Aloha

Es gibt für alles einen guten Grund. Wenn man sich den Jahresurlaub aufspart, um ihn in einen ganz besonderen Moment zu verwandeln, zum Beispiel. Mein Schwiegervater in spe, der Dieter, hat es im Laufe der Jahre geschafft den Individualsport zu seiner ganz persönlichen Sache zu machen. Nicht unter der Ausblendung der Möglichkeit, dass der Individualsport die Menschen ebenfalls in großen Mengen zusammenbringen kann. Mehrere Teilnahmen an Marathon und Triathlonveranstaltungen pro Jahr wurden für Dieter selbstverständlich. Dieter ist für mich, ob seiner strammen Fitness, zu einer eigenen Marke geworden. Wann immer ich einen älteren Herrn zügig und zielstrebig in der Gegend umherlaufen sehe, gut gebräunt und topfit, sehe ich einen Dieter. Seine Liebe zum Breiten- oder – je nach Blickwinkel – Extremsport ging sogar soweit, dass er seine eigene Laufveranstaltung ins Leben rief. Er nannte sie damals in Anlehnung an ein bekanntes Großevent den Rheingau-Man. Es gibt aber im Leben eines begeisterten Ausdauermehrkämpfers den Punkt, an dem das Original zum Original kommen muss. Leider klappte die Qualifikation für die eigene Teilnahme an der berühmt-berüchtigten Mehrkampfveranstaltung auf der Hauptinsel von Hawaii nicht auf Anhieb. Ein Wermutstropfen. Selbst in der Altersklasse von 60+ ist der Konkurrenzdruck gewaltig gestiegen. Dieter hatte alles gegeben. Extratrainigseinheiten, Ernährungsumstellung, leichteres Material, neue Sportoberbekleidung, es half nichts. Je extremer der Sport, desto empfindlicher wird der Athlet für unberechenbare äußere Faktoren, wie Temperatur, Luftdruckschwankungen, stellare Konstellationen. Ein leichtes Unbehagen kann sich schnell in eine ernstzunehmende Magenverstimmung wandeln. Der Betreuerstab, aus Anita, meiner Schwiegermutter in spe bestehend, hatte wie immer versucht den gröbsten Unbill von ihrem Schützling fernzuhalten. Es nutzte alles nichts, es sollte irgendwie nicht sein. Trotz allem, die Fernreise an das Ziel so mancher Träume war schon lange gebucht und würde nun bald auch angetreten. Zu den Hürden der verhagelten Qualifikation, gesellten sich nun auch unsportliche Hürden, wie das leidige Verständigungsproblem. Hasi und Ich versuchten Anita und Dieter, beide des Englischen, politsystembedingt, nicht zu hundert Prozent mächtig, zu unterstützen wo es nur ging. Zum Glück hält die Welt mobiler Kommunikationstechnik mittlerweile für jedes Problem die passende Lösung bereit: Ich entdeckte im Internet eine Software, mit der man einem Smartphone das direkte Dolmetschen beibringen kann. Diese wurde, bei einem Besuch der beiden, im Kreise unserer kleinen Familie, versuchsweise installiert. Leider nur als Testversion. Eventuelle Dialoge müssten knapper ausfallen als gewohnt. Pro Tag waren nur fünf Sätze erlaubt. Egal. Mit der Zuversicht, in Zukunft nicht mehr alle Strophen des bekannten Udo-Jürgens-Hits mitsingen zu müssen, stiegen sie in den Flieger. Der transportierte sie, mitsamt ihrer Vorfreude im Handgepäck, einmal um den halben Erdball nach Hawaii. Nach einem kurzen Zwischenhalt in Canada ging es weiter Richtung Südsee. Dort angekommen, wurde die Gegend zunächst gründlich unter sportlichen Kriterien, wie Streckenbeschaffenheit und Renntauglichkeit inspiziert. Wenn man schon selber nicht an den Start gehen kann, müssen zumindest Basisinformationen für eine sportliche Expertise gewonnen werden. Der E-Mail-Kontakt versorgte uns mit tagesaktuellen Updates über das Paradies aus Palmen, Sand, Vulkangestein und Rennstrecken. Einen Tag bevor das große Rennen begann, bekamen wir genaue Handlungsanweisungen. Wir dürften auf keinen Fall den Live-Mitschnitt der Rennveranstaltung verpassen —man hätte sich da etwas überlegt. Der große Zeitunterschied machte das direkte Mitverfolgen der Liveübertragung für unsere kleine Familie leider unmöglich. Jedoch wurde das Material der Aufzeichnung tags darauf ausdauernd und intensiv gesichtet. Was konnten sie nur gemeint haben mit ihrer letzten Botschaft? Immer wieder wurde das Videomaterial auf Hinweise gefiltert. Dann erhärtete sich der Anfangsverdacht. Im Zieleinlauf, drei Meter vor der Zielfahne, waren sie zu sehen. Zwei kleine Deutschlandfähnchen, die heftig geschwenkt wurden. Nicht ganz unpassend: Wurden doch die ersten drei Plätze von Deutschen belegt. Als sie gelöst und noch besser gebräunt als sonst, wieder in heimischen Gefilden angekamen, fand unser Verdacht seine Bestätigung. Auch auf einer Doppelseite eines bekannten Triathlon-Magazins waren die Fähnchen deutlich hinter dem Gewinner des diesjährigen Ironman zu sehen, die Fahnenschwenker indes auch dieses Mal nicht. Manchmal reicht es einfach zu wissen, das man wirklich da war. Dabei sein ist alles.

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