Designausstellung II

Sanft gleite ich ins Traumland, das Stimmengewirr um mich herum wird leiser und leiser. Vor meinem inneren Auge sehe ich wie sich die Werkshallen von Philips wieder mit den Original-Maschinen füllen. Emsige Arbeiter stellen ein Kasettenradio nach dem anderen her. Ich fühle mich, bei soviel Betriebsamkeit, richtig wohl hier, obwohl es nicht gut riecht in meinem Traum, durch Kunststoffverarbeitung und Zinnbad. Plötzlich löst sich das Fabrikationsszenario auf und es erscheinen Heerscharen von Jungdesignern, die damit beginnen, die eben frisch hergestellten Kofferradios auseinanderzunehmen, die Gehäuse zu schreddern und das Granulat zu heißen Kunststoffwürsten zu verarbeiten. Die Würste formen sie zu Sitzmöbeln, die unbequem aussehen und zu großen Lampenschirmen, die die Glühlampen fast komplett umschließen, sodass sie fast kein Licht mehr herauslassen. Dann wird es plötzlich extrem heiß in meinem Traum. Eine Art Glutlawine überrollt das Szenario. Ich flüchte mit den Designern ins Freie. Plötzlich ist alles weg. Der pyroklastische Strom, die Fabrikgebäude, die Designer. Unter meinen Füßen nur Staub. Als ich um mich schaue, sehe ich Menschen mit Tropenhelmen und Expeditionsoutfits. Manche von ihnen hocken in einer Grube und legen mit feinen Pinseln das sandige Erdreich frei. Ich gehe zu einer dieser Ausgrabungsstellen, finde mich selbst mit einem Pinsel in der Hand dort wieder. Ebenfalls damit beschäftigt dem Boden seine Geheimnisse zu entlocken. Etwas wird unter meinem Pinsel sichtbar. Etwas metallisches. Vorsichtig ziehe ich daran. Eine Brosche. Die feine geometrische Struktur verrät mir, dass es sich um einen parametrisch gestalteten, 3D-gedruckten Körper handelt. Bronce. Mir war noch garnicht klar, dass man Bronce 3D-drucken kann. Ich buddle weiter im Sand. Da ist noch etwas, es sieht aus wie der Rand eines Trinkgefäßes. „Späte Designzeit!“ Höre ich jemanden hinter mir sagen. „Wie…?“ „ Ja, das erkennt man an der Regelmäßigkeit des Bandzuges, das ist maschinell entstanden.“ Ich ziehe den Gegenstand aus dem Sand. „Zeigen sie mal her!“ Zögerlich drehe ich mich zu der Gestalt mit dem Tropenhelm um. „Nur zu!“ Lord Tropenhelmchen greift sich die Vase. „Schauen sie mal! Hier sieht man es ganz deutlich, viel zu gleichmäßig für Handarbeit, das ist 21. Jahrhundert. Die fanden das damals originell —handwerkliche Techniken auf CNC-gesteuerte Maschinen zu übertragen.“ „Wer die? “ „Na, die Designer von damals. Das war ja eine Epoche, die eigentlich mit Konsumprodukten übersättigt war. Wir rätseln allerdings noch darüber, was genau hinter der plötzlichen Blüte der Holländischen Designzeit  in der spätklassischen Phase steckt? Wir wissen nicht, ob es unbekannte Mäzene waren, die diese Handwerkskunst förderten, oder ob es eine von wirtschaftlichen Kreisläufen entkoppelte Wertschöpfung gab, die quasi zum Selbstzweck diese Artefakte produzierte? An keiner anderen Fundstelle außerhalb der Asche-Lawine, sind ähnliche Fundstücke aufgetaucht. —Tja, Früher war alles einfacher, da reichte ein Faustkeil, eine Amphore, ein Steigbügel oder ein versteinerter Apple Macintosh um die Welt zu erklären.“ Auf einmal fängt alles heftig zu wackeln an. „Das ist bestimmt ein Nachbeben! Nichts wie weg hier!“ Irgendetwas zieht an meinem Arm. Ich schlage wild um mich. „Mann bist du jetzt völlig behämmert!? Jetzt sind wir durch halb Europa gefahren und hast einen Pipedream,  oder was!?“ Ich habe die Augen wieder offen, schnappe noch nach Luft. Timo, mein Mitfahrer sitzt vor mir. Ich blicke um mich. Keine Glut, keine Asche, kein Staub mehr. Alles sieht wieder aus wie Jetztzeit. „Oh man, Timo! Ich bin wohl schon wieder einfach weggeknackt. Sorry, passiert mir einfach manchmal.“ „Na dann komm jetzt! Ich hab da hinten einen Typen entdeckt, der hat einen Industrieroboter zu einem Riesen-3D-Drucker umgebaut, der macht damit Lampenschirme und ganz coole Stühle aus altem Kunststoff.“

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