Märchenstunde

Weil ich unfreiwilliger Abonnent von zwei Technik-Newsfeeds bin, landen regelmäßig kurze Informationstexte über die technische Neuerungen in meinem E-mail-Postfach. Zugegeben: Diese als Unterhaltung getarnte Werbung ist mir auch lieber als die Werbebeilage im Stadtmagazin, weshalb ich sie noch nicht abbestellt habe. Mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier führe ich mir die Inhalte – bei ausreichender Langeweile – ab und an zu Gemüte. Neben anderen Themen, war heute die Ankündigung eines namhaften europäischen Automobilkonzerns dabei, in naher Zukunft, und unter dem Dach einer neuen Marke, ein reines Elektroauto produzieren zu wollen. Ich nenne keinen Namen, denn es bedarf an dieser Stelle keiner herstellermäßigen Unterscheidung. Die Marketingaktivitäten der großen Autobauer sind sich in diesem Punkt alle sehr ähnlich. Digitalisierung und sportliche Performance stehen immer ganz oben auf der Agenda. Man darf mit Superlativen rechnen. Ich lasse mich vom Datenstrom einsaugen und lande schließlich auf dem Video, in dem der erste der Wagen der neuen Marke den Vertretern der Fachpresse präsentiert wird. Die Vorstellung beginnt standesgemäß. Nach und nach erscheinen wichtige Repräsentanten der Firma unter dem selbstleuchtendem, übermenschlich großem Logo. Auf einer riesigen, nur schummrig bestrahlten Bühne, werden schließlich zwei Prototypen des Autos feierlich enthüllt. Blitzlichtgewitter und Raunen dringt vom Parkett. Die Märchenstunde beginnt.

Der Vorstandsvorsitzende, ein schneidiger Typ, der ohne Krawatte in einem gelbschimmernden Anzug steckt, erläutert die Vorzüge des neuartigen Gefährts. Begleitet von einer riesigen Beamerpräsentation, die parallel zu seinen Ausführungen im Hintergrund abläuft, wirkt er im ersten Moment wie einer dieser Diplom-Meteorologen vor der digitalen Wetterkarte. In aufwändigen 3D-Animationen wird das neuartige Automobil in seine technischen Bestandteile zerlegt. Als Material, das alles möglich macht, taucht immer wieder das gute alte Carbon (Kohlefaserverbundwerkstoff) auf, das als Wunderwerkstoff gepriesen wird. Die Karosserie würde durch die Verwendung des Leichtbaustoffs nicht nur wesentlich weniger wiegen, sondern auch Verwindungssteifer sein, weshalb man überhaupt erst diese schnittige Coupé-Bauform hätte realisieren können. Der Fortschritt in Kürze: 250 Kilogramm leichter (Als was? Es existiert keine Angabe des Gesamtgewichts.), 45% steifer, etwas tiefer und etwas breiter. Seltsam bleibt, bei soviel Neuartigkeit, allein die Tatsache, dass das man sich beim Anblick der neuen Formsprache ständig an amerikanische Muscle-Cars aus den siebziger Jahren erinnert fühlt. Anscheinend sind diese agressiven Formen ein allgemeingültes Designstatement für Fahrdynamik. Während des Vortrags werden weitere einzigartige Verkaufsargumente aufgezählt. Die „Inner Secrets“ des Antriebsstrangs bestünden aus mehreren superstarken Elektromotoren und Akkus der neuesten Generation (noch) in Kombination mit einem Verbrennermotor, sowie einem speziellen System zur Steuerung der Kraftübertragung. In der Summe: Technische Neuerungen um schneller um Kurven herumzukommen und schneller Beschleunigen zu können, gepaart mit einer famosen Reichweite von 150km. Beeindruckend, nicht wahr? Bei diesen mannigfaltigen Innovationen, fällt es etwas schwer den Blick für das Wesentliche zu behalten. Damit etwas Klarheit in das Dickicht des Novitäten-Dschungels kommt, versuche ich mich kurz an einer Übersetzung des Infotainments in Fakten mit mehr Realitätsbezug:

