Das Maß der Dinge

Erinnert ihr euch noch an das schöne Buch Die Vermessung der Welt?  Es handelt sich dabei um einen Historienroman des Autors Daniel Kehlmann,  der die Biografien zweier bedeutender deutscher Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts vermengt. Die, des Mathematikers Carl Friedrich Gauß  und die, des Naturforschers Alexander von Humbold.  Den Titel fand ich, als ich ihn zum ersten Mal hörte, sehr verheißungsvoll. In meiner Version allerdings, waren die beiden in allerelei Erdteilen unentwegt mit dem Zollstock unterwegs. „Aha, ein Pygmäe! Carl Friedrich komm doch bitte mal mit dem Meterstab!“ „So, so! Nur einmeterdreiundzwanzig. Hab´s notiert Herr von und zu!“ Oder ich habe sie mir genau nachmessend vorgestellt, mit dem Bandmaß am Rande einer Schlucht. Gemeinsam die Tiefe und Breite exactement ermittelnd. Als ich dann irgendwann den Film sah, der mit viel überflüssiger Detailliebe die biografischen Wendungen der beiden Protagonisten nachzeichnet, war ich direkt ein bisschen enttäuscht. Ich selbst wollte einfach nur sehen, wie etwas richtig genau gemessen wird. Wenn die Welt scheinbar ein wenig aus den Fugen gerät und alles etwas unüberschaubar wird, wie in letzter Zeit, braucht man – anstatt all der subjektiven Willkür – ab und zu auch mal echte, unumstössliche Tatsachen. Zahlen jedenfalls vermitteln Beständigkeit. Sie können unser aller Vertrauen aufrechterhalten, in den Lauf der Dinge. Unser Bedürfnis nach Sicherheit stillen, als Statistik, als Messwert, als Ergebnis. Das erleichtert die Interpretation gewaltig. Man will doch nicht zu viel Zeit zubringen, mit Unschärfe generierenden Überflüssigkeiten, wie der eigenen Intuition. Wer Klarheit haben will – auch über sich selbst – der braucht sie: Harte Zahlenfakten.

Sehr zu meinem persönlichen Glück habe ich vor kurzem endeckt, dass ich an einem Ort lebe, der von jeher ein Refugium der Genauigkeit ist. Hier, in der unmittelbaren Nähe zum Park, wurde nämlich die Sekunde erfunden. Ja, ihr habt richtig gelesen! Die Sekunde ist eine Erfindung aus Nordhessen. Ich dachte – wie viele andere auch – der regionale Erfindergeist sei mit der bekannten, überlagerten Fleischware, der ahlen (alten) Wurst, bereits erschöpft —aber weit gefehlt. Der wissbegierige Kasseler Kurfürst Wilhelm der IV., auch Wilhelm der Weise genannt, hatte ein ausgesprochenes Faible für die Wissenschaft der Astronomie, und ließ sich vom damals besten Instrumentenbauer, dem Schweizer Jost Bürgi, die weltweit allererste Uhr mit einem dritten Zeiger, dem Sekundenzeiger, bauen. Seitdem tickt die Zeit so wunderbar genau durch unser aller Leben. Manche mögen ihn jetzt wohl hassen, ob seiner Erfindung, die uns ebenfalls zu Sklaven der sekündlichen Genauigkeit gemacht hat. Ich selbst mag die Sekunde. Sie erleichtert die unmittelbare Beobachtung der Zeitmessung. Ein kurzer Blick auf das Ziffernblatt reicht und man kann sich wieder sicher sein: Die Zeit vergeht regelmäßig.

Noch so eine ziemlich genaue Einrichtung ist das Deutsche Institut für Normung,  kurz DIN. Direkt hinter diesen drei Buchstaben beginnt es, das wundersame Reich der Ingenieure. Beneidenswerterweise verbringen sie den Großteil ihrer Lebenszeit an Orten wo die Genauigkeit regiert. In Prüflaboren, Instituten für Materialwissenschaft, Kontrollstellen für Emmissionsschutz und natürlich in technischen Planungsbüros, die Mikrometerschraube stets zur Hand. Sie reden gerne Fachchinesisch, und die Prinzipien der Thermodynamik, die im Stillen alles verantworten, sind nur ihnen, den Eingeweihten bekannt. Wir verstünden wenig von ihrem Dasein gäbe es nicht das DIN. Seine Normen sind das eigentliche Maß der Dinge. Sie sind überall. Wer aus dem Fenster blickt, sieht eine Welt, die in den Standards des DIN errichtet wurde. Egal ob es um die Breite eines Gesimses, die Durchfahrthöhe einer Ampel, oder die Rauheit des Straßenbelages geht. Schaut man gerade nicht aus dem Fenster, sind die Normen trotzdem überall. Sie regeln die Sitzhöhe von Stühlen, die Abmessungen von Tischen, die Beschaffenheit von Scharnieren, Türklinken, Schrauben, Reisszwecken und Büroklammern, den Abstrahlwinkel einer Glühbirne, das Weiss der Wände, die Form des Heizkörpers, der Aktenablage und auch des Blattes Papier, das vor mir liegt. Normen sorgen für Sicherheit und sie teilen die Welt ein, in nachvollziehbare Vorschriften. »Ansonsten könnte ja jeder machen was er will.« Dabei tobt auch im Reich der Normen ein Kampf um die Ordnung. Es ist ein stiller Kampf zwischen DIN-David und ISO-Goliath. Die Normen der International Organization for Standardization  (ISO) werden von einem weltweiten Verband ausgegeben. Und sie bedrohen unsere heimelige deutsche Normenwelt. Aber wir behaupten uns standhaft. Es geht für uns  um nicht mehr und nicht weniger als alles. Alles was uns  ausmacht. Deutsche Pünklichkeit, Genauigkeit, Qualität. Gäbe es eine DIN-Vorschrift für Humor, ich würde sie gerne einhalten.

 

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