Das bewegte Selbst

So ziemlich jede Studie, die in allerletzter Zeit zum Thema Narzissmus veröffentlicht wurde, bestätigt den Verdacht: Jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. Abgesehen davon, dass das andere Extrem, das Sich-nur-noch-für andere-interessieren, mindestens genauso unangenehm ist, steht immer noch die Diagnose einer handfesten allgemeinen Persönlichkeitsstörung im Raum. Milde Psychologenstimmen meinen dazu, dass einfach nur das Bewusstsein für die eigene Individualität gestiegen sei. Proportional dazu wäre auch das Bedürfnis gewachsen das eigene Spiegelbild zu betrachten oder öfters mal das Profilbild auf Facebook zu frisieren, oder auf Instagram Selfies zu Posten —von sich und seinen coolen Freunden.

Man sollte den Man In The Mirror  ruhig öfter mal zum Zwiegespräch bitten, auch ohne narzisstische Ambitionen, und im besten Sinne des King of Pop.  Den Reflexionen des Egos mit Reflektiertheit begegnen. Das ist schwierig, ich weiß. Wie soll man bloss ein objektives Bild von sich selbst bekommen —ganz ohne Selfie-Stick? Viel zu oft scheitert man an der schönen Verlockung des gespiegelten Selbst und alles bleibt ein Monolog ohne Erkenntnisgewinn: Gut siehst du heute wieder aus! Du Herrscher der Welt, Meister deiner Untertanen! Ohne dich läuft hier nichts, du größter aller Strippenzieher!

Ob man sie wirklich selber halten darf, diese Fäden, das war allerdings eine Weile lang nicht ganz klar. Neurowissenschaftler stellten vor einer Weile bei Tests im Computer-Tomographen fest, dass die Entscheidungen die ihre Probanden für bewusst hielten, schon mehrere hundert Millisekunden früher von deren – sehr eigensinnigen – Denkapparaten beschlossen wurden. Diese Beobachtung war etwas unheimlich: Alle nur auf Autopilot unterwegs. Von innen heraus fremdbestimmt. Zombies des eigenen Bewußtseins. (Ein Verdacht, den ich schon öfters mal hatte.) Vor Kurzem wurde das ungeheuerliche Forschungsergebnis von ein paar anderen Neurowissenschaftlern mit anderen Versuchen widerlegt. Zum Glück. Jetzt sind wir alle wieder ganz wir selbst. Das fühlt sich eigentlich ganz gut an. Nur, jetzt wo man gerade seinen freien Willen zurückexperimentiert gekriegt hat, was macht man nun damit? Richtig: Sich in selbstfahrende Autos setzen und Pokémons in U-Bahn-Schächten jagen.

Wer noch kein selbstfahrendes Automobil sein eigen nennen darf, kann immerhin noch die Kinder im SUV zum Kindergarten und zur Schule fahren. Das ist ohnehin viel sicherer als seine Nachkommen ihrer Selbstständigkeit und dem öffentlichen Nahverkehr auszuliefern. Die passive Sicherheit eines solchen stählernen Kokons ist so enorm, dass man kaum etwas mitbekommt von Kollisionen mit Kleinwägen, Radfahrern oder Kindern anderer Eltern. Dabei ist die Geschichte des SUVs eine Geschichte voller Missverständnisse. Es geht keinesfalls darum, mit diesen Fahrzeugen herumzuprotzen. Wie sollte das auch gehen? Sie sind wirklich hässlich, diese Dinger. Es ist eine Bürde, das SUV-Fahren. Etwas das Mitleid erregt, bei der aussichtlosen Parkplatzsuche in Tiefgaragen. Etwas das Spott und Häme auf sich zieht, in engen verkehrsberuhigten Spielstrassen. Angenehm ist es beileibe nicht. Es geht beim Fahren eines SUVs vielmehr darum, die eigene, ungeschützte Seele nach aussen zu kehren. Hinter dem dicken Blech wird viel mehr transportiert als nur ein paar wenige Insassen. Das Sports Utillity Vehicle  ist die Vehikel gewordene Entsprechung unseres Grundbedürfnisses nach Geborgenheit. Ein blecherner Schrei nach Liebe. Es steht ihm dabei paradoxerweise ebenso im Weg, unserem innersten Wunsch nach Verschmelzung mit Umwelt, Strassenverkehr und Menschlichkeit. Dieses Präservativ. 2,5 Tonnen schwer, 450 umweltfreundliche Hybrid-PS stark.

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