Die Schraube am Ende der Welt

Wo viel passiert, muss ebensoviel dokumentiert werden. So manch ein Fotograf verirrte sich in den Park, in den vergangenen Tagen. Einer von ihnen outete sich vor mir als ein Anhänger der besonders hoch aufgelösten Pixelbilder. Er selbst hätte bereits große Teile der Oberfläche unseres Heimatplaneten in Form von gestitchten  Panoramafotos konserviert, was aber seiner Begeisterung für Planetenoberflächen-Aufnahmen anderer Bildersammler keinen Abbruch tat. Stolz erzählte er mir von seinen Entdeckungen. Er hätte sie nun auch endlich selbst gesehen, als kleines Detail eines superhochaufgelösten Fotos: Die Schraube am Ende der Welt. Es ist ein so schönes Wortbild, dass einem fast der Atem stockt. Eine Information, die das Zeug hat zum modernen Klassiker der urbanen Mythologie. Ein kleiner Schwenk:

Wie nun jeder weiß, steht, oder besser: liegt die größte und komplizierteste Maschine der Welt in der Nähe des Genfersees und hört auf den Namen CERN. Das steht für Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire.  Für die weniger frankofilen unter euch: Europäische Organisation für Kernforschung. Dieser Verein, hat dort einen richtig schönen, großen Elektronenbeschleuniger hingebastelt. Von dem man allerdings nicht viel sieht, weil er ringförmig in der Erde verstaut ist. Mehrere Dutzend Kilometer von länglichen, supraleitenden Magneten wurden unter Tage geschafft. Ein Freizeit-Park für Nerds, der mit »der längsten Elektronen Rutsche der Welt«. Wow!

Das, wovon man öfters hört, sind die gewagten Experimente die dort veranstaltet werden. Von wahren Heerscharen von Geeks. Früher waren sie als emsige Mitstreiter von Fantasy-Rollenspielen bekannt. Heutzutage sind sie zwar immer noch in Dungeons unterwegs, jagen aber – an Stelle von Drachen – das Higgs-Boson  und dessen nahe Verwandte. Die Geschichten aus der unterirdischen Höhlenwelt sind abenteuerlich: Auf der Suche nach Antimaterie, entstünden für Zeiträume einer Milliardstel Sekunde, winzige schwarze Löcher. Zustände aus der Zeit wenige Sekunden nach dem Urknall könnten in den magischen teilchendurchströmten Katakomben simuliert werden. Wer soll das alles noch glauben? Zumal ja wirklich nichts zu sehen ist. Für die weniger fantasiebegabten und abstraktdenkenden unter uns bleiben immerhin noch die großen Fotos der riesigen Messapparaturen. Bild gewordene Beweise des Unglaublichen. Zu sehen sind wahre Kolosse. Kathedralen des Fortschritts, die zur Andacht gemahnen. Mehrere Hundert Tonnen schwer, groß wie Mehrfamilienhäuser, vollgestopft mit hochkomplexer Technik: Kryptonitbeschichteten Titanlegierungen, Starkstrom-Hochfrequenz-Puls-Generatoren, dem multiaxialen Bi-Metall-Gravitron, der lasergesteuerten raumzeitsynchronen Atomuhr und  der Spax-Schraube am Ende der Welt der Wissenschaft. Die Frage ist nicht: Was macht sie da, die ominöse Schraube? Die Frage ist eher: Wie zum Teufel kommt sie dort hin? Klar, auch die ordinäre Spax-Schraube steckt voller Detail-Innovation. Das weiß ich von Konny Reimann, der in unterhaltsamen Produkt-Videos die Vorzüge dieses Originals der Befestigungstechnik erläutert. Großes Baumarktkino. Jedoch —wie die gute alte Spax in die feine Gesellschaft von Ultra-Hochtechnologie kommt? Darauf habe ich keine Antwort. Angeblich ist sie auf einer der hochauflösenden Fotografien, die die technische Komplexität des sogenannten Atlas-Detektors belegen soll, zu sehen. Der weiter oben bereits erwähnte Fotograf, schrieb mir die URL für den Zugang zum brisanten Bildmaterial auf seine Visitenkarte. Ich habe die Karte leider verloren. Ich muss die Spax-Schraube am Ende des Großinstruments aber auch garnicht erst auf einem ultrascharfen Bild erkennen, um zu glauben, was ich eigentlich nicht glauben kann. Es reicht aus zu wissen, dass sie da ist. Diese eine Schraube, die die Welt vor den winzigen, aber stetig größer werdenden schwarzen Löchern schützt.

