trauriger Schampus

Vertreter: Ein anspruchsvoller Beruf. Ein gepflegtes Äußeres ist genauso wichtig, wie gute Manieren und ein – wie soll man sagen – professioneller Humor. Höflich, geduldig, zuvorkommend und ziemlich gut gelaunt sollte man sein, wenn man den Leuten Dinge verkaufen möchte, die sie eigentlich nicht brauchen. Sven ist heute morgen einfach noch nicht warm. Er wäre mit seinen »Verkaufsförderern«, wie er Sekt und Knabbereien nennt, fast die Treppe herunter gestolpert. Das hat eben ganz schön gescheppert, im Hausflur. Jetzt steht er schlüsselsuchend vor seinem Dienstwagen, DuoMix-Repräsentant  steht auf der Seitentür. Anfangs fühlte er sich ein bisschen stigmatisiert von der Aufschrift, aber das Corporate Design macht ab einem bestimmten Punkt alles, auch persönliche Ansichten, zur Firmensache. Mist, zugeparkt! Die Verkaufsförderer stehen schon wieder etwas wackelig. Es müsste doch sicherlich auch so einen praktischen Trolley geben, der oben offen ist, wo man den ganzen Kram reinstellen kann, geht es ihm durch den Kopf, während er in der Hose nach dem Autoschlüssel sucht. Die Papp-Pallette mit dem Perlwein klemmt zwischen Hüfte und Autotür. Gefunden! Endlich. Sven verstaut alles im Fußraum, schließt sachte die Tür und geht ums Auto herum zur Fahrerseite. Seine erste Dienstfahrt heute, wird ihn in den Westen der Stadt führen, wo die Häuser und ihre Bewohner etwas feiner sind. Den Direktverkauf  versteht man dort als Unterhaltungsprogramm. Eine Freundin einer zufriedenen Kundin hat die Veranstaltung für heute morgen gebucht und ein Paar Leute aus ihrem Bekanntenkreis eingeladen. Das Geschäft läuft eigentlich nur über Empfehlungen. Das alles fing auch mit einer Empfehlung an. Von Jürgen, einem Bekannten seines Vaters. Jürgen war ihm eigentlich immer ein wenig unangenehm gewesen, damals. Als Junge fand er die endlosen Diavorträge über die Rocky-Mountains, den Grand Canyon und Las Vegas ziemlich quälend, die von Jürgen und seiner Frau regelmäßig veranstaltet wurden. Ihre dauerklugscheißende Tochter Sarah ging ihm auch auf die Nerven. Er hatte immer den Eindruck, die Wegeners laden Gäste nur zu sich nach Hause ein, um im eigenen Wohnzimmer mit irgendetwas angeben zu können. Er verstand seine Eltern auch nicht wirklich, dass sie sich das antaten. Irgendwann, mehr als ein Jahrzehnt später: Der redselige Jürgen war auf der Tour von einer DuoMix -Party zur anderen bei Sven´s Mutter vorbeigeschneit, wahrscheinlich nur um sie heimlich anzugraben. Sven hatte gerade ein Jahr in Australien verbracht und war etwas früher als geplant nach Hause zurückgekehrt. Da saßen sie in der Küche und das Gespräch hakte ein wenig. Jürgen erwähnte eher beiläufig, dass DuoMix noch Nachwuchsverkäufer suchen würde. Sven war damals ein bisschen abgebrannt. (Für junge Menschen aus Europa bedeutet ein längerer Aufenthalt in Downunder  schlecht bezahlte Arbeit und wenig Freizeit.) Weil Jürgen gutes Geld in Aussicht stellte – nach ein paar Schulungen – ging Sven einfach mal hin zum DuoMix-Infoabend. Im Zuge seiner Ausbildung zum DuoMix-Repräsentanten, nahm Jürgen ihn mit, auf seine »Parties«. Damals gab Jürgen tiefe Einblicke in die sanften Methoden der Verkaufsförderung. „Es ist völlig egal, ob die Leute selbst für Getränke sorgen, du mußt ihnen immer als erster den Sekt anbieten, das macht ungemein locker.“ Jürgen liebte Begriffe mit denen er etwas aufwerten konnte: Ungemein war so ein Wort, aber auch definitiv oder unglaublich. Seit fünf Jahren ist Sven jetzt selbst unterwegs im Namen der praktischen Haushaltshelfer. Eigentlich wollte er damals nur eine kleine finanzielle Durststrecke überbrücken, erlag jedoch irgendwann dem Lebenskomfort der künstlichen Religion. Es ging ihm selbst eigentlich nie darum Waren zu verkaufen. Das Wort Verkauf hatte für ihn keine Seele. In den Schulungen sagte man ihm damals Dinge wie: „Ihr seid die Vermittler zwischen Produkt und Bedürfnis.“ Das klang annehmbarer. Jürgen meinte immer: „Was auch immer du den Leuten andrehst, hauptsache du gibst ihnen das Gefühl das Richtige zu tun. Du verkaufst keine Schnellkochtöpfe, du verkaufst ihnen Sicherheit.“ Mittlerweile trägt Sven den Titel Gebietsleiter. Ab und zu denkt er über Reisen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach. Zum Rodeo nach Palm Springs oder einen Trip zu den Niagarafällen.

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