Um uns Primaten die Elektromobilität schmackhaft zu machen, bedarf es einiger Winkelzüge. Das ist wie mit dem Veganismus. Beides zielt im Grunde auf eine nachhaltige Verhaltensänderung ab, scheitert aber schnell an unserer Unfähigkeit von Gewohntem zu lassen. Die Warenwirtschaft nutzt diese Bewußtseinslücke sehr plump aus —mit Produkten, die uns vorgaukeln, durch sie wäre Veränderung ohne Verhaltensanpassung möglich. Ein Beispiel sind etwa diese veganischen Analogien, also Fleischersatz in Wurst- und Schnitzelform, hergestellt mit Inhaltsstoffen unbekannter Herkunft. Die wichtigste Frage in der Produktentwicklung ist offensichtlich nicht: Wie gut geht neu? Sondern: Woran haben wir uns gewöhnt in den letzten Dekaden? Im Falle von Individualverkehr lautet die Antwort: An Gasfußgeprotze, Ampelrennen, Survival of the drehmomentstärkste Karre. Davon zu lassen fällt schwer, das kann ich echt verstehen. Soziales, umweltverträgliches Miteinander bietet nicht so viel eindeutiges Distinktionspotenzial. Deswegen muss die neuartige Elektrokarre aussehen wie ein blutiges Steak auf Rädern. Umweltfreundlich ist diese Form der Mobilität übrigens keineswegs. Die Herstellung von Kohlefaserverbundwerkstoffen ist eine ziemliche Sauerei. Man erhält hierzu seltsamerweise keine genauen Angaben, aber es wird gemunkelt, dass für die Herstellung des schwarzen Goldes der zwanzigfache Energiebedarf anliegt, wie für die Herstellung von Stahl. Recyclingfähig ist Carbon auch nicht, jedenfalls nicht in den mengenmäßigen Maßstäben der Automobilbranche. Wieso wird es dann eingesetzt? Weil man damit schneller um die Kurven rumfahren kann, selbstverständlich.

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Sicher

Versicherungen sind wie Anker, die das Schicksal in den undurchsichtigen Strömungen des Lebens berechenbar halten sollen. Hierbei geht es darum Risiko und Schutz in einer Klammer gegenüberzustellen. Was mathematisch zwar möglich ist, aber im Alltag ziemlich abstrakt bleibt.

Um unter den Schutzschirm eine Versicherung zu schlüpfen, bedarf es allerdings einiges Papierkrams. Ich bin kein Freund von Formularen. Wann immer ich diese papiergewordene Leere vor mir habe, bin ich unfähig sie mit den notwendigen Informationen zu füllen. Nach Möglichkeit suche ich mir einen menschlichen Lotsen für die Navigation zwischen den Spalten und Textfeldern. Als ich bei meiner Hausbank anfrage, die auch Versicherungen für jede Lebenslage anbietet, verweist mich eine freundliche Stimme am Telefon an meinen neuen Sachbearbeiter. In meiner Abwesenheit war die Bankfiliale, drei Staßen weiter, dicht gemacht worden, so erfuhr ich. Ich müsse nun in einen anderen Ortsteil zu einer anderen Filiale, um meine Haftpflichtversicherung in eine Familienhaftpflichtversicherung zu ändern. Am nächsten Morgen mache ich mich gleich auf den Weg.

Ich hatte Mucki ein paar Mal geradeso davon abhalten können, größeren Sachschaden zu verursachen. Dreijährige Jungen sind eine permanente Bedrohung für anderer Leute Hab und Gut. Mir wurde das langsam zu anstrengend diese zwergwüchsige Gefahr ständig mit Argusaugen im Blick zu behalten. Besser man überließ seine Nerven den professionellen Risikoexperten. Meinen neuen Kundenbetreuer habe ich allerdings nicht gefunden. Ich verirrte mich auf dem Weg zu ihm. Hielt aber an einer anderen Zweigstelle meiner Bank, die von Aussen als Versicherungsagentur gekennzeichnet war, um nach dem Weg zu fragen. Ich öffnete die Tür zum Kundencenter, einem Raum mit drei höhenverstellbaren Schreibtischen und drei Sachbearbeiterinnen darin, und erklärte mein Anliegen: Dass ich eigentlich einen Termin hätte, aber gerade nicht genau wüßte wo. Eine der Damen bittet mich an ihren Arbeitsplatz. Sie versucht herauszubekommen, wo ich mich befinden soll. Nach kurzer Recherche bestätigt sie mir, dass ich am falschen Ort bin. Ich frage, ob es nicht möglich sei – wo doch draussen Versicherungsagentur draufsteht – mein Anliegen gleich bei ihr zu erledigen. Nach kurzem Zögern bietet sie mir die Dienstleistung an, die eigentlich nicht mehr zu ihrem Aufgabengebiet gerhört.

Scheinbar hat auch sie ein Problem mit dem Ausfüllen von Formularen. Auf ihrem Bildschirm, so berichtet sie mir, würden widersprüchliche Informationen auftauchen. Es scheint ein relativ kompliziertes Verfahren zu sein, einen Privathaftpflichtvertrag in den Status Familie zu überführen. Schließlich gelingt es ihr, die erforderlichen Dokumente ausfindig zu machen. Ich frage sie, warum die unterschiedlichen Teile ihres Unternehmens so wenig miteinander zu tun hätten, wo doch draussen das Gleiche draufstände und ich doch eigentlich genau bei ihr richtig sitzen müsste, wegen dem Kundencenter-Schild und so. Darauf hin meint sie nur, dass sich das alles geändert hätte und eigentlich eine andere Filiale jetzt dafür zuständig sei. Früher aber, wäre bei ihr hier drinnen richtig was los gewesen. Sie erzählt mir Dinge, die selbst ich mir kaum vorstellen kann: Von Leuten, die damals monatlich bei ihr vorbeigekommen sind, um in Bar für ihre Versicherungsleistung zu bezahlen. Ich finde den Gedanken schön, jeden Monat für die eigene Sicherheit bei seiner Versicherung vorbeikommen zu müssen. Überlege mir, ob dieser regelmäßige Gang nicht Vorteile auf beiden Seiten hat: Für den Versicherten, weil er als Bareinzahler doch bestimmt ein immens gesteigertes Bewußtsein für die Risiken seiner Existenz hat, und für die Versicherung, weil genau dieses Risikobewusstsein des Versicherten Schadensfälle zuverlässig verhindert. Ja, tatsächlich, wenn ich so darüber nachsinne: Ich meine beobachtet zu haben, dass heutzutage, wo doch alles automatisch abgerechnet wird, wesentlich mehr Sach -und Personenschädliches passiert. Vielleicht ist der Vollautomatismus der Digitalisierung doch nicht so gut für die Allgemeinheit. In ein paar Jahren wird es die drei Sachbearbeiterinnen wahrscheinlich nicht mehr geben. Dann wird sich ein sprechender Algorithmus auf irgendeinem Server um meine Problemchen kümmern. Aber von wem sollen denn die wenigen verirrten Kunden erfahren, dass früher, zu den Zeiten in denen Versicherungsgeschäfte noch in Bar abgewickelt wurden, die Welt noch viel sicherer war?

Mein erstes Mal

Ein paar Wochen ist es her, da war mein Neffe Kofi zu Gast bei uns. Er besucht uns ziemlich regelmäßig, immer wenn die documenta in der Stadt ist. Also in etwa alle fünf Jahre. Das mit Kofi ist in etwa vergleichbar mit der Beobachtung von erdnahen Asterioiden, die alle paar Jahre an unserem Mutterplaneten vorbeischrammen. Man kann diese Himmelkörper und ihren Feuerschweif einen Moment lang im Fernrohr besichtigen, bevor sie wieder in den Tiefen des Alls verschwinden. Zügellose Trabanten, die einen immer wieder in ihren Bann schlagen, sobald sie sich dem eigenen Orbit nähern und einen mit einem Schweif aus Fragen und Vermutungen in der eigenen Umlaufbahn zurücklassen.

Kofi, ist ein echter Weltenbummler, spricht mehrere Sprachen fließend und hat meistens keinen lokalisierbaren Wohnsitz. Ich weiß im Grunde nicht viel über ihn. Nur, dass er ab und zu Autos nach Afrika verschifft und schöne Gedichte schreibt. Da stand sie also mitten im Raum, seine sehr weltgewandte italienische Echtleder-Reisetasche. Kofi selbst war schon wieder unterwegs. Auf Joggingschuhen. Kaum war er angekommen, war er auch schon wieder mal kurz weg —im Zeichen der Fitness. Es sollte noch eine gute Stunde dauern, bis wir uns zur Begrüßung in den Armen lagen. Ich freute mich innerlich schon ganz diebisch auf die Eindrücke seiner letzten Reisen. Das ist so, bei Leuten wie mir, die selber sehr ortsbezogen sind und es kaum schaffen das eigene Quartier zu verlassen. Kofi erzählte von seinem letzten Ausflug auf den Kontinent der Verwandten seines Vaters. Natürlich hatte er wieder ein Auto im Gepäck. Bei einem Zwischenstop in Hamburg spontan gekauft und danach schnell nach Ghana verschifft. Einen Wohnwagen hätte er sich auch gerade besorgt, für einen Arbeitsurlaub in Zürich. Er wollte da für vier Wochen rüber mit seiner Freundin. Was für Kofi in ein bis zwei Nebensätze passte, bedurfte für mich noch weiterer Erklärungen, da kam ich mit dem Finger auf der Landkarte nicht so schnell hinterher. Das mit der Freundin war eine neue Facette, die ich noch nicht an ihm kannte. Wie soll das auch gehen, feste Freundin und ständig unterwegs. Aber klar – Freundin die im Wohnwagen mitkommt, in den Arbeitsurlaub, um bei der gleichen Firma zu arbeiten – das geht natürlich auch mit dem Status gemeinsam nicht sesshaft. Leider hatte seine Liebste irgendetwas anderes zu tun, weshalb sie gerade nicht mit dabei war. Ich mache mir keine Hoffnung sie jemals persönlich kennenzulernen. Am nächsten Tag war ein Besuch der 14. documenta angesetzt. Ich hatte mich im Vorhinein etwas informiert. Man konnte bei der Veranstaltung nie ganz sicher sein, ob der Unterhaltungswert konstant gewährleistet ist. Besser man bediente sich Insiderwissen. Meine Informanten hatten mir zugetragen, dass es sich, vorallem bei den im Ottoneum (so heißt das hiesige Naturkunde-Museum) ausgestellten Arbeiten, um echte Geheimtipps handelte. Wir begannen unsere Runde auf der Weltkunstaustellung trotzdem zunächst mit den Standards. In der Neuen Galerie war die Dichte an politisch aufgeladener Kunst allerdings so hoch, dass offensichtlich niemand der Besucher in der Lage war, das zu verarbeiten, was die ausgestellten Künstler verarbeiteten. Ziemlich zombiehaft bewegten sich große Menschenströme durch die langen Gänge. Mein Fazit: Die Mischung aus Reizüberflutung und schlechter Luft knipst Menschengehirne verlässlich aus. Kofi und ich entschieden uns den konspirativen Tipps zu folgen und wir machten uns auf den Weg zum Ottoneum. Dort angekommen stellte Kofi fest, dass er seine Eintrittskarte wohl irgendwie verloren hatte, auf dem Fußmarsch. Aber kein Problem, Weltbürgern wie ihm wird immer gerne Zutritt gewährt, ob mit oder ohne Karte. Nach ein paar Metern befanden wir uns in einem Raum, in dem eine Videoinstallation epischen Ausmaßes lief. Verteilt auf zwei Videoleinwänden, beide mehrere Dutzend Quadratmeter groß, war ein Mensch zu sehen, der mit geflochtenen Tiermasken im Urwald umherstapfte. Passend zum jeweiligen Geschöpf das er verkörperte, führte er einen rituellen Tanz auf. Beeindruckend war nicht nur das Naturschauspiel, sondern auch die Auflösung der Videobeamer. Ich ertappte mich dabei, wie ich versuchte das Fabrikat der bildgebenden Medien auszumachen. Leider vergeblich. War das vielleicht die erste Vorstellung in voller 4K Auflösung, die ich hier erlebte? Bei aller Andacht für die atemberaubenden Naturaufnahmen, die bei ihrer Ursprünglichkeit, auch die Unfähigkeit des Menschen thematisierten, selbst nur ein Teil der Schöpfung zu sein – schon durch die Gabe des abstrakten Denkens und der Beherrschung von Technologie – muss ich einfach sagen, dass 4K-Videos wirklich, wirklich superscharf sind.

