Pokermon

Es hat sich etwas verändert, in der Welt. Infantilismus allerorten. Einfach mal unbekümmert über die Strasse rennen. Sich die nervigen Seitenblicke sparen. Das Digitale kollidiert schon seit Längerem mit dem Analogen. Zumal der Strassenverkehr dafür besonders gut geeignet ist. Hier im Park kann zum Glück nichts passieren, hier bewegt man sich mit Vorliebe langsam. Aber auch hier sind sie zu sehen, die Botschaften des Wandels. Es wird jetzt vermehrt mit dauergezücktem Smartphone unter Bäumen herumgelungert. Neben der berüchtigten Rabenpopulation haben sich virtuelle Kreaturen im Park eingenistet. Waren in der Zeitrechnung vor Pokémon Go  nur ein paar Enten- und Rabenfütternde Rentner im Zeichen von Wildlife unterwegs, geht die Alterskurve der Naturbegeisterten jetzt sichtbar auf Talfahrt. Starten wir den Vergleich:

War die Welt früher wirklich besser? Sie ist schon eine Weile gehörig im Umbruch. Sie sollte sich doch mittlerweile an die zunehmenden Spleens ihrer Bewohner gewöhnt haben. Seit den frühen Tagen der modernen Industriegesellschaft, hat sich, parallel zur Taktrate der Fließbänder, auch das Bedürfnis nach bewußter Freizeitgestaltung erhöht. Gewerkschaften leisteten ihren Teil, indem sie die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Freizeit nach und nach steigerten. Vielleicht tragen sie Mitschuld daran, dass unsere Gesellschaft jetzt eine Spassgesellschaft ist. Davor war Spaß nur in begrenztem Umfang möglich. Innerhalb der Sechzehnstundenschichten und den spärlichen Schlafphasen dazwischen. Die Unterhaltungsindustrie stellte sich nur mühsam auf den neuen Bedarf nach Zerstreuung ein. Verbrachte der einfache Arbeiter damals seine Freizeit häufig im Varieté, auf der Kirmes oder im Zoo, um entweder Zwergwüchsige, Preisboxer oder wilde Tiere zu sehen, verbringt – der vom schweren Los der Freizeit betroffene – sie heutzutage immer öfter zockend vorm Bildschirm. Der große Hamburger Song-Poet und Soziologe Gunter Gabriel sorgte vor einiger Zeit für einen kleinen Skandal, als er mehr oder weniger nüchtern feststellte:

„Ihr habt ja soviel Zeit, sonst wärt ihr nicht am Nachmittag schon hier. Ich hab leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch immer in Bewegung halten, damit die Knete stimmt!“

Ursprünglich meinte er damit nur sein Publikum auf der Eisleber Wiese,  dem jährlich stattfindenden Festival in der ostdeutschen Lutherstadt  Eisleben. Wie sich aber zeigte, erwies er sich mit dieser spontanen Aussage als ausgesprochen feinsinniger Beobachter gesamtgesellschaftlicher Vorgänge. Als Jemand der das Große und Ganze sieht, ohne seine eigene Perspektive auszusparen. „Ihr habt ja soviel Zeit, sonst wärt ihr nicht am Nachmittag schon hier.“  Aus respektvoller intellektueller Distanz muss ich sagen: Diese Zeile liefert wirklich eine ganz gut gelungene Beschreibung des Status Pokémon Go.  Ich hätte es nicht treffender benennen können. Das Problem an der Freizeit ist ja, dass sie auch als solche sinnvoll genutzt werden will. (Davon abgesehen, gibt es sicherlich bessere Alternativen als Gunter Gabriel beim Singen zuzuhören.) Das »Phänomen Freizeit« betrifft mich im Übrigen auch ganz persönlich, sonst könnte ich diesen Text wohl nicht ganz fertig schreiben —bevor ich meinen Arsch wieder in Bewegung halten muss, damit die Knete stimmt

Von der Eisleber Wiese  mit dem prolligen Gunter zurück auf den feinen englischen Rasen im Park. Da sitzen sie nun: Friedlich versammelt unter den Bäumen, darauf wartend, dass eines der niedlichen Fantasiegeschöpfe hinter einem Strauch vorlugt, um es sodann mit sogenannten Pokébällen  auszuknipsen. Anschließend würden die teilunsichtbaren Kreaturen im virtuellen Raum gezähmt und abgerichtet – für Schaukämpfe in virtuellen Arenen – wie mir berichtet wurde. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der deutsche Tierschutzbund diesem Treiben Einhalt gebieteten wird. Die Pokémon-Experten  werden an dieser Stelle einwenden, dass es sich überhaupt nicht um Tiere handelt, sondern um digitale japanische Geisterwesen, inspiriert von den Naturgottheiten des Shintō. Ja, kann sein. Egal was die anderen sagen: Pokémon Go  könnte dafür sorgen, dass die Freizeitgestaltung in unserer schönen neuen Welt wieder sinnerfüllter wird. Es ist doch eigentlich ganz gut, wenn Mann seine Pixelkarre mal stehen läßt, im virtuellen Umland von San Andreas,  die Streitaxt Axt sein läßt, dem Shooter das Ego entwendet und endlich loskommt, von den verkifften Pokerrunden. Hoffentlich bringt das Einsammeln von Müll im Park Extrapunkte.

 

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