Von Särgen und Tränen

Vor ein paar Jahren fielen mir besondere Lautsprecher in die Hände. Seitdem gibt es kein Entrinnen mehr für mich und meine unterdrückten musikalischen Gefühle. Das ist wirklich schlimm, denn immer müssen Tränen dabei fließen. Wollt ihr die ganze mysteriöse Geschichte? Hier ist sie:

Es ist gut, wenn man als Paar feststellt ähnliche Interessen zu teilen. Sehr schön ist es auch, wenn es dabei eine gewisse Schnittmenge in Sachen musikalischer Vorlieben gibt. In einem frühen Stadium unserer Beziehung gingen Hasi und ich dann und wann gemeinsam in Secondhand-Läden Platten shoppen. Nach nur kurzer Zeit füllte sich ein heimischer Plattenregalmeter mit gebrauchten Siebzigerjahre-Scheiben. Auf einer unserer gemeinsamen Shoppingtouren in einem Trödelladen, musste ich mir kurz die Zeit damit vertreiben das restliche Sortiment zu inspizieren, da Hasi im Eifer ihrer Sammelleidenschaft einen Stapel von mehreren Dutzend alter Scheiben vor der einzigen Abhörmöglichkeit angelagert hatte. Während meiner Runde duch das kleine Ladenlokal, entdeckte ich zwei mannshohe Standlautsprecher ohne Firmenlogo. Gekleidet in angestoßenes Nußbaum-Funier, an einer Seite von der Sonne ausgeblichen, waren sie wirklich keine Schönheiten. Mein Nachfragen über die Herkunft der Geräte brachte keine weiteren Erkenntnisse. Schnell zog ich mein Interesse wieder zurück. Was sollte ich auch mit den komischen Dingern anfangen, ich hatte ja bereits ein paar ordentliche Lautsprecher zuhause.

Zu spät. Zwei Tage danach stand ich wieder in dem Laden um die Schallwandler unbekannter Herkunft pobezuhören. Trotz einiger Verrenkungen, die der Ladenbesitzer auf sich nahm, um die Lautsprecher im Sarg-Look mit anderem alten Musikequipment zu verdrahten, war ich eigentlich nicht begeistert von ihrem Sound. Zu diesem Zeitpunkt war mir der Klangeindruck aber fast schon egal. Das lag daran, dass die Musikschränke auf eine unbestimmbare Art meine innere Vorstellung von Lautsprechern spiegelten und mich deshalb magisch anzogen. Ich bezahlte nach kurzem Handeln und vereinbarte sie abzuhohlen, sobald ich einen Umzugswagen dafür frei hätte. Die Klangtruhen brachten nämlich ein gewichtiges Problem mit sich. Jede der Boxen wog, laut Angabe des Ladenbesitzers, so um die 60 Kilo. Das Umzugsauto für den Umzug in unsere erste gemeinsame Wohnung, schien die erstbeste Möglichkeit für den Abtransport. Mein Einstieg in das audiophile Hören war ein echter Sprung ins kalte Wasser, bis auf das hohe Gewicht hatte ich wirklich keine Ahnung was mich erwartete. Über Umwege fand ich heraus, dass es sich bei den Lautsprechern um ein Selbstbauprodukt eines renommierten französischen Herstellers handelte. Die 400 Euro, die ich investierte, waren möglicherweise ein echtes Schnäppchen. Als nach dem geglückten Transport das Paar Boxen und auch das restliche Mobiliar endlich in unserer neuen Wohnung stand, machte sich beim ersten Soundcheck im neuen Zuhause wieder die Ernüchterung breit. Ausgerechnet die Mittelton-Chassis, die als seltene Juwelen gehandelt werden, waren kaputt. Aus irgendeinem schicksalhaften Grund verkaufte aber genau zu diesem Zeitpunkt jemand zwei dieser Raritäten auf einem Kleinanzeigenportal. Stichproben ergaben, dass dieses Angebot bis zum heutigen Tag einmalig war. Da mir der Trödelhändler den Differenzbetrag für den Austausch erstattete, stieg in mir erneut die Vorfreude für ein neues Testhören auf. Endlich komplett bestückt —wieder Ernüchterung. Jetzt mit den Mitten klang alles irgendwie zu … mittig. Ich lernte, dass auch ich mich zuerst auf die Suche nach den passenden Audio-Komponenten machen musste. Drei verschiedene alte Verstärker, alle in der Preisklasse um die 70 Euro, waren kurz zu Gast in meiner sogenannten Sigalkette, zwei davon gingen wieder. Die paar Euros, die ich investierte, sind natürlich ein Witz im Vergleich zu den Summen, die normalerweise von dieser Leidenschaft verschlungen werden. Nicht selten fließen in audiophilen Haushalten Gelder in handverlötete Röhrenendstufen und Masselaufwerke, die den Wert eines Eigenheims leicht übersteigen können. Man muss im Leben eben Prioritäten setzen. HighEnd-Liebhaber sind eine spezielle Gattung. Meistens sind es Leute mit elektrotechnischem Wissenshintergrund oder einem Hang zur Esoterik, oder einer Mischung aus beidem. Ein gewisses Maß an übersinnlichen Fähigkeiten wird in diesem Metier vorrausgesetzt: Natürlich kann man hören, ob der Strom sauber ist und selbstverständlich haben Anschlusskabel einen großen Anteil am Klang einer Anlage!

