Designausstellung I

Denke ich an Holland, sehe ich die Bilder der alten Meister, die Schiffe beim Auslaufen zeigen, die endlose Weite einer Landschaft die quasi fießend ins Meer übergeht. Ich habe dabei den Geschmack von Karamelwaffeln und Spekulatius-Brotaufstrich auf der Zunge, beides bedeutende niederländische Erfindungen, neben Coffeeshops und Maasdamer Käse. Jedoch muß ich auch an weitaus weniger schöne Dinge denken, etwa an Frank Rijkaard der Rudi Völler während der WM 1990 in die Wolle rotzt. Tut mir leid, liebe Holländer, aber ich habe diesen Vorfall, den ich live am elterlichen Fernsehgerät mitverfolgen mußte, noch nicht vergessen können. Es waren Szenen, die sich im mein damals noch junges Gehirn eingebrannt haben, die ich leider nicht unseen  machen kann. Aber weiter im Text: Der Holländer beherrscht beides gleich gut: Pragmatismus einerseits und unkonventionelles Denken andererseits. Wer käme sonst auf die Idee einen Landstrich bewohnbar zu halten, der eigentlich unterhalb des Meeresspiegels liegt. Beides, Pragmatismus und Nonkonformität sind die Essenz guter Gestaltung. Kein Wunder also, dass irgendwann auch das sogenannte Dutch Design auf der Landkarte des guten Geschmacks auftauchte. Bis man das Städtchen Eindhoven auf der Landkarte findet, muss man allerdings mit dem Finger eine Weile lang suchen. Eindhoven war einst ein wichtiger Sitz der Elektronik-Branche in Europa. Kurz bevor japanische Branchenriesen den gesamten Mikroelektronikmarkt schluckten, entschied man sich bei Philips die Produktion nach Asien zu verlegen. Das führte zum Leerstand der ehemaligen Produktionsstätten in dem kleinen Örtchen. Da man dort auf soviel Industriebrache keine Lust hatte, entwickelten die findigen Holländer eine Art Strukturreformprogramm mit Schwerpunkt Design. Die ehemaligen Werkshallen wurden nach und nach zu Werkstätten kleiner und größerer Designbüros. Es ist in diesem Sinne nur konsequent, dass man in Eindhoven einmal im Jahr die Dutch Design Week veranstaltet, um die Welt in Kenntnis zu setzten, dass dort in den geräumigen Lofts interessante Dinge passieren. Mein Weg ins flache Nirgendwo führte mich zunächst per Bahn nach Köln, von dortaus ging es mit einem Bus weiter, meine Reise endete fast direkt vor der Kaderschmiede der holländischen Gestalterszene, der Design Akademie Eindhoven,  ebenfalls in einem umgenutzten ehemaligen Verwaltungsgebäude von Philips beheimatet. Mein kleiner Rundgang durch die Welt des Dutch Design beginnt genau hier.

Die Schüler dieser Ausbildungsstätte waren fleißig, überall in den hohen Räumlichkeiten, sind Gegenstände zu entdecken, die von Tatendrang und Eifer durchdrungen sind. Erstmal ankommen. Eine Tasse Kaffee mit Karamellwaffel später, nehme ich die Erzeugnisse der Absolventen unter die Lupe. Ganz egal, ob man nun aufblasbare Fahrräder braucht, oder Sitzmöbel aus marinem Material, geflochtenes Kletterseil als Stauraum für Krimskrams oder selbstgemachte Verbinder, um aus dem Holz-Imitat von Ikea etwas sinnvolles zu bauen: Hier weht der Geist gestalterischer Unbefangenheit. Nachdem eine Maasdamer-Stulle – als kleine Stärkung – ihren Weg in meinen Verdauungstrackt gefunden hat, gibt es eine kleine Führung durch die Produktionsstätte des bekannten Designers Piet Hein Eek. Bekannt wurde Eek mit einem Upcycling-Projekt: Stühle aus alten Fensterrahmen. Mittlerweile will anscheinend jeder Holländer auf so einem Sitzmöbel sitzen, weshalb in ganz Holland alte Fensterrahmen aufgetrieben werden müssen, um das Geschäft am laufen zu halten. In einer Halle ist zu beobachten, dass auch während der DDW die Fließbänder nicht stillstehen. Akribisch werden die Fensterrahmen zu drei mal drei Zentimeter großen Würfeln zersägt. Diese werden zu Beistelltischen verleimt und anschließend großzügig mit Epoxidharz übergossen. Um den Eindruck von Nachhaltigkeit zu erwecken, wurden mehrere Dutzend der leeren Harzeimer zu Skulpturen geschichtet. Zeit für richtiges Essen: Zum Glück wird hier überall Streetfood serviert, um einmal im Jahr eine kleine finanzielle Reserve zu bilden. Weiter gehts zum Hauptschauplatz: Den mächtigen ehemaligen Philips Maschinenhallen am Stadtrand. Die schiere Fülle von Artefakten dort macht einen ganz benommen. Immer wenn zu viel um mich herum los ist, werde ich ziemlich müde. Ich nehme auf einem wasserstrahlgeschnittenem Blechmöbel Platz und fange an zu dösen.

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