Aufräumen mit Erika

Revolution klappt nur mit Widerstand. Wenn der Widerstand darin besteht, im Richtigen Moment nichts zu tun, ist auch das Nichtstun eine Form von Revolution. Jeder Esel würde an dieser Stelle mit dem Kopf nicken, wenn Esel dazu neigen würden ihre Zustimmung durch Kopfnicken zu äußern, was sie generell nicht tun, denn sie sind eher für das Gegenteil der Zustimmung bekannt. Esel sind schlaue Tiere, die sich einfach durch nicht-mehr-weitergehen widersetzen. Stiller Protest fängt im Grunde mit einem: „Nee, mach ich nicht, hab ich keinen Bock drauf!“ an, es reicht schon, wenn die innere Stimme, diese Worte formt. Natürlich muss hart unterschieden werden zwischen Ignoranz und echter Renitenz. Ignoranz ist nur ein Grundzustand, dem unbedingt die Aufklärung folgen muss. Die Renitenz, oder Aufsässigkeit, spielt in einer komplett anderen Liga. Komischerweise fällt mir beim Gedanken an zivilen Ungehorsam immer als erstes meine Nachbarin »um´s Eck«, die Erika ein. Sie ist ein besonderer Fall, schwer vom Gegenteil von irgendwas zu überzeugen, im besten Sinne störrisch und irgendwie auch chronisch Beratungsresistent. Sie beharrt eben auf ihrer eigenen Meinung. Meine gut gemeinten Ratschläge zur Hundeerziehung prallen an einem unsichbaren Schirm, der sie anscheinend im Hörweite umgibt, ab. Sie besteht quasi auf den Neurosen ihres kleinen Terriermischlings. Es ist echt zwecklos. Schwamm drüber. Trotzdem findet sie sich nicht einfach mit dem Zustand der Welt ab. Die Nullbockphase, hat sie im Grunde schon lange hinter sich gelassen. Ja, sie ist im besten Sinn des Wortes zu einer Aktivistin gereift. Ich treffe sie fast täglich direkt vor meiner Haustür. Der Hund muss raus und Erika mit ihm. Durch die vielen Gassigänge hat Erika einen weiten Überblick über die nachbarschaftlichen Verhältnisse. Wie sich zeigen wird, ist das gut so.

Erika enstammt einem riesigen familiären Netzwerk, einfacher, hart arbeitender Geschwister, Cousinen, Cousens, Tanten, Onkel. Wie die meisten kleinen Leute, ist Erika ihren Grundsätzen immer treu geblieben: Arbeite hart, sei aufrichtig. Jetzt im arthrosebedingten Vorruhestand bleibt sie diesen Maßgaben strickt verpflichtet. Ihre Pünktlichkeit erkennt man daran, dass man die eigenen Uhren nach ihrem Klingeln an der Haustür stellen kann, wenn man mit ihr und ihrem Terriermix zu einem nachmittäglichen Stückchen Kuchen verabredet ist. Die Verabredung ist um drei, Erika klingelt, also ist es Punkt drei Uhr. Man könnte jetzt sagen, dass das überhaupt nichts besonderes ist und wieviel Charme doch ein bisschen Unpünklichkeit hat, akademisches Viertel und so weiter. Falsch! Erikas Pünktlichkeit ist ein Zeichen, dass es auch anders geht. Dass Verabredungen eingehalten werden und zwar nach einmaligen kurz drüber reden und nicht erst nach mehreren Dutzend WhatsApp-Nachrichten, SMS oder e-Mails. Man verabredet sich, man trifft sich, und ist dabei gewohnheitsmäßig schweinepünktlich. Ende. Letzlich haben wir uns zufällig am Altpapierkontainer getroffen. Für mich war die Situation, man könnte sagen: „In Ordnung.“ Was Ordnung angeht, bin ich allerdings in Erikas Anwesenheit nicht der Maßstab. Ihr fiel sofort ins Auge, dass da etwas quer steckte. Irgendwer hatte sich bei Amazon eine Babywippe kommen lassen und den relativ sperrigen Karton einfach so in den Altpapierkontainer reingestellt, dass weder der Deckel zuging, noch dass Platz für weiteren Papiermüll blieb. Platzverschwendung, Unachtsamkeit! Eine Beleidigung für Erika´s Ordnungssinn. Nachdem Erika das Offensichtliche ansprach, fands ich´s dann auch irgendwie —unpassend. Ich nannte sie bereits eine Aktivistin, hier also ein Beispiel ihres Tatendrangs: Sie zieht den Karton aus dem Container, holt blitzschnell ein kleines Klappmesser aus ihrer Tasche, zerteilt damit die Amazon -Klebebanderole, faltet den Karton innerhalb von Sekunden klein und läßt ihn im Container verschwinden. Ich bin beeindruckt und beschämt zugleich. Danach entdeckt sie noch ein paar Biergläser, die jemand im Gebüsch verschwinden lassen wollte. Um auch noch ein paar Karmapoints abzukriegen, nehme ich die Gläser an mich und entsorge sie bei uns Zuhause im Restmüll. Dabei zirkulieren mir plötzlich Begriffe im Kopf, die mein Selbstbild unangenehm streifen: Vorbildhaftigkeit, Aufrichtigkeit, soziale Verantwortung, Ordnungssinn.

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Mechanik

Gemeinsam sitzen Hasi und ich in ihrem neuen Atelier. Besuche in Ateliers sind etwas besonderes. Kunst ist immer da, wo etwas besonders ist. In Ateliers wird vieles besonders. Sie drückt mir eine alte DDR-Fotokamera in die Hand. Behauptet, dass diese nicht mehr funktioniert. Ob wir die Kamera nicht auseinander schrauben könnten. Sie war im Baumarkt, jetzt kramt sie in ihrer Einkaufstasche, holt ein Set Uhrmacherschraubenzieher hervor. Noch ehe ich meine Einwände ausformuliert habe, beginnt sie schon an den ersten Schrauben des Gehäuses herumzudrehen. Es kostet mich etwas Überwindung ihr zur Hand zu gehen. Der Respekt für feine Mechanik ist noch in mir drin, auch wenn die Behauptung möglicherweise stimmt, dass der Fotoapparat nicht mehr richtig funktioniert. Überhaupt: Was soll das bringen diesen Apparat zu zerlegen, wo man sowieso nicht in der Lage wäre ihn wieder zu reparieren? Ach so: Alles reine Neugierde. Ich fange an klugzuscheißen, wie es sich für einen Mann gehört, der einer Frau dabei zusieht, wie sie mechanisches nicht versteht. Als ich sehe wie sie einen der kleinen Schraubendreher (ja, es heißt Schraubendreher, nicht Schraubenzieher) schräg ansetzt, um eine der winzigen Gehäuseschrauben loszudrehen, platzt es aus mir heraus: „Lass mich mal!“ Ich erkläre ihr, dass ein Schraubendreher immer genau in der Achse der Schraube rotiert werden muss, da sonst die Werkzeugaufnahme, in diesem Fall ein Schlitz, darunter leidet. Die meisten Schrauben lösen sich mit etwas Nachdruck. Allerdings will der obere Teil des Gehäuses, auf dem die Bedienelemente sitzen, seine eheähnliche Verbindung mit dem Unterteil noch nicht lösen. Ich vermute ein paar sogenannte Sprengringe, die sich in die Nuten auf den Achsen für den Filmtransport krallen. Ich bin überrascht, wie gut ich mich auskenne. Es tut mir Leid. Mechanik: Männerthema. Hasi wendet sich etwas angewidert ab und tut gelangweilt. So ein Mist! Die Emanzipation der Frau hat sich noch nicht in das Innenleben dieser Kamera vorgewagt. Vor ein paar Jahren erzählte mir eine Freundin, wie sie früher mit ihrem Vater Bootsmotoren zerlegt hat. Das tat sie mit sichtbarem Stolz. Ich weiß noch genau, wie ich sie ein bisschen dafür beneidete. Jeder sollte mit seinem Vater Bootsmotoren zerlegen dürfen! Endlich entdecke ich die Sprengringe. Ohne richtiges Werkzeug ist das eine Riesenfummelei die Dinger abzukriegen. Wieder eine kleine Gelegenheit zum Klugscheißen: „Für Sprengringe, oder Wellensicherungsringe, wie man sie auch nennt, gibt es spezielle Sprengringzangen, die die Ringe bei Bedarf auseinanderdrücken, so dass man sie bequem von der Welle runterkriegt.“ Hasi schaut kurz von ihrer Lektüre auf. —Fehlt nur dass sie gähnt. Die nächsten Schrauben, die den Transporthebel am Gehäuse fixieren, schaffen wir zum Glück nur gemeinsam. Hasi klemmt einen von den Miniaturschraubenziehern nach meiner Anweisung in das Maul einer Rohrzange und ich drehe das Gehäuse langsam gegen den Uhrzeigersinn. Das Oberteil fällt endlich ab. Man sieht einen uhrwerkartigen Mechanismus, der das Auslösen und das Hochklappen des Spiegels steuert.

Ich schätze, dass das, was wir hier sichtbar wird, einen bestimmten Punkt in der Evolution der Technik markiert, den man als Industrienation mindestens erreicht haben muss. Alle wichtigen Herstellungsverfahren sind in diesem kleinen Gehäuse vereint. Feinguss, Stanzen, Fräsen, Biegen, Drehteile, ausserdem alle wichtigen Fügetechniken: Nieten, Kleben, Verschrauben, Sichern mit Federn, Splinten und Sprengringen und das alles mit einer Präzision, die Ehrfurcht gebietet. Die Spezialisten, die mit Schöpfungen wie dieser betraut wurden, sogenannte Feinwerktechniker, haben ab jetzt Gottstatus für mich. Sie alleine besitzen die unbekannten Mächte mit denen sie die feinmechanischen Miniaturwelten in Bewegung versetzen können. Entworfen wurde das komplizierte Innenleben im Übrigen noch ohne Computer. In hochdiffernzierten, arbeitsteiligen Prozessen. Mit Wissen, dass sich in Kreisen von Experten über Generationen hinweg weiterentwickelt hat. Das Gerät ist geschätzt 40 Jahre alt und eigentlich nichts besonderes, eher Mittelklasse. Das Herstellungsland der Kamera, die ehemalige DDR, verfügte nicht im Ansatz über die Produktionsbedingungen des Westens, trotzdem war die Herstellung dieses Geräts dort möglich. Nationen, die heute nicht in der Lage sind so ein Ding auch nur annähernd zur Serienreife zu bringen, sind auf der Landkarte der Technik nicht existent. Auch die DDR konnte nicht wirklich schritthalten, mit dem Fortschritt. Die kleine sozialistische Enklave ging in etwa zu dem Zeitpunkt unter, an dem in ihrem Inneren noch behauptet wurde, dass die zentralen Recheneinheiten der DDR-Computer Eigenentwicklungen wären. Ich überlege, ob die Karten für die Technologiebeherrschung durch die neuen Fertigungsverfahren der Industrie 4.0, oder vielleicht durch Informatik und Biotechnologie neu gemischt werden könnten und ob in Zukunft andere Spielregeln für den globalen Wettbewerb gelten werden. App gegen Apparat sozusagen. Wird es für Schwellen- und Entwicklungsländer jemals eine gerechte Teilnahme am globalen Markt geben? Schon fünf Jahre technologischer Vorsprung gelten heutzutage als uneinholbar. Ausserdem werden, dort wo es drauf ankommt, die geologischen Ressourcen von den technisch am höchsten entwickelten Ländern kontrolliert —sicherheitshalber. Noch geht ein tiefer Graben durch die Welt, noch stehen die Elfenbeintürme.