Lieferheld

Herr Xiu zwängt schiebt sich und sein Fahrrad zwischen den anderen Fahrgästen hindurch in die Straßenbahn. Mit der inneren Ruhe, die nur Asiaten eigen ist, steht er auf dem Platz, der normalerweise für Kinderwägen und Rollstühle reserviert ist. Bei jedem Anfahren und Bremsen kommt er ein bisschen aus dem Gleichgewicht. Seine Gleichgewichtsstörung wird hauptsächlich durch den quadratischen Rucksack verursacht, den er auf dem Rücken trägt und der ihn wie einen großen Schuljungen aussehen läßt. Auf dem Gepäck ist der Name eines bekannteren Lieferdienstes aufgedruckt. Auf eine skurile Art unterstreicht die Aufschrift die tatsächliche Heldenhaftigkeit seines Trägers. Möglicherweise betrifft dieses Phänomen jeden Mitarbeiter des Lieferservice‘. Bei Herrn Xiu fiel dies vielleicht nur deshalb so besonders ins Auge, weil der Widerspruch zwischen Branding und Mitarbeiter offensichtlich größer nicht sein konnte. Herr Xiu kam Anfang der Neunzigerjahre nach Deutschland, ein Jahr nachdem die Studentenaufstände, die auf dem Platz des himmlischen Friedens begannen, von chinesischen Militärs blutig beendet wurden. Als Mitglied einer Arbeiterorganisation war er damals in den Streik gezogen. Nach der Revolte floh er über Hong Kong in Richtung Westen. Seitdem Herr Xiu in Deutschland ankam, verlief seine berufliche Karriere nur schleppend. Zunächst heuerte er bei einem Bekannten der Familie an, in einem Chinarestaurant, und verdingte sich zwölf Jahre lang als Kellner. Sein eigenes Lokal, ein kleines Running-Sushi-Restaurant, führte er nach Kräften, bevor es vor ein paar Jahren Pleite ging. Seitdem reihten sich die Schicksalsschläge aneinander. Zuerst verließ ihn seine Frau mit den zwei Kindern, danach der Lebensmut. Privat-Insolvenzen sind wie schleichende Krankheiten, die nur durch den konstanten Fluß der Zeit kuriert werden können. Seit gut zwei Jahren galt er offiziell als geheilt, aber was brachte ihm sein neues schuldenfreies Leben? Auf seinem Rücken lastete jetzt, für jeden gut sichtbar, eine andere Bürde. Der Rucksack war zu einem ständigen Begleiter geworden. Er war Zunftsymbol und Stigma, Werbeträger und Werkzeug. Herr Xiu trägt ihn mit Fassung, wie sowieso alles in seinem Leben. Die Fremde, die Einsamkeit, die Monotonie seines Tagesgeschäfts, die allgemeine deutsche Kühle. Um sich, während seiner Lieferantentätigkeit, das Erklimmen der einen oder anderen Steigung aus reiner Muskelkraft zu ersparen, nimmt er sein klappriges, altes Fahrrad manchmal einfach mit in die Straßenbahn. Hinten drin, in seinem Ranzen, hat Herr Xiu – neben seinem Schicksal – natürlich auch chinesisches Essen, oder vielmehr das, was man hierzulande dafür hält. Meistens sind es ein paar flüchtig im Wok erwärmte Gemüsestreifen und etwas Fleisch. Schwimmend in Curry-, Thai-, oder süß-saurer Soße gelagert. Darunter Reis oder Nudeln als saugfähige Unterlage. Herr Xiu hatte den Geschmack und den Duft der Jiaozi aus seiner Heimat noch nicht vergessen. Handgemachte Mautaschen, die in China in über fünfhundert Varianten zubereitet werden. In Deutschland landeten sie eher selten auf dem Teller. Als ehemaliger Gastronom wußte er natürlich auch warum das so war. Echte Jiaozi waren aufwändig in der Herstellung und galten hier, auf eine für Chinesen unnachvollziehbare Art, als nicht chinesisch genug. Auch die anderen Köstlichkeiten, seiner Heimat, sauer-scharfe Kartoffel- oder Kohlgerichte, fanden in der Fremde kaum Anklang. Ganz zu schweigen von den traditionellen Suppengerichten. Herr Xiu´s Blick verliert sich in der Ferne vor der Scheibe der fahrenden Strassenbahn. Plötzlich reißt ihn ein Ruck aus seiner Kontemplation. Diesmal quietschen die Bremsen der Bahn deutlich stärker als bei den  Bremsvorgängen zuvor. Herr Xiu verliert kurz den Boden unter den Füßen, kommt ins Straucheln und klammert sich verzweifelt an die Schulter eines anderen Passagiers. Das Fahrrad scheppert auf den Boden. Herr Xiu rutscht vom Mitfahrer ab und bekommt bäuchlings Bodenkontakt. Schnell rappelt er sich wieder auf, entschuldigt sich ausdauernd beim anderen Fahrgast, liest sein Fahrrad auf und rückt seinen Helden-Rucksack zurecht. Dann steigt er aus und verschwindet spurlos in die Nacht.

