Frozen Yogurt

Alles was Bernd anpackt wird zu Gold. Auf dem Land sagt man: Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Haufen. Wann das genau anfing, mit seiner Gewinnsträhne, ist nicht restlos geklärt. Schon als Kind hatte er ein bemerkenswertes Talent darin, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein paar Cent abzuzwacken. Jeder seiner drei Brüder ging bereitwillig für die Mutter einkaufen. Nur Bernd machte sich erst auf den Weg, wenn als Belohnung ein Geldstück in seiner kleinen Kinderhand warm wurde. Das brachte ihm den Spott seiner älteren Geschwister ein, aber auch die Erkenntnis, dass es für alles einen Lohn geben kann —wenn man darauf besteht. Da ihm die Geldvermehrung lag, machte sich Bernd bald in der Nachbarschaft nützlich. Ein bisschen Rasenmähen, eine Autowäsche hier, ein Einkauf dort. Sein erstes richtiges Geschäft tätigte Bernd im Verlagswesen. Er hatte entdeckt, dass es in unserer Gegend zwei konkurrierende Stadtmagazine gab. Kurzerhand begann er damit beide Magazine auf seiner Runde auszutragen und verdiente nun, bei gleicher Arbeit, das Doppelte. Lange bevor wir wußten wie man ein Konto eröffnet, hatte Bernd – neben dem üblichen Kindersparbuch – ein eigenes Girokonto. Er erntete damals nicht sofort Zuspruch während des Genehmigungsverfahrens vor seinen Eltern, konnte jedoch letztendlich durch die besseren Argumente überzeugen. Die Expansionsstrategie seiner Unternehmung erforderte einfach einen besseren Cashflow, als ihn ein Kindersparbuch leisten konnte. Wie jeder gute Geschäftsmann war Bernd früh darum bemüht, nicht nur für das Geld zu arbeiten, sondern auch das Geld  zur Arbeit zu schicken. Es ist eine bekannte Tatsache, das dies möglich ist, sobald man eine gewisse Menge davon übrig hat. Bei Bernd war dieser Moment im zarten Alter von 14 Jahren erreicht. Die Möglichkeit, in Kinderjahren zu Vermögen zu kommen, wird gemeinhin unterschätzt. Dabei sind die Wachstumschancen in frühen Teenagerjahren nicht nur auf den Bartflaum beschränkt. Sie sind auch aus geschäftsmännischer Sicht exzellent: Es gibt kaum Ablenkung, die Freuden zwischenmenschlicher Anziehung sind noch nicht entdeckt und werden auch noch eine Weile unentdeckt bleiben —falls man frühzeitig genug den Reizen der Geschäftswelt erlegen ist. Die Unterhaltskosten für Geschäftsräume werden bereitwillig von nahen Verwandten übernommen und man kann sich der allgemeinen Anerkennung der Erwachsenen sicher sein. (Kinder und Jugendliche, die gut mit Geld umgehen können, sind selten und der gute Umgang mit Geld hat im Allgemeinen den Status einer Tugend, was einen unbehelligten Betrieb des jungen Gewerbes garantiert.) Dennoch war die Überraschung einigermaßen groß, als eines Tages dieser nette Herr von der Bank bei den Sieberts vor der Haustür erschien —um mit Bernd über neue Anlagemöglichkeiten zu sprechen. Bernd hatte im richtigen Moment auf ein japanisches Unternehmen aus dem Bereich Unterhaltung gesetzt. Während seine Alterskameraden krampfhaft versuchten einander im Aufstöbern von geheimen Extralevels bei SuperMarioBrothers  zu übertrumpfen, erkannte Bernd schlicht das marktwirtschaftliche Potenzial des japanischen Herstellers der Videospielkonsolen. Bernd setzte den größten Teil seines Geschäftvermögens  auf die »Nintendo-Karte«. Seine Hoffnungen sollten sich bald erfüllen. Innerhalb nur eines Jahres verdreifachte sich der Börsenwert von Nintendo und kletterte von etwa 70 auf 240 Dollar pro Aktie. Kurz danach verfiel der Börsenkurs des Konsolenherstellers abrupt, was wahrscheinlich am fluktuativen Interesse der Zielgruppe lag. Da Bernd sein Geld dringend für weitere Investitionen brauchte, hatte er aber sein Aktienpaket rechtzeitig und aus schnödem Pragmatismus wieder abgestoßen. Dabei hatte er quasi zufällig die wichtigste Lektion erhalten, die man als Opportunist bekommen kann: Jede Chance bleibt ohne den richtigen Moment wertlos. Anfang der Nullerjahre, kurz nach seinem Nintendo-Coup, mußte er allerdings miterleben wie der sogenannte Neue Markt  zur tragischen DotCom-Blase  verschrumpelte. Dieser historische Vorgang hinterließ in Bernds Weltanschauung Spuren. Bernd merkte, Geschäfte waren nicht nur Zahlenspiele, sie waren psychologische Ereignisse. Es galt genau abzuwägen ob man lieber den Zahlen oder der eigenen Intuition trauen sollte. Eine seltsame Verunsicherung legte sich über seine seine Wahrnehmung. Es schien, als hätte er sein erst kürzlich gewonnenes Gespür für die inneren Zusammenhänge wirtschaftlicher Kausalität schon wieder eingebüßt. Er litt auf seltsame Weise mit, als die vielen neuen Startups mit den fantasievollen Namen, eins nach dem anderen Pleite gingen. Die andauernde Talfahrt des Aktienindexes schlug ihm aufs Gemüt. Bernd war fest entschlossen bei seinem nächsten Geschäft mehr auf die richtige Balance zu achten, zwischen Zahl und Gefühl.

 

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