Wo bei mir der Unterschied zum Hören auf einer ganz gewöhlichen Stereoanlage liegt? Das läßt sich leicht beantworten: Ich muss regelmäßig rumheulen wenn ich bestimmte Musik auf diesen besonderen, alten Lautsprechern höre. Dann kullern mir echte Männertränen die Wangen herunter. Das liegt daran, dass diese abgeschabten Dinger die Musiker erst in unsere Wohnung holen, und dann direkt in mein Herz. Das ist mir manchmal wirklich unangenehm. Ich will nicht so oft die Kontrolle über meine Gefühle verlieren. Deswegen benutze ich sie selten, diese kostbaren Audiomöbel.

Anspieltipp (Tränen auch auf durchschittlichen Lautsprechern möglich):

Marcia Ball – Louisiana 1927

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Abheben, endlich

Vor ein paar Tagen, nach einer ausgedehnten Gassirunde, habe ich einen alten Bekannten wiedergetroffen. Tibo hat mit mir studiert und wir rennen uns ab und an über den Weg. Meistens zwischen Tür und Angel von irgendwas. Dann verabreden wir uns regelmäßig zu Treffen, die jeweils einer von uns kurzfristig absagen muss, weil irgendetwas dringenderes anliegt. Wenn es trotzdem mal mit einer Zusammenkunft hinhaut, ist es immer sehr unterhaltsam mit Tibo. Tibo gehört zu den Leuten, die immer irgendein Ass im Ärmel haben. Du denkst du kennst den Typen und alle Karten sind ausgespielt und dann Zack! Knallt er dir ein Full House auf den Tisch, dass es nur so kracht. Wie das kommt? Ich kann darüber nur mutmaßen. Tibo stammt aus einem Klan von ziemlich originellen Menschen, für die es ständig etwas zum tüfteln und ausprobieren gibt. Sein Großvater, nur mal als Beispiel, wurde auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin, mit einem Kopiergerät beschenkt, mit dem er nach kurzer Zeit die abgefahrendsten Kollagen zauberte, in einem Alter so um die achtzig. Irgendwer seiner Vorfahren war auch mal im Besitz einer namhaften Fabrik für Bürostühle. Ich schätze, da liegt die Tüftelei irgendwie in der Luft. Luft ist überhaupt mal das Stichwort: Wie ich ihn da so am Eingang zum Park treffe, hat er so einen verdächtig großen Rucksack auf dem Rücken. Seltsamerweise sagt mir mir mein Hirn just in dem Moment: Gleitschirm. Obwohl ich noch niemals zuvor in meinem Leben einen Rucksack zu Transport eines Gleitschirms gesehen habe. Wenn der Tibo mit so einem Rucksack auf dem Rücken im Park unterwegs ist, kann es sich wohl nur um ein tragbares Fluggerät handeln. So einfach gestaltet sich anscheinend für meine Denkmaschine die Kategorisierung. Meine Frage ist dann auch nur noch rhetorisch. „Gleitschirm?“ Gleitschirm. Was er damit in einem doch eigentlich sehr flachen Park macht, will ich wissen. Ach so, stimmt! Es gibt diese Anhöhe auf dem Gelände einer mittlerweile zugewucherten Bundesgartenschau. Und da kann man fliegen? „Nö, nicht wirklich, aber man kann den Wind im Schirm spüren.“ Mir ist es eigentlich egal was er da getrieben hat, der Lilienthal meines Bekanntenkreises, ich finde es jetzt schon so abgefahren, dass weitere Details nur meine eigene fantasierte Version davon stören würden. Wir verabreden uns, wie üblich, zu einem Treffen, das so bald wohl nicht stattfinden wird. Ich denke eine Weile lang über das flachländliche Gleitschirmfliegen nach. Mir fällt noch eine Frau in meinem Bekanntkreis ein, die sich auch für das Gleitfliegen als Hobby entschieden hat. Andere Abenteurer, die ich kenne, klettern an Felsen herum, Bouldern nennt sich das heute. Unser kleiner Sohn Mucki steigt auch schon mit Begeisterung auf den kleinen Baum vor unserem Wohnhaus. Hasi, meine Freundin, geht regelmäßig zum Yoga und berichtet mir anschließend begeistert von den Verrenkungen, die sie dabei einstudiert hat. Der innere Drang nach Abenteuer und Risiko, scheint in vielen Menschen zu wohnen. Ich bin zur Zeit eher mit echten existentiellen Risiken beschäftigt, das reicht mir persönlich voll und ganz. Ich überlege, ob ich nicht trotzdem mal was neues ausprobieren könnte. Anscheinend bin ich in Zugzwang. Vielleicht sollte ich mir endlich auch mal einen Tragschrauber zulegen. So ein Motorrad der Lüfte. Vor ein paar Jahren schon, ist ein entfernter Bekannter damit zur Arbeit geflogen, von Hamburg nach Hildesheim und zurück. Ob das Sinn macht, fliegende Motorräder bei norddeutschem Wetter? Sicherlich nicht. Aber man macht es, weil das Fliegen so inspirierend ist. Hoffentlich kann ich mir bald wenigstens mal eine Fahrt mit einem dieser neumodischen Flugtaxis gönnen.

