Pyramiden

Wer wirklich wissen möchte was der Mensch zum Leben braucht, kommt um Diagramme in Pyramidenform nicht herum. Mittlerweile ist sie etwas umstritten, aber über mehrere Jahrzehnte hinweg hat sie den Bewohnern von Industrieländern gute Dienste erwiesen: Die Ernährungspyramide. Sie ist auf fast jedem Supermarktprodukt mit einem gewissen Anteil von Kohlehydraten zu finden. Kein Wunder, sind doch Kohlehydrate die Basis einer guten Ernährung, wie uns die unterste Stufe der Ernährungspyramide vermitteln will. Erst im nächsten Stockwerk der Pyramide tauchen Obst und Gemüse auf, noch weiter oben sind eiweisshaltige Bewohner zu finden und ganz oben »on top« sozusagen, sind die schwergewichtigen Fettlieferanten zu finden. Man muß sich also erstmal von unten durch den Pyramidenstumpf durchfressen, um an die Leckereien zu gelangen. Hat eigentlich jemals jemand so ein Ding in echt gebaut? Als Etagere für´s Frühstückbuffet etwa —aus essbaren Waffeln. „Hey! Du mußt die Ernährungspyramide von unten anfangen, das ist sonst ungesund!“ Pyramidendiagramme erzeugen, durch die eindeutige quantitave Verteilung ihrer Inhalte, eine für jeden leicht erfassbare Gewichtung von gut nach böse, oder von nichtig zu wichtig. Das ist übersichtlich und macht die abgebildete Pyramidenwelt so schön einfach. Jeder will schließlich wissen wo´s langeht. Orientierung ist ein Grundbedürfnis. Überhaupt: Grundbedürfnisse. Da gab es doch noch so eine Pyramide. Diese Maslow-Pyramide. Benannt nach dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow.

Dort, wo bei der Ernährungspyramide die Kohlehydrate sitzen, finden sich im Maslow-Stumpf die Grundbedürfnisse: Nahrung, Schutz, Wärme etc. Weiter oben, zweites Bedürfnisstockwerk: Sicherheit, Geborgenheit, Angstfreiheit, Orientierung. Noch eins drüber kommt eine Etage mit Sozialbedürnissen: Freundschaft, Kontakt, Austausch. In der Chefetage des Bedürfnishotels wohnen die Anerkennung und ganz oben die Selbstverwirklichung. Man muss natürlich sagen, dass die Bewohner dieser Maslow-Pyramide mittlerweile umgezogen sind, in ein Loft mit Flachdach. Unterster Wohnflur: Eigenes Tablet, W-LAN, Facebook-Account, das allernotwendigste also, auch die Selbstverwirklichung und die Anerkennung wohnen jetzt da. Oben drüber sitzt jetzt ein Startup.

Startups sind mittlerweile die Firma gewordene Spitze der Maslow-Pyramide. Bevorzugte Geschäftsfelder der Jungunternehmer sind, neben den beliebten Programmen für mobile Endgeräte: Biodynamische Essbarkeiten für Mensch und Haustier, Lifestyle Gadgets und Beautyprodukte mit selbstgepflückten Essenzen. Woher ich so genau informiert bin? Es gibt da zur Zeit so eine Dauerwerbesendung auf einem Privatprogramm. Die zumeist jungen und dynamischen Kandidaten stellen sich dort einer Expertenjury aus zwielichtigen Investorenkreisen. Da sitzt etwa der Erfinder eines Schneeballsystems für Vermögensberatung, die ungekrönte Königin des Fernsehdirektmarketings, der Betreiber eines großen Warenhandelshauses, der jederzeit in der Lage ist tausende Supermarktregale mit Nippes zu fluten, ein IT-Halbgott, der aus Distinktionsgründen Skateboard fährt, und ein ehemaliger Stuntman mit einer Firma für Selbsterfahrung und Geschenkversand. Diese Sendung ist für alle, wirklich alle Teilnehmer die Erfüllung großer Sehnsüchte. Die Hoffnung auf den großen Durchbruch, trifft auf die Expertise der Geldspeicherbesitzer. Nicht selten wird dann, mit Hilfe der Publicity der Sendung, das eine oder andere Produkt auf den Markt gedrückt. Eine Sache eint die meisten Erfindungen, die auf diese Weise vermarktet werden: Sie erzeugen ein Bedürfnis, von dem man vorher gar nicht wußte, das man es mal haben könnte. Deutschland wußte bis zum Tag der Ausstrahlung der dritten Ausgabe der Sendung nicht, dass es die Abfluss-Fee  wirklich so dringend braucht. Einen Spülstein fürs Waschbecken. Jetzt sind alle happy. Der Erfinder der Abfluss-Fee,  der Besitzer des Handelshauses, der Sender, der Verbraucher, einfach alle. Die maslowsche Bedürnis-WG hat eine neue Mitbewohnerin: Abfluss-Fee —das passt gerade noch auf´s Klingelschild. Was ist eigentlich mit Leuten wie mir, in denen man eigentlich keine Bedürnisse mehr wecken kann, weil sie sich so wunschlos entkonsumiert haben. Da wirkt es natürlich befremdlich, das Geschäft mit dem Geschäft. Wer sich, wie ich, nicht in die Muckibude verirrt, weil er lieber an frischer Luft unterwegs ist —ohne Smartphone, an dem prallen natürlich auch die Verheißungen des Towell+  ab. Einem superpraktischen fitnessbudenkompatiblen Handtuch mit extra Handytasche. Bedürfniserweckung gescheitert.

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