Ist die echt?

Neulich im Café. Immer wieder fällt mein Blick auf ihren linken Unterarm. Ich muss darüber nachdenken welches Wort am zutreffendsten beschreibt was ich sehe. Klunker? Möglicherweise nicht ganz wortfein, dieser Ausdruck. Geschmeide? Passt ebenfalls nicht. Vielleicht könnte der Geist von Liz Taylor an dieser Stelle mehr Auskunft geben. Die hatte noch richtig Ahnung von wuchtigen Zierelementen. Ich schaue wieder kurz zu ihr rüber. Mit ihrem schwarzen Catsuit und der runden Hornbrille hat sie Ähnlichkeit mit einer anderen Hollywoodgröße. Sie wirkt ein bisschen wie eine kriminellere Ausgabe von Audrey Hepburn. Wie eine Audrey die sich nicht damit abspeisen ließ mit einem Kaffee im Pappbecher vor der Schaufensterscheibe von Tiffany´s  rumzulungern. Immer wieder diese aufdringlichen Wortfetzen. Das Zuhöhren als Unbeteiligter an einer fremden Konversation erfordert die volle Konzentration! Eben hat sie noch etwas gesagt wie: »Meine Motivation ist die Liebe zum Objekt.« Was den Tatverdacht des Juwelenraubs noch erhärtet. Mein Blick haftet noch immer an dem Geschmeide. Eigentlich doch ein ganz passender Ausdruck. Bei dem »Geschmeide« handelt es sich um eine Armbanduhr mit Panzerarmband, scheinbar komplett aus Rotgold geschmiedet. Sicherlich eine gute Geldanlage, denke ich mir. Gold, Silber, Platin: Von allem sollte man etwas im heimischen Geldschrank liegen haben, oder es dicht am Körper mit sich führen. Ob ich will oder nicht, ich merke wie mein Blick schon wieder den Wertgegenstand fixiert. In der Werbebrache nennt man solch zwingende Hingucker einen Stopper.  Etwas das die nervösen Zuckungen des musculus bulbus rectus superior  (dem zentralen Augenmuskel) für einen Moment unterbindet und die Aufmerksamkeit von homo consumens  mit einer knappen Botschaft oder einem Pfeil auf ein neues Produkt-Feature lenkt. »Jetzt 33% mehr Inhalt!« Ich überlege kurz ob dieser Hinweis auch im Zusammenhang mit der Uhrenschmuckträgerin Sinn machen würde.

Ich neige des öfteren dazu Dinge überzuinterpretieren. Manchmal sind die besonders markanten Outfits einfach nur Zufallsprodukte oder Ergebnisse eines grundsoliden Pragmatismus. Vielleicht ist ihr Blick, genauso wie mein Blick jetzt, einfach an dem rotgoldenen Zeiteisen hängengeblieben, damals als sie an der Schaufensterscheibe des Juweliers vorbeigeschlittert ist, im Skiurlaub in St. Moritz mit ihrem Oligarchenfreund. Zur Anprobe des Schmuckstücks ist sie vielleicht – ganz ungezwungen – aus dem Skianzug gestiegen, um die Wirkung der Uhr am Arm besser beurteilen zu können. Und stand so, einen Moment lang, nur in dieser hautengen, stramplerartigen Skiunterbekleidung vor dem Spiegel des Juwelenhändlers herum. Ich denke Skiortjuweliere können ganz gut mit dem exaltiertem Verhalten ihrer Kundschaft umgehen: Der Strampler, die Rolex —alles kein Problem. „Das hat die Katzenberger  neulich auch so gemacht.“ Wieder Zuhause angekommen, hat sie sich einfach nochmal so angezogen und festgestellt, dass ihr Charakter in dem Aufzug gut zur Geltung kommt. Daraus wurde dann dieses uhrenbetonende, eng anliegende Outfit.

Wieder so ein Wortfetzen. Sie erzählt ihrer Freundin gerade, dass sie ungefähr 250 Bücher besitzt. Ich äffe die Unterhaltung mit ihrer Freundin lippensynchron nach: „Und? Was nimmst du mit auf die Insel?“ „Zweihundertfünfzig Bücher und eine rotgoldene Rolex!“ Ich weiß, ich bin albern. Ich möchte – um fair zu bleiben – nicht völlig ausschließen, dass sich das eine oder andere ausgewählte Buch in ihrer Privatbibliothek befindet, in dem sich eine schlüssige Argumentationslinie für eine rein gestalterische Absicht des massiven Armbanduhrauftritts finden lassen könnte. Spontan fallen mir Titel ein, wie: »Schmuckdesign in Zeiten der Krise« oder »der Akzent – das unterschätzte Stilmittel«. Ich bin natürlich ein Narr, mich an derartigen Oberflächlichkeiten aufzuhalten, ein Fossil aus einer Zeit, in der man sich auf stilistische Zugehörigkeit noch verlassen konnte und anything goes  noch nicht für alles galt. Rolex, Studentencafé, Hornbrille, Catsuit, Gespräch über Minimalismus: Das ist zu viel Input für meine Einornungsalgorithmen. Ich komme aus einer Epoche in der das Tragen eines Flanellhemdes noch eine eindeutige Botschaft senden konnte. Ich versuche mir die vornehme Dame in alternativ-müslimäßigen Outfits vorzustellen. Das klappt eigentlich ganz gut. Bloss diese Uhr, wohin mit ihr? Achtung Wortfetzen! Jetzt denkt sie gerade wieder laut nach —darüber, ob der Purismus eine mögliche Artikulationsform für die Produktgestaltung in Zeiten von Weltwirtschaftskrisen sei.

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