Arena

Es gibt nichts gutes —ausser man tut es. Diesem Motto folgend haben wir uns vor einer Weile in einen Leihwagen gesetzt, Hasi und ich, und sind nach Frankfurt am Main gefahren. Die Fahrt war ein sentimentales Geburtstagsgeschenk. Das anschließende Konzert auch. Es war unser erster gemeinsamer, kinderloser Tag. Eine Fahrt ins Ungewisse. Udo Lindenberg, Commerzbank Arena: Das wird jetzt einfach mal gemacht.

Ich kann auf keinerlei Erfahrung mit Großevents wie diesem zurückgreifen. Zwar bot sich mir im Vorfeld bereits einmal die Gelegenheit zur Teilnahme an einem Stadionkonzert, doch AC/DC mußten damals ohne mich als Mitfahrer auf den Autobahnzubringer Richtung Hölle abbiegen. Da ich mir, pünktlich zum Konzerttermin, das Felsenbein brach. Den härtesten Knochen im menschlichen Schädel. Überlegungen, ob die Teilnahme an dem Event für mich doch noch möglich wäre, mit einem Motorradhelm als Kopfschutz, wurden zum Glück wieder verworfen. Während der Online-Versteigerung der ungenutzten Konzertkarten, gingen mir die krassen Erfahrungen durch den Kopf, die ich eventuell gemacht hätte. Was wäre wohl besser zum Initiationsritus geeignet gewesen, als ein AC/DC-Konzert? Nun werde ich wohl nie ein Teil der archaischen Männergemeinschaft.

Das Ziel kommt in Sichtweite, keine Schädelbrüche, alles scheint gut zu laufen. Wer sich mit dem Auto auf den Weg zum ehemaligen Parkstadion macht, um dort zu parken, findet sich in einem blechernen Lindwurm wieder, der nach und nach, in einer Art Reißverschluss-System, auf schmalen Waldwegen zum Stehen kommt. Fliegende Parkplatzhändler entreißen einem die letzten Fünfeuroscheine. Zu Fuß geht es weiter durchs Dickicht. Vereinzelte Ansammlungen von Menschen werden zu einem immer breiteren Strom. Bei den Leuten, die mit uns auf den Waldwegen herumschleichen gibt es – je nach Blickwinkel – Anzeichen von Vorbereitet-sein-auf Unerwartetes, oder Routine. Spezielle Sitzmatten, Karohemden, Expeditions-Shorts, Trekking-Sandalen, Tennissocken. Typische Accessoires für Sitzrocker oder – ich will es nicht beschwören – Dauercamper. Schnell versuche ich den Gedanken wieder zu verwischen. Nein, das kann nicht sein, das sind sicherlich alles zufällige, nicht repräsentative Eindrücke. Da vorne müssen sie sein, die echten Fans: Individuen, Freidenker, unangepasst und speziell. Immer auf der Suche nach den programmatischen Kicks. Eben so wie Udo. Als wir näher kommen: Immer noch Funktionsbekleidete so weit das Auge reicht. Die Menge zerstreut sich auf dem Vorplatz des Stadions zwischen den Imbisbuden. Ich verspüre auch einen kleinen Hunger, nach der langen Fahrt. Hasi und ich teilen uns eine Portion Pommes und fiebern mit jeder Fritte dem Konzert entgegen. Das wird sicherlich toll.

Drinnen im Stadion verliert man plötzlich völlig die Relation. Alles wird übermenschlich groß. Eine halbe Stunde noch. Ein Raunen geht durch die Menge. Die vermutete Anwesenheit des Stars am anderen Ende der Arena, wird zur Vorfreude und schließlich zur Gewissheit, als Superudo singend und an einem Seil hängend zur gegenüber liegenden Bühne schwebt. Kurz zuvor gab es einen kleinen Zwischenfall in unserer direkten Nachbarschaft. Wie auf Stadion-Rockkonzerten üblich, ich kann es nur vermuten, da ich, wie erwähnt, Novize bin, gibt es eine klare Ordnung bei der Stehplatzvergabe. Auch wenn rechts und links fünf bis zehn Fuß breit Platz zum Nebenmann oder zur Nebenfrau sind, muss das noch nicht heißen, dass man ungeschoren davonkommt, bei der Überschreitung unsichtbarer, territorialer Grenzen. Hasi fing sich gleich zum Auftakt einen Rüffel von einer Dame mit Iltisfrisur. Diese hatte ihre persönliche, schöne Aussicht, wahrscheinlich schon seit Stunden behauptet. Jetzt hopste ihr Hasi mitten in den Live-Mittschnitt ihrer Handykamera. Warum wir erst so spät dorthin gekommen wären und jetzt so blöd im Weg stehen müßten. Ich überlege, wie viel man falsch machen kann, durch kleine, rhytmische Hüpfer wärend eines Rockkonzerts? Gilt jetzt Handyvideoaufzeichnung vor Spaß?

Und Udo? Der ist natürlich meilenweit weg. Der Euphorie der anwesenden Fans zu Urteilen, muss es sich bei der Starvergrößerung auf den Videoleinwänden um den echten Udo handeln. Nach der Präsentation allerlei Gaststars, alter Mitstreiter, mehrerer Kinderchöre, nach weiteren Rundflügen am Drahtseil, erotischer Akrobatik, Ufos und Riesen-Diskokugeln am Bühnenkran, steht zum Schluss eine unüberschaubare Anzahl von Bühnenpersonal neben Udo Lindenberg und auf der lebensgroßen Andrea Doria. Zwei traurige Abschiedssongs noch. Während der Schlussakkord verhallt, beginnt auch schon der Abbau der Bühnentechnik. Ende der Illusion. Wir bleiben fassungslos zurück. Wie hat der Typ das bloß gemacht? Drei Stunden Show, scheinbar alterslos herumturnend, jede Gelegenheit für ein feuchtes Bussi mit einer Tänzerin nutzend. Wir selbst waren ziemlich müdegerockt. Uns taten die Füße schon etwas weh. Das nächste Mal bitte mit Trekkingsandalen und Sitzkissen.

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