Das kann weg

Die Christov-Bakargiev war an allem Schuld, da war sie sich sicher. Renate Appeldorns Blick fällt aus dem Fenster ihres Büros und tut sich dabei weh. Die Zusammenhänge des Weltgeschehens verlaufen manchmal in sehr weitläufigen Bahnen. Für Aussenstehende sind sie ohne erklärende Worte einer weitsichtigen Person nicht zu erfassen. Gespannt folge ich ihren Ausführungen. Wie zum Beispiel mit der documenta 13 die Unordnung kam. Erst in die Karlsaue, den zentralen Park der Regionalmetropole Kassel, dann in die Stadt selbst, und wie sich die Unordnung anschließend in der restlichen Welt, insbesondere der Welt der Kunst unkontrollierbar ausbreitete. Ich bemühe mein Erinnerungsvermögen, überlege kurz welche Saat der Unordnung sie meinen könnte, schließlich war ich auch Zaungast des Kunstspektakels. „Ach ja, sicher! Da war doch dieser Turm aus alten Türen, dieses bekannten chinesischen Künstlers, der von einer nordhessischen Windböe in Stücke gerissen wurde.“ Renate Appeldorn schaut mich irritiert an, dann korrigiert mein Gedächtnis in einem näselnden Ton: „Dieser Türbau zu Babel, gehörte zur documenta davor. Die documenta 13, das war die mit den Hunden.“

Carolyn Christov-Bakargiev, Kuratorin der 13. documenta, hatte die alle fünf Jahre stattfindende, weltgrößte Kunstausstellung unter das Motto »Zusammenbruch und Wiederaufbau« gestellt. Kein Wunder, dass es bei diesem Thema ein bisschen chaotisch zuging: Freilaufende Hunde, getürmte Autowracks, eine aus Sperrmüll zusammengezimmerte Siedlung und geschickt als Land Art getarnter Bauschutt. Ai Wei Wei´s Arbeit Template (Türbau zu Babel, Renate Appeldorn) hätte zumindest im eingeknickten Zustand sehr gut in das Programm der 13. documenta gepasst. Davon abgesehen muss es einen im Allgemeinen immer wieder erschrecken, mit wieviel Chaos und scheinbaren Zufällen man als Besucher von Kunstausstellungen umgeben ist. Als würde uns die Realität nicht schon mit genügend Dingen umhüllen, bei denen keine Chance besteht irgendetwas vorrauszuahnen, zu steuern, oder sonstwie vernunftbetont mitzuwirken. Renate Appeldorns Blick streift wieder den spärlich bewachsenen Bruchsteinhaufen vor dem Fenster. Die Harmonie war gestört, da mußte ich ihr beipflichten, obwohl ich selbst über kein besonders empfindsames Bewußtsein für Grünanlagen verfüge. Ihr Blick hatte zumindest innerhalb der Bürozeit keine Optionen, die Aussicht war sozusagen unausweichlich. Ich verspüre einen kleinen Anflug von Mitleid. Der Steinhaufen, der von jungen Kunststudenten im Atrium der Kunsthochschule sich selbst überlassen wurde – ob mit künstlerischer oder entsorgungstechnischer Absicht, war nicht ganz eindeutig – erlaubte den unfreiwilligen Betrachtern seit einiger Zeit vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten. Renate Appeldorn erinnerten die havarierten Sandsteinblöcke unangenehm an Grabaushub. Ich merke an, dass es doch immerhin so aussehe, als ob der Baum im Hintergrund einen seiner Äste – wie zur Wiedergutmachung – in Richtung ihres Arbeitsplatzes ausstrecken würde. „Das sieht leider nur so aus, der ist abgebrochen.“ Sie wirkt fast ein wenig gekränkt, als sie das sagt. Anscheinend gibt es an dieser Stelle keine Hoffnung auf ein friedliches Miteinander von Mensch, Natur und Kunst. Bevor wir uns wieder gemeinsam den Klauseln von studentischen Hilfskraftverträgen widmen, merkt sie noch an, dass sie bereits mit den Hausmeistern über die Beseitigung der Artefakte im Gespräch war, aber die hätten zur Zeit wohl wichtigeres im Sinn als Ansichtsbereinigung. Ich nehme an, dass sich in diesem Fall die Ist-das-Kunst-oder-kann-das-weg-Frage erübrigt.

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Affen

Draussen in der Kälte sehe ich kleine Gestalten umherstapfen. In ihren daunengefütterten Overalls wirken die Kinder wie die Astronauten der ersten Mondmission. Jeder hat sie schonmal gesehen, diese verwackelten Schwarz-Weiß-Bewegtbilder, bei denen nach wie vor noch nicht ganz geklärt ist, ob sie vielleicht doch in einem Filmstudio entstanden sind. Im Unterschied zu den Originalaufnahmen, herrscht bei den kleinen Abenteurern vor meiner Haustür keine stille Demut vor der Erkundung der neuen Welt. Der Entdeckerdrang der thermisch isolierten Menschenkinder beschränkt sich darauf alles Mögliche mit ihren Snowboots zu zertrampeln und sich gegenseitig anzuzicken. Gibt es etwa noch eine andere vor der Weltöffentlichkeit verborgene Wahrheit der ersten bemannten Mondmission? Vielleicht haben sich Buzz Aldrin und Neil Armstrong auch erstmal gepflegt darum gezanckt wer als erster einen Mondstaubhaufen mit seinen Moonboots plätten darf. Ein kleiner Tritt für einen Mann, ein großer Schritt für die Menschheit… Eventuell muss die Geschichte der Raumfahrt umgeschrieben werden.

Folgt man den kenntnisreichen Ausführungen von Artenforschern, so wird ein nicht unerheblicher Teil des Wesens höherer Menschenaffen, zu denen auch wir Menschen gehören, von der sogenannten machiavellistischen Intelligenz bestimmt. Niccolò Machiavelli war ein italienischer Philosoph und Diplomat der Renaissance. Machiavelli beschäftigte sich unter anderem mit Konzepten der Kriegs- und Staatsführung. Durch Analyse und empirische Beobachtung der damaligen Machtverhältnisse, gelangte er zu der Erkenntnis, dass sich die Geschicke eines Staates am ehesten mit einer Mischung aus Willkür, Scheinheiligkeit und im Bedarfsfall mit Gewalt lenken lassen. Täuschen und tricksen. Nerven und zertrampeln. Scheinbar sind Täuschungsmanöver, um sich Vorteile gegenüber Artgenossen zu verschaffen, unter Primaten ein weitverbreitetes Mittel. Die Schimpansologen meinen dazu, dass sich derartige Verhaltensweisen nur innerhalb der Dynamik von größeren sozialen Gruppen entwickeln konnten. Passt das Postfaktische also doch ganz gut in unser evolutionäres Selbstkonzept? Ist die Erfindung der Lüge unsere eigentliche große Kulturleistung? Ist das Verbreiten von Fake-News in sozialen Netzwerken nur ein Beleg unseres hohen Entwicklungsstands?

Selbstverständlich nicht! Mutter Natur hat an alles gedacht und uns die Wegfahrsperre fürs Ego direkt in den Kopf eingebaut: Die Amygdala ist ein wichtiges kleines Hirnareal, das an unseren vorderen Schläfenlappen angrenzt. Sie sorgt normalerweise für unser Unrechtsbewußtsein. Allerdings haben Neurologen gerade herausgefunden, dass man sie durch häufiges Lügen – quasi als Trainingseffekt – ausknipsen kann. Um diese Beobachtung zu untermauern haben die fleißigen Hirnforscher zusätzliche Tests mit richtig krassen Verdrängern durchgeführt. Dabei kam heraus, dass die Amygdala – wer hätte es anders gedacht – bei Psychopathen erstaunlich inaktiv ist.

Der britische Psychologe Kevin Dutton ging noch einen Schritt weiter: In einer sehr umfangreichen Studie analysierte er, wie die psychopathischen Eigenschaften innerhalb der Erwerbsbevölkerung eines ganzen Landes verteilt sind. Überdurchschnittlich viele seiner Probanden, die in den klassischen Entscheiderjobs tätig sind, wiesen seiner Umfrage zufolge, psychopathische Tendenzen auf. Genauer: Probanden aus diesen Personengruppen waren deutlich besser in der Lage, ethische und moralische Bedenken bei Seite zu schieben. Das Psychopathenranking der ersten Plätze fällt demnach erwartungsgemäß aus: Firmenbosse, Anwälte, Radio- und Fernsehjournalisten, Marketingleute, Chirurgen, Printjournalisten, Polizisten, Geistliche. Chirurgen und Geistliche? —Wer hätte das geahnt? Laut Dutton sei das kein Wunder: Psychopathen würden besser als andere in Berufen mit hoher Machtdynamik und strengen Hierarchien klarkommen. Was ich ein bisschen peinlich finde, ist, dass Dutton im Umkehrschluß empfiehlt, die Strategien der Psychos zu imitieren um die berufliche Karriere voranzutreiben. Das klingt ein bisschen wie eine Anleitung zur Amygdala-Desensibilisierung.

Politiker kommen übrigens in seinem Ranking nicht vor. Wenn aber nur vier Prozent von ihnen durchgeknallt wären, das entspräche dem verhältnismäßigem Anteil der psychopathischen Unternehmensvorstände, dann könnte dies erklären, warum die Nachrichten der letzten Zeit randvoll mit diesen schrägen Oberaffenthemen sind. Eine Meldung der letzten Tage sorgt zumindst im Fall von Donald Trump für Entwarnung: Trump ist anscheinend für kurze Zeit (und nur versehentlich) einem Twitter Account mit kleinen Kätzchen gefolgt. Glaubt man den neuesten Erkenntnissen der statistischen Psychopathenforschung, ist das ein klares Indiz dafür, dass Trump kein gefährlicher Psychopath ist. —Denn die würden sich deutlich eher für Zierfische als Haustiere begeistern.