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Hausbürgermeisterin

Alina Iovanescu hatte zwei Grundsätze von denen sie nie abwich:

  1. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
  2. Nutze die Gelegenheit bevor sie vorbei ist!

Sie hatte viel erlebt, in den letzten Dekaden. Ihr Heimatland Rumänien kannte sie auch aus Sowjetzeiten. Im Gegensatz zu den anderen Ländern des Bündnisses erlaubte sich das Ceaușescu-Regime gewisse Alleingänge, unter anderem bescheidene Aussenhandelsbeziehungen zu Deutschland, was bei der Parteiführung in Moskau nicht gern gesehen wurde. Ansonsten war der Wille Ceaușescus eine harte Probe für den Menschenverstand. Weil er seinem Land ein realitätsfernes Strukturprogramm nach dem anderen verordnete, gingen die Ressourcen drastisch zur Neige. Eine Zeit lang wurden Nahrungsmittel nach einer wissenschaftlichen Berechnung des körperlichen Grundumsatzes rationalisiert. Zigaretten der Marke Kent waren die härteste Währung des Landes. Was man unter diesen Umständen lernt: Gemütsruhe, die Nerven behalten —egal was passiert. Seit einem Vierteljahrhundert lebt sie jetzt mit ihrer Familie in einem der riesigen Wohnblocks im Westen von Bukarest. Die Plattenbauten aus Ceaușescus Zeit werden von ihren Bewohnern als vertikale Dörfer empfunden. Auch kleine Gemeinden brauchten Ortsvorsteher, die das Leben in ihnen ordneten. Alina Iovanescu war seit zehn Jahren die Hausbürgermeisterin von Block A13, an der Strada Segarcea. Sie hatte ihren Amtsbereich eigentlich ganz gut im Griff. Kannte jeden Bewohner persönlich, genauso wie jeden, der hier ein und ausging. Um sich die Nachvollziehbarkeit der Besucherströme etwas zu erleichtern, und auch um den Überblick über die ordnungsgemäße Müllentsorgung durch die Mieter besser im Auge zu haben, fing sie vor ein paar Jahren damit an, an Knotenpunkten im Haus Kameras zu installieren. Ein gesundes Misstrauen war angebracht in einem Land wie Rumänien. Öffentliche Ordnung ist dort am wichtigsten, wo sie leicht versagen kann.

Jetzt saß sie im Wohnzimmer ihrer Tochter. Sie war mit ihrem Mann auf Weihnachtsbesuch in Deutschland, die Bescherung ist schon eine Stunde her. Ihr kleiner Enkel spielt zufrieden mit seiner neuen Eisenbahn. Zeit um etwas nach dem Rechten zu sehen, denkt sie sich. Sie zieht einen Tablet-Computer aus ihrer Damenhandtasche, logt sich ins Internet ein und startet ihre Überwachungs-App. Auf dem Bildschirm ploppen etwa zwanzig Kamera-Ansichten auf, auf denen schummrig beleuchtete Szenen zu erkennen sind. Ein Mann huscht von einer Kamera zur nächsten. Erst sieht man ihn vor der Eingangstür stehen, dann wie er über den Flur im Erdgeschoss läuft, wie er in den Lift steigt, wie er im fünften Stock aus dem Lift aussteigt und zu welcher Tür er sich bewegt, wie er kurz klopft, wie ihm die Tür geöffnet wird und wie sich die Tür schließt. „Radko ist spät dran, heute“, sagt sie mehr zu sich selbst. „Er könnte wenigstens am heiligen Abend auf ein paar Bier verzichten.“ Plötzlich sieht man, wie mehrere Personen verstohlen aus ihren Wohnungen huschen, scheinbar haben alle das gleiche Ziel. Nach einer Weile haben sich etwa fünfundzwanzig Leute auf dem etwas besser beleuchteten Foyer im Erdgeschoss eigefunden. —Im Panorama vor der Überwachungskamera. Alle haben der Kamera den Rücken zugedreht. Etwas flakert hinter ihnen auf. Alina verfolgt die Szene mit Argwohn. Was kann das nur bedeuten? Ein Putsch, etwa? Kollektive Sabotage ihres Video-Systems? Was macht denn die alte Dorova da hinten? Auf ein Zeichen drehen sich alle gleichzeitig um. Jeder hält einen selbstgemalten Buchstaben in der Hand, dazwischen funkeln Wunderkerzen. Sie liest sich leise vor: „Frohes Weihnachtsfest und danke für die Anträge!“

