Schönheitsfleck

Der Mensch ist ein Schönheitstier. Es gibt zahllose Belege dafür, dass er oder sie sich an den Formalitäten von Proportion und Harmonie orientiert. Mal treten diese Vorlieben als mathematisches Verhältnis zu Tage, mal als Nasenbeinkorrektur. Das Augenscheinliche birgt natürlich ebenfalls die Möglichkeit der Augenwischerei. Jedoch, selbst wenn diese schon als enttarnt gilt, tut das der Begeisterung oft keinen Abbruch.

Vor ein paar Tagen wurde mir im Netz ganz unfreiwillig ein Werbeclip vorgespielt, der mein Harmonieempfinden besonders herausforderte. Inmitten der Diskrepanz zwischen Inhalt und äußerer Form, findet sich nämlich oft die eigene Wahrheit. Es ist zutiefst unangenehm, wenn die Sinne geschmeichelt werden und man doch tief in sich drin die Stimme der Aufgeklärtheit den Untertitel sprechen hört. Die Konsumkultur spielt oft mit unserer Sehnsucht nach Harmonie und am Ende wird das Schöne nur als Hebel für die Kaufentscheidung bemüht. Jeder weiß das und trotzdem funktioniert Werbung. Wie wehrt man sich am besten gegen den Missbrauch des Schönen? Gleich wegsehen, verschämt und verlegen, weil es einen doch igrendwie erwischt hat, oder versuchen die Fassung zu bewahren und die Eindrücke mit einem Schutzschild aus Sarkasmus abwehren? Ich wehrte mich nach Kräften, trotzdem bohrten sich die Bilder in mein väterliches Herz. Es war genauso gemeint. Was mich schwach machte: Die traurige Musik, die Bambi-Augen, die glitzernd-schöne Weihnachtsstimmung, die Message… Ohh Mann. Was war zu sehen, zu hören, zu fühlen? Der Plot ist schnell erklärt: Ein kleiner Junge wächst allein mit seiner Mutter in einem Häuschen auf —kleiner und verschrobener als die schicken Bongalows der Nachbarn. Die Mutter, ein bambyäugiges Wesen, ist sehr darum bemüht dem Jungen, mit den wenigen Mitteln, die sie hat, eine Freude zu bereiten. Sie näht ihm ein Eisbärenkostüm, aber die Nachbarskinder in ihren coolen Spiderman-Outfits, lachen ich bloß aus. Sie schlendert mit ihm an einer Eisbahn entlang, auf der die anderen Kinder spielen, aber sie hat kein Geld ihm eine Runde zu spendieren. Als Weihnachten vor der Tüt steht, liegen keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Zerstörte Vorfreude in den Augen des Kleinen. Eisbärspuren führen ihn stattdessen zur heimischen Garage. Darin hat ihm die Mutter eine eigene kleine Eisbärenwelt gebaut. Nach der anfänglichen Enttäuschung, setzt die Fantasie des Jungen ein und er fliegt auf dem Rücken eines imaginierten Eisbären durch eine arktische Disney-Zauberwelt. So schön, so gut. Die ganze Zeit wartet man innerlich darauf, dass der anrührende Kitsch durch das eingeblendete Logo einer bekannten Marke endlich eindeutig als Werbung gekennzeichnet wird. Dann die Erlösung! Es erscheint das Signet: Penny. Spruch: Weihnachten braucht nicht viel – Nur Liebe. Das tut echt weh! Weil —man kann es direkt spüren: Der Clip eine echte Wahrheit enthält, aber leider doch nur das Gegenteil will: Unschuldige Kinderherzen unter Pennymarkt-Plastikspielzeug verschütten. Ich war den Tränen wirklich nah. Nur einen Tag später, muss ich wirklich weinen. Mucki sitzt schon am Küchentisch und isst sein geliebtes Nussmußbrot. Nichtsahnend schalte ich das Radio ein. Es läuft dieser Lindenberg-Song mit dem kleinen Jungen. Ein Anti-Kriegslied aus den Achtzigerjahren. Schönheit und Tragik liegen nicht selten nah beieinander: Der eine Junge singt aufrichtig und ernst über Dinge ausserhalb seiner Vorstellungskraft. Der andere kleine Junge hört ihm dabei genau zu. Ich blicke meinen kleinen Jungen am Küchentisch an und weiß, dass ich ihm leider gleich erklären muss, worüber der Junge im Radio singt. Abschalten kann ich das Radio nicht mehr, da die Song-Zeilen schon unwideruflich im Raum stehen. Die Situation ist leider ähnlich. Die Unschuld des Jungen, der den Song singt, wird eigentlich auch nur als Vehikel benutzt: —Um die Botschaft in Form der bittersten Wahrheit über den Menschen möglichst eindringlich zu transportieren. Auch hier spürt man den Zwiespalt zwischen Form und Inhalt und ist trotzdem zutiefst gerührt. Vorallem als Vater der seinem kleinen Sohn jetzt Songtexte erklären muss.

