Olive des Schicksals

Irgendwann im Leben schleicht sich die Dekadenz ein. Das geschieht ganz allmählich. Es fängt bei Bettdecken an, die von einem Tag zum nächsten nur noch mit Naturdaunen-Füllung zum Schlafen zu gebrauchen sind. Schuhe —bitte nur noch mit Schafswolleinlegesohlen und ergonomischem Fußbett! Dazu gesellt sich das Herumlungern auf Wochenmärkten, wo im gepflegten Austausch über das Für und Wider von neuen Gesundheitstrends abgewogen wird. Vieles bleibt Spekulation, aber eines steht fest: Die besten Oliven der Welt kommen aus einer griechischen Gegend namens Kalamata. Die Erinnerung an die Wiege unserer Kultur ist noch intakt: Griechenland, der finanzkrisengebeutelte Südost-Zipfel Europas, ist der Herkunftsort antiker Philosophie, der mixolydischen Tonleiter, der ersten Superhelden, des dorischen Säulenkapitells, der Demokratie und einer besonders leckeren Frucht des gemeinen Ölbaums. Mutter Natur meinte es gut mit dem Pfleckchen Land: Die mineralische Zusammensetzung des Bodens, die Beschaffenheit des Untergrunds, ein spezielles und sehr ausgewogenes Verhältnis von Sonneneinstrahlung und Luftfeuchtigkeit, sorgen besonders bei den Kalamata-Oliven für Vanille und Zimt Aromen, Nuancen von Banane und Mandel  —fruchtig, aber mit einem feurig-mildem Abgang. Entschuldigung, liebe Spanier, Portugiesen, Italiener, aber nichts anderes ist mehr akzeptabel! Ein Stückchen Weißbrot, ein Teller mit Kalamata-Olivenöl  —fertig ist das Festmahl. Was daran dekadent ist? Der Preis: Ein Fläschchen des goldenen Olivensafts sollte mindestens fünfmal soviel wie billiges 0815-Olivenöl kosten. Ich kenne Leute, die förmlich abhängig von dem Zeug sind und ihr letztes Hemd wohl gerne für den wohlschmeckenden Saft des Olivenbaums hergeben würden. Auf der Balkanroute herrscht mittlerweile ein reges Treiben von zwielichtigen Olivenölschiebern. Möglicherweise ging auch auf den Direktflügen zwischen Kassel und Athen, während der 14. documenta, die eine oder andere Flasche unentdeckt durch den Zoll. Der Nachschub darf nicht abreißen!

Wie sich das Glas, mit dem Aufdruck der berühmten geografischen Herkunft, in den muffigen Proberaum einer noch jungen Hildesheimer Stoner-Rockband verirrte, ist wohl nicht mehr ganz zu klären. Es sind Situationen, für die Rock-Klischees gemacht scheinen: Die Tüte ist schon ein paar mal rumgegangen, die eine oder andere Flasche Bier ist auch schon in der Hand warmgeworden —besser man denkt auch in dieser Lage an eine ausgewogene Ernährung: Ein Glas Kalamata-Oliven, etwas Feta Käse, und dazu ein Stückchen ofenwarmes Weißbrot. Genährt von kulinarischer Inspiration, war er wohl plötzlich da, dieser bedeutsame Moment in der Historie jeder Musikgruppe. Der Moment in dem der Name für die Band gefunden werden mußte. Das Oliven-Glas stand noch in Sichtweite zwischen überquellenden Aschenbeschern, havarierten Getränkedosen und dem üblichen Inventar von Bandkellern – diesen tropfsteinartigen, wachsbekleckerten Kerzenleuchten – herum. Irgendwer nimmt das Glas in die Hand und blickt entrückt durch die geweiteten Pupillen auf den klanghaften Namen der Anbauregion. KALAMATA, das klingt wie ein Gitarrenriff: Ein hämmernder Rhytmus, der sich aus dem steten Wechsel verschiedener Konsonanten und des immergleichen Vokals ergibt. Dass man die Band im Anschluss an das Olivenglas-Namefinding einfach so wie die Olive nannte, war nur logisch. Es war auch nur konsequent, dass die erste Tour die Musiker in das Herkunftsland ihres Bandnamens führte. Die lebendige griechische Musikszene empfing die Band aus Deutschland mit offenen Armen. Man feierte zum Schalldruck des entsteinten Stoner-Rocks der Hildesheimer mächtig ab, im Land der Zypressen, Olivenhaine und Tempelruinen. Bleibender Eindruck: Kultur geht immer dort am steilsten, wo die Not sie erfinderisch macht.

Mittlerweile ist mein Kumpel Maiki schon zum zweiten Mal im sonnigen Süden auf Tour gewesen, der Trip scheint fast zum jährlichen Ritual zu werden. Maiki hatte lange auf die Musikkarriere warten müssen, seine Musikalität war über die Jahre gereift wie ein guter Wein. Die Wendungen des Schicksals hatten die Band und ihre Mitglieder zusammengebracht, genauso wie die Wendungen des Schicksals ihre Musik formten. Letzendlich entstammt auch der Name der Band der Kategorie schicksalhafte Wendung. Allesamt sind sie Familieinväter, anfang vierzig, gehen geregelten Jobs nach und sind, nach zwei gefeierten Studioalben, eine feste Größe der europäischen Wüstenrock-Szene. In letzter Zeit mit deutlich mehr Konzertanfragen ausserhalb der Ägäis und der Hildesheimer Börde.

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