Der Tag an dem Maus ging

Mucki wollte vom Weihnachtsmann eine Maus. Der Weihnachtsmann, ein nachsichtiger alter Kauz mit spleenigen Vorlieben für fliegende Paarhufer und Midgets als Mitarbeiter, hatte Mucki´s Wunschzettel anscheinend beherzigt. Am heiligen Abend verzauberte uns dieser besondere, stille Glanz in den glücklichen Kinderaugen. Von da an war Maus (bitte immer ohne Artikel davor) Mucki´s treuer Begleiter. Maus war eigentlich immer mit von der Partie: Wenn Mucki müde wurde, brauchte er Maus in seiner Kinderhand. Beim Mittagessen musste Maus zumindest anwesend sein und auch die ersten Fahrversuche auf Mucki´s neuem Fahrrad musste Maus als Beifahrer im Lenkerkorb miterleben. Überhaupt hatte Maus relativ wenig Freizeit. Vielleicht braucht Maus ab und zu einfach einen Day Off. Einmal schon hatten wir Maus vermissen gelernt. Papa hatte Maus und Schäfchen (das andere hauptberufliche Kuscheltier), in der Hektik einfach bei Omi liegengelassen. Mucki trug den plötzlichen Kuscheltierverlust mit Fassung. Immerhin waren die Beiden in Sicherheit. Omi versicherte uns telefonisch, dass sie sich gut um die beiden kümmern werde. Aus ein paar Tagen mit Ersatzkuscheltieren wurden schließlich doch zwei Wochen und die Wiedersehensfreude fiel demensprechend überschwänglich aus. Diesmal lag der Fall allerdings anders. Die Chancen auf ein baldiges Wiedersehen standen schlecht. Wer eine kleine mausgraue Stoffmaus mit nur zehn Zentimetern Körpergröße in einem Regionalzug verliert, kann sich sicher sein, sie nie wieder zu Gesicht zu bekommen. Mucki kann nichts dafür. Er hing schon eine Weile lang schlafend auf Papas Arm und der Klammergriff seiner Kinderhand lockerte sich wohl in einem Moment tiefer Entspannung, wahrscheinlich ausgerechnet während des Umsteigens. Natürlich habe ich sofort am nächsten Morgen eine E-Mail mit ausführlicher Personenbeschreibung an den den Anbieter des regionalen Schienenverkehrs geschickt. Bislang leider ohne Lebenszeichen.

Wir Eltern hatten es auch nicht immer leicht mit Maus. Ein derartig kleines Kuscheltierchen bleibt des Öfteren unsichbar, meistens wenn man es überhaupt nicht gebrauchen kann stundenlang danach zu suchen. Etwa wenn das Kind schon im Bett liegt und seinen treuen kleinen Freund plötzlich vermisst. Die allabendliche gemeinsame Suche nach Maus wurde zu einem wiederkehrenden Ritual unserer kleinen Familie. Ich habe keine Ahnung wie viele Stunden dafür draufgingen. Versuche der umtriebigen kleinen Maus eine wiederauffindbare Bleibe zu bescheren blieben erfolglos. Jetzt war Maus also ganz von uns gegangen. Wehmut erfasste die Kleinfamilie. Wird es dem kleinen Plüschfreund an einem anderen unbekannten Ort so gut gehen wie bei uns?

