Lost in Music

Lost in Music  von Sister Sledge  ist ein Song den ich mehrdeutig interessant finde. Ich selbst war in meinem Leben auch eine Zeit lang lost in music.  Musikalische Wellen wurden zum Transportmittel meiner Identität. Vielleicht kommt der straighte Gesangstext dieses Discohits deswegen so gut bei mir an. Viele von euch werden mit Disco vielleicht nicht viel anfangen können. Das macht überhaupt nichts. In diesem Artikel geht es sowieso nicht um Geschmack, schon garnicht um Musikgeschmack. Geschmack kann sich ändern, Aussagen bleiben bestehen. Was könnte die Aussage dieses Songs sein? Was sagt der Begleittext zur Musik? Mal schauen… Ahh, ja ja. Das groovt schon beim lesen:

We’re lost in music — Caught in a trap
No turnin‘ back — We’re lost in music

We’re lost in music — Feel so alive
I quit my 9 to 5 — We’re lost in music

Have you ever seen — Some people lose everything
First to go is their mind — huh
Responsibility To me is a tragedy
I’ll get a job some other time, uh-huh

I want to join a band — And play in front of crazy fans
Yes, I call that temptation

Give me the melody — That’s all that I ever need
The music is my salvation

Klare Statements, worauf es im Leben eines Musikers wirklich ankommt. Eigentlich sind diese Zeilen ein Glaubensbekenntnis. Da wird nichts anderes behauptet, als dass man bereit ist alles für die Musik aufzugeben, auch den Brotjob. Wo findet man diese Worte sonst in dieser Direktheit?

Die Stimme, die diesen Text singt, gehört Kathy Sledge,  gemeinsam mit ihren älteren, backround singenden Schwestern Debbie, Joni und Kim bildete sie die Band Sister Sledge.  Als Viererformation waren die Sledge Schwestern Ende der Siebzigerjahre eine feste Größe im Discogeschäft. Debbie, Joni, Kim und Kathy landeten mit Hilfe der eingängigsten Rhythm Section der damaligen Zeit, bestehend aus Nile Rodgers  and Bernard Edwards,  mehrere Top-Ten-Hits. Schaut man sich auf Youtube  um, taucht unter anderem ein Live-Videomitschnitt aus der britischen Chartshow Top of the Pops  auf. Ein Schritt rechts, ein Schritt links, Hands Up, Drehung, Hipshake, Handclap, dabei bitte immer Lächeln. Weitere Videoquellen bestätigen den Verdacht: Man hatte sich eine Choreografie für die Playback-Performance ausgedacht von der man wirklich nie abwich. Vielleicht darf man sich niemals Videomitschnitte alter Disco-Hits ansehen, wenn man sich eigentlich für die Musik interessiert. Beim Sichten des Videomaterials überkommt einen, neben der Begeisterung für den guten Groove, immer auch ein wenig Beklommenheit, ob der statischen Performance der Musiker, insbesondere der Sänger. Das ist – oder war – aber natürlich dem Imperativ Disco  geschuldet.

Seit den frühesten Tagen des Funk  war die sogenannte Tightness  ein wichtiges Qualitätsmerkmal der gesamten Band, allem voran natürlich der Rhytmus-Gruppe. Tight  sein, heißt nichts anderes, als den Groove akurat durchzuhalten, ohne über die Songlänge an Genauigkeit zu verlieren. In einer Funkband sind alle Mitglieder irgendwie Slave to the Rhythm,  der Rhytmus, bei dem jeder mit muss, wird zur Pflichtausübung. Es gibt insofern keine Individualisten, keine Stars, keine echte Selbstbestimmung. Diven vom Vormat einer Gloria Gaynor  täuschen ein wenig darüber hinweg: Eine weitere unbequeme Wahrheit über Disco ist, dass die Geschlechterrollen stramm definiert waren. Es heißt Produzentenmusik, nicht Produzentinnenmusik. Die Vocals sollten kein Eigenleben entwickeln, weibliche Performerinnen in erster Linie textsicher und schön anzuschauen sein. Worin liegt dann die Faszination dieser Musik? Die Antwort ist zugleich einfach und kompliziert: In der Selbstaufgabe. Die ständige Wiederholung des Themas und die monotone Wiederkehr des Beats ermöglichen es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren  —beim Tanzen. Scheinbar ist etwas im Wesen von uns Menschen angelegt, das möchte, dass der Beat immer weiter geht. Möglichst ohne Unterbrechungen. Dieses menschliche Urverlangen nach rhytmischer Wiederholung fällt glücklicherweise mit der Fähigkeit von Automaten zusammen, Vorgänge besonders gut wiederholen zu können. Wahrscheinlich konnte sich Disco nur mit Hilfe von Technologie weiterentwickeln. Erst wurden sie von Kraftwerk besungen, dann kamen die Musikroboter wirklich: In Form von Drum Machines  und Samplern. Disco wurde unwiderrufbar zu House und Techno. 

Die Botschaft des Kraftwerksongs Wir sind die Roboter  ist im Grunde identisch mit der Textaussage des Sister Sledge-Songs. We´re lost in Musik,  das klingt bei der sechzehnten Wiederholung so wunderbar mechanisch, dass ich fast ein bisschen enttäuscht war, als ich das Promovideo des Songs zum ersten Mal sah. Ich stellte mir beim Hören des Musikstücks im Radio nämlich immer vor, wie die Interpretinnen roboterhafte Bewegungen zur Musik machten. Kühl und sexy. Auf mich wirkte die Live-Performance der Sledge Schwestern bei Top of the Pops,  noch viel zu organisch. Ich wollte so gern schwarze Soulroboter sehen. Tippt man bei Youtube  »Black Soul Robots« ein, gelangt man zu Videos der Black Eyed Peas  (Imma Be Rocking That Body) und von Beoncé  (Single Ladies).

Fortsetzung folgt.

 

 

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