Nice Times

Modeworte kommen pünktlich zum Generationenwechsel auf den Markt. Das merkt man meistens an ihrer inflationären Verwendung in Film, Funk, Netz und Werbung. Es gab vor kurzem mal so einen Werbespot: Drei Typen müssen ein Bad in unheimlich viel Popkorn nehmen, weil in ihrer Mikrowelle eine Tüte mit Puffmais tischlein-deck-dich-mässig anfängt überzuquillen. Slogan: »Mehr drin als man denkt!« (Oder so ähnlich.) Jedenfalls wird einem in dem Spot firmenseitig das Adjektiv »nice« derartig in die Synapsen gehämmert, dass man sich vorsehen muss es nicht bei nächstbester Gelegenheit selbst zu verwenden. Jede Generation hat ihr eigenes Tollwort: Dufte, knorke, geil, cool, mega, nice, fresh, easy —die Liste wird ständig erweitert. Diese Begriffe sind nicht nur irgendwelche Buchstabenfolgen, sondern sie geben das Lebensgefühl ihrer User  wieder. Jetzt ist also die »Generation-Nice« am Start. So weit, so nett. Diese bedeutsamen Attribute jedenfalls, verbreiten sich wie Epidemien. Meistens vom Herd ihres Ausbruchs ausgehend, einmal quer durch die Republik. Sie setzen sich eine Weile lang im Sprachgebrauch fest und ebben dann irgendwann wieder ab. Manchmal bleiben diese Wortschöpfungen aber auch nur ein lokales oder gar individuelles Phänomen. Ich habe mal jemanden kennengelernt, der seine Begeisterung mit den Worten »Das ist ja voll Monaco, Ey!« auszudrücken pflegte. In diesem Fall blieb das Phänomen sehr auf sein Individuum begrenzt. Obwohl man der Wortschöpfung, wie ich finde, eine gewisse sprachliche Originalität nicht absprechen kann. Die Allgemeingültigkeit von »Voll Monaco« hätte ich auf jeden Fall besser gefunden, als die des omnipräsenten »Nice«. »Nice« heißt ja auch nur »nett«. Begeisterung klingt eigentlich anders. Die Geissens,  zum Beispiel, verwenden sehr oft und ausdrücklich den Ausruf »Mega«, obwohl  »Voll Monaco« eigentlich viel besser zu ihnen passt. Wenn man sich so durchs Vorabendprogramm prollt und wahlweise mit geborgter Jacht, geliehenem Jetski, eigenem Quad und geleastem Porsche von einem gelebten Superlativ zum nächsten gleitet, ist »Mega« aber durchaus eine passende Untertitelung des eigenen Lifestyles. Obwohl »Mega« natürlich noch steigerungsfähig ist. In ein paar Jahren werden alle prolligen Fernsehmillionärsfamilien alles nur noch Giga, Tera, oder Peta finden.

Wie alt jemand wirklich ist, merkt man daran, wie widersprüchlich jugendlicher Slang relativ zu seinem Lebensalter wirkt. Den einen macht das Nice total frisch, den anderen tütet das Wort lebendig in den Leichensack ein. Selbst bemerkt man das Älterwerden am ehesten an der Erhöhung des gefühlten Widerstands Modeworte zu benutzen und neue Musik gut zu finden. Nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Zu jeder Zeit gab es Scheißmucke und eben auch den geilen Scheiß. Das hält sich immer ungefähr die Waage. In meinem Fall ist es ein unbestimmtes Gefühl, das sich am ehesten mit Misstrauen betiteln ließe. Irgendwer hatte anfangs der frühen Nullerjahre errechnet, dass alle sinnvollen und gutklingenden Melodien schon durchkomponiert wurden, dass also ab diesem Zeitpunkt alles nur noch wiederholt oder anders kombiniert werden kann. Dieses Wissen findet gerade im Bereich der Popmusik eine ständige Bestätigung: Alles schon mal dagewesen. Musikalische Retrotrends taugen als Beweise für diese traurige Gewissheit. Elektroswing ist der neue Eurodance. In Berlin bin ich versehentlich mal in ein, von aussen nicht als solches zu erkennendes Tanzlokal geraten, in dem exzessiv zu Elektroswing getanzt wurde. Das war einer dieser Momente, in dem ich mich angenehm alt gefühlt habe. Ich tanze wirklich ausgesprochen gern zu allerlei Musik. Mein Bedürfnis, unter Anleitung amerikanischer Wahlberliner die Schrittfolge des Lindyhop zu erlernen, tendierte allerdings gegen null. Gesellschaftstänze sind so eine Sache. Dem einen geben sie – unter Einhaltung der erlernten Schrittfolge – die Gewissheit das Richtige zu tun, den anderen schränken sie in der tänzerischen Selbstentfaltung maximal ein. Der gefühlte Grad innerer Reife hält mich selbst davon ab, die Verniceung des Geschmacks und die Verswingung der tanzbaren Musik aktiv voranzutreiben. Mein persönliches Streben nach ewiger Jugend ist gebrochen. Wie soll ich´s sagen…? Des einen »nice« ist eben des anderen »kleine Schwester von Scheiße«.

 

 

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