Es ist, wie so oft im Leben, möglich, bestimmte Vorgänge als Zeichen für das nahende Schicksal zu verstehen, vorausgesetzt man ist sensibel genug: Weil wir unseren Zug für die Hinfahrt verpassten, musste sich unsere kleine Familie eine Weile lang auf dem Hauptbahnhof in Kassel herumtreiben. Um die Zeit bis zum nächsten Anschluss totzuschlagen, setzten wir uns auf eine öffentliche Bank direkt auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort trieben sich weitere gestrandete Gestalten herum. Nach einem kurzen Moment der Verzückung durch unser öffentliches Familienleben, nahm sich einer der Stadtstreicher ein Herz und schenkte Mucki einen Koalabären aus Plüsch, der vom Liebhaben durch ein anderes Kind deutliche Abnutzungsspuren an der Koalanase hatte. Das ist ein Geschenk, das man natürlich nicht ablehnen darf, trotzdem ließ ich den Plüschbären vorsorglich auf unbestimmte Zeit in einer Plastiktüte verschwinden. Seltsam bleibt auch der Plattentip meiner besten Freundin, nur einen Tag davor: »John Maus – Addendum«. Als aufmerksame Beobachter des Schicksals hätten wir es wissen besser müssen: Der Kreislauf der Kuscheltiere forderte unsere Mitwirkung ein. Lebe wohl kleine Maus!

Down with the Technoheads

Es ist garnicht solange her, da war ich ein Teil einer Jugendkultur. Für mich begann meine persönliche Technofizierung mit einer Wahrnehmungstörung die durch eine Radiosendung verursacht wurde. Solche Störungen wurden damals erst dadurch möglich, dass die Medienlandschaft allgemein wenig Ablenkung bot. Interessierte man sich für den neuen heißen Scheiss befand man sich in einem Zustand ständiger Reizdeprivation. Nur tief in die Nacht ausgestahltes Untergrund-Radioprogramm (oder das was man dafür hielt), konnte das innere Verlagen junger mittelloser Musiksuchender nach neuen Klangerlebnissen stillen. Ich wurde sehr früh von meinem ältesten Bruder Andreas an die schönsten Blätter des Wellensalats geführt, er schenkte mir noch im Grundschulalter alles was man für die aktive Teilhabe am ultrakurzen Wellenspektrum braucht: Ein Tapedeck, zwei Boxen und einen Receiver (einen Verstärker mit Radioteil). Das machte Sinn, da mein Elternhaus immer in Sendereichweite interessanter Radiosender lag. BFBS (British Forces Radio Station) hinterließ bei mir sehr prägende und düstere Klangeindrücke der 80er-Jahre-Musik. Der Jugendsender des Hessischen Rundfunks, HR3, bescherte mir in der Folge eines der nachhaltigsten Hörerlebnisse meines Lebens. Dazu später mehr… Wie viele andere, versuchte ich diese kostbaren Momente emsig mit Kasettenaufnahmen zu dokumentieren. Heute hätte ich mit dem alten Equipment meines Bruders ziemlich schlechte Chancen auf Kurzwellenempfänglichkeit. Vor kurzem wurde hier das terrestrische, analoge Radio abgeschafft. Ich bin aber rechtzeitig genug auf Internetradio umgestiegen. —Vorerst bleibe ich wohl im Radio Game.

