Wassermarsch I

Vor einer Weile saß ich mit Mucki im Zug. Gemächlich rollten wir unserer Heimatstadt entgegen. Es war schon Abend und ich mußte ihn, wie das mit dreijährigen Jungen manchmal so ist, noch ein bisschen bei Laune halten bevor er richtig Müde wurde und einschlief. Eine Heldenfigur, die sehr prominent auf einem unübersehbaren Podest hoch über Stadt steht, kam langsam in Sichtweite. Ich versprach ihm, dass wir dem Standbild in allernächster Zeit einmal einen Besuch abstatten werden, und dass er, falls wir es wirklich die ganzen Stufen – hoch zum Herkules – schafften, oben ein Eis dafür bekäme. Bis ihm langsam die Augen zufielen, malten wir uns unser nächstes gemeisames Abenteuer noch in den schönsten Farben aus. Mucki hatte dem Heroen einen Spitznamen verpasst und so blitzte in den nachfolgenden Tagen der Herku immer mal wieder mal in seinen Erzählungen auf. Zwei Wochen später war es endlich soweit. Die Unternehmung fiel auf einen Sonntagnachmittag, was bedeutete, dass wir – ausser dem spektaukulären Aufstieg zum Fuße des Denkmals – auch noch in den Genuß der legendären barocken Wassershow kommen würden, die dort oben auf dem Gelände des Schlossparks seit dreihundert Jahren regelmäßig veranstaltet wird. Unsere Vorfreude erfüllte uns mit der speziellen Art von Enthusiasmus, den man nur auf wirklich bedeutsamen Expeditionen spürt. Bei der Eroberung der Südpols etwa, oder bei der Durchquerung der Taklamakan, oder – wie in userem Fall – bei der familären Erstbesteigung des Bergparks Wilhelmshöhe. Schnell erreichten wir mit einem blauen Nahverkehrsmittel die Basisstation am Fuße des Schlossbergs. Schon am Anstieg zum Schloß zeigte sich bei Mucki der unbedingte Wille, das Ziel noch am gleichen Tag zu erreichen. Oft schon hörte man guselige Geschichten von Kleinfamilien, die am Aufstieg kläglich scheiterten, sich im weitläufigen Bergpark veliefen und erst Tage später bei einem Stück Käsesahnetorte im Schloßcafè wieder gesichtet wurden. Dieses Schicksal war uns, der Zielstrebigkeit des kleinen Expeditionführers nach zu urteilen, nicht beschieden. Mucki ließ sich nicht ablenken von den schmeichelhaft in den Hang platzierten Tempelchen und von handgemauerten Natursteinbrücken, die den Verlauf eines künstlichen Gebirgsbachs immmer wieder malerisch kreuzten. Die Baum-Exoten und die kleinen menschengemachten Basaltklippen waren ihm Schnuppe, den mächtigen Aquädukt, den Teufelsteich und die Neptungrotte nahm er gerade so zur Kenntnis. Seine große Aufmerksamkeit galt allein dem Treppenaufgang zum Fuße des Herku. Diese Stufen führten schließlich zur sehnsuchtsvollen Verheißung: Dem Eis am Stiel. Zu unserer gemeisamen Überraschung schaffte Mucki den Aufstieg über die hunderten von Stufen ohne große elterliche Überredungskunst. Oben angekommen war der schöne Ausblick eine reine Nebensache. Wir waren ja noch nicht am Ziel. Kurze Zeit später saß unsere kleine Familie genüßlich eisschleckend und gipfelglücklich auf der breiten Terasse zusammen. Während dieser kurzen Verschnaufpause machten wir uns innerlich bereit für den Abstieg. Eine Ahnung nahm in uns Platz: Das eigentliche Highlight war eventuell garnicht das Bergfest mit Eis. Eine Ansammlung von Bergparkbegeisterten deutete es bereits an. Sie umrigte den Mann, der mit einem schlüsselförmigen Werkzeug die Fluten des barocken Wassespiels freigab, und den für einen Moment lang die Aura eines Hohepriesters umgab. Pünktlich waltete er seines Amtes. Mit einem sanften Gluckern, wie man es sonst nur von verstopften Siphons kennt, öffnete sich das Ventil des Wasserspektakels. Durch ein ausgeklügeltes System von unterirdischen Rohren floss das feuchte Nass eine kurze Weile lang unbemerkt doch die Gegend, bis es sich erstmals auf ein paar Stufen neben ein paar versteinerten Lustgottheiten öffentlich zeigte, dann einen Brunnen mit allerlei Fabelgetier zum feuchten Leben erweckte und anschließend, zwei, nur durch Wasserdruck betriebene und von steinernen Jünglingen gehaltene Fanfahren zum klingen brachte. Allmählich schwoll der Strom immer weiter an und schäumte und spritzte die sogenannten Kaskaden hinab, großzügig am Hang angelegte Wasserstufen. Auch der Menschenstrom setzte sich allmählich in Bewegung und ergoss sich in Zeitlupe neben dem Wasser den Berg hinab. Zu Mucki´s größtem Spaß bekamen wir beim Abstieg entlang der Wasserstufen immer mal wieder einen Spritzer vom kühlen Nass in den Nacken.

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