Komfortzone

Stefan nimmt einen Nagel aus seinem Mundwinkel und klopft ihn mit dem Hammer in den Rigips. Schon komisch. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden hätte er sich nicht vorstellen können, genau diese Tätigkeit auszuüben. Wenn man sich als freischaffender Handwerker durchs Leben schlägt, muss man allerdings mit allem möglichen rechnen. »Reparaturen & Montagen aller Art«, steht auf seinem Firmenfahrzeug. Einem Lastenfahrrad mit einer mittig angebrachten, großen Aluminium-Kiste, seiner »mobilen Werkstatt«. Scherzhaft sagt er immer: „Da ist mein wichtigstes Werkzeug drin: Die Flexibilität.“ Seitdem Stefan seine Handwerkerseele regelmäßig über ein einschlägiges Internetportal veräußerte, hatte sich seine Auftragslage etwas stabilisiert, auch wenn seine Form der Selbstständigkeit immer noch ein junges Abenteuer war. Zu den wenigen Konstanten in Stefans Arbeitsleben gehörte Ulf Meinhardt. Durch die kleinen Aufträge, die er Stefan immer wieder verschaffte, wurde die Unvorhersehbarkeit seiner selbständigen Existenz ein wenig gemildert. Meinhardt war ein kunstliebender, pensionierter Oberstudienrat und kannte Gott und die Welt, auch in den sogenannten besseren Kreisen. Meinhards Netzwerk funtionierte tadellos, es gab immer etwas zu tun für den mehrfachbegabten Stefan. Jetzt stand er in dieser frisch renovierten Maisonettewohnung, auf einer langen Galerie, die mit einer Empore im Wohnzimmer endet. Die Eigentumswohnung war ein echtes Kleinod moderner Raumplanung. In einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus untergebracht, war von aussen nicht zu erahnen, dass es hier einen Lichtschacht gab, der die zwei obersten Stockwerke verband und in einer Tropenregen-Dusche mündete. Stefans Auftrag bestand darin, eine Auswahl von Bildern in der weitgehend identitätslosen Wohnung an den Wänden zu verteilen. Den Besitzer kannte Stefan nicht persönlich, Meinhardt hatte ihm den Schlüssel übergeben. Der Wohnungseigentümer hatte vorgearbeitet und die Bilder an ihrer zukünftigen Position an die Wand gelehnt. Was die Aufhängung betraf, hatte er seitens seines unbekannten Kunden, freie Hand. Stefan behauptete nicht von sich ein großer Kunstexperte zu sein. Er verließ sich bei der Hängung zu gleichen Teilen auf sein Harmonieempfinden und seinen Zollstock. Vorsichtig fädelt er das Bild mit den rückseitigen Ösen auf die zwei frisch eingeschlagenen Nägel. Es ist das letzte in der Reihe. Fünf der Rosenbooms hatte er in exakten Abständen an den Wänden des langen Flurs platziert. Stefan betrachtete sein Werk. Alles hing gerade. Die Rosenbooms waren kleine Originale, kaum größer als eine Schreibmaschinenseite. Öl und Tempera mit einem handbreiten Passepartout drumherum, im Alurahmen, hinter Glas. Die Bilder waren in angenehmen Pastellfarben komponiert, es war nicht ganz klar ob gegenständlich oder abstrakt. Sie erinnerten ihn an die Kunst, die man als Inventar von Arztpraxen kennt. Kunst, die Patienten beruhigen soll, oder ihnen Mut zusprechen —im Umgang mit dem eigenen Leiden und einer möglichen Zahnarzt-Phobie. Meinhardt hatte erwähnt, dass der Auftraggeber selbst ein Arzt war. Einen Behandlungsstuhl gab es hier nicht. Nur eine Kopie des Eames Loungechair,  dem bekannten Designklassiker. Stefan hatte den Sessel neugierig nach dem Logo des deutschen Markenherstellers abgesucht, als er es nicht endeckte nahm er in dem Ledersessel Platz. Der Loungechair  war ein verlässliches Distinktionsmittel. Auch die Kopie machte sich gut, neben der, mit einem grauen Wollstoff bezogenen Couchgarnitur, dem obligatorischen Glastisch, und dem unvermeidlichen Flokati. Man konnte sagen, dass sich hier sanfte Anzeichen von Luxus mit einer gewissen Profanität abwechselten. Statistisch gesehen, kam auf jeden Rosenboom ein quadratisches Ikea-Regal mit pflegeleichter, glatter Möbeloberfläche. Stefan versuchte sich ein Bild des Besitzers zu machen. Es gab nicht viele Hinweise auf seine Persönlichkeit. Da Ulf Meinhardt ihn zu seinem engeren Bekanntekreis zählte, konnte es gut sein, dass es sich um einen eloquenten, turnschuhtragenden Mittfünfziger handelte. Im oberen Geschoß, ganz am Ende der Galerie entdeckte Stefan schließlich erste Spuren des Bewohners. Zwei querformatige, gerahmte Fotos lehnten noch an einer Wand. Ein Bild zeigte einen etwa dreißigjährigen Mann beim Bergsteigen. Das andere Bild zeigte die gleiche Person, frontal aufgenommen, beim Kajak fahren. Stefan und der Unbekannte schienen also die gleichen Hobbies zu teilen. Stefan klopft mit dem Finger gegen die Wand. Diese Mauer bestand nicht aus Rigips, er würde wohl das eine oder andere Loch Bohren müssen, um die ersten Lebenszeichen zu befestigen.

 

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