Getreu ihrem zweiten Credo: »Nutze die Gelegenheit bevor sie vorbei ist!«, hatte sie sich vor einer Weile gründlich über die Fördermittel Informiert, die die EU für Sanierungsarbeiten bereitstellte. Sie fand heraus, dass die Bewilligungsverfahren für Fördergelder relativ problemlos abliefen, vorausgesetzt man war mit jemandem in der Gemeindeverwaltung per Du. Und das war sie. Jetzt hatte das Teerdach keine Risse mehr und auch die Heizung lief endlich wieder. Alina Iovanescu: Unsere beste Hausbürgermeisterin!

das Örtliche

Selbst sehr beständig sesshafte Menschen, wie ich, brauchen die Luftveränderung wie den Sauerstoff zum Atmen. Zum Glück hat unsere kleine Familie des Öfteren etwas woanders zu tun. Meistens geschieht dies im Namen der Kunst. —Irgendwo gibt es immer eine Ausstellung auf- oder abzubauen. Diesmal waren wir für ein paar Tage in Hamburg. Wie nun jeder weiß, ist Großstadt nicht gleich Großstadt. Bei mancheiner großen Stadt reicht die Größe über die geografischen Bezüge hinaus, klingt im Namen das Besondere des Orts mit, werden Erwartungen, Sehnsüchte und Versprechungen geweckt. Hamburg ist für viele Leute so ein spezieller Ort mit einer wahrnehmbaren Aura, vielleicht sogar mit einer speziellen Form großstädtischer Magie. Bekannte, stilbildende Künstler tun und taten ihr Übriges um das Besondere Image des Orts zu formen. Sie wurden und werden zu den menschlichen Werbeträgern ihrer Heimat: Hans Albers Liederzeilen umwehen diesen Ort, und auch Udo Lindenberg wurde erst in Hamburg zu einem Hamburger Original. Was liegt wirklich in der Luft, zwischen Speicherstadt und Fischmarkt, zwischen Schanze und Blankeneese? Will ich den Bewohnern der Gegend rund um Alster und Elbe womöglich Komplimente machen? Die Sache mit Komplimenten ist, dass sie meistens bloss eine Verneigung bleiben und eigentlich keinen Mehrwert für den Geschmeichelten haben. Sie sind quasi nur die Bestätigung, dass alles bis jetzt toll und richtig und wichtig war. Ich bin nicht so gut in Komplimenten. Wenn man so nach Hamburg hineinrollt, mit der Bahn, wird man allerdings weltmännisch begrüßt, mit einem kurzen Einblick in den Hafen, mit den großen Lagerhallen am Stadtrand und den Containerterminals, die signalisieren, dass gern und viel und vorallem global gehandelt wird. Der Hauptbahnhof ist jedesmal ein Erlebnis. Eine filigrane Stahlkonstruktion im Stil einer gotischen Kathedrale, mit Haupt- und Seitenschiffen, im Gegensatz zum echten Sakralbau aber vollkommen lichtdurchflutet. Platz für Gedanken gibt es hier ausreichend. Vielleicht ist das sowieso ein Hamburg Motto. Die Stadt galt lange Zeit als Hauptstadt der Kreativ-Industrie —jedenfalls was Werbung und Vermarktung anging. Berliner sprechen ihr diesen Ruf mittlerweile gerne ab. Getextet wird hier aber, nach wie vor, ziemlich originell. Das merkt man schon an der Namensgebung lokaler Dienstleister. Fassadenreiger: Besserwischer. Frieseursalon: Frisenleger.