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allein im Wald

Die paar Leserinnen und Leser meines Blogs wissen es vielleicht: Ich bin begeisterter Radfahrer. Da ich immer sehr damit beschäftigt bin, die Welt den Irrungen und Wirrungen meines Wesens auszusetzen, braucht die Welt regelmäßig eine Auszeit von mir und ich von ihr. Das Radfahren als Ausgleichssport hat den großen Vorteil, dass man den Grenzen der Stadt schnell entrinnt und draussen auf den entlegenen Wegen selten jemanden trifft. Meistens treiben mich meine sportiven Radausflüchte in nahegelegene Wälder. Dort ist die Luft angenehm frisch, wenn sie über die Blätter der Laubbäume streift. Abgesehen von monotonen Gerumpel der Reifen und der schlackernden Kette, wird der Wald dabei auch zum Ort der Stille. Innere Einkehr ist also durchaus möglich. Manchmal bin ich spät dran mit meinen Runden, besonders wenn ich Abends aufbreche und schon wieder das Ende des Sommers verpasst habe. Vor ein paar Tagen, als die Dämmerung bereits einsetzte und auch ein paar Regetropfen aus dem dunklen Himmel auf meinen Fahrradhelm fielen, war mir das seltsam egal. Ich fuhr einfach los und wusste, dass ich in bald wieder zwischen meinen geliebten Waldbäumen herumradeln würde, abseits von all den Alltagssorgen. Das Restlicht würde schon ausreichen, um meinen Heimweg zu beleuchten.

Wer oft genug draussen in der Natur mit sich selbst zu tun hat, weiß irgendwann genau was geht und was man besser lassen sollte. Es bilden sich Instinkte, die zuverlässig verhindern, dass man irgendwelche Dummheiten begeht. Trotzdem kann es auch einem erfahrenen Waldsportler passieren, dass er die inneren Stimmen kurzzeitig überhört.

Ich rollte auf einer mir sehr bekannten Strecke in den dämmernden Wald hinein, bog – ohne dass ich einen genauen Grund dafür nennen könnte – auf eine technisch anspruchvolle Passage ab, die ich sonst eher mied. Sie führte zwischen wuchtigen Steinblöcken hindurch in Richtung eines kleinen Bachs, regelmässig unterbrochen von halbmeter hohen Absätzen und kleinen Steilstücken. Zum Glück hatte ich das Terrain noch ganz gut memoriert, so dass ich ungefähr wusste wo ich landen würde —auch im Fall eines Falles. Als ich quer auf den Bachlauf stieß, konnte ich noch gerade so erkennen, was vor meinen Fußspitzen lag. Ich überlegte, wie ich am schnellsten wieder weg von dort käme. Weiter unterhalb konnte ich nach einem steilen, kurzen Anstieg eine Hauptverkehrsstrasse erreichen, weiter oberhalb führte eine kleine Brücke über den Bach und nach einem kurzen Schlängelpfad auf einen breiten, geschotterten Weg. Da mir die Strecke weiter abwärts bei den schummrigen Lichtverhältnissen zu riskant schien, schob ich mein Fahrrad langsam bachaufwärts am steilen Ufer entlang. „Wo steckt denn nun diese Brücke?“, fragte mich meine innere Stimme unentwegt. Ich musste viel tiefer gelandet sein als gedacht, oder wirkte der Weg nur viel länger, wenn man ihn nachts ging? Ich war verunsichert. Eigentlich kannte ich mich doch gut aus hier, oder doch nicht? Mehrfach hielt ich umgestürzte Bäume für die gesuchte Brücke. Dann endlich erkannte ich sie im Halbdunkel. Es beruhigte mich ein wenig, zu wissen, dass ich mich gleich wieder auf einem befahrbaren Weg befinden würde. Als ich den Schotterweg erreichte und ihn langsam hinauffuhr, fand ich jedoch das Schild nicht mehr, das mich sonst zu einem nahegelegenen Rasthof führte. Ich bog auf einen  Wirtschaftsweg ab, ahnend, dass dieser Abstecher meine nächtliche Radtour enorm verlängern würde. Am Ende des Weges angekommen, sah ich aus einiger Entfernung die nächstgelegene Ortschaft im Tal, aber es wird mich nicht nach Hause bringen dort hinunter zu fahren, sagte ich zu mir selbst. Ich bog stattdessen links ab, passierte ein abgelegenes Forsthaus und fuhr einen steilen Hang hinauf. Ich erinnerte mich: Weiter oben gab es noch einen Funkturm an dem ich mich orientieren konnte. Aber wo stand der genau? Als ich auf dem Kamm ankam, war er nirgends zu sehen. Ich rumpelte weiter in eine Gegend hinein von der ich wusste, dass man sich in ihr gut verfahren konnte, auch bei Tageslicht. Mitten im Nichts spaltete sich der Weg, ich bog links ab, obwohl mir meine innere Stimme zum Gegenteil riet. Langsam fing ich an die Gerüche der Waldbewohner wahrzunehmen, ein sicheres Zeichen für die totale Waldfinsternis, in der die sonst so vernachlässigte Großstadtmenschennase sich eine echte Aufgabe sucht. Nach ein paar Hundert Metern konnte ich einen ehemaligen Sandsteinbruch erahnen und mir wurde klar, dass ich mich im Kreis bewegte. Als ich mich die Steigung in der entgegengesetzten Richtung zurück rollte, sah ich für einen kurzen Moment die roten Positionslichter des Funkmasten. Das musste der ersehnte Wald-Ausgang sein! Während ich mich schon über ein baldiges Ende meiner nächtlichen Radtour freute, verschwanden die Lichter wieder in der Dunkelheit hinter den Bäumen. Ich überlegte mir, wie ich die Nacht allein im Wald herumbringen könnte, für den Fall, dass ich heute nicht mehr nach Hause fand. Es sollte doch kein Problem darstellen, ein paar kalt-feuchte Stunden auf einem moosbewachsenen Stein herumzusitzen und auf den Sonnenaufgang zu warten… oder war der Wolf schon heimisch in Nordhessen? Allein der Gedanke beschleunigte meinen Tret-Rhytmus wieder. Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte der blinkende Turm wieder vor mir auf und mir wurde sehr leicht ums Herz. Bald würde ich meine kleine Familie wiedersehen. Was soll man dazu sagen? Das Microadventure  war wohl zu einem echten Abenteuer mutiert.

Paradies

Fragt man die Leute danach was sie wirklich glücklich macht, bekommt man als Antwort – öfter als gewohnt – die wirklich wichtigen Dinge im Leben genannt: Familie, Freundschaft, Gesundheit. Wenn man die fantasievollen Glücklich-Listen aus Frauenmagazinen als Grundlage für das subjektive Glücksempfinden heranzieht, ergibt sich folgendes Bild:

  • laut Musik hören
  • Prosecco mit Freundinnen
  • frisch gemähtes Gras riechen
  • in die Sterne schauen
  • Sommernächte
  • Hunde streicheln
  • Schokolade
  • Wochenendtrips
  • Kuschelsonntage
  • ausgedehnte Spaziergänge
  • zuhause aufräumen

Mal ganz davon abgesehen, dass – je nach anvisierter Zielgruppe – auch Themen wie Kinderwunsch, richtiger Umgang mit dem Liebhaber, Dekoration des Eigenheims und Zubereitung kulinarischer Köstlichkeiten, mal mehr und mal weniger dominant in Erscheinung treten, muss ich sagen, dass ich mich durchaus repräsentiert fühle. Sollte ich einfach aus Gründen der Selbstbestätigung in Zukunft mehr in Frauenmagazinen blättern? Es ist zumindest ärgerlich, dass ich bei meinem Hausarzt stets so zügig in das Behandlungszimmer gebeten werde, obwohl ich doch viel lieber noch im Wartezimmer weiterlesen möchte. (Nein, ich bin nicht privat versichert, es hat sich bloss noch nicht herumgesprochen wie gut dieser Doktor der Allgemeinmedizin ist.) Das nächste Mal werde ich wohl lieber gleich zum Stapel mit den Frauenmagazinen greifen. Aber was bringt mich eigentlich dazu über das Glücklichsein nachzudenken? Muss man sich darüber eigentlich den Kopf machen?

Manchmal im Leben kommt es ganz auf den Impuls an. Manchmal ziehen die Dinge vor den Augen des Betrachters entlang und dabei drängen sich unweigerlich Fragen auf. Während des letzten Wochenendes sind Reize an meine Sinnesenden gelangt, die so augenscheinlich waren, dass das allgemeine Glück hier unumgänglich zum Thema werden muss. Was war geschehen? Hasi ist der Einladung eines ihr bekannten Keramik-Künstlers gefolgt, der sie eingeladen hatte, doch auch ein paar ihrer Fotoarbeiten während des Tags des offenen Bauenhofs in einem kleinen Dorf in der Nähe Unversitätsstadt Göttingen auszustellen. Natürlich wollten alle Mitglieder unserer kleinen Familie mit dabei sein. Während ich die Gelegenheit nutzte, um eine längere Radtour dorthin zu unternehmen, machte sich der Rest der Mannschaft mit dem Zug auf den Weg. Als wir endlich ankamen, war alles sehr so, wie man sich das mit Leben auf Land vorstellt: Allerlei frei umherlaufende Tiere und Kinder, gutes Essen, interessante Düfte, solidarisches Mitanpacken, eine richtig gemütliche Unterkunft im Landhausstil, dazu interessante Informationen über das gelbe vom Ei und die richtige Ernährung von Legehennen. Es ergab sich ein buntes Wimmelbild aus Dorfbewohnern, befreundeten Bauern, Agrarexperten, neugierigen Großstättern, freundlichen Hunden und Katzen, Bioladenbetreibern und ehemaligen Rockstars, die sich für ein Landleben nach dem Karriereknick entschieden hatten. Am Ende des Tages ging die Sonne sehr stimmungsvoll unter und wir nahmen den Geschmack von leckerem Zuckerkuchen und saftigem Wildbrät, den Duft von Frischen Kräutern und sonnigen Wiesen mit ins Bett. Wir sahen die Sterne heller und viel klarer leuchten als im Smog der Stadt und träumten von Hühnern, die zur Hausmusik des Bauern tanzen. Am nächsten Morgen, während wir frühstückten, zeigte uns unsere Gastgeberin nicht ganz beiläufig ein paar Musikvideos, in denen man bestimmte Besucher des Hoffestes vom Vortag erkennen konnte. Anschließend guckte ich mich noch etwas um. Unsere Gastgeber bewohnten das, was gemeinhin als Anwesen bezeichnet wird: Einen mehrere hundert Jahre alten Bauernhof mit eigener Streuobstwiese und vielen niedlichen Tieren drumherum, die anscheinend nur gehalten wurden, um Kinder und Erwachsene daran zu erinnern, wie weich eigentlich so ein Hasenfell ist und wie schön das eigene Federvieh den Garten dekoriert. Drinnen im Haus roch es nach altem Holz. Nicht muffig, sondern eher nach Familienleben, das durch die Poren in das Holz dringt und als warmer Duft in den Wohnraum zurückströmt. Alle Gegenstände befanden sich in einem seltsamen Zwischenzustand, weder ordentlich noch unordentlich. Vielmehr hatte man den Eindruck, das alles genauso an seinem Ort gehört. Das alles so wie es ist, gut ist. In Gedanken überfliege ich noch einmal die Liste aus den Frauenmagazinen und mache ein Häckchen nach dem anderen. Beim letzen Punkt stocke ich: Nein, aufräumen musste man hier wirklich nichts.

Wellness

Auch ich blicke manchmal in den Spiegel. Und was sehe ich? Die ständig älter werdende Hülle meines Körpers, die im reflektierenden Glas unseres Badezimmerhängeschranks erscheint und mich fragend ansieht. „Was ist denn das schon wieder für eine bescheuerte Frisur?“ Naja —eine Frisur wohl nur noch indirekt. Vielmehr das, was vor Monaten mal ein identifizierbarer Haarschnitt war. Jetzt ist da oben, auf mir drauf, nur noch Wolle. Experten des Friseurhandwerks loben immer wieder die Dicke meiner Haarpracht. Dieser große Haardurchmesser hat aber ein spezifisches Eigengewicht, das nach einer Weile der friseurmäßigen Abstinenz sogar spürbar wird. Ausserdem vollführe ich mit meinen Haupt irgendwann immer so einen Schlenkermove, der mir die Haare aus dem Gesicht befördern soll, und von dem meine Freundin Hasi immer behauptet, dass er total peinlich hipsterhaft ausieht. Wieder wiege ich meinen Kopf von links nach rechts, um die Haare aus meinem Blickfeld zu bekommen. —Die Symptome häufen sich. Ich sollte mal wieder einen Friseur aufsuchen.

Bei uns um die Ecke gibt es ein vielbefahrene vierspurige Strasse, die neben ein paar Läden für den täglichen Bedarf auch eine ganze Reihe Friseurgeschäfte beherbergt. Möglicherweise, ich vermute mal, ist es sogar die Straße mit der höchsten Friseuladen-pro-Quadratmeter-Dichte westlich von Teheran. Es gibt zwar ein paar deutsche Städte, die den Titel »Stadt der Friseure« für sich beanspruchen (unter anderem bedeutende Metropolen wie Ravensburg und Fürstenfeldbruck), aber nirgendwo sonst fallen Haare in solchen Mengen aufs Friseurkehrblech wie hier in der Gegend. Ich habe selbst auch schon einige der Salons durchprobiert, aber kaum denke ich alle zu kennen, gibt es schon wieder neue Neueröffnungen. Wie nun jeder weiß, dem regelmäßig die Haare länger wachsen, ist der Akt des Haarschneidens ein sensibler Bereich in dem sich menschliche Bedürfnisse, handwerkliches Geschick und modisches Selbstbild begegnen. Frisuren sind Vertrauenssache. Am besten findet man jemanden aus der Friseurzunft, zu dem man eine längere Beziehung, die auf gegenseitiger Kenntnis beruht, aufbauen kann. Ich hatte mal so Jemanden, dem ich die Formgebung meiner Haare gerne anvertraute. Selten aber regelmäßig. Vielleicht zu selten, denn irgendwann war der Laden nicht mehr da. Aufs Land umgezogen, munkelte man mir ins Ohr. Weil dort die Umsätze besser seien —aufgrund der hohen Kundenbindung. Gerade auf den Dörfern ist ein Friseursalon oft die soziale Schaltstelle. Für ältere Dorfbewohnerinnen ist es eine Pflicht sich mindestens einmal pro Woche die Haare ondulieren zu lassen, da sie sonst verpassen würden was hinter Nachbars Hecke so alles passiert.

Endlich habe ich wieder Hoffnung auf meine eigene längerfristige Kundenbindung. Naiv, wie ich bin, frage ich nach einem Sofort-Termin? Nein erst morgen. „Versuchen sie es einfach beim Nachbarfriseur“, sagt mir eine nette Friseurin aus einem Salon, den ich spontan besuche. Tatsächlich! Nebenan ist noch ein weiteres Friseurgeschäft, das ich noch nicht kenne. Als ich das Geschäft betrete, entfaltet sich eine kleine Welt aus schönen Aromen, sanfter Musik und stilbewußter, wohnzimmerartiger Inneneinrichtung. Schön hier drin. Aha, ich soll mich noch zehn Minuten gedulden, bis Mareike kommt. Kein Problem. „Kaffee oder Cappuccino?“ Cappuccino. Im Hintergrund läuft eine Downbeat-Coverversion von Moloko´s Sing It Back. Mein Gehirn behandelt die Kombination aus Hintergrundmusik und fehlenden Geschlechtsgenossen, als ein Indiz dafür, dass das bisschen Haare schneiden teuer werden kann, in dieser schmeichelhaften Atmosphäre. Mareike stellt sich mir vor. Auch sie ist von sehr angenehmer Erscheinung. Anfang Fünfzig, sehr gepflegt, warme Stimme. „Noch ein Cappuccino?“ Nein Danke. Ob sie mir die frischgewaschenen Haare waschen darf? Aber sicher. Es ist, ich kann es garnicht genau beschreiben, als ob sie bei der obligatorischen Kopfhautmassage garnicht meine Kopfhaut massiert, sondern meine Gehirnwindungen. Sanft streichelt Mareike meine struppigen Gedanken glatt und überzieht tieferliegende Schichten meines Bewußtseins mit einer undefinierbaren Harmonie. Mein Körper verliert innerhalb weniger Sekunden sein Gewicht. Ich fange an zu schweben. Irgendwann sitze ich wieder im Friseurstuhl. Die passende Frisur hat sie inzwischen auch noch hingezaubert. Keine Ahnung wie sie das mit mir im Schwebezustand hingekriegt hat. Aber das ist Nebensache. Natürlich komme ich wieder. Die 35 Euro für einen Männerhaarschnitt finde ich mehr als angemessen und gebe noch zehn Euro Tinkgeld.

Von Särgen und Tränen

Vor ein paar Jahren fielen mir besondere Lautsprecher in die Hände. Seitdem gibt es kein Entrinnen mehr für mich und meine unterdrückten musikalischen Gefühle. Das ist wirklich schlimm, denn immer müssen Tränen dabei fließen. Wollt ihr die ganze mysteriöse Geschichte? Hier ist sie:

Es ist gut, wenn man als Paar feststellt ähnliche Interessen zu teilen. Sehr schön ist es auch, wenn es dabei eine gewisse Schnittmenge in Sachen musikalischer Vorlieben gibt. In einem frühen Stadium unserer Beziehung gingen Hasi und ich dann und wann gemeinsam in Secondhand-Läden Platten shoppen. Nach nur kurzer Zeit füllte sich ein heimischer Plattenregalmeter mit gebrauchten Siebzigerjahre-Scheiben. Auf einer unserer gemeinsamen Shoppingtouren in einem Trödelladen, musste ich mir kurz die Zeit damit vertreiben das restliche Sortiment zu inspizieren, da Hasi im Eifer ihrer Sammelleidenschaft einen Stapel von mehreren Dutzend alter Scheiben vor der einzigen Abhörmöglichkeit angelagert hatte. Während meiner Runde duch das kleine Ladenlokal, entdeckte ich zwei mannshohe Standlautsprecher ohne Firmenlogo. Gekleidet in angestoßenes Nußbaum-Funier, an einer Seite von der Sonne ausgeblichen, waren sie wirklich keine Schönheiten. Mein Nachfragen über die Herkunft der Geräte brachte keine weiteren Erkenntnisse. Schnell zog ich mein Interesse wieder zurück. Was sollte ich auch mit den komischen Dingern anfangen, ich hatte ja bereits ein paar ordentliche Lautsprecher zuhause.

Zu spät. Zwei Tage danach stand ich wieder in dem Laden um die Schallwandler unbekannter Herkunft pobezuhören. Trotz einiger Verrenkungen, die der Ladenbesitzer auf sich nahm, um die Lautsprecher im Sarg-Look mit anderem alten Musikequipment zu verdrahten, war ich eigentlich nicht begeistert von ihrem Sound. Zu diesem Zeitpunkt war mir der Klangeindruck aber fast schon egal. Das lag daran, dass die Musikschränke auf eine unbestimmbare Art meine innere Vorstellung von Lautsprechern spiegelten und mich deshalb magisch anzogen. Ich bezahlte nach kurzem Handeln und vereinbarte sie abzuhohlen, sobald ich einen Umzugswagen dafür frei hätte. Die Klangtruhen brachten nämlich ein gewichtiges Problem mit sich. Jede der Boxen wog, laut Angabe des Ladenbesitzers, so um die 60 Kilo. Das Umzugsauto für den Umzug in unsere erste gemeinsame Wohnung, schien die erstbeste Möglichkeit für den Abtransport. Mein Einstieg in das audiophile Hören war ein echter Sprung ins kalte Wasser, bis auf das hohe Gewicht hatte ich wirklich keine Ahnung was mich erwartete. Über Umwege fand ich heraus, dass es sich bei den Lautsprechern um ein Selbstbauprodukt eines renommierten französischen Herstellers handelte. Die 400 Euro, die ich investierte, waren möglicherweise ein echtes Schnäppchen. Als nach dem geglückten Transport das Paar Boxen und auch das restliche Mobiliar endlich in unserer neuen Wohnung stand, machte sich beim ersten Soundcheck im neuen Zuhause erneut die Ernüchterung breit. Ausgerechnet die Mittelton-Chassis, die als seltene Juwelen gehandelt werden, waren defekt. Aus irgendeinem schicksalhaften Grund verkaufte aber genau zu diesem Zeitpunkt jemand zwei dieser Raritäten auf einem Kleinanzeigenportal. Stichproben ergaben, dass dieses Angebot bis zum heutigen Tag einmalig war. Da mir der Trödelhändler den Differenzbetrag für den Austausch erstattete, stieg in mir erneut die Vorfreude für ein neues Testhören auf. Endlich komplett bestückt —wieder Ernüchterung. Jetzt mit den Mitten klang alles irgendwie zu … mittig. Ich lernte, dass auch ich mich zuerst auf die Suche nach den passenden Audio-Komponenten machen musste. Drei verschiedene alte Verstärker, alle in der Preisklasse um die 70 Euro, waren kurz zu Gast in meiner sogenannten Sigalkette, zwei davon gingen wieder. Die paar Euros, die ich investierte, sind natürlich ein Witz im Vergleich zu den Summen, die normalerweise von dieser Leidenschaft verschlungen werden. Nicht selten fließen in audiophilen Haushalten Gelder in handverlötete Röhrenendstufen und Masselaufwerke, die den Wert eines Eigenheims leicht übersteigen können. Man muss im Leben eben Prioritäten setzen. HighEnd-Liebhaber sind eine spezielle Gattung. Meistens sind es Leute mit elektrotechnischem Wissenshintergrund oder einem Hang zur Esoterik, oder einer Mischung aus beidem. Ein gewisses Maß an übersinnlichen Fähigkeiten wird in diesem Metier vorrausgesetzt: Natürlich kann man hören, ob der Strom sauber ist und selbstverständlich haben Anschlusskabel einen großen Anteil am Klang einer Anlage!

Wo bei mir der Unterschied zum Hören auf einer ganz gewöhlichen Stereoanlage liegt? Das läßt sich leicht beantworten: Ich muss regelmäßig rumheulen wenn ich bestimmte Musik auf diesen besonderen, alten Lautsprechern höre. Dann kullern mir echte Männertränen die Wangen herunter. Das liegt daran, dass diese abgeschabten Dinger die Musiker erst in unsere Wohnung holen, und dann direkt in mein Herz. Das ist mir manchmal wirklich unangenehm. Ich will nicht so oft die Kontrolle über meine Gefühle verlieren. Deswegen benutze ich sie selten, diese kostbaren Audiomöbel.

Anspieltipp:

Marcia Ball – Louisiana 1927

(Tränen auch auf durchschittlichen Lautsprechern möglich)

Abheben, endlich

Vor ein paar Tagen, nach einer ausgedehnten Gassirunde, habe ich einen alten Bekannten wiedergetroffen. Tibo hat mit mir studiert und wir rennen uns ab und an über den Weg. Meistens zwischen Tür und Angel von irgendwas. Dann verabreden wir uns regelmäßig zu Treffen, die jeweils einer von uns kurzfristig absagen muss, weil irgendetwas dringenderes anliegt. Wenn es trotzdem mal mit einer Zusammenkunft hinhaut, ist es immer sehr unterhaltsam mit Tibo. Tibo gehört zu den Leuten, die immer irgendein Ass im Ärmel haben. Du denkst du kennst den Typen und alle Karten sind ausgespielt und dann Zack! Knallt er dir ein Full House auf den Tisch, dass es nur so kracht. Wie das kommt? Ich kann darüber nur mutmaßen. Tibo stammt aus einem Klan von ziemlich originellen Menschen, für die es ständig etwas zum tüfteln und ausprobieren gibt. Sein Großvater, nur mal als Beispiel, wurde auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin, mit einem Kopiergerät beschenkt, mit dem er nach kurzer Zeit die abgefahrendsten Kollagen zauberte, in einem Alter so um die achtzig. Irgendwer seiner Vorfahren war auch mal im Besitz einer namhaften Fabrik für Bürostühle. Ich schätze, da liegt die Tüftelei irgendwie in der Luft. Luft ist überhaupt mal das Stichwort: Wie ich ihn da so am Eingang zum Park treffe, hat er so einen verdächtig großen Rucksack auf dem Rücken. Seltsamerweise sagt mir mir mein Hirn just in dem Moment: Gleitschirm. Obwohl ich noch niemals zuvor in meinem Leben einen Rucksack zu Transport eines Gleitschirms gesehen habe. Wenn der Tibo mit so einem Rucksack auf dem Rücken im Park unterwegs ist, kann es sich wohl nur um ein tragbares Fluggerät handeln. So einfach gestaltet sich anscheinend für meine Denkmaschine die Kategorisierung. Meine Frage ist dann auch nur noch rhetorisch. „Gleitschirm?“ Gleitschirm. Was er damit in einem doch eigentlich sehr flachen Park macht, will ich wissen. Ach so, stimmt! Es gibt diese Anhöhe auf dem Gelände einer mittlerweile zugewucherten Bundesgartenschau. Und da kann man fliegen? „Nö, nicht wirklich, aber man kann den Wind im Schirm spüren.“ Mir ist es eigentlich egal was er da getrieben hat, der Lilienthal meines Bekanntenkreises, ich finde es jetzt schon so aufregend, dass weitere Details nur meine eigene fantasierte Version davon stören würden. Wir verabreden uns, wie üblich, zu einem Treffen, das so bald wohl nicht stattfinden wird. Ich denke eine Weile lang über das flachländliche Gleitschirmfliegen nach. Mir fällt noch eine Frau in meinem Bekanntkreis ein, die sich auch für das Gleitfliegen als Hobby entschieden hat. Andere Abenteurer, die ich kenne, klettern an Felsen herum, Bouldern nennt sich das heute. Unser kleiner Sohn Mucki steigt auch schon mit Begeisterung auf den kleinen Baum vor unserem Wohnhaus. Hasi, meine Freundin, geht regelmäßig zum Yoga und berichtet mir anschließend begeistert von den Verrenkungen, die sie dabei einstudiert hat. Der innere Drang nach Abenteuer und Risiko, scheint in vielen Menschen zu wohnen. Ich bin zur Zeit eher mit echten existentiellen Risiken beschäftigt, das reicht mir persönlich voll und ganz. Ich überlege, ob ich nicht trotzdem mal was neues ausprobieren könnte. Anscheinend bin ich in Zugzwang. Vielleicht sollte ich mir endlich auch mal einen Tragschrauber zulegen. So ein Motorrad der Lüfte. Vor ein paar Jahren schon, ist ein entfernter Bekannter damit zur Arbeit geflogen, von Hamburg nach Hildesheim und zurück. Ob das Sinn macht, fliegende Motorräder bei norddeutschem Wetter? Sicherlich nicht. Aber man macht es, weil das Fliegen so inspirierend ist. Hoffentlich kann ich mir bald wenigstens mal eine Fahrt mit einem dieser neumodischen Flugtaxis gönnen.

Der Tag an dem Maus ging

Mucki wollte vom Weihnachtsmann eine Maus. Der Weihnachtsmann, ein nachsichtiger alter Kauz mit spleenigen Vorlieben für fliegende Paarhufer und Midgets als Mitarbeiter, hatte Mucki´s Wunschzettel anscheinend beherzigt. Am heiligen Abend verzauberte uns dieser besondere, stille Glanz in den glücklichen Kinderaugen. Von da an war Maus (bitte immer ohne Artikel davor) Mucki´s treuer Begleiter. Maus war eigentlich immer mit von der Partie: Wenn Mucki müde wurde, brauchte er Maus in seiner Kinderhand. Beim Mittagessen musste Maus zumindest anwesend sein und auch die ersten Fahrversuche auf Mucki´s neuem Fahrrad musste Maus als Beifahrer im Lenkerkorb miterleben. Überhaupt hatte Maus relativ wenig Freizeit. Vielleicht braucht Maus ab und zu einfach einen Day Off. Einmal schon hatten wir Maus vermissen gelernt. Papa hatte Maus und Schäfchen (das andere hauptberufliche Kuscheltier), in der Hektik einfach bei Omi liegengelassen. Mucki trug den plötzlichen Kuscheltierverlust mit Fassung. Immerhin waren die Beiden in Sicherheit. Omi versicherte uns telefonisch, dass sie sich gut um die beiden kümmern werde. Aus ein paar Tagen mit Ersatzkuscheltieren wurden schließlich doch zwei Wochen und die Wiedersehensfreude fiel demensprechend überschwänglich aus. Diesmal lag der Fall allerdings anders. Die Chancen auf ein baldiges Wiedersehen standen schlecht. Wer eine kleine mausgraue Stoffmaus mit nur zehn Zentimetern Körpergröße in einem Regionalzug verliert, kann sich sicher sein, sie nie wieder zu Gesicht zu bekommen. Mucki kann nichts dafür. Er hing schon eine Weile lang schlafend auf Papas Arm und der Klammergriff seiner Kinderhand lockerte sich wohl in einem Moment tiefer Entspannung, wahrscheinlich ausgerechnet während des Umsteigens. Natürlich habe ich sofort am nächsten Morgen eine E-Mail mit ausführlicher Personenbeschreibung an den den Anbieter des regionalen Schienenverkehrs geschickt. Bislang leider ohne Lebenszeichen.

Wir Eltern hatten es auch nicht immer leicht mit Maus. Ein derartig kleines Kuscheltierchen bleibt des Öfteren unsichbar, meistens wenn man es überhaupt nicht gebrauchen kann stundenlang danach zu suchen. Etwa wenn das Kind schon im Bett liegt und seinen treuen kleinen Freund plötzlich vermisst. Die allabendliche gemeinsame Suche nach Maus wurde zu einem wiederkehrenden Ritual unserer kleinen Familie. Ich habe keine Ahnung wie viele Stunden dafür draufgingen. Versuche der umtriebigen kleinen Maus eine wiederauffindbare Bleibe zu bescheren blieben erfolglos. Jetzt war Maus also ganz von uns gegangen. Wehmut erfasste die Kleinfamilie. Wird es dem kleinen Plüschfreund an einem anderen unbekannten Ort so gut gehen wie bei uns?

Es ist, wie so oft im Leben, möglich bestimmte Vorgänge als Zeichen für das nahende Schicksal zu verstehen, vorausgesetzt man ist sensibel genug: Weil wir unseren Zug für die Hinfahrt verpassten, musste sich unsere kleine Familie eine Weile lang auf dem Hauptbahnhof in Kassel herumtreiben. Um die Zeit bis zum nächsten Anschluss totzuschlagen, setzten wir uns auf eine öffentliche Bank direkt auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort trieben sich weitere gestrandete Gestalten herum. Nach einem kurzen Moment der Verzückung durch unser öffentliches Familienleben, nahm sich einer der Stadtstreicher ein Herz und schenkte Mucki einen Koalabären aus Plüsch, der vom Liebhaben durch ein anderes Kind deutliche Abnutzungsspuren an der Koalanase hatte. Das ist ein Geschenk, das man natürlich nicht ablehnen darf, trotzdem ließ ich den Plüschbären vorsorglich auf unbestimmte Zeit in einer Plastiktüte verschwinden. Seltsam bleibt auch der Plattentip meiner besten Freundin, nur einen Tag davor: »John Maus – Addendum«. Als aufmerksame Beobachter des Schicksals hätten wir es wissen besser müssen: Der Kreislauf der Kuscheltiere forderte unsere Mitwirkung ein. Lebe wohl kleine Maus!