Im Internet kann man jetzt sehr viel mehr Programm finden, als man jemals hören könnte. Das leidige Mitschneiden auf Tape, kann man sich ebenfalls sparen. Geheime Playlists sind meistens schnell gefunden. Auch wenn man sich sowieso niemals etwas ein zweites Mal anhört. Am besten gibt man sich einfach den Geschmacksalgorythmen gängiger Streaming-Dienste hin. Eigentlich schade, dass meine Jugend gerade vorbei ist, jetzt wo es soviel zu hören gibt. Aber Techno ist ja auch schon wieder gestorben. Wieso bekommt man im Leben eigentlich nie den ganzen Kuchen serviert? Moment, ich muss mich korrigieren, da war doch noch etwas: Techno lebt! Ja, ihr lest richtig! Das dumpfe Gehämmere, das ich damals in der HR3-Clubnight hörte, bevor ich überhaupt wußte was eine Clubnight ist, und anfänglich überhaupt nicht für Musik hielt und trotzdem oder gerade deshalb total faszinierend fand, lebt in der Dreißigquadratmeterwohnung meines Nachbarn weiter. Ja richtig, genau bei dem, der immer nachts so viel herumhämmert! Ob das Hämmern Techno war? Nee, der hat sich bloß dort wo es möglich oder unmöglich war, Regale drangebaut. Ich war jetzt doch mal bei ihm drin. Angelockt vom, mir noch aus Jugendtagen vertrauten Sound des Detroid Techno, der aus seiner Wohnung in annehmbarer Lautstärke auf den Flur drang, hab ich einfach mal bei ihm sturmgeklingelt. Weil mich anscheinend niemand hörte habe ich vor die Tür gedroschen, bis mein Nachbar endlich auftauchte. Er setzte mich darauf hin in Kenntnis, dass ich einem Live-Podcast beiwohnte. Hier wurde also gerade – wenn man so will – Radio gemacht. Ich war einem mehrfachen Flashback meiner Jugend ausgeliefert und konnte mich garnicht mehr einkriegen. Plötzlich war alles wieder da: Ich war wieder der gleiche wissbegieriege Schüler der School of Schranz. Meine Lieblingsfächer: Geartalk über Synthesizer, Platten- und Labelkunde, Clubrankings of Germany und natürlich Resident-Dj-Quartett. Aber irgendetwas war auch anders, es fiel mir überhaupt nicht sofort auf. Das Durchschnittsalter der Anweseden Dj´s, Labelbetreiber und Remixer war deutlich jenseits der Dreissig. In einem längeren, klärenden Gespräch brachte ich in Erfahrung, dass der Techno-Lifestyle durchaus mit dem Familienleben eines konventionellen Mittelschichtshauhalts kompatibel ist. DJ-Trümmer plauderte direkt aus dem Nähkästchen: „Für meine Frau ist das völlig ok, wenn ich einmal im Monat auflegen gehe, solage ich Sonntags über in der Lage bin den Geschirrspüler auszuräumen und die Kinder zu bespaßen.“ Na wenn das so ist, bin ich auch wieder dabei!

Märchenstunde

Weil ich unfreiwilliger Abonnent von zwei Technik-Newsfeeds bin, landen regelmäßig kurze Informationstexte über die technische Neuerungen in meinem E-mail-Postfach. Zugegeben: Diese als Unterhaltung getarnte Werbung ist mir auch lieber als die Werbebeilage im Stadtmagazin, weshalb ich sie noch nicht abbestellt habe. Mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier führe ich mir die Inhalte – bei ausreichender Langeweile – ab und an zu Gemüte. Neben anderen Themen, war heute die Ankündigung eines namhaften europäischen Automobilkonzerns dabei, in naher Zukunft, und unter dem Dach einer neuen Marke, ein reines Elektroauto produzieren zu wollen. Ich nenne keinen Namen, denn es bedarf an dieser Stelle keiner herstellermäßigen Unterscheidung. Die Marketingaktivitäten der großen Autobauer sind sich in diesem Punkt alle sehr ähnlich. Digitalisierung und sportliche Performance stehen immer ganz oben auf der Agenda. Man darf mit Superlativen rechnen. Ich lasse mich vom Datenstrom einsaugen und lande schließlich auf dem Video, in dem der erste der Wagen der neuen Marke den Vertretern der Fachpresse präsentiert wird. Die Vorstellung beginnt standesgemäß. Nach und nach erscheinen wichtige Repräsentanten der Firma unter dem selbstleuchtendem, übermenschlich großem Logo. Auf einer riesigen, nur schummrig bestrahlten Bühne, werden schließlich zwei Prototypen des Autos feierlich enthüllt. Blitzlichtgewitter und Raunen dringt vom Parkett. Die Märchenstunde beginnt.

Der Vorstandsvorsitzende, ein schneidiger Typ, der ohne Krawatte in einem gelbschimmernden Anzug steckt, erläutert die Vorzüge des neuartigen Gefährts. Begleitet von einer riesigen Beamerpräsentation, die parallel zu seinen Ausführungen im Hintergrund abläuft, wirkt er im ersten Moment wie einer dieser Diplom-Meteorologen vor der digitalen Wetterkarte. In aufwändigen 3D-Animationen wird das neuartige Automobil in seine technischen Bestandteile zerlegt. Als Material, das alles möglich macht, taucht immer wieder das gute alte Carbon (Kohlefaserverbundwerkstoff) auf, das als Wunderwerkstoff gepriesen wird. Die Karosserie würde durch die Verwendung des Leichtbaustoffs nicht nur wesentlich weniger wiegen, sondern auch Verwindungssteifer sein, weshalb man überhaupt erst diese schnittige Coupé-Bauform hätte realisieren können. Der Fortschritt in Kürze: 250 Kilogramm leichter (Als was? Es existiert keine Angabe des Gesamtgewichts.), 45% steifer, etwas tiefer und etwas breiter. Seltsam bleibt, bei soviel Neuartigkeit, allein die Tatsache, dass das man sich beim Anblick der neuen Formsprache ständig an amerikanische Muscle-Cars aus den siebziger Jahren erinnert fühlt. Anscheinend sind diese agressiven Formen ein allgemeingültes Designstatement für Fahrdynamik. Während des Vortrags werden weitere einzigartige Verkaufsargumente aufgezählt. Die „Inner Secrets“ des Antriebsstrangs bestünden aus mehreren superstarken Elektromotoren und Akkus der neuesten Generation (noch) in Kombination mit einem Verbrennermotor, sowie einem speziellen System zur Steuerung der Kraftübertragung. In der Summe: Technische Neuerungen um schneller um Kurven herumzukommen und schneller Beschleunigen zu können, gepaart mit einer famosen Reichweite von 150km. Beeindruckend, nicht wahr? Bei diesen mannigfaltigen Innovationen, fällt es etwas schwer den Blick für das Wesentliche zu behalten. Damit etwas Klarheit in das Dickicht des Novitäten-Dschungels kommt, versuche ich mich kurz an einer Übersetzung des Infotainments in Fakten mit mehr Realitätsbezug:

Um uns Primaten die Elektromobilität schmackhaft zu machen, bedarf es einiger Winkelzüge. Das ist wie mit dem Veganismus. Beides zielt im Grunde auf eine nachhaltige Verhaltensänderung ab, scheitert aber schnell an unserer Unfähigkeit von Gewohntem zu lassen. Die Warenwirtschaft nutzt diese Bewußtseinslücke sehr plump aus —mit Produkten, die uns vorgaukeln, durch sie wäre Veränderung ohne Verhaltensanpassung möglich. Ein Beispiel sind etwa diese veganischen Analogien, also Fleischersatz in Wurst- und Schnitzelform, hergestellt mit Inhaltsstoffen unbekannter Herkunft. Die wichtigste Frage in der Produktentwicklung ist offensichtlich nicht: Wie gut geht neu? Sondern: Woran haben wir uns gewöhnt in den letzten Dekaden? Im Falle von Individualverkehr lautet die Antwort: An Gasfußgeprotze, Ampelrennen, Survival of the drehmomentstärkste Karre. Davon zu lassen fällt schwer, das kann ich echt verstehen. Soziales, umweltverträgliches Miteinander bietet nicht so viel eindeutiges Distinktionspotenzial. Deswegen muss die neuartige Elektrokarre aussehen wie ein blutiges Steak auf Rädern. Umweltfreundlich ist diese Form der Mobilität übrigens keineswegs. Die Herstellung von Kohlefaserverbundwerkstoffen ist eine ziemliche Sauerei. Man erhält hierzu seltsamerweise keine genauen Angaben, aber es wird gemunkelt, dass für die Herstellung des schwarzen Goldes der zwanzigfache Energiebedarf anliegt, wie für die Herstellung von Stahl. Recyclingfähig ist Carbon auch nicht, jedenfalls nicht in den mengenmäßigen Maßstäben der Automobilbranche. Wieso wird es dann eingesetzt? Weil man damit schneller um die Kurven rumfahren kann, selbstverständlich.

Sicher

Versicherungen sind wie Anker, die das Schicksal in den undurchsichtigen Strömungen des Lebens berechenbar halten sollen. Hierbei geht es darum Risiko und Schutz in einer Klammer gegenüberzustellen. Was mathematisch zwar möglich ist, aber im Alltag ziemlich abstrakt bleibt.

Um unter den Schutzschirm eine Versicherung zu schlüpfen, bedarf es allerdings einiges Papierkrams. Ich bin kein Freund von Formularen. Wann immer ich diese papiergewordene Leere vor mir habe, bin ich unfähig sie mit den notwendigen Informationen zu füllen. Nach Möglichkeit suche ich mir einen menschlichen Lotsen für die Navigation zwischen den Spalten und Textfeldern. Als ich bei meiner Hausbank anfrage, die auch Versicherungen für jede Lebenslage anbietet, verweist mich eine freundliche Stimme am Telefon an meinen neuen Sachbearbeiter. In meiner Abwesenheit war die Bankfiliale, drei Staßen weiter, dicht gemacht worden, so erfuhr ich. Ich müsse nun in einen anderen Ortsteil zu einer anderen Filiale, um meine Haftpflichtversicherung in eine Familienhaftpflichtversicherung zu ändern. Am nächsten Morgen mache ich mich gleich auf den Weg.

