Automatismus

Die Zeit rinnt mir durch die Finger. Ich versuche manchmal sie mit den Händen zu fassen zu kriegen. Irgendwie klappt das nicht. Zu den wenigen bleibenden Eindrücken meines Lebens werden wohl die klappernden Teller und Tassen, Besteckteile und Schüsseln gehören, die jeden Tag eine Viertelstunde lang vor mir im Spülwasser herumschwimmen. Ich weiß: Das wirkt wirklich extrem anachronistisch, in der heutigen Technokratie —dieses Handspülen. Die Umweltbilanz des händischen Spülens sei schlechter als die eines Spülautomaten, habe ich mal gelesen. Das müßte ganz eindeutig einer der seltenen Fälle sein, bei dem sich die ehrliche Handarbeit sogar negativ auf die Umwelt auswirkt. Studien zufolge wird das Spülen per Hand außerdem als eine der lästigsten Beschäftigungen im Haushalt wahrgenommen. Auch die hautschmeichelnde Wirkung von Spülmitteln mit Aloe-Vera-Zusatz konnte ich bis jetzt nicht bestätigen, in meiner eigenen, noch andauernden Versuchsreihe. Habe ich jemals in einem Haushalt mit Geschirrspüler gelebt? Doch. Die Erinnerung ist wage: Da waren schon ein paar Mal Spülgeräte fest in Küchenzeilen eingbaut, an Orten in denen ich temporär lebte, aber sie waren allesamt defekt. Mein Leben, das Handspülen —wir teilen uns scheinbar unzertennbar den gleichen Handlungsstrang. Irgendwer hat das mal in die Form einer Verlustrechnung gebracht. Wer sechzig Jahre lang von Hand spült, würde – summa summarum – 3 Jahre seiner Lebenszeit nur dem Spülen widmen.

Drei lange Jahre als Spülknecht, eingekerkert in der eigenen Küche: Ein Horror! Das bisschen Licht, das in die dunkle, nasse Zelle fällt, verleiht dem abgestandenen Spülwasser einem seltsam irisierenden Glanz. Ach so: Das ist bloss der Fettfilm auf der Oberfläche, wenn die emulgierende Wirkung des Spülmittels nachläßt. (Danke für die Information Herr Professor!)

Zeit für ein Outing: Ich weiche ein. Ich bin sogar überzeugter Einweicher. Das hat aber weniger mit Spültechnik oder angewandter anorganischer Chemie zu tun. Es ist eine reine Glaubensfrage. Das Spülen ist mein tägliches Gebet und die innere Einkehr verlangt nach Vorbereitung. Das Einweichen ist die erste Stufe der Katharsis. Alles braucht seine Zeit: Der Abflussstopfen steckt, das Wasser läuft ein. Im Spülbecken liegt das Besteck zu unterst. Darüber werden Teller, Tassen, Gläser verteilt, so dass sie sich möglichst sanft an einander anschmiegen. Ein dosierter Schuss Spüli dazu, der mit einer planschenden Handbewegung im lauwarmen Wasser verteilt wird, bis sich erste Seifenblasen bilden. Jetzt heißt es warten. Kurz zur Ruhe kommen. In der Küche wird es still. Ist der optimale Einweichzustand erreicht, lege ich den trockenen Spülschwamm im meine gefalteten Hände und senke das Haupt, atme dreimal tief ein und wieder aus. Ich konzentriere mich dabei auf die eine zentrale Frage: Bin ich schon bereit, die Spuren des Familienlebens zu beseitigen? Falls nicht —verlängert sich das Einweichen um eine weitere Schweigeminute. Das tägliche Spülritual beginnt anschließend mit ruhigen, weichen Reinigungsbewegungen. Ich wische sie beiseite: Reste von Senfsauce, Ketchup, angebappten, aber eingeweichten Maccheroni. Etwas Griessbrei klebt noch hartnäckig am Boden einer kleinen Schüssel. (Hat man die extrem natürliche Adhäsion von getrocknetem Griessbrei schon wissenschaftlich untersucht? Ist das möglicherweise der Bio-Klebstoff von Morgen, den ich hier gerade versuche wegzuschrubben, mit der rauen Seite des Schwamms?) Ich sehe Gemüsestückchen, die wie verlorene Gepäckstücke eines in Seenot geratenen und gesunkenen Kreuzers umhertreiben und von Wogen des Spülschaums sanft umspielt werden. Ich werde mir bewußt, dass alles Gekochte und Gegessene Spuren hinterläßt, auf Geschirr und Besteck. Diese Spuren können von Appetit und Lebensfreude künden, aber auch von Verzweiflung und Verzehrproblemen. Die Nahrungsaufnahme: Ein Spiegel der menschlichen Existenz. Diese geschabten und gekratzten Spuren von Esswerkzeugen sind Teil eines Größeren und Ganzen. Wo sonst liegen Reinheit und Unreinheit näher beieinander? Die Sinneseindrücke verschmelzen: Frische und Vergänglichkeit teilen sich einen engen Raum. Das Spülen von Hand macht die Lebensspuren erst sichtbar, bevor sie wieder für einen Tag verschwinden und der Kreislauf der Nahrungsaufnahme von neuem beginnt. Egal was diese selbsternannten Spülexperten in ihren Studien herausfinden, über die Unnötigkeit des Handspülens: Mit dem Spülschwamm in der Hand spüre ich die Zeit sehr bewußt zwischen meinen schaumigen Fingern verinnen.

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