Wassermarsch II

Um nicht zuviel von der Wassershow zu verpassen, fingen wir an uns mächtig zu beeilen. Mit Mucki auf den Schultern hüpfte ich auf den engen Pfaden an den Kulturdenkmälern vorbei. Die kleinen, von Menschenhand geformten Felsvorsprünge flogen unter meinen Füßen nur so davon, wieder rannten wir vorbei an der Neptun Grotte und am Höllenteich, um die nächste Szene der Show zu ereichen bevor es zu spät ist. —So dachte ich. Wir erreichten die Wiese unterhalb der Teufelsbrücke gerade noch rechtzeitig —so meinte ich. Auf dem Gras sitzend stellten wir fest, dass eigentlich nichts passiert. Unruhe machte sich in mir breit. Hatten wir die Flut etwa schon verpasst? Waren die Kubikliter schon vor uns hier durchgerauscht? Die Zeit verging. Erfahrene Wasserspielbesucher versuchten uns zu beruhigen: Es wäre einfach noch nicht soweit. Das Wasser würde schon noch kommen. Endlich kündigte sich der nächste Akt des feuchten Schauspiels an, abermals mit einem sanft anschwellenden Gegurgel. Diesmal über unserern Köpfen und unterhalb einer kleinen, mitten im Fels platzierten Brücke. Erst mit einem leisen Plätschern, dann mit einer gebirgsbachhaften Dynamik rollte das künstliche Wildwasser einen kleinen Wasserfall hinab in ein Becken mit allerlei Wasserplfanzen darin. Das Grünzeug schien irgendwie überfordert zu sein, mit der plötzlichen Springflut. Als die Wogen sich wieder glätteten, machte sich die ganze Versammlung in einem meditativen Trott zur nächsten Stätte des Schauspiels auf . Almählich begriffen wir, dass der Reiz der Show nicht im möglichst schnellen Erreichen der nächsten Station lag, sondern in der Anpassung an die Form der Entschleunigung, die die Inszenierung des fließenden Wassers vorgegab. Der moderne Mensch, das getriebene Wesen, rechnet ständig damit irgendetwas zu verpassen, sollte er sich nicht schnell genug bewegen. Dies hier, war aber nun eine Lektion in Langsamkeit auf die man seine flüchtige Wahrnehmung erst einmal kalibriert haben wollte. Wir hörten auf uns zu beeilen, ließen den Dingen – ganz wörtlich – ihren Lauf. Der konstante Fluß der Zeit spielt eine untergeordnete Rolle, wenn das alchimistische Element Wasser den Rahmen vorgibt. Man muss dieses Event selbst erlebt haben, um seine Faszination zu verstehen. Ich hielt meine Sinnesorgane schon für sehr abgebrüht, spätestens seitdem mich ein Freund in den ersten Teil des Transformers-Sequels gezerrt hatte, einer Computergrafik-Materialschlacht ohne Erbarmen, bei der keine Einstellung länger als eine Sekunde stehen bleiben darf. Jedoch: Es haut einen tatsächlich um, wenn tausende Liter Wasser über eine 35 Meter hohe Klippe einen Abhang herunterrauschen, über das sogenannte Aquädukt. Man rechnet danach nicht mehr mit einer möglichen Steigerung und wird ganz postiv enttäuscht, wenn sich zum Schluss eine 30 Meter hohe, geysierhafte Fontäne, inmitten des Sees am Fuße des Gebirgsparks – wie aus dem Nichts erhebt. Mir geht durch den Kopf, dass dieser ganze Aufwand nur zum Zweck einer romatisch motivierten Sinnesfreude erdacht wurde und seit 300 Jahren betrieben wird. Ist das nicht fabelhaft? Eine unsichtbare, unterirdisch untergebrachte Maschinerie, die hektoliterweise Wasser einen Berg hinauf und hinab schafft, mitten in einem, in mühevoller Hingabe, über Jahrzehnte hinweg, umgestaltetem Stück Natur: Nur um die Menschen daran zu erinnern, wie schön die echte Natur eigentlich ist? Ich gerate ins Schwärmen.

Ein paar Wochen darauf wird dem Wasser in dieser  Stadt an anderer Stelle gehuldigt. Es findet ein bekanntes Volksfest statt, bei dem ein paar menschliche Nixen die Hauptrolle spielen. Neptun zu ehren – ich vermute das mal – werden mehrstöckige Gruppen von Wasserski-Akrobaten mit Hilfe leistungsstarker Motorboote über den Fluß gezogen. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut. So viel Nonsens, nur um zu beweisen, dass der Nonsens möglich ist. Das hält auf irgendeine seltsame Art und Weise meinen Glauben an  die Menschheit aufrecht. Fragt nicht nach dem Sinn: Wir machen das, weil wir es können!