Ich hatte Mucki ein paar Mal geradeso davon abhalten können, größeren Sachschaden zu verursachen. Dreijährige Jungen sind eine permanente Bedrohung für anderer Leute Hab und Gut. Mir wurde das langsam zu anstrengend diese zwergwüchsige Gefahr ständig mit Argusaugen im Blick zu behalten. Besser man überließ seine Nerven den professionellen Risikoexperten. Meinen neuen Kundenbetreuer habe ich allerdings nicht gefunden. Ich verirrte mich auf dem Weg zu ihm. Hielt aber an einer anderen Zweigstelle meiner Bank, die von Aussen als Versicherungsagentur gekennzeichnet war, um nach dem Weg zu fragen. Ich öffnete die Tür zum Kundencenter, einem Raum mit drei höhenverstellbaren Schreibtischen und drei Sachbearbeiterinnen darin, und erklärte mein Anliegen: Dass ich eigentlich einen Termin hätte, aber gerade nicht genau wüßte wo. Eine der Damen bittet mich an ihren Arbeitsplatz. Sie versucht herauszubekommen, wo ich mich befinden soll. Nach kurzer Recherche bestätigt sie mir, dass ich am falschen Ort bin. Ich frage, ob es nicht möglich sei – wo doch draussen Versicherungsagentur draufsteht – mein Anliegen gleich bei ihr zu erledigen. Nach kurzem Zögern bietet sie mir die Dienstleistung an, die eigentlich nicht mehr zu ihrem Aufgabengebiet gerhört.

Scheinbar hat auch sie ein Problem mit dem Ausfüllen von Formularen. Auf ihrem Bildschirm, so berichtet sie mir, würden widersprüchliche Informationen auftauchen. Es scheint ein relativ kompliziertes Verfahren zu sein, einen Privathaftpflichtvertrag in den Status Familie zu überführen. Schließlich gelingt es ihr, die erforderlichen Dokumente ausfindig zu machen. Ich frage sie, warum die unterschiedlichen Teile ihres Unternehmens so wenig miteinander zu tun hätten, wo doch draussen das Gleiche draufstände und ich doch eigentlich genau bei ihr richtig sitzen müsste, wegen dem Kundencenter-Schild und so. Darauf hin meint sie nur, dass sich das alles geändert hätte und eigentlich eine andere Filiale jetzt dafür zuständig sei. Früher aber, wäre bei ihr hier drinnen richtig was los gewesen. Sie erzählt mir Dinge, die selbst ich mir kaum vorstellen kann: Von Leuten, die damals monatlich bei ihr vorbeigekommen sind, um in Bar für ihre Versicherungsleistung zu bezahlen. Ich finde den Gedanken schön, jeden Monat für die eigene Sicherheit bei seiner Versicherung vorbeikommen zu müssen. Überlege mir, ob dieser regelmäßige Gang nicht Vorteile auf beiden Seiten hat: Für den Versicherten, weil er als Bareinzahler doch bestimmt ein immens gesteigertes Bewußtsein für die Risiken seiner Existenz hat, und für die Versicherung, weil genau dieses Risikobewusstsein des Versicherten Schadensfälle zuverlässig verhindert. Ja, tatsächlich, wenn ich so darüber nachsinne: Ich meine beobachtet zu haben, dass heutzutage, wo doch alles automatisch abgerechnet wird, wesentlich mehr Sach -und Personenschädliches passiert. Vielleicht ist der Vollautomatismus der Digitalisierung doch nicht so gut für die Allgemeinheit. In ein paar Jahren wird es die drei Sachbearbeiterinnen wahrscheinlich nicht mehr geben. Dann wird sich ein sprechender Algorithmus auf irgendeinem Server um meine Problemchen kümmern. Aber von wem sollen denn die wenigen verirrten Kunden erfahren, dass früher, zu den Zeiten in denen Versicherungsgeschäfte noch in Bar abgewickelt wurden, die Welt noch viel sicherer war?

Mein erstes Mal

Ein paar Wochen ist es her, da war mein Neffe Kofi zu Gast bei uns. Er besucht uns ziemlich regelmäßig, immer wenn die documenta in der Stadt ist. Also in etwa alle fünf Jahre. Das mit Kofi ist in etwa vergleichbar mit der Beobachtung von erdnahen Asterioiden, die alle paar Jahre an unserem Mutterplaneten vorbeischrammen. Man kann diese Himmelkörper und ihren Feuerschweif einen Moment lang im Fernrohr besichtigen, bevor sie wieder in den Tiefen des Alls verschwinden. Zügellose Trabanten, die einen immer wieder in ihren Bann schlagen, sobald sie sich dem eigenen Orbit nähern und einen mit einem Schweif aus Fragen und Vermutungen in der eigenen Umlaufbahn zurücklassen.