Wir sind in einer Dauerherberge für aufstrebende Kunstschaffende, vornehmlich aus dem Bereich der bildenden Kunst, untergebracht. Fünf Jahre hat man in dieser Artist-Residency, um den hohen Hamburger Wohnungsmietpreisen zu entrinnen und so etwas Geld in die eigene Kunst stecken zu können. Leider überlegt die Stadt Hamburg gerade das Programm nicht zu verlängern. Was wirklich Schade wäre. Gebannt sehe ich mir die eine und andere Tür im untersten Flur an, in dem auch wir untergebracht sind. Haufenweise Aufkleber, allesamt gegenkulturelle Artefakte aus dem Spektrum: Gender, Anarcho, Frechheiten, Underground-Mucke. Ich lese in den Türen wie in einem Buch. Selten bin ich von Türen so gut unterhalten worden. Ein Aufkleber zeigt einen explodierenden Braunkohle-Bagger. Der Text dazu: Bagger-Boom! Mehr braucht es nicht für die Botschaft. Unser kleiner schwarzer Hund Julla findet das ständige Geraschel und Geklapper im Treppenhaus der Künstlerherberge ziemlich irritierend. Sie macht das, was Hunde machen wenn sie irritiert sind: Sie bellt. In den hohen Räumen hallt das ganz schön laut. Ich gehe mit ihr vor die Tür, damit sie mal nicht dauernd bellen muss. Wir bewegen uns quer durch das Schanzenviertel. Jetzt im Herbst ist es um halb acht abends schon dunkel. Die jungen Verkäuferinnen der Boutiken wirken ziemlich verloren in ihren Leuchtkästen. Mir kommt es vor, als würde hier jeder an seiner eigenen Vision vom Großstadtleben in Hamburg basteln: Die Kids in den Szene-Bars, schick gekleidet, in das Geld ihrer Eltern. Die Bettler, die sich in ihre verlorenen Träume hüllen. Die Business-People in ihren kristallartigen Hochhäusern. Die Besucher der Stadt, die händeringend versuchen den Spirit der Metropole einzufangen. Und die bereits erfahrenen Bewohner des Planeten Hamburg, die abgeklärter wirken, aber ebenfalls nichts verpassen dürfen. Alle sind sich seltsam einig. Man darf die kollektive Illusion der großen Freiheit nicht stören —durch zu viel Realismus.

Schönheitsfleck

Der Mensch ist ein Schönheitstier. Es gibt zahllose Belege dafür, dass er oder sie sich an den Formalitäten von Proportion und Harmonie orientiert. Mal treten diese Vorlieben als mathematisches Verhältnis zu Tage, mal als Nasenbeinkorrektur. Das Augenscheinliche birgt natürlich ebenfalls die Möglichkeit der Augenwischerei. Jedoch, selbst wenn diese schon als enttarnt gilt, tut das der Begeisterung oft keinen Abbruch.

Vor ein paar Tagen wurde mir im Netz ganz unfreiwillig ein Werbeclip vorgespielt, der mein Harmonieempfinden besonders herausforderte. Inmitten der Diskrepanz zwischen Inhalt und äußerer Form, findet sich nämlich oft die eigene Wahrheit. Es ist zutiefst unangenehm, wenn die Sinne geschmeichelt werden und man doch tief in sich drin die Stimme der Aufgeklärtheit den Untertitel sprechen hört. Die Konsumkultur spielt oft mit unserer Sehnsucht nach Harmonie und am Ende wird das Schöne nur als Hebel für die Kaufentscheidung bemüht. Jeder weiß das und trotzdem funktioniert Werbung. Wie wehrt man sich am besten gegen den Missbrauch des Schönen? Gleich wegsehen, verschämt und verlegen, weil es einen doch igrendwie erwischt hat, oder versuchen die Fassung zu bewahren und die Eindrücke mit einem Schutzschild aus Sarkassmus abwehren? Ich wehrte mich nach Kräften, trotzdem bohrten sich die Bilder in mein väterliches Herz. Es war genauso gemeint. Was mich schwach machte: Die traurige Musik, die Bambi-Augen, die glitzernd-schöne Weihnachtsstimmung, die Message… Ohh man. Was war zu sehen, zu hören, zu fühlen? Der Plot ist schnell erklärt: Ein kleiner Junge wächst allein mit seiner Mutter in einem Häuschen auf —kleiner und verschrobener als die schicken Bongalows der Nachbarn. Die Mutter, ein bamby-äugiges Wesen, ist sehr darum bemüht dem Jungen, mit den wenigen Mitteln, die sie hat, eine Freude zu bereiten. Sie näht ihm ein Eisbären-Kostüm, aber die Nachbarskinder in ihren coolen Spiderman-Outfits, lachen ich bloß aus. Sie schlendert mit ihm an einer Eisbahn entlang auf der die anderen Kinder spielen, aber sie hat kein Geld ihm eine Runde zu spendieren. Als Weihnachten vor der Tüt steht, liegen keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Zerstörte Vorfreude in den Augen des Kleinen. Eisbärspuren führen ihn stattdessen zur heimischen Garage. Darin hat ihm die Mutter eine eigene kleine Eisbärenwelt gebaut. Nach der anfänglichen Enttäuschung, setzt die Fantasie des Jungen ein und er fliegt auf dem Rücken eines imaginierten Eisbären durch eine arktische Disney-Zauberwelt. So schön, so gut. Die ganze Zeit wartet man innerlich darauf, dass der anrührende Kitsch durch das eingeblendete Logo einer bekannten Marke endlich eindeutig als Werbung gekennzeichnet wird. Dann die Erlösung! Es erscheint das Signet: Penny. Spruch: Weihnachten braucht nicht viel – Nur Liebe. Das tut echt weh! Weil —man kann es direkt spüren: Der Clip eine echte Wahrheit enthält, aber leider doch nur das Gegenteil will: Unschuldige Kinderherzen unter Pennymarkt-Plastikspielzeug verschütten. Ich war den Tränen wirklich nah. Nur einen Tag später, muss ich wirklich weinen. Mucki sitzt schon am Küchentisch und isst sein geliebtes Nussmußbrot. Nichtsahnend schalte ich das Radio ein. Es läuft dieser Lindenberg-Song mit dem kleinen Jungen. Ein Anti-Kriegslied aus den Achtzigerjahren. Schönheit und Tragik liegen nicht selten nah beieinander: Der eine Junge singt aufrichtig und ernst über Dinge ausserhalb seiner Vorstellungskraft. Der andere kleine Junge hört ihm dabei genau zu. Ich blicke meinen kleinen Jungen am Küchentisch an und weiß, dass ich ihm leider gleich erklären muss, worüber der Junge im Radio singt. Abschalten kann ich das Radio nicht mehr, da die Song-Zeilen schon unwideruflich im Raum stehen. Die Situation ist leider ähnlich. Die Unschuld des Jungen, der den Song singt, wird eigentlich auch nur als Vehikel benutzt: Um die Botschaft in Form der bittersten Wahrheit über den Menschen möglichst eindringlich zu transportieren. Auch hier spürt man den Zwiespalt zwischen Form und Inhalt und ist trotzdem zutiefst gerührt, vorallem als Vater der seinem kleinen Sohn jetzt Songtexte erklären muss.

