Mechanik

Gemeinsam sitzen Hasi und ich in ihrem neuen Atelier. Besuche in Ateliers sind etwas besonderes. Kunst ist immer da, wo etwas besonders ist. In Ateliers wird vieles besonders. Sie drückt mir eine alte DDR-Fotokamera in die Hand. Behauptet, dass diese nicht mehr funktioniert. Ob wir die Kamera nicht auseinander schrauben könnten. Sie war im Baumarkt, jetzt kramt sie in ihrer Einkaufstasche, holt ein Set Uhrmacherschraubenzieher hervor. Noch ehe ich meine Einwände ausformuliert habe, beginnt sie schon an den ersten Schrauben des Gehäuses herumzudrehen. Es kostet mich etwas Überwindung ihr zur Hand zu gehen. Der Respekt für feine Mechanik ist noch in mir drin, auch wenn die Behauptung möglicherweise stimmt, dass der Fotoapparat nicht mehr richtig funktioniert. Überhaupt: Was soll das bringen diesen Apparat zu zerlegen, wo man sowieso nicht in der Lage wäre ihn wieder zu reparieren? Ach so: Alles reine Neugierde. Ich fange an klugzuscheißen, wie es sich für einen Mann gehört, der einer Frau dabei zusieht, wie sie mechanisches nicht versteht. Als ich sehe wie sie einen der kleinen Schraubendreher (ja, es heißt Schraubendreher, nicht Schraubenzieher) schräg ansetzt, um eine der winzigen Gehäuseschrauben loszudrehen, platzt es aus mir heraus: „Lass mich mal!“ Ich erkläre ihr, dass ein Schraubendreher immer genau in der Achse der Schraube rotiert werden muss, da sonst die Werkzeugaufnahme, in diesem Fall ein Schlitz, darunter leidet. Die meisten Schrauben lösen sich mit etwas Nachdruck. Allerdings will der obere Teil des Gehäuses, auf dem die Bedienelemente sitzen, seine eheähnliche Verbindung mit dem Unterteil noch nicht lösen. Ich vermute ein paar sogenannte Sprengringe, die sich in die Nuten auf den Achsen für den Filmtransport krallen. Ich bin überrascht, wie gut ich mich auskenne. Es tut mir Leid. Mechanik: Männerthema. Hasi wendet sich etwas angewidert ab und tut gelangweilt. So ein Mist! Die Emanzipation der Frau hat sich noch nicht in das Innenleben dieser Kamera vorgewagt. Vor ein paar Jahren erzählte mir eine Freundin wie sie früher mit ihrem Vater Bootsmotoren zerlegt hat. Das tat sie mit sichtbarem Stolz. Ich weiß noch genau, wie ich sie ein bisschen dafür beneidete. Jeder sollte mit seinem Vater Bootsmotoren zerlegen dürfen! Endlich entdecke ich die Sprengringe. Ohne richtiges Werkzeug ist das eine Riesenfummelei die Dinger abzukriegen. Wieder eine kleine Gelegenheit zum Klugscheißen: „Für Sprengringe, oder Wellensicherungsringe, wie man sie auch nennt, gibt es spezielle Sprengringzangen, die die Ringe bei Bedarf auseinanderdrücken, so dass man sie bequem von der Welle runterkriegt.“ Hasi schaut kurz von ihrer Lektüre auf. —Fehlt nur dass sie gähnt. Die nächsten Schrauben, die den Transporthebel am Gehäuse fixieren, schaffen wir zum Glück nur gemeinsam. Hasi klemmt einen von den Miniaturschraubenziehern nach meiner Anweisung in das Maul einer Rohrzange und ich drehe das Gehäuse langsam gegen den Uhrzeigersinn. Das Oberteil fällt endlich ab. Man sieht einen uhrwerkartigen Mechanismus, der das Auslösen und das Hochklappen des Spiegels steuert.

Ich schätze, dass das, was wir hier sichtbar wird, einen bestimmten Punkt in der Evolution der Technik markiert, den man als Industrienation mindestens erreicht haben muss. Alle wichtigen Herstellungsverfahren sind in diesem kleinen Gehäuse vereint. Feinguss, Stanzen, Fräsen, Biegen, Drehteile, ausserdem alle wichtigen Fügetechniken: Nieten, Kleben, Verschrauben, Sichern mit Federn, Splinten und Sprengringen und das alles mit einer Präzision, die Ehrfurcht gebietet. Die Spezialisten, die mit Schöpfungen wie dieser betraut wurden, sogenannte Feinwerktechniker, haben ab jetzt Gottstatus für mich. Sie alleine besitzen die unbekannten Mächte mit denen sie die feinmechanischen Miniaturwelten in Bewegung versetzen können. Entworfen wurde das komplizierte Innenleben im Übrigen noch ohne Computer. In hochdiffernzierten, arbeitsteiligen Prozessen. Mit Wissen, dass sich in Kreisen von Experten über Generationen hinweg weiterentwickelt hat. Das Gerät ist geschätzt 40 Jahre alt und eigentlich nichts besonderes, eher Mittelklasse. Das Herstellungsland der Kamera, die ehemalige DDR, verfügte nicht im Ansatz über die Produktionsbedingungen des Westens, trotzdem war die Herstellung dieses Geräts dort möglich. Nationen, die heute nicht in der Lage sind so ein Ding auch nur annähernd zur Serienreife zu bringen, sind auf der Landkarte der Technik nicht existent. Auch die DDR konnte nicht wirklich schritthalten, mit dem Fortschritt. Die kleine sozialistische Enklave ging in etwa zu dem Zeitpunkt unter, an dem in ihrem Inneren noch standhaft behauptet wurde, dass die zentralen Recheneinheiten der DDR-Computer Eigenentwicklungen wären. Ich überlege, ob die Karten für die Technologiebeherrschung durch die neuen Fertigungsverfahren der Industrie 4.0, oder vielleicht durch Informatik und Biotechnologie neu gemischt werden könnten und ob in Zukunft andere Spielregeln für den globalen Wettbewerb gelten werden. App gegen Apparat sozusagen. Wird es für Schwellen- und Entwicklungsländer jemals eine gerechte Teilnahme am globalen Markt geben? Schon fünf Jahre technologischer Vorsprung gelten heutzutage als uneinholbar. Ausserdem werden, dort wo es drauf ankommt, die geologischen Ressourcen von den technisch am höchsten entwickelten Ländern kontrolliert —sicherheitshalber. Noch geht ein tiefer Graben durch die Welt, noch stehen die Elfenbeintürme.

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