Torwächterei

Manchmal muss man erst Bewertungen anderer Menschen über sich ergehen lassen, um zu erfahren wer man ist und wo man steht. Nein, ich meine nicht die üblichen, alltäglichen Vorurteile. Ich meine die richtig großen Hürden, über die man irgendwie hinweg muss. Die paar Prüfungen, die darüber entscheiden wie man in Zukunft einsortiert wird. Menschen lieben schnell erfassbare Kategorien. Eine genaue Berufsbezeichnung erleichtert den Vorgang des Einsortierens erheblich. Die individuelle Einschätzung macht zuviel Arbeit. Nicht ohne Grund haben öffentliche Bewertungen großen Unterhaltungswert. Alle Casting-Formate versetzen ihre Zuschauer in beide Rollen: In die des Bewertenden, aber auch die des Bewerteten. „Ich habe heute kein Bild für dich.“ Diese Worte können vernichtend sein. Vielleicht werden sie in Zukunft auch dann gesprochen, wenn Prüflinge das zweite Staatsexamen in Jura verkacken, passend wären sie allemal. Wer will schon ohne Selbstbild nach Hause gehen?

Für die wenigsten wird die Berufung zum Beruf. Die meisten von uns müssen sich durch harte Lehrjahre schlagen und am Ende durch Prüfungen. Auch ich musste mich schon durch derlei Prüfungen winden. Für aufstrebende Künstler, die sich an einer Kunsthochschule bewerben, kann leicht der ganze Lebensweg auf dem Spiel stehen. Das etwaige Nichtbestehen der Aufnahmeprüfung kann unter Umständen vorentscheidend sein. Das hat mit dem beschädigtem Selbstkonzept in Folge einer Ablehnung zu tun. Als Kunstschaffender ist der Glaube an das eigene Talent existentiell wichtig. Den Glauben an sich selbst aufrechtzuerhalten, fällt natürlich leichter, wenn andere ebenfalls davon überzeugt sind. Bei meiner ersten Bewerbung an einer Kunsthochschule wurde ich auch nicht gleich angenommen. Das war hart, aber ich wußte innerlich, dass ich noch nicht bereit war und dass ich beim nächsten Mal vielleicht schon bereiter sein werde. Zum Glück fand das zweite Prüfungskommitee meiner Wahl, die schweinsköpfige Darstellung meiner zukünftigen Professorenschaft genauso witzig wie ich. (Aufgabe: Menschen mit tierischen Zügen. Ich: Schweine mit Professorengesichtern.) Ein anderes Mal wurde in einer Aufnahmeprüfung von mir verlangt, mir eine Nudel für eine spezielle Zielgruppe auszudenken. Ich fand die Idee originell, eine Kreationisten-Hochzeitsnudel zu entwerfen. Ein doppelhelixförmiger Trauring, während eines ominösen Hochzeitsrituals in der Mitte zerbrochen werden sollte. Anscheinend fanden auch andere diesen Einfall so originell, wie ich selbst, weshalb ich zum zweiten Mal an einer Kunsthochschule studieren durfte. Und? Was ist aus mir geworden? Das wüßte ich langsam auch mal gerne. Einen einsortierungswürdigen Titel habe ich immer noch nicht. Die Leute in meiner Nachbarschaft sind einerseits ungeduldig und andererseits total überfordert. Die Einordnung würde mit einem Dr. der Lebenskunst oder einem vergleichbaren akademischen Grad viel leichter fallen. Was soll ich nur machen? Mancheiner kauft sich den Titel einfach. Das ist unkompliziert, macht weniger Arbeit und ist genauso wirkungsvoll. Es gab doch mal diesen Typen, der diverse hohe Ämter bekleiden durfte, bloss weil man es bei seiner Einstellung nicht so genau nahm, mit Tatsachen und Vorgaben. Was macht der eigentlich jetzt? Ist der schon Karriereberater, oder sitzt der noch ein paar Jahre auf einem Plastikmöbel im Foyer eines Arbeitsamts ab? Ein guter Bekannter hatte auch jahrelang Probleme mit der gesellschaftlichen Sortierungsanlage. Er: Erfolgreicher Absolvent im Fach BWL, super Benotung, jung, dynamisch, Deutschtürke. Wir rätselten beide jahrelang, warum das nicht klappen wollte, mit seinem Berufseinstieg. Sollte es etwa nur am letzten Wort in der Aufzählung liegen? Kann doch nicht sein, oder? Zum Glück haben die Arbeitsämter Eingliederungsquoten für den eigenen Personalbestand. Erdoran hat mir mal erzählt, er würde schon an der Art wie seine Klienten in sein Büro geschlichen kommen, erkennen, ob sie im nächsten Moment Mist erzählen, um doch noch an die gestrichenen Leistungen zu kommen. Ich schätze er hat im Leben selbst einfach genügend Ausreden gehört und enttarnt Lügen deshalb etwas schneller als seine Kollegen.

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