allein im Wald

Die paar Leserinnen und Leser meines Blogs wissen es vielleicht: Ich bin begeisterter Radfahrer. Da ich immer sehr damit beschäftigt bin, die Welt den Irrungen und Wirrungen meines Wesens auszusetzen, braucht die Welt regelmäßig eine Auszeit von mir und ich von ihr. Das Radfahren als Ausgleichssport hat den großen Vorteil, dass man den Grenzen der Stadt schnell entrinnt und draussen auf den entlegenen Wegen selten jemanden trifft. Meistens treiben mich meine sportiven Radausflüchte in nahegelegene Wälder. Dort ist die Luft angenehm frisch, wenn sie über die Blätter der Laubbäume streift. Abgesehen von monotonen Gerumpel der Reifen und der schlackernden Kette, wird der Wald dabei auch zum Ort der Stille. Innere Einkehr ist also durchaus möglich. Manchmal bin ich spät dran mit meinen Runden, besonders wenn ich Abends aufbreche und schon wieder das Ende des Sommers verpasst habe. Vor ein paar Tagen, als die Dämmerung bereits einsetzte und auch ein paar Regetropfen aus dem dunklen Himmel auf meinen Fahrradhelm fielen, war mir das seltsam egal. Ich fuhr einfach los und wusste, dass ich in bald wieder zwischen meinen geliebten Waldbäumen herumfahren würde, abseits von all den Alltagssorgen. Das Restlicht würde schon ausreichen, um meinen Heimweg zu beleuchten.

Wer oft genug draussen in der Natur mit sich selbst zu tun hat, weiß irgendwann genau was geht und was man besser lassen sollte. Es bilden sich Instinkte, die zuverlässig verhindern, dass man irgendwelche Dummheiten begeht. Trotzdem kann es auch einem erfahrenen Waldsportler passieren, dass er die inneren Stimmen kurzzeitig überhört.

Ich fuhr auf einer mir sehr bekannten Strecke in den dämmernden Wald hinein, bog – ohne dass ich einen genauen Grund dafür nennen könnte – auf eine technisch anspruchvolle Passage ab, die ich sonst eher mied. Sie führte zwischen wuchtigen Steinblöcken hindurch in Richtung eines kleinen Bachs, regelmässig unterbrochen von halbmeter hohen Absätzen und kleinen Steilstücken. Zum Glück hatte ich das Terrain noch ganz gut memoriert, so dass ich ungefähr wusste wo ich landen würde, auch im Fall eines Falles. Als ich quer auf den Bachlauf stieß, konnte ich noch gerade so erkennen, was vor meinen Fußspitzen lag. Ich überlegte, wie ich am schnellsten wieder weg von dort käme. Weiter unterhalb konnte ich nach einem steilen, kurzen Anstieg eine Hauptverkehrsstrasse erreichen, weiter oberhalb führte eine kleine Brücke über den Bach und nach einem kurzen Schlängelpfad auf einen breiten, geschotterten Weg. Da mir die Strecke weiter abwärts bei den schummrigen Lichtverhältnissen zu riskant erschien, schob ich mein Fahrrad langsam bachaufwärts am steilen Ufer entlang. „Wo steckt denn diese Brücke?“, fragte mich meine innere Stimme unentwegt. Ich musste viel tiefer gelandet sein als gedacht, oder wirkte der Weg nur viel länger, wenn man ihn nachts ging? Ich war verunsichert. Eigentlich kannte ich mich doch gut aus hier, oder doch nicht? Mehrfach hielt ich umgestürzte Bäume für die gesuchte Brücke. Dann endlich erkannte ich sie im Halbdunkel. Es beruhigte mich ein wenig, zu wissen, dass ich mich gleich wieder auf einem befahrbaren Weg befinden würde. Als ich den Schotterweg erreichte und ihn langsam hinauffuhr, fand ich jedoch das Schild nicht mehr, das mich sonst zu einem nahegelegenen Rasthof führte. Ich bog auf einen längeren Wirtschaftsweg ab, ahnend, dass dieser Abstecher meine nächtliche Radtour enorm verlängern würde. Am Ende des Weges angekommen, sah ich aus einiger Entfernung die nächstgelegene Ortschaft im Tal, aber es würde mich nicht nach Hause bringen dort hinunter zu fahren, sagte ich zu mir selbst. Ich bog stattdessen links ab, passierte ein abgelegenes Forsthaus und fuhr einen steilen Hang hinauf. Ich erinnerte mich: Weiter oben gab es noch einen Funkturm an dem ich mich orientieren konnte. Aber wo stand der genau? Als ich auf dem Kamm ankam, war er nirgends zu sehen. Ich fuhr weiter in eine Gegend hinein von der ich wusste, dass man sich in ihr gut verfahren konnte, auch bei Tageslicht. Mitten im Nichts spaltete sich der Weg, ich fuhr links ab, obwohl mir meine innere Stimme zum Gegenteil riet. Langsam fing ich an die Gerüche der Waldbewohner wahrzunehmen, ein sicheres Zeichen für die totale Waldfinsternis, in der die sonst so vernachlässigte Großstadtmenschennase sich eine echte Aufgabe sucht. Nach ein paar Hundert Metern konnte ich einen ehemaligen Sandsteinbruch erahnen und mir wurde klar, dass ich Kreis fuhr. Als ich mich die Steigung in der entgegengesetzten Richtung zurück bewegte, sah ich für einen kurzen Moment die roten Positionslichter des Funkmasten. Das musste der ersehnte Wald-Ausgang sein! Während ich mich schon über ein baldiges Ende meiner nächtlichen Radtour freute, verschwanden die Lichter wieder in der Dunkelheit hinter den Bäumen. Ich überlegte mir, wie ich die Nacht allein im Wald herumbringen könnte, für den Fall, dass ich heute nicht mehr nach Hause fand. Es sollte doch kein Problem darstellen, ein paar kalt-feuchte Stunden auf einem moosbewachsenen Stein herumzusitzen und auf den Sonnenaufgang zu warten… oder war der Wolf schon heimisch in Nordhessen? Allein der Gedanke beschleunigte meinen Tret-Rhytmus wieder. Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte der blinkende Turm wieder vor mir auf und mir wurde sehr leicht ums Herz. Bald würde ich meine kleine Familie wiedersehen. Was soll man dazu sagen? Das Mikro-Adventure  war wohl zu einem echten Abenteuer mutiert.

Paradies

Fragt man die Leute danach was sie wirklich glücklich macht, bekommt man als Antwort – öfter als gewohnt – die wirklich wichtigen Dinge im Leben genannt: Familie, Freundschaft, Gesundheit. Wenn man die fantasievollen Glücklich-Listen aus Frauenmagazinen als Grundlage für das subjektive Glücksempfinden heranzieht, ergibt sich folgendes Bild:

  • laut Musik hören
  • Prosecco mit Freundinnen
  • Frisch gemähtes Gras riechen
  • In die Sterne schauen
  • Sommernächte
  • Hunde streicheln
  • Schokolade
  • Wochenendtrips
  • Kuschelsonntage
  • ausgedehnte Spaziergänge
  • Zuhause aufräumen

Mal ganz davon abgesehen, dass – je nach anvisierter Zielgruppe – auch Themen wie Kinderwunsch, richtiger Umgang mit dem Liebhaber, Dekoration des Eigenheims und Zubereitung kulinarischer Köstlichkeiten, mal mehr und mal weniger dominant in Erscheinung treten, muss ich sagen, dass ich mich durchaus repräsentiert fühle. Sollte ich einfach aus Gründen der Selbstbestätigung in Zukunft mehr in Frauenmagazinen blättern? Es ist zumindest ärgerlich, dass ich bei meinem Hausartzt stets so zügig in das Behandlungszimmer gebeten werde, obwohl ich doch viel lieber noch im Wartezimmer weiterlesen möchte. (Nein, ich bin nicht privat versichert, es hat sich bloss noch nicht herumgesprochen wie gut dieser Doktor der Allgemeinmedizin ist.) Das nächste Mal werde ich wohl lieber gleich zum Stapel mit den Frauenmagazinen greifen. Aber was bringt mich eigentlich dazu über das Glücklichsein nachzudenken? Muss man sich darüber eigentlich den Kopf machen?

Manchmal im Leben kommt es ganz auf den Impuls an. Manchmal ziehen die Dinge vor den Augen des Betrachters entlang und dabei drängen sich unweigerlich Fragen auf. Während des letzten Wochenendes sind Reize an meine Sinnesenden gelangt, die so augenscheinlich waren, dass das allgemeine Glück hier unumgänglich zum Thema werden muss. Was war geschehen? Hasi ist der Einladung eines ihr bekannten Keramik-Künstlers gefolgt, der sie eingeladen hatte, doch auch ein paar ihrer Fotoarbeiten während des Tags des offenen Bauenhofs in einem kleinen Dorf in der Nähe Unversitätsstadt Göttingen auszustellen. Natürlich wollten alle Mitglieder unserer kleinen Familie mit dabei sein. Während ich die Gelegenheit nutzte, um eine längere Radtour dorthin zu unternehmen, machte sich der Rest der Mannschaft mit dem Zug auf den Weg. Als wir endlich ankamen, war alles sehr so, wie man sich das mit Leben auf Land vorstellt: Allerlei frei umherlaufende Tiere und Kinder, gutes Essen, interessante Düfte, solidarisches Mitanpacken, eine richtig gemütliche Unterkunft im Landhausstil, dazu interessante Informationen über das gelbe vom Ei und die richtige Ernährung von Legehennen. Es ergab sich ein buntes Wimmelbild aus Dorfbewohnern, befreundeten Bauern, Agrarexperten, neugierigen Großstättern, freundlichen Hunden und Katzen, Bioladenbetreibern und ehemaligen Rockstars, die sich für ein Landleben nach dem Karriereknick entschieden hatten. Am Ende des Tages ging die Sonne sehr stimmungsvoll unter und wir nahmen den Geschmack von leckerem Zuckerkuchen und saftigem Wildbrät, den Duft von Frischen Kräutern und sonnigen Wiesen mit ins Bett. Wir sahen die Sterne heller und viel klarer leuchten als im Smog der Stadt und träumten von Hühnern, die zur Hausmusik des Bauern tanzen. Am nächsten Morgen, während wir frühstückten, zeigte uns unsere Gastgeberin nicht ganz beiläufig ein paar Musikvideos, in denen man bestimmte Besucher des Hoffestes vom Vortag erkennen konnte. Anschließend guckte ich mich noch etwas um. Unsere Gastgeber bewohnten das, was gemeinhin als Anwesen bezeichnet wird: Einen mehrere hundert Jahre alten Bauernhof mit eigener Streuobstwiese und vielen niedlichen Tieren drumherum, die anscheinend nur gehalten wurden, um Kinder und Erwachsene daran zu erinnern, wie weich eigentlich so ein Hasenfell ist und wie schön das eigene Federvieh den Garten dekoriert. Drinnen im Haus roch es nach altem Holz. Nicht muffig, sondern eher nach Familienleben das durch die Poren in das Holz dringt und als warmer Duft in den Wohnraum zurückströmt. Alle Gegenstände befanden sich in einem seltsamen Zwischenzustand, weder ordentlich noch unordentlich. Vielmehr hatte man den Eindruck, das alles genauso an seinem Ort gehört. Das alles so wie es ist, gut ist. In Gedanken überfliege ich noch einmal die Liste aus den Frauenmagazinen und mache ein Häckchen nach dem anderen. Beim letzen Punkt stocke ich: Nein, aufräumen musste man hier wirklich nichts.

Wellness

Auch ich blicke manchmal in den Spiegel. Und was sehe ich? Die ständig älter werdende Hülle meines Körpers, die im reflektierenden Glas unseres Badezimmerhängeschranks erscheint und mich fragend ansieht. „Was ist denn das schon wieder für eine bescheuerte Frisur?“ Naja —eine Frisur wohl nur noch indirekt. Vielmehr das, was vor Monaten mal ein identifizierbarer Haarschnitt war. Jetzt ist da oben, auf mir drauf, nur noch Wolle. Experten des Friseurhandwerks loben immer wieder die Dicke meiner Haarpracht. Dieser große Haardurchmesser hat aber ein spezifisches Eigengewicht, das nach einer Weile der friseurmäßigen Abstinenz sogar spürbar wird. Ausserdem vollführe ich mit meinen Haupt irgendwann immer so einen Schlenkermove, der mir die Haare aus dem Gesicht befördern soll, und von dem meine Freundin Hasi immer behauptet, dass er total peinlich hipsterhaft ausieht. Wieder wiege ich meinen Kopf von links nach rechts, um die Haare aus meinem Blickfeld zu bekommen. —Die Symptome häufen sich. Ich sollte mal wieder einen Friseur aufsuchen.

Bei uns um die Ecke gibt es ein vielbefahrene vierspurige Strasse, die neben ein paar Läden für den täglichen Bedarf auch eine ganze Reihe Friseurgeschäfte beherbergt. Möglicherweise, ich vermute mal, ist es sogar die Straße mit der höchsten Friseuladen-pro-Quadratmeter-Dichte westlich von Teheran. Es gibt zwar ein paar deutsche Städte, die den Titel »Stadt der Friseure« für sich beanspruchen (unter anderem bedeutende Metropolen wie Ravensburg und Fürstenfeldbruck), aber nirgendwo sonst fallen Haare in solchen Mengen aufs Friseurkehrblech wie hier in der Gegend. Ich habe selbst auch schon einige der Salons durchprobiert, aber kaum denke ich alle zu kennen, gibt es schon wieder neue Neueröffnungen. Wie nun jeder weiß, dem regelmäßig die Haare länger wachsen, ist der Akt des Haarschneidens ein sensibler Bereich in dem sich menschliche Bedürfnisse, handwerkliches Geschick und modisches Selbstbild begegnen. Frisuren sind Vertrauenssache. Am besten findet man jemanden aus der Friseurzunft, zu dem man eine längere Beziehung, die auf gegenseitiger Kenntnis beruht, aufbauen kann. Ich hatte mal so Jemanden, dem ich die Formgebung meiner Haare gerne anvertraute. Selten aber regelmäßig. Vielleicht zu selten, denn irgendwann war der Laden nicht mehr da. Aufs Land umgezogen, munkelte man mir ins Ohr. Weil dort die Umsätze besser seien —aufgrund der hohen Kundenbindung. Gerade auf den Dörfern ist ein Friseursalon oft die soziale Schaltstelle. Für ältere Dorfbewohnerinnen ist es eine Pflicht sich mindestens einmal pro Woche die Haare ondulieren zu lassen, da sie sonst verpassen würden was hinter Nachbars Hecke so alles passiert.

Endlich habe ich wieder Hoffnung auf meine eigene längerfristige Kundenbindung. Naiv, wie ich bin, frage ich nach einem Sofort-Termin? Nein erst morgen. „Versuchen sie es einfach beim Nachbarfriseur“, sagt mir eine nette Friseurin aus einem Salon, den ich spontan besuche. Tatsächlich! Nebenan ist noch ein weiteres Friseurgeschäft, das ich noch nicht kenne. Als ich das Geschäft betrete, entfaltet sich eine kleine Welt aus schönen Aromen, sanfter Musik und stilbewußter, wohnzimmerartiger Inneneinrichtung. Schön hier drin. Aha, ich soll mich noch zehn Minuten gedulden, bis Mareike kommt. Kein Problem. „Kaffee oder Cappuccino?“ Cappuccino. Im Hintergrund läuft eine Downbeat-Coverversion von Moloko´s Sing It Back. Mein Gehirn behandelt die Kombination aus Hintergrundmusik und fehlenden Geschlechtsgenossen, als ein Indiz dafür, dass das bisschen Haare schneiden teuer werden kann, in dieser schmeichelhaften Atmosphäre. Mareike stellt sich mir vor. Auch sie ist von sehr angenehmer Erscheinung. Anfang Fünfzig, sehr gepflegt, warme Stimme. „Noch ein Cappuccino?“ Nein Danke. Ob sie mir die frischgewaschenen Haare waschen darf? Aber sicher. Es ist, ich kann es garnicht genau beschreiben, als ob sie bei der obligatorischen Kopfhautmassage garnicht meine Kopfhaut massiert, sondern meine Gehirnwindungen. Sanft streichelt Mareike meine struppigen Gedanken glatt und überzieht tieferliegende Schichten meines Bewußtsein mit einer undefinierbaren Harmonie. Mein Körper verliert innerhalb weniger Sekunden sein Gewicht. Ich fange an zu schweben. Irgendwann sitze ich wieder im Friseurstuhl. Die passende Frisur hat sie inzwischen auch noch hingezaubert. Keine Ahnung wie sie das mit mir im Schwebezustand hingekriegt hat. Aber das ist Nebensache. Natürlich komme ich wieder. Die 35 Euro für einen Männerhaarschnitt finde ich mehr als angemessen und gebe noch zehn Euro Tinkgeld.