Das Comeback der Bomberjacke

Kreative haben meistens einen natürlichen Hang zur Selbstinszenierung. Zu einer wirkungsvollen individuellen Aufmachung gehört natürlich, dass am besten niemand anders so rumrennt. Das ist – wenn man so möchte – Anpassungsdruck andersrum. Die Folge ist, dass man als selbstbewußter Selbstinszenierer auch schonmal in Styling-Gefilde ausweichen muss, die noch nicht so abgetragen sind. Originalität ist Trumpf. Der große Steinbruch des Geschmacks hält dort die dicksten Brocken bereit, wo selten gekloppt wird. Unsere emsigen Mineure sind dann auch schonmal mit dem Presslufthammer im Tagebau unterwegs. Ab und an ist ein echter Hinkelstein dabei. Die Bomberjacke zum Beispiel. So ganz wertfrei war sie eigentlich nie. Sie sollte, genauso wie die Ray-Ban,  Kampfjet-Piloten den Arbeitsalltag erleichtern. Das klingt jetzt genauso martialisch wie es ist. Beide Stilikonen, die Bomberjacke, wie auch die – ob ihrer Sonnenstrahlenschutzwirkung – Ray-Ban  genannte Fliegerbrille, sind genaugenommen Rüstungsgüter. Dass die Bomberjacke zu einem wichtigen Styling-Accessoire für zivile Arschgeigen wurde, ist so banal wie naheliegend. Informationen über die übliche ursprünglich politisch-korrekte Verwendung im Lager Britanniens Arbeiterklassejugendkultur erspare ich mir an dieser Stelle —da steigt wirklich keiner mehr durch. Fest steht: Die Bomberjacke durchlief hierzulande auch schon mehrere Metamorphosen, die sich eigentlich immer auf gesellschaftliche Randzonen bezogen. Mal war sie fester Bestandteil des populären Ludenchics, mal wurde sie zum Amüsieroutfit der Liebhaber des härteren Techno – und – zur Arbeitsbekleidung derjenigen die ihnen den Einlass zu ihren Kultstätten gewährten oder verwehrten. Das Ding macht eben Eindruck. Kleider machen Leute. Outfits werden zur Pose. Ab und zu arbeitet sich ein pariser Underground-Modedesigner an dem guten Stück ab. Aus Seide etwa, als lässiger Blouson, oder sinngemäß konterkariert durch niedliche Musterchen und Farbspielereien. Weil die Bomberjacke so wunderbar subversiv ist, taucht sie unter anderem auch auf der ein oder anderen Vernissage auf. Oft an Damen. Stilsicher kombiniert mit leichten und luftigen Stoffen. »Guten Tag Madame Bomberjäckchen,  lange nicht gesehen!« Es gibt Menschen, die würde ich gerne in Bomberjacken stecken. Weil sie diesen kruden Dress durch ihre eigene Art so wunderbar sprengen. An den sehr Sensiblen und den sehr Aufrichtigen wirkt sie wie ein Verstärker der Empfindsamkeit. Das Toughe weicht dem Sanften. Die Rüstung wird durchlässig. Zwei mir sehr bekannte berliner Künstlerinnen, die vor einer Weile beschlossen haben alles gemeinsam zu machen, würde ich nur zu gern mal in Bomberjacken sehen. —Aus den oben genannten Gründen. Die beiden haben ein wunderbares Gespür dafür, wie man auch bei politischen Themen einem Sinn für Poesie zeigen kann. Sie wissen um die Möglichkeit Zeichen umzudeuten und sie haben das Mittel, um die eigentliche Botschaft freizulegen: Liebe.

