Mein erstes Mal

Ein paar Wochen ist es her, da war mein Neffe Kofi zu Gast bei uns. Er besucht uns ziemlich regelmäßig, immer wenn die documenta in der Stadt ist. Also in etwa alle fünf Jahre. Das mit Kofi ist in etwa vergleichbar mit der Beobachtung von erdnahen Asterioiden, die alle paar Jahre an unserem Mutterplaneten vorbeischrammen. Man kann diese Himmelkörper und ihren Feuerschweif einen Moment lang im Fernrohr besichtigen, bevor sie wieder in den Tiefen des Alls verschwinden. Zügellose Trabanten, die einen immer wieder in ihren Bann schlagen, sobald sie sich dem eigenen Orbit nähern und einen mit einem Schweif aus Fragen und Vermutungen in der eigenen Umlaufbahn zurücklassen.

Kofi, ist ein echter Weltenbummler, spricht mehrere Sprachen fließend und hat meistens keinen lokalisierbaren Wohnsitz. Ich weiß im Grunde nicht viel über ihn. Nur, dass er ab und zu Autos nach Afrika verschifft und schöne Gedichte schreibt. Da stand sie also mitten im Raum, seine sehr weltgewandte italienische Echtleder-Reisetasche. Kofi selbst war schon wieder unterwegs. Auf Joggingschuhen. Kaum war er angekommen, war er auch schon wieder mal kurz weg —im Zeichen der Fitness. Es sollte noch eine gute Stunde dauern, bis wir uns zur Begrüßung in den Armen lagen. Ich freute mich innerlich schon ganz diebisch auf die Eindrücke seiner letzten Reisen. Das ist so, bei Leuten wie mir, die selber sehr ortsbezogen sind und es kaum schaffen das eigene Quartier zu verlassen. Kofi erzählte von seinem letzten Ausflug auf den Kontinent der Verwandten seines Vaters. Natürlich hatte er wieder ein Auto im Gepäck. Bei einem Zwischenstop in Hamburg spontan gekauft und danach schnell nach Ghana verschifft. Einen Wohnwagen hätte er sich auch gerade besorgt, für einen Arbeitsurlaub in Zürich. Er wollte da für vier Wochen rüber mit seiner Freundin. Was für Kofi in ein bis zwei Nebensätze passte, bedurfte für mich noch weiterer Erklärungen, da kam ich mit dem Finger auf der Landkarte nicht so schnell hinterher. Das mit der Freundin war eine neue Facette, die ich noch nicht an ihm kannte. Wie soll das auch gehen —feste Freundin und ständig unterwegs? Aber klar – Freundin die im Wohnwagen mitkommt, in den Arbeitsurlaub, um bei der gleichen Firma zu arbeiten – das geht natürlich auch mit dem Status gemeinsam nicht sesshaft. Leider hatte seine Liebste irgendetwas anderes zu tun, weshalb sie gerade nicht mit dabei war. Ich mache mir keine Hoffnung sie jemals persönlich kennenzulernen. Am nächsten Tag war ein Besuch der 14. documenta angesetzt. Ich hatte mich im Vorhinein etwas informiert. Man konnte bei der Veranstaltung nie ganz sicher sein, ob der Unterhaltungswert konstant gewährleistet ist. Besser man bediente sich Insiderwissen. Meine Informanten hatten mir zugetragen, dass es sich, vorallem bei den im Ottoneum (so heißt das hiesige Naturkunde-Museum) ausgestellten Arbeiten, um echte Geheimtipps handelte. Wir begannen unsere Runde auf der Weltkunstaustellung trotzdem zunächst mit den Standards. In der Neuen Galerie war die Dichte an politisch aufgeladener Kunst allerdings so hoch, dass offensichtlich niemand der Besucher in der Lage war, das zu verarbeiten, was die ausgestellten Künstler verarbeiteten. Ziemlich zombiehaft bewegten sich große Menschenströme durch die langen Gänge. Mein Fazit: Die Mischung aus Reizüberflutung und schlechter Luft knipst Menschengehirne verlässlich aus. Kofi und ich entschieden uns den konspirativen Tipps zu folgen und wir machten uns auf den Weg zum Ottoneum. Dort angekommen stellte Kofi fest, dass er seine Eintrittskarte wohl irgendwie verloren hatte, auf dem Fußmarsch. Aber kein Problem, Weltbürgern wie ihm wird immer gerne Zutritt gewährt, ob mit oder ohne Karte. Nach ein paar Metern befanden wir uns in einem Raum, in dem eine Videoinstallation epischen Ausmaßes lief. Verteilt auf zwei Videoleinwänden, beide mehrere Dutzend Quadratmeter groß, war ein Mensch zu sehen, der mit geflochtenen Tiermasken im Urwald umherstapfte. Passend zum jeweiligen Geschöpf das er verkörperte, führte er einen rituellen Tanz auf. Beeindruckend war nicht nur das Naturschauspiel, sondern auch die Auflösung der Videobeamer. Ich ertappte mich dabei, wie ich versuchte das Fabrikat der bildgebenden Medien auszumachen. Leider vergeblich. War das vielleicht die erste Vorstellung in voller 4K Auflösung, die ich hier erlebte? Bei aller Andacht für die atemberaubenden Naturaufnahmen, die bei ihrer Ursprünglichkeit, auch die Unfähigkeit des Menschen thematisierten, selbst nur ein Teil der Schöpfung zu sein – schon durch die Gabe des abstrakten Denkens und der Beherrschung von Technologie – muss ich einfach sagen, dass 4K-Videos wirklich, wirklich superscharf sind.

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