Wassermarsch II

Um nicht zuviel von der Wassershow zu verpassen, fingen wir an uns mächtig zu beeilen. Mit Mucki auf den Schultern hüpfte ich auf den engen Pfaden an den Kulturdenkmälern vorbei. Die kleinen, von Menschenhand geformten Felsvorsprünge flogen unter meinen Füßen nur so davon, wieder rannten wir vorbei an der Neptun Grotte und am Höllenteich, um die nächste Szene der Show zu ereichen bevor es zu spät ist. —So dachte ich. Wir erreichten die Wiese unterhalb der Teufelsbrücke gerade noch rechtzeitig —so meinte ich. Auf dem Gras sitzend stellten wir fest, dass eigentlich nichts passiert. Unruhe machte sich in mir breit. Hatten wir die Flut etwa schon verpasst? Waren die Kubikliter schon vor uns hier durchgerauscht? Die Zeit verging. Erfahrene Wasserspielbesucher versuchten uns zu beruhigen: Es wäre einfach noch nicht soweit. Das Wasser würde schon noch kommen. Endlich kündigte sich der nächste Akt des feuchten Schauspiels an, abermals mit einem sanft anschwellenden Gegurgel. Diesmal über unserern Köpfen und unterhalb einer kleinen, mitten im Fels platzierten Brücke. Erst mit einem leisen Plätschern, dann mit einer gebirgsbachhaften Dynamik rollte das künstliche Wildwasser einen kleinen Wasserfall hinab in ein Becken mit allerlei Wasserplfanzen darin. Das Grünzeug schien irgendwie überfordert zu sein, mit der plötzlichen Springflut. Als die Wogen sich wieder glätteten, machte sich die ganze Versammlung in einem meditativen Trott zur nächsten Stätte des Schauspiels auf . Almählich begriffen wir, dass der Reiz der Show nicht im möglichst schnellen Erreichen der nächsten Station lag, sondern in der Anpassung an die spezielle Form der Entschleunigung, die die Inszenierung des fließenden Wassers vorgegab. Der moderne Mensch, das getriebene Wesen, rechnet ständig damit irgendetwas zu verpassen, sollte er sich nicht schnell genug bewegen. Dies hier, war aber nun eine Lektion in Langsamkeit auf die man seine flüchtige Wahrnehmung erst einmal kalibriert haben wollte. Wir hörten auf uns zu beeilen, ließen den Dingen – ganz wörtlich – ihren Lauf. Der konstante Fluß der Zeit spielt eine untergeordnete Rolle, wenn das alchimistische Element Wasser den Rahmen vorgibt. Man muss dieses Event selbst erlebt haben, um seine Faszination zu verstehen. Ich hielt meine Sinnesorgane schon für sehr abgebrüht, spätestens seitdem mich ein Freund in den ersten Teil des Transformers-Sequels gezerrt hatte, einer Computergrafik-Materialschlacht ohne Erbarmen, bei der keine Einstellung länger als eine Sekunde stehen bleiben darf. Jedoch: Es haut einen tatsächlich um, wenn tausende Liter Wasser über eine 35 Meter hohe Klippe einen Abhang herunterrauschen, über das sogenannte Aquädukt. Man rechnet danach nicht mehr mit einer möglichen Steigerung und wird ganz postiv enttäuscht, wenn sich zum Schluss eine 30 Meter hohe, geysierhafte Fontäne, inmitten des Sees am Fuße des Gebirgsparks – wie aus dem Nichts erhebt. Mir geht durch den Kopf, dass dieser ganze Aufwand nur zum Zweck einer romatisch motivierten Sinnesfreude erdacht wurde und seit 300 Jahren betrieben wird. Ist das nicht fabelhaft? Eine unsichtbare, unterirdisch untergebrachte Maschinerie, die hektoliterweise Wasser einen Berg hinauf und hinab schafft, mitten in einem, in mühevoller Hingabe, über Jahrzehnte hinweg, umgestaltetem Stück Natur: Nur um die Menschen daran zu erinnern, wie schön die echte Natur eigentlich ist? Ich gerate ins Schwärmen.

Ein paar Wochen darauf wird dem Wasser in dieser  Stadt an anderer Stelle gehuldigt. Es findet ein bekanntes Volksfest statt, bei dem ein paar menschliche Nixen die Hauptrolle spielen. Neptun zu ehren – ich vermute das mal – werden mehrstöckige Gruppen von Wasserski-Akrobaten mit Hilfe leistungsstarker Motorboote über den Fluß gezogen. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut. So viel Nonsens, nur um zu beweisen, dass der Nonsens möglich ist. Das hält auf irgendeine seltsame Art und Weise meinen Glauben an  die Menschheit aufrecht. Fragt nicht nach dem Sinn: Wir machen das, weil wir es können!

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