Tomatenpsychologie

Ich bin mit Timo im Park unterwegs. Es gibt Leute, die Timo nachsagen er sei ein bisschen eigen, manchmal. Ich kann das nur bestätigen. Er ist ein einzigartiges Original. Ein funkelnder Bergkristall inmitten von runden Kieseln. Ihr wollt wissen was den Typen so individuell macht? Ok, ich sags euch: Viele Leute hören Musik. Die Platten die Timo hört, hat sonst keiner. Bevorzugte Bestandteile seiner DJ-Sets sind —neben Proto-Wave  und Krautrock-Kostbarkeiten  aus dem Düsseldorfer Umland— türkische Funkbands, Fusionjazz-Raritäten  vom Balkan, Dope-Beats  aus Canada und echte Raregroove-Trüffel,  die so rare sind, dass nur Timo sie in halbbeschatteten Plattenkisten finden kann. Wer an Timo hoch und wieder runter schaut, wird feststellen, dass sein Outfit etwas sehr unbestimmt vagabundenhaftes hat. Timo ist nämlich namentlich und offiziell der Erfinder des originären Trampstyles.  Ein bisschen Bergsteiger, ein bisschen Rollbrettfahrer, eine Prise Handwerker und ein klein wenig Stadtstreicher. Immer in Bewegung, immer lässig, immer unterwegs. Fahrendes Gewerbe, selten im Stillstand. Abgesehen von der schlechten Mobilfunkverbindung, die uns des Öfteren trennt, ist er eigentlich immer da wenn man ihn braucht. Timo´s dauernder Begleiter ist sein Rucksack in dem er ausschließlich essenzielle Dinge mit sich führt. Werkzeug, Musik, Fahrradteile, seine Nöte, seine Sorgen, seine Unsicherheiten und ganz viel Weltoffenheit. Egal was er da rauskramt, es ist immer etwas besonderes.

Wir sind auf dem Weg zu einer spontanen Grillparty unseres erweiterten Bekantenkreises. Timo erzählt mir, dass er unbedingt heute Abend noch seine Tomatenpflanzen umtopfen muss, da er mal für zwei Tage weg ist. Wer bei der Sommerhitze seine Tomatenpflanzen für zwei Tage im Stich lässt, hat möglicherweise nicht mehr viel zu ernten. Ich verstehe. Zwei seiner Pflanzen müsste er aus einer anderen Ecke des Gartens zu den etwas größeren, bereits eingetopften Pflanzen stecken. Ich wende ein: Man müