das Örtliche

Selbst sehr beständig sesshafte Menschen, wie ich, brauchen die Luftveränderung wie den Sauerstoff zum Atmen. Zum Glück hat unsere kleine Familie des Öfteren etwas woanders zu tun. Meistens geschieht dies im Namen der Kunst. —Irgendwo gibt es immer eine Ausstellung auf- oder abzubauen. Diesmal waren wir für ein paar Tage in Hamburg. Wie nun jeder weiß, ist Großstadt nicht gleich Großstadt. Bei mancheiner großen Stadt reicht die Größe über die geografischen Bezüge hinaus, klingt im Namen das Besondere des Orts mit, werden Erwartungen, Sehnsüchte und Versprechungen geweckt. Hamburg ist für viele Leute so ein spezieller Ort mit einer wahrnehmbaren Aura, vielleicht sogar mit einer speziellen Form großstädtischer Magie. Bekannte, stilbildende Künstler tun und taten ihr Übriges um das Besondere Image des Orts zu formen. Sie wurden und werden zu den menschlichen Werbeträgern ihrer Heimat: Hans Albers Liederzeilen umwehen diesen Ort, und auch Udo Lindenberg wurde erst in Hamburg zu einem Hamburger Original. Was liegt wirklich in der Luft, zwischen Speicherstadt und Fischmarkt, zwischen Schanze und Blankeneese? Will ich den Bewohnern der Gegend rund um Alster und Elbe womöglich Komplimente machen? Die Sache mit Komplimenten ist, dass sie meistens bloss eine Verneigung bleiben und eigentlich keinen Mehrwert für den Geschmeichelten haben. Sie sind quasi nur die Bestätigung, dass alles bis jetzt toll und richtig und wichtig war. Ich bin nicht so gut in Komplimenten. Wenn man so nach Hamburg hineinrollt, mit der Bahn, wird man allerdings weltmännisch begrüßt, mit einem kurzen Einblick in den Hafen, mit den großen Lagerhallen am Stadtrand und den Containerterminals, die signalisieren, dass gern und viel und vorallem global gehandelt wird. Der Hauptbahnhof ist jedesmal ein Erlebnis. Eine filigrane Stahlkonstruktion im Stil einer gotischen Kathedrale, mit Haupt- und Seitenschiffen, im Gegensatz zum echten Sakralbau aber vollkommen lichtdurchflutet. Platz für Gedanken gibt es hier ausreichend. Vielleicht ist das sowieso ein Hamburg Motto. Die Stadt galt lange Zeit als Hauptstadt der Kreativ-Industrie —jedenfalls was Werbung und Vermarktung anging. Berliner sprechen ihr diesen Ruf mittlerweile gerne ab. Getextet wird hier aber, nach wie vor, ziemlich originell. Das merkt man schon an der Namensgebung lokaler Dienstleister. Fassadenreiger: Besserwischer. Frieseursalon: Frisenleger.

Wir sind in einer Dauerherberge für aufstrebende Kunstschaffende, vornehmlich aus dem Bereich der bildenden Kunst, untergebracht. Fünf Jahre hat man in dieser Artist-Residency, um den hohen Hamburger Wohnungsmietpreisen zu entrinnen und so etwas Geld in die eigene Kunst stecken zu können. Leider überlegt die Stadt Hamburg gerade das Programm nicht zu verlängern. Was wirklich Schade wäre. Gebannt sehe ich mir die eine und andere Tür im untersten Flur an, in dem auch wir untergebracht sind. Haufenweise Aufkleber, allesamt gegenkulturelle Artefakte aus dem Spektrum: Gender, Anarcho, Frechheiten, Underground-Mucke. Ich lese in den Türen wie in einem Buch. Selten bin ich von Türen so gut unterhalten worden. Ein Aufkleber zeigt einen explodierenden Braunkohle-Bagger. Der Text dazu: Bagger-Boom! Mehr braucht es nicht für die Botschaft. Unser kleiner schwarzer Hund Julla findet das ständige Geraschel und Geklapper im Treppenhaus der Künstlerherberge ziemlich irritierend. Sie macht das, was Hunde machen wenn sie irritiert sind: Sie bellt. In den hohen Räumen hallt das ganz schön laut. Ich gehe mit ihr vor die Tür, damit sie mal nicht dauernd bellen muss. Wir bewegen uns quer durch das Schanzenviertel. Jetzt im Herbst ist es um halb acht abends schon dunkel. Die jungen Verkäuferinnen der Boutiken wirken ziemlich verloren in ihren Leuchtkästen. Mir kommt es vor, als würde hier jeder an seiner eigenen Vision vom Großstadtleben in Hamburg basteln: Die Kids in den Szene-Bars, schick gekleidet, in das Geld ihrer Eltern. Die Bettler, die sich in ihre verlorenen Träume hüllen. Die Business-People in ihren kristallartigen Hochhäusern. Die Besucher der Stadt, die händeringend versuchen den Spirit der Metropole einzufangen. Und die bereits erfahrenen Bewohner des Planeten Hamburg, die abgeklärter wirken, aber ebenfalls nichts verpassen dürfen. Alle sind sich seltsam einig. Man darf die kollektive Illusion der großen Freiheit nicht stören —durch zu viel Realismus.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s