Was würde Michael dazu sagen

Es war einmal ein schöner Held, der hatte einen dressierten Menschenaffen und schlief unter einem Sauerstoffzelt. Er sang gern und tanzte fingerschnippsend den Moonwalk  dazu. Jeder kannte diesen Mann. Wirklich jeder. Er war der größte Popstar aller Zeiten. Einen wie ihn wird es wahrscheinlich nicht noch einmal geben. Er war ein Star für alle. Menschen neigen noch heute dazu einander nach Hautfarbe einzuordnen. Das nennt man Rassismus. Bei ihm war diese Einordnung von Natur aus schwierig. Das kam so: Schon als kleiner Junge galt er als unglaublich talentiert. Ein süßer Fratz, der von Bienchen und Blumen singend, mit seinen größeren Brüdern von Auftritt zu Auftritt tingelte. Von Erwachsenenthemen, von denen er eigentlich nur vermuten konnte was sie bedeuteten. Ein paar supererfolgreiche Jahre später, war er dann selbst erwachsen und bekam eine ziemlich wuchtige afroamerikanische Charakternase mit Mitessern drauf, war also nicht mehr der süße kleine Fratz. Um die Zeit ein wenig zurückzudrehen, die Nase wieder etwas superstarmäßger erscheinen zu lassen und um auch dem eindeutigen Teint habhaft zu werden, ließ er sich sein Riechorgan auf westeuropäischen Standart bringen und wechselte seine Hautfarbe dauerhaft auf vornehme Blässe. Weil man seine afrikanischen Wurzeln immer noch ein wenig durchscheinen sah, wurde er – rein optisch – zu einer Art Weltbürger. Je nach Blickwinkel entweder Orientale, Asiate, Latino oder Südeuropäer. Der mehr oder weniger bunte Hund für alle. Ein globaler Exot. Gerade dort, wo die Menschen wenig hatten, hatte er viele Fans. Die Armen fühlten sich durch ihn vertreten. Er gab ihnen auf eine bestimmte, nicht reproduzierbare Art, eine Stimme. Nicht zuletzt durch die Themen seiner Lieder. Große Songs waren das, mit spürbarer Ernsthaftigkeit vorgetragen und mit Rhytmen zu denen jeder mit musste. Er war, im dem Rahmen in dem es einem Weltstar eben möglich ist, um Subversion bemüht. Mit Gruselei und Gangsterstaffage. Ein netter Despot, dessen Truppen nicht marschierten, sondern tanzten. Er glaubte stets an eine bessere Welt und an die, wie wir alle wissen —unmögliche Utopie eines friedlichen Miteinanders. Was würde er zu dieser Welt sagen, in der wir jetzt leben? Was wäre Michaels Botschaft gegen die globale Selbstvernichtung, gegen die universelle Dummheit, gegen Terror?

Ich habe ihn vor einer Weile selbst einmal in einer schummrigen Gangsterbar getroffen. Er wirkte ein wenig schüchtern, blickte ab und zu verlegen um sich, sprach nur leise hinter vorgehaltener Hand. Einen sehr glaubwürdigen Abgang habe er damals hingelegt, da musste ich ihm beipflichten. Als er mir erzählte, wie er alle an der Nase herumgeführt hatte, lachte er hinter seiner Hand wie ein kleiner Junge, der im Kiosk unentedeckt ein paar Bonbons mitgehen ließ. Er berichtete mir kichernd von Videoaufnahmen, die ihn angeblich als Geist zeigen, ein Paar Tage nach seinem Tod auf der Neverland-Ranch. Es sei für ihn ein großer Spaß gewesen, mit seinen Filzpantoffeln auf dem frisch gebohnerten Parkett durchs Bild der Videoüberwachung zu rutschen. „Huu Huu, the ghost of Michael Jackson!“ Da war wirklich und eindeutig ein schelmisches Funkeln in seinen Augen. Ich fragte ihn, ob er, jetzt wo er tot sei, noch Einfluss auf seine posthum veröffentlichte Musik hätte. Er verneinte. Es wäre für ihn viel zu gefährlich weitere Bänder mit neuen Stücken an die üblichen Orte zu schmuggeln, wo sie anschließend als unentdecktes Material auftauchen würden. Desweiteren wäre Quincy Jones zwar einer der wenigen Eingeweihten, aber die Möglichkeiten angemessene Studioaufnahmen zu tätigen, wären in seiner neuen Hood  —Nordgrönland nicht dieselben. Kaum Vorstellbar, aber wahr: Der King of Pop lebt jetzt in einer polarlichtbeleuchteten Einöde am Rande der Zivlisation! Er habe sich damals ganz bewußt für die neue Wohngegend nördlich des Polarkreises entschieden. Man würde dort nicht viele Fragen stellen. Es gäbe dort einen bestimmten Brauch, eine Art Ritual, bei dem Neuankömmlinge sich in einen Eisblock einfrieren lassen müßten. Sobald man dann auftaut, wäre man ein Teil der Gemeinschaft. Er habe dabei leider Erfrierungen dritten Grades an seiner ohnehin sehr dünnhäutigen Nase erlitten, das sei aber kein großes Problem. Unter den Inuit würde er kaum auffallen, zumal man dort – trotz Klimawandel – noch eisige Temperaturen habe und alle ständig mit Robbenfell-Gesichtsschutz herumrennen würden. Nein sie wüßten tatsächlich nicht wer er sei. Sein neuer Name wäre: Bahuvat Dagse Pisugtuq: Der mit der vom Eisbären gefressenen Nase.

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