Wassermarsch I

Vor einer Weile saß ich mit Mucki im Zug. Gemächlich rollten wir unserer Heimatstadt entgegen. Es war schon Abend und ich mußte ihn, wie das mit dreijährigen Jungen manchmal so ist, noch ein bisschen bei Laune halten bevor er richtig Müde wurde und einschlief. Eine Heldenfigur, die sehr prominent auf einem unübersehbaren Podest hoch über Stadt steht, kam langsam in Sichtweite. Ich versprach ihm, dass wir dem Standbild in allernächster Zeit einmal einen Besuch abstatten werden, und dass er, falls wir es wirklich die ganzen Stufen – hoch zum Herkules – schafften, oben ein Eis dafür bekäme. Bis ihm langsam die Augen zufielen, malten wir uns unser nächstes gemeisames Abenteuer noch in den schönsten Farben aus. Mucki hatte dem Heroen einen Spitznamen verpasst und so blitzte in den nachfolgenden Tagen der Herku immer mal wieder mal in seinen Erzählungen auf. Zwei Wochen später war es endlich soweit. Die Unternehmung fiel auf einen Sonntagnachmittag, was bedeutete, dass wir – ausser dem spektaukulären Aufstieg zum Fuße des Denkmals – auch noch in den Genuß der legendären barocken Wassershow kommen würden, die dort oben auf dem Gelände des Schlossparks seit dreihundert Jahren regelmäßig veranstaltet wird. Unsere Vorfreude erfüllte uns mit der speziellen Art von Enthusiasmus, den man nur auf wirklich bedeutsamen Expeditionen spürt. Bei der Eroberung der Südpols etwa, oder bei der Durchquerung der Taklamakan, oder – wie in userem Fall – bei der familären Erstbesteigung des Bergparks Wilhelmshöhe. Schnell erreichten wir mit einem blauen Nahverkehrsmittel die Basisstation am Fuße des Schlossbergs. Schon am Anstieg zum Schloß zeigte sich bei Mucki der unbedingte Wille, das Ziel noch am gleichen Tag zu erreichen. Oft schon hörte man guselige Geschichten von Kleinfamilien, die am Aufstieg kläglich scheiterten, sich im weitläufigen Bergpark veliefen und erst Tage später bei einem Stück Käsesahnetorte im Schloßcafè wieder gesichtet wurden. Dieses Schicksal war uns, der Zielstrebigkeit des kleinen Expeditionführers nach zu urteilen, nicht beschieden. Mucki ließ sich nicht ablenken von den schmeichelhaft in den Hang platzierten Tempelchen und von handgemauerten Natursteinbrücken, die den Verlauf eines künstlichen Gebirgsbachs immmer wieder malerisch kreuzten. Die Baum-Exoten und die kleinen menschengemachten Basaltklippen waren ihm Schnuppe, den mächtigen Aquädukt, den Teufelsteich und die Neptungrotte nahm er gerade so zur Kenntnis. Seine große Aufmerksamkeit galt allein dem Treppenaufgang zum Fuße des Herku. Diese Stufen führten schließlich zur sehnsuchtsvollen Verheißung: Dem Eis am Stiel. Zu unserer gemeisamen Überraschung schaffte Mucki den Aufstieg über die hunderten von Stufen ohne große elterliche Überredungskunst. Oben angekommen war der schöne Ausblick eine reine Nebensache. Wir waren ja noch nicht am Ziel. Kurze Zeit später saß unsere kleine Familie genüßlich eisschleckend und gipfelglücklich auf der breiten Terasse zusammen. Während dieser kurzen Verschnaufpause machten wir uns innerlich bereit für den Abstieg. Eine Ahnung nahm in uns Platz: Das eigentliche Highlight war eventuell garnicht das Bergfest mit Eis. Eine Ansammlung von Bergparkbegeisterten deutete es bereits an. Sie umrigte den Mann, der mit einem schlüsselförmigen Werkzeug die Fluten des barocken Wassespiels freigab, und den für einen Moment lang die Aura eines Hohepriesters umgab. Pünktlich waltete er seines Amtes. Mit einem sanften Gluckern, wie man es sonst nur von verstopften Siphons kennt, öffnete sich das Ventil des Wasserspektakels. Durch ein ausgeklügeltes System von unterirdischen Rohren floss das feuchte Nass eine kurze Weile lang unbemerkt doch die Gegend, bis es sich erstmals auf ein paar Stufen neben ein paar versteinerten Lustgottheiten öffentlich zeigte, dann einen Brunnen mit allerlei Fabelgetier zum feuchten Leben erweckte und anschließend, zwei, nur durch Wasserdruck betriebene und von steinernen Jünglingen gehaltene Fanfahren zum klingen brachte. Allmählich schwoll der Strom immer weiter an und schäumte und spritzte die sogenannten Kaskaden hinab, großzügig am Hang angelegte Wasserstufen. Auch der Menschenstrom setzte sich allmählich in Bewegung und ergoss sich in Zeitlupe neben dem Wasser den Berg hinab. Zu Mucki´s größtem Spass bekamen wir beim Abstieg entlang der Wasserstufen immer mal wieder einen Spritzer vom kühlen Nass in den Nacken.