Ich muss gestehen: Einmal habe ich die beiden falsch verstanden. Sie waren gerade dabei eine Serie von Plastiken zu starten, bei der sie mit ballistischem Gelee gefüllte Plexiglasbehäter mit Gewehren beschiessen wollten. Die fertigen Objekte sollten hauptsächlich die Spuren der Projektile zeigen. Ich war damals ziemlich empört. Das alles klang mir zu militärisch. Als ich die Arbeit zum ersten Mal in einer Ausstellung sah, war ich dagegen tief berührt. Der brutale Akt des Gewehrschusses, der fast immer das Ende eines Lebens bedeutet, wurde – dank weiblicher Intelligenz – zu einem stillen und sehr einfühlsamen Zeugnis künstlerischer Transformation.

 

Die Wohnung geteert

Unten im Haus ist grad einiges los. Das nette Pärchen mit dem kleinen französischen Wuschelhund mußte neulich in Panik seine Wohnung verlassen. Nachdem im Estrich unter den alten Teppichböden (die unter dem Laminat versteckt waren) Schimmel entdeckt worden war. Unser neuer Hausbesitzer, ein eloquenter Mittfünfziger mit Wohnsitz in Hamburg und guten Kontakten zu Architekten und sogenannten Gutachtern, hatte den beiden zuvor versucht einzureden, dass der sichtbare Schimmelbefall in ihrem Zuhause allein durch mangelnde Luftzufuhr zustande gekommen sei. Nett und geduldig, wie sie sind, ertrugen sie die Schuldzuweisung. Erst als der Polier einer Tischlerei, die damit beauftragt war die Böden zu erneuern, sich weigerte den neuen Fußbodenbelag auf dem, für ihn klar erkennbar, schimmelbefallenen Untergrund zu verlegen, platzte den beiden der Geduldsfaden. Ich riet ihnen die Beweismittel zu sichern, also vorerst keinen Handwerker in die Wohnung zu lassen, der irgendetwas schimmliges unter irgendwelchen Holzfußböden verschwinden lassen könnte. Wie stumme Zeugen standen Teile des Mobiliars der beiden, ein, zwei Tage im Hausflur herum und kündeten von Vertreibung und Flucht vor einer unbekannten Gefahr. Dann wurde es still unten im Haus. Etwa eine Woche später wurde unsere kleine Familie durch das sonore Meisseln elektrisch betriebener Hämmer geweckt. Draussen vor dem Haus füllten sich, wie durch unsichtbare Hand, mehrere kleine Bauschuttcontainer. Dann wieder Stille. Die Sanierungsaktion mündete ein paar Tage später abermals in einem gewaltigen morgendlichen Bohrhammer-Crescendo. Als sich der aufgewirbelte Baustaub setzte, waren die Schuttcontainer verschwunden. Von den Arbeitern keine Spur mehr. Die Ruhe im Haus wurde von mir und meiner redseligen Nachbarin mit Mutmassungen gefüllt: »Was ist bloss mit den beiden, sind die jetzt obdachlos?« »Kann man Schimmel einfach so wegmeisseln?« »Wie? Der Hausbesitzer wollte in zwei Zimmern Echtholzbohlen verlegen und im Flur nur billiges Laminat?« »Im zweiten Weltkrieg wurde das Haus teilzerbombt. Danach wurde die zerborstene Hälfte gaaanz billig wieder hingefummelt, deswegen die ganze Schimmelei und das wackelige Mauerwerk.« »Halten die Gasleitungen den Setzrissen stand?« »Werden wir das alles überleben?«