Kofi, ist ein echter Weltenbummler, spricht mehrere Sprachen fließend und hat meistens keinen lokalisierbaren Wohnsitz. Ich weiß im Grunde nicht viel über ihn. Nur, dass er ab und zu Autos nach Afrika verschifft und schöne Gedichte schreibt. Da stand sie also mitten im Raum, seine sehr weltgewandte italienische Echtleder-Reisetasche. Kofi selbst war schon wieder unterwegs. Auf Joggingschuhen. Kaum war er angekommen, war er auch schon wieder mal kurz weg —im Zeichen der Fitness. Es sollte noch eine gute Stunde dauern, bis wir uns zur Begrüßung in den Armen lagen. Ich freute mich innerlich schon ganz diebisch auf die Eindrücke seiner letzten Reisen. Das ist so, bei Leuten wie mir, die selber sehr ortsbezogen sind und es kaum schaffen das eigene Quartier zu verlassen. Kofi erzählte von seinem letzten Ausflug auf den Kontinent der Verwandten seines Vaters. Natürlich hatte er wieder ein Auto im Gepäck. Bei einem Zwischenstop in Hamburg spontan gekauft und danach schnell nach Ghana verschifft. Einen Wohnwagen hätte er sich auch gerade besorgt, für einen Arbeitsurlaub in Zürich. Er wollte da für vier Wochen rüber mit seiner Freundin. Was für Kofi in ein bis zwei Nebensätze passte, bedurfte für mich noch weiterer Erklärungen, da kam ich mit dem Finger auf der Landkarte nicht so schnell hinterher. Das mit der Freundin war eine neue Facette, die ich noch nicht an ihm kannte. Wie soll das auch gehen, feste Freundin und ständig unterwegs. Aber klar – Freundin die im Wohnwagen mitkommt, in den Arbeitsurlaub, um bei der gleichen Firma zu arbeiten – das geht natürlich auch mit dem Status gemeinsam nicht sesshaft. Leider hatte seine Liebste irgendetwas anderes zu tun, weshalb sie gerade nicht mit dabei war. Ich mache mir keine Hoffnung sie jemals persönlich kennenzulernen. Am nächsten Tag war ein Besuch der 14. documenta angesetzt. Ich hatte mich im Vorhinein etwas informiert. Man konnte bei der Veranstaltung nie ganz sicher sein, ob der Unterhaltungswert konstant gewährleistet ist. Besser man bediente sich Insiderwissen. Meine Informanten hatten mir zugetragen, dass es sich, vorallem bei den im Ottoneum (so heißt das hiesige Naturkunde-Museum) ausgestellten Arbeiten, um echte Geheimtipps handelte. Wir begannen unsere Runde auf der Weltkunstaustellung trotzdem zunächst mit den Standards. In der Neuen Galerie war die Dichte an politisch aufgeladener Kunst allerdings so hoch, dass offensichtlich niemand der Besucher in der Lage war, das zu verarbeiten, was die ausgestellten Künstler verarbeiteten. Ziemlich zombiehaft bewegten sich große Menschenströme durch die langen Gänge. Mein Fazit: Die Mischung aus Reizüberflutung und schlechter Luft knipst Menschengehirne verlässlich aus. Kofi und ich entschieden uns den konspirativen Tipps zu folgen und wir machten uns auf den Weg zum Ottoneum. Dort angekommen stellte Kofi fest, dass er seine Eintrittskarte wohl irgendwie verloren hatte, auf dem Fußmarsch. Aber kein Problem, Weltbürgern wie ihm wird immer gerne Zutritt gewährt, ob mit oder ohne Karte. Nach ein paar Metern befanden wir uns in einem Raum, in dem eine Videoinstallation epischen Ausmaßes lief. Verteilt auf zwei Videoleinwänden, beide mehrere Dutzend Quadratmeter groß, war ein Mensch zu sehen, der mit geflochtenen Tiermasken im Urwald umherstapfte. Passend zum jeweiligen Geschöpf das er verkörperte, führte er einen rituellen Tanz auf. Beeindruckend war nicht nur das Naturschauspiel, sondern auch die Auflösung der Videobeamer. Ich ertappte mich dabei, wie ich versuchte das Fabrikat der bildgebenden Medien auszumachen. Leider vergeblich. War das vielleicht die erste Vorstellung in voller 4K Auflösung, die ich hier erlebte? Bei aller Andacht für die atemberaubenden Naturaufnahmen, die bei ihrer Ursprünglichkeit, auch die Unfähigkeit des Menschen thematisierten, selbst nur ein Teil der Schöpfung zu sein – schon durch die Gabe des abstrakten Denkens und der Beherrschung von Technologie – muss ich einfach sagen, dass 4K-Videos wirklich, wirklich superscharf sind.