Reklamation

Seitdem Peter Lippold denken kann, setzt er sich für die Rechte seiner Mitmenschen ein. Ihm entgeht nichts das zu einer Unausgewogenheit führen könnte, in dem feinen Gefüge zwischen Anspruch und Tatsache. Man kann sich noch genau an sein erstes Auftreten als Rechtsexperte in eigener Sache erinnern, auf dem Postamt Hildesheim-Ost. Lippold hatte die Briefmarken schon bezahlt, als der junge Postbeamte versuchte ihm den Restbetrag in einer kleinen Stückelung von Marken niedriger Centbeträge herauszugeben. Das war ein großer Fehler, wie sich bald herausstellte. Lippold nahm es sehr genau, auch gerade bei kleinen Geschäften mit kleinen Beträgen. Da konnte er schonmal aus der Haut fahren. Er witterte das Unrecht schon meilenweit. Der lautstark zu einer Korrektur seines Verhaltens gemaßregelte Briefmarkenverkäufer nahm die Fünf-Cent-Marken so schnell wieder an sich, wie er sie augehändigt hatte und legte zügig die geforderten Werte auf den Tresen, um einer weiteren Eskalation vorzubeugen. Bei Streitigkeiten mit unzufriedenen Kunden mit Entgegenkommen reagieren, das hatte er in der Verkaufsschulung gelernt. Entgegenkommen war bei Lippold die einzige Chance. Es gab im Groben drei Stadien seiner Rage: Im ersten Stadium durchbohrte er sein Gegenüber mit einem starren, prüfenden Rentnerblick, den man am besten standhaft erwidern sollte. Ein Ausweichen vor diesem Augenkontakt ging sofort in Phase Zwei der Rentnerrage über. Ausweichen bedeutete für Lippold das Eingeständnis einer Unehrlichkeit. Die Ahndung folgte auf dem Punkt. Der kategorische Apell an Aufrichtigkeit, Ehrenhaftigkeit, Genauigkeit und Respekt vor dem Alter. Die großkalibrigen verbalen Mörsergranaten trafen den Gegner wie Geschütze aus der Kaiserzeit, die auf Schienenfahrzeugen bewegt wurden und markig klingende Namen trugen, etwa »Dicke Bertha« oder »Langer Max«. Regte sich im Nest der Widerständler verbale Gegenwehr, kam die dritte Ausbruchsphase der Rentnerrenitenz, dabei wurde das Gehhilfsmittel der Wahl, Gehstock oder Regenschirm, gen Wuthimmel gestreckt, unter Gebrauch von altertümlichen Flüchen, wie: Elender Wicht, ein Flegel sind sie, schämen sie sich, sie Dilletant usw. Diese Tirade konnte eine ganze Weile lang anhalten. Manchmal konnte die schiere Wut nur vom Charme einer zur Hilfe eilenden, gutaussehenden Kollegin des oder der Beschuldigten gemildert werden; ein erprobtes Mittel der Rentnerbesänftigung im Einzelhandel. Einmal mußte bei Lippold auch die Polizei anrücken, um den Streit zu schlichten. Eine Kassiererin im Supermarkt hatte seinen Pfandbon übersehen, der war, wie sich viel später herausstellte, vom Warenförderband eingesaugt worden. In Lippolds Augen ein Versuch von Unterschlagung. Selbst die Martktleitung konnte ihn nicht zur Räson bringen. Sehr zur Verwunderung von Augen- und Ohrenzeugen über die plötzliche Beweglichkeit und Agilität, und das erstaunliche Volumen der Rentnerlunge.

Heute war Lippolds Tag. Vor einer Woche hatte er sich einen stattlichen Flachbildfernseher gegönnt. Einhundertzwanzig Zentimeter Bildschirmdiagonale. Die anfängliche Begeisterung über das heimische Kinoerlebnis wurde jedoch schnell gedämpft. Denn da war er. Es war ihm vor Begeisterung über das Großbild nicht sofort aufgefallen. Aber er war doch zu sehen. Dieser feine Kratzer am Standfuß. Bestimmt zwei Zentimeter lang. Im Morgenlicht, während seiner Lieblingsfrühstücksfernsehsendung, sah man ganz deutlich, dass etwas das Gesamtbild störte. Lippold hatte den Fernseher ganz einfach wieder eingepackt. Das Originalverpacken war für ihn fast schon ein kleines Ritual. Nie hatte er jemals eine Umverpackung eines elektrischen Geräts weggeworfen. Stapelweise türmten sich die Verpackungen auf seinem Kleiderschrank im Schlafzimmer. Sicher ist sicher. Jetzt stand Lippold an der Straßenbahnhaltestelle, den Karton mit dem Flachbildfernseher auf das nackte Gestell seines Zwiebelporsches geschnallt, die Oberseite mit einem Müllsack vor Regen geschützt. Sein Streitwagen war gerüstet für die große Schlacht. Er war in seinem Element: Transportschaden, nicht selbstverschuldet, Berufung auf Händlergewährleisung, Androhung von Aufstand unter Einbindung örtlicher Medien, schädlicher Mundpropaganda und Lautstärke. Die dicke Bertha war geladen. Ein Lächeln huschte über seine Gesicht.

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