Gestern morgen wurde unser aller Informationsvakuum wieder gefüllt. Zunächst fiel mir nur ein seltsamer Geruch auf. So eine Mischung aus Brikett und Altöl. (Wie auf einer Baustelle auf der richtig was abgeht.) Ich versuchte dem Odeur Einhalt zu gebieten, indem ich an diesem sonnigen Tag die Fenster schloß, dabei entdeckte ich vor dem Haus einen eigenartigen Fuhrpark. Ein großer kochtopfartiger Behälter auf einem Anhänger in dem eine schwarze Masse vor sich hin köchelte, und vis-à-vis dazu ein weiteres mysteriöses Fahrzeug, beladen mit irgenwelchem Gerät. Meine Neugierde war geweckt. Ich schlich auf Zehenspitzen im Treppenhaus nach unten. Vorsicht war geboten. Ich wollte das Treiben der scheuen Spezies Bauarbeiter nicht stören. Sie womöglich durch Ungeschick während der Beobachtung wieder für Wochen verscheuchen. Unten vor dem Haus angekommen, riskierte ich einen ersten offenen Blick. Da stand Sie.  Supercool und lässig zwischen den zwei LKW, zwischen Teerpott und Ladepritsche befehligte Sie ein kleines Heer von Arbeitern, die einen Eimer Teer nach dem anderen in die Wohnung bugsierten und auskippten, um den Inhalt anschließend zügig zu verstreichen. So souverän können nur Frauen wirken, die echte Kerle dirigieren, dachte ich mir. Mein Respekt schwoll unaufhaltsam weiter an. Ich wußte: Fragen nach dem Fortgang der »Operation geteertes Wohnzimmer« würden an dieser Stelle den Betrieb nur unnötig verzögern. Ich blieb still und voller Ehrfurcht stehen und beobachtete die fremde Dame aus der fernen Asphaltwelt noch eine Weile, die abgesehen vom fehlenden rosa Trainingsanzug, Cindy aus Marzahn täuschend ähnlich sah.

Hippie-Ökonomie

Die Natur stattete uns Menschen mit zahlreichen nützlichen Gaben aus. Wir beherrschen die Sprache, wir wissen wie man Feuer macht und wir sind in der Lage Mittelalter-Märkte zu veranstalten. Dort wird viel geredet, gegrillt und allerlei Krimskrams aus Wolle, Holz und anderen »ehrlichen« Materialien zum Verkauf feilgeboten. Zumeist von nett wirkenden Zeitgenossen, die mit gemütlich ausladenden Schritten in Gewändern umherstapfen, die durchaus auch schon zur Zeit der vorletzten Jahrtausendwende als Staffage für Kostümfilme gedient hätten, wäre das Filmen dort schon erfunden gewesen. Das Mittelalter war immer schon ziemlich lässig. Keine Ahnung warum erst jetzt wieder damit angefangen wird? Solche Events sind für die Beteiligten ansonsten kein Zuckerwatteschlecken. Die ganze Orga, die Logistik, die weite Anreise im Hippiebus. Das umherfahrende Gewerbe will auch finanziert werden. Für Leute, die keine Augen haben, für die Feinheiten alternativer Lebenskultur, sind Hippies vordergründig eine herumlungernde, dauerbekiffte Kaste, die sonnengegerbt in betont weiter, erdfarbener Oberbekleidung zwischen Kommune, Festival und Cote´d Azur pendelt. Aber der Eindruck täuscht: Hinter so manch einem Ziegenbärtchen und so manch einer Rock-über-Hose-Kombination verbirgt sich ein knallharter Hippie-Geschäftsmann, beziehungsweise eine knallharte Hippie-Geschäftsfrau.

