Paradies

Fragt man die Leute danach was sie wirklich glücklich macht, bekommt man als Antwort – öfter als gewohnt – die wirklich wichtigen Dinge im Leben genannt: Familie, Freundschaft, Gesundheit. Wenn man die fantasievollen Glücklich-Listen aus Frauenmagazinen als Grundlage für das subjektive Glücksempfinden heranzieht, ergibt sich folgendes Bild:

  • laut Musik hören
  • Prosecco mit Freundinnen
  • Frisch gemähtes Gras riechen
  • In die Sterne schauen
  • Sommernächte
  • Hunde streicheln
  • Schokolade
  • Wochenendtrips
  • Kuschelsonntage
  • ausgedehnte Spaziergänge
  • Zuhause aufräumen

Mal ganz davon abgesehen, dass – je nach anvisierter Zielgruppe – auch Themen wie Kinderwunsch, richtiger Umgang mit dem Liebhaber, Dekoration des Eigenheims und Zubereitung kulinarischer Köstlichkeiten, mal mehr und mal weniger dominant in Erscheinung treten, muss ich sagen, dass ich mich durchaus repräsentiert fühle. Sollte ich einfach aus Gründen der Selbstbestätigung in Zukunft mehr in Frauenmagazinen blättern? Es ist zumindest ärgerlich, dass ich bei meinem Hausartzt stets so zügig in das Behandlungszimmer gebeten werde, obwohl ich doch viel lieber noch im Wartezimmer weiterlesen möchte. (Nein, ich bin nicht privat versichert, es hat sich bloss noch nicht herumgesprochen wie gut dieser Doktor der Allgemeinmedizin ist.) Das nächste Mal werde ich wohl lieber gleich zum Stapel mit den Frauenmagazinen greifen. Aber was bringt mich eigentlich dazu über das Glücklichsein nachzudenken? Muss man sich darüber eigentlich den Kopf machen?

Manchmal im Leben kommt es ganz auf den Impuls an. Manchmal ziehen die Dinge vor den Augen des Betrachters entlang und dabei drängen sich unweigerlich Fragen auf. Während des letzten Wochenendes sind Reize an meine Sinnesenden gelangt, die so augenscheinlich waren, dass das allgemeine Glück hier unumgänglich zum Thema werden muss. Was war geschehen? Hasi ist der Einladung eines ihr bekannten Keramik-Künstlers gefolgt, der sie eingeladen hatte, doch auch ein paar ihrer Fotoarbeiten während des Tags des offenen Bauenhofs in einem kleinen Dorf in der Nähe Unversitätsstadt Göttingen auszustellen. Natürlich wollten alle Mitglieder unserer kleinen Familie mit dabei sein. Während ich die Gelegenheit nutzte, um eine längere Radtour dorthin zu unternehmen, machte sich der Rest der Mannschaft mit dem Zug auf den Weg. Als wir endlich ankamen, war alles sehr so, wie man sich das mit Leben auf Land vorstellt: Allerlei frei umherlaufende Tiere und Kinder, gutes Essen, interessante Düfte, solidarisches Mitanpacken, eine richtig gemütliche Unterkunft im Landhausstil, dazu interessante Informationen über das gelbe vom Ei und die richtige Ernährung von Legehennen. Es ergab sich ein buntes Wimmelbild aus Dorfbewohnern, befreundeten Bauern, Agrarexperten, neugierigen Großstättern, freundlichen Hunden und Katzen, Bioladenbetreibern und ehemaligen Rockstars, die sich für ein Landleben nach dem Karriereknick entschieden hatten. Am Ende des Tages ging die Sonne sehr stimmungsvoll unter und wir nahmen den Geschmack von leckerem Zuckerkuchen und saftigem Wildbrät, den Duft von Frischen Kräutern und sonnigen Wiesen mit ins Bett. Wir sahen die Sterne heller und viel klarer leuchten als im Smog der Stadt und träumten von Hühnern, die zur Hausmusik des Bauern tanzen. Am nächsten Morgen, während wir frühstückten, zeigte uns unsere Gastgeberin nicht ganz beiläufig ein paar Musikvideos, in denen man bestimmte Besucher des Hoffestes vom Vortag erkennen konnte. Anschließend guckte ich mich noch etwas um. Unsere Gastgeber bewohnten das, was gemeinhin als Anwesen bezeichnet wird: Einen mehrere hundert Jahre alten Bauernhof mit eigener Streuobstwiese und vielen niedlichen Tieren drumherum, die anscheinend nur gehalten wurden, um Kinder und Erwachsene daran zu erinnern, wie weich eigentlich so ein Hasenfell ist und wie schön das eigene Federvieh den Garten dekoriert. Drinnen im Haus roch es nach altem Holz. Nicht muffig, sondern eher nach Familienleben das durch die Poren in das Holz dringt und als warmer Duft in den Wohnraum zurückströmt. Alle Gegenstände befanden sich in einem seltsamen Zwischenzustand, weder ordentlich noch unordentlich. Vielmehr hatte man den Eindruck, das alles genauso an seinem Ort gehört. Das alles so wie es ist, gut ist. In Gedanken überfliege ich noch einmal die Liste aus den Frauenmagazinen und mache ein Häckchen nach dem anderen. Beim letzen Punkt stocke ich: Nein, aufräumen musste man hier wirklich nichts.

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