Brexit im Finger

Wer den letzten hier erschienenen Artikel aufmerksam gelesen hat, wird festgestellt haben, dass man dem Autor eine gewisse emotionale Beziehung zum Thema Fahrrad nicht absprechen kann. Ja, ich muss mich wohl als ein sentimentaler, der mechanischen Seite der Technik zugeneigter, Fahrrad-Nerd outen. Ein Freund von mir arbeitet in einem Fahrradgeschäft, ab und an besuche ich ihn an seinem Arbeitsplatz. Ich liebe einfach diese Kaffeehausatmosphäre zwischen all den Rädern. Mir ist, als ob mein Wohlbefinden proportional zur Anzahl der in einem Raum befindlichen Speichen ansteigt. Dieser Freund jedenfalls, erzählt manchmal sehr lebensnahe und detailreiche Geschichten von den Erlebnissen mit seinen Kunden. Zum Beispiel, dass er, seit dem Erscheinen der E-Bikes auf  dem Markt der Fortbewegungsmittel, öfters darüber nachdächte eine Zusatzqualifikation in Geriatrie zu erwerben. Der Altersdurchschnitt des typischen Elektroradfahrers, scheint »gefühlt« um Geburtenjahrgänge direkt nach dem Krieg angesiedelt zu sein. Seine Meinung: Die Branche solle sich besser auf Alter und Gebrechen des neuen Klientels einstellen. Beim Erklären der neuen E-Bike-Technologie müsse man sehr oft ganz langsam und deutlich und auch etwas lauter sprechen. Ein verknappter Wortschatz unter Aussparung zu komplizierter und technischer Begriffe wäre ausserdem hilfreich. Immer schön mit leichtverständlichen Beispielen aus der unmittelbaren Lebenswelt der älteren Bevölkerung arbeiten: „Vergleichen sie die Sitzposition mit der, die sie beim Schieben ihres Rollators haben.“ Dabei ist nicht nur für das altersgerechte Erklären der Funktionsweise dieser Fahrzeuge Fingerspitzengefühl von Nöten. Schon das Aufsteigen auf ein elektrisch betriebenes Zweirad erfordert mehr Konzentration und Geschick als den wagemutigen Rentnern bewußt ist. Wie er letzlich meinte, stünde er schon mit ein paar Alterssportgruppen im Kontakt, in denen er vorbereitende Kurse mit Ziel »E-Bike-Tauglichkeit« anbieten möchte. Wenn es mehr seiner Kunden schaffen würden selbstständig auf das Fahrrad zu steigen, könnte dies die Kaufmotivation nachhaltig verbessern.

Einer seiner Kollegen, ein gebürtiger Waliser, hatte letzlich einen einigermaßen amüsanten Unfall. Beim Einstellen einer Scheibenbremsanlage geriet er mit der Kuppe seines Mittelfingers in die rotierende Bremsscheibe. Die Scheibe war davon relativ unbeeindruckt und drehte sich noch ein Stückchen weiter. Das Resultat: Kuppe weg. Das ist, an sich, natürlich überhaupt nicht komisch. Jedoch ergibt sich, im Rückblick auf die damalige politische Situation, eine – nicht von der Hand zu weisende – ironisch-schicksalhafte Konnotation. Die Kuppe des walisischen Monteursmittelfingers ging nämlich genau einen Tag nach der vollzogenen Brexit Abstimmung flöten. Das klingt verdächtig nach Karma. Ein Fuck You!  in Richtung kontinentales Festland kostet jetzt mindestens den halben Finger. Unklar ist allerdings bis zum heutigen Tag, ob der arme Mechaniker für oder gegen den Verbleib in der EU gestimmt hat.

Das Hobby geklaut, Fortsetzung

Plötzliche Verluste, sei es ein Teil eines Fingers, oder ein Teil des eigenen Fuhrparks regen natürlich zum Nachdenken an. Mir sind verschiedene Momente aus meiner Vergangenheit zurück ins Bewußtsein gedrungen, in denen der Verlust eines Fahrrades eine besondere Rolle spielte. Traurig aber wahr: Schon mein allererstes Fahrrad wurde mir am gleichen Tag, nach nur ein paar wenigen, stützradgesicherten Kurven entwendet. Danach war Fahrradfahren leider erstmal kein Thema mehr. Bei meinem nächsten Fahrversuch, ohne Stützräder, landete ich prompt wieder auf der Nase. Ich war einfach noch nicht bereit. Zwei Jahrzehnte später, ein weiterer bedeutsamer Fahrradverlust: In der ersten Nacht, die ich bei meiner damals zukünftigen Lebensgefährtin verbrachte, machten sich finstere Gestalten daran, möglichst alle Teile von meinem Verkehrsmittel abzuschrauben, die nicht niet- und nagelfest waren. Am darauf folgenden Morgen hing etwas an der Laterne, auf das der Begriff Fahrrad nicht mehr zutraf, da es erstens nicht mehr fahrbar war und zweitens keine Räder mehr hatte. Nur ich allein verstand die Botschaft: Bleib bei ihr!

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