Die Anfänge des Hippietums liegen – wie jeder weiß – in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Unsinnige Kriege, die Unterdrückung von Minderheiten und ungezügelte Staatsgewalt boten einer Gegenkultur den Nährboden. Die Erfindung der Pille mündete in der sexuellen Revolution. Woodstock, der Christopher Street Day, fernöstliche Spiritualität, Timothy Leary und die Verbreitung psychedelischer Drogen, blumengeschmückte Busse. All diese Trademarks waren Symbole des Aufbegehrens gegen das Establishment. San Francisco und die Bay Area  wurden zum sonnenbeschienenen Melting Pot  für eine neue Form von Gesellschaft. —So glaubte man damals. Wie sich zeigte, verschwand der betörende Nebel der Patschuli-Räucherstäbchen jedoch so schnell wie er gekommen war. Fortgeweht vom kalten Hauch des Kapitals, das immer noch in der Hand der selben Menschen war. Die eigentliche Revolution fand erst jetzt statt. Nicht jeder Hippie der erstem Generation hatte Lust dazu lebenslang selbstgebastelte Muschelkettchen am Stand von Venice Beach zu verkaufen. Nachdem man sich den Rausch gründlich ausgeschlafen hatte, ging es wieder fix auf das Studierzimmerchen nach Berkeley und Stanford, um endlich das Jura- oder Informatikstudium abzuschließen. Die wichtigste Frage war anschließend: Was hatte man aus den gemachten Erfahrungen gelernt, damals als man plötzlich mit wildfremden Menschen in Kontakt kam, auf den ausgedehnten Fahrten durch das weite Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Nicht wenige Karrieren fußten damals auf einer grundsoliden Ausbildung als Drogendealer oder Konzertveranstalter, oder beidem. Wichtige Schlüsselpositionen bei der Herausbildung anarchistischer Macht. Was aber ist die beste Geschäftsgrundlage, wenn man entweder keinen Zugang, oder kein Faible für diese Ressourcen hat? Das was auch in der alten Wirtschaft am meisten zählt: Networking und Opportunismus. Beim genaueren Hinsehen, erweist sich das Hippie-Dasein als eine extrem gute Ausgangsbasis für den geschulten Geschäftssinn. Man fängt an auch an die aberwitzigsten Ideen zu glauben, wenn eine Community sie mitträgt. Man bekommt ein Auge für die Gelegenheit, für den richtigen Moment, wenn man eine Zeit lang auf der Suche nach dem idealen Ort und Augenblick war. Selbst wenn man nur dem Spaß nachgejagt hat. Diese Offenheit ist durch nichts zu ersetzen. Die wichtigsten Technologiekonzerne unserer Zeit wurden von ehemaligen Hippies gegründet. Steve Jobs und Steve Wozniak tüftelten dereinst gemeinsam (im schwummerigen Rausch von LSD) in der elterlichen Garage an der Zukunft des Computers. Andere ihrer Generation wurden zu mächtigen Strippenziehern in der Unterhaltungsindustrie oder in der Politik oder beidem. Auch hierzulande gibt es vergleichbare Karrieren. Claudia Roth managte die Band Ton, Steine, Scherben  bevor sie bei den Grünen einstieg.

Zurück auf den Mittelaltermarkt. Ein Bekannter von mir ist stolz auf die unnatürlich hohe Gewinnspanne seiner Traumfänger. Wie er mir erzählt, hat er auf einer Indienreise gute Kontakte zu lokalen Herstellern geschlossen. Sein Steuersparmodell bestünde aus einem gemeinnützigen Verein und demnächst will er auch in den Streetfoodmarkt, da wäre noch viel Luft nach oben. Klingt fast so, als hätte er seine Geschäftspraktiken nicht nur von der Business-School-of-Hippies,  sondern als hätte er auch von der ganz normalen Marktwirschaft gelernt wie man Profite erst einstreicht und dann geschickt verschleiert.

 

Danke, ich brauche nichts!

