im Park nervt mich auch. Deswegen laufe ich nur selten im Park. Meistens renne ich, wenn ich davon bedroht bin eine Verbindung des öffentlichen Personennahverkehrs zu verpassen. Ich bevorzuge stattdessen, wie die nicht vorhandenen Leser meines Blogs wissen müssten, die zweirädrige, nicht motorunterstützte Fortbewegung per Fahrrad. Nicht nur zu Zwecken des Sports, sondern auch ganz im Allgemeinen zum Transport meines Körpers. Das ist manchmal anstrengend. Es wird auch immer anstrengender. Das Alter, ich meine es schon zu spüren. Nicht dramatisch, aber bemerkenswert. Vielleicht ergibt die Gleichung aus nachlassender Kraft mal  Lebensalter gleich  Lebenswiderstand doch Sinn? Vielleicht besteht der Mehrwert darin, es durch die Überwindung von Widerstand stärker zu spüren zu können, das Leben. Auch durch die Bewegung, die immer schwerer fällt. Das erfordert die Überzeugung, den Willen und den Mut zu sich selbst zu stehen und sich immer noch spüren zu wollen. Keine schlechten Eigenschaften, wie ich finde.