Mit vierzehn Jahren war ich mal in England. Meine große Schwester besuchen. Das war toll. Schon auf der Hinfahrt auf der Fähre musste ich mich heftig vom dort servierten Englischen Frühstück  erbrechen. Da schwammen sie im Ärmelkanal dahin, kleine Würstchen und Reste von Rührei. Auf der Insel angekommen war alles so anders, ich erinnere mich noch genau: Linksverkehr, auf der Strasse angebrachte Nutzerinformation anstatt des deutschen Schilderwalds, Kreisverkehre statt Ampeln. Ein ziemlich ungewöhnlicher Lebensraum, das merkte ich sofort. Beim Einkaufen im Supermarkt schien alles viel bunter, leuchtender, größer zu sein. Was ich zu der Zeit noch nicht wusste: England war konsumtechnisch immer schon näher am amerikanischen Standard orientiert. Stichwort: Supersize. Softdrinks im Gallonenformat abgefüllt, Megapackungen von allem erdenklichen Zeug, riesige Regale. Ich war im Schlaraffenland. Das, was mich damals noch begeisterte, würde mich heute wohl eher abschrecken. Ich schätze bestimmte Lebenserfahrungen haben mich verändert. Meine Seele ist mittlerweile imprägniert mit Konsumunlust. Sorry guys, I´m out!

Wir haben hier in der Nähe vom Park auch so einen riesigen Supermarkt, dort findet man auch große Packungen, nicht so groß wie damals in England, aber schon ziemlich groß. Ich gehe nur dorthin wenn ich keine andere Wahl habe: Wenn zum Beispiel alle anderen Lebensmittelgeschäfte aufgrund von regulären Öffnungszeiten geschlossen sind (weil ich zu langsam gelebt habe), oder ich auf Grund von plötzlichem Heißhunger diese bestimmte schwedische Schokolade in der XXL-Packung brauche. Das ist dann jedesmal ein kleiner weltanschaulicher Spießrutenlauf: Mit dem Fahrrad vorbei an den HipHop-Bratzen, die auf dem Parkplatz mit ihren tiefergelegten Golf GTIs und 3er BMWs angeben. Drinnen angekommen, vorbei an Bergen von foliertem und umgelabelten Biogemüse. Vierzigtausend Artikel. Alles in mindestens drei Qualitätsstufen und von fünf Anbietern. Das suggeriert enorme Auswahl. Auswahl ist wichtig und spiegelt wieder, dass die Bedürfnisse der Verbraucher von der Marktleitung verstanden und ernst genommen werden. Stichwort: Nah dran sein am Kunden. Das es möglicherweise mit weniger ginge ist – nun, ja – egal. Dieser Markt spiegelt die Mitte der Gesellschaft wieder und die will das so. Berge von Plastik, Megaauswahl, 7 Sorten Dosenravioli, vegane Pizza mit Volleipulver, Brötchen aus der netten Großbäckerei, gesunde Kindersüssigkeiten mit viel Vitamin C, Raumerfrischer für Möbel. Keep focused: Augen zu und durch! Wo ist meine XXL-Schokolade? Tatsächlich werde ich bei jedem Besuch dieses Marktes auf meine Unfähigkeit zum Spontankauf zurückgeworfen. Ich kann es irgendwie nicht. Dauernd komme ich zu früh —an die Kasse. Die Verheißungen der modernen noch schnelleren, gesünderen, saubereren, besseren Welt prallen an mir ab. Die ganze aufreizende Einkaufserotik, die ganze Auswahl —alles umsonst. Ich bin unheilbar. Bitte, bitte, lasst mich in eure Mitte! Haltet mit mir eine konsumistische Séance ab, treibt mir mit vorgehaltenem Benzstern den Teufel aus! Ich will sein wie ihr. So normal. Ja, ich will auch mal die Binnenkonjunktur ankurbeln. Steckt mich auch endlich in Klarsichtfolie! Legt mich ins Regal! Werft mich vor dem MHD in die Tonne! Apropos Mindesthaltbarkeitsdatum: Es kommt – wie im Leben – immer darauf an was hinten herauskommt. Ich und ein paar andere begeisterte Resteverwerter finden: Die Auswahl im Müllcontainer hinter dem Supermarkt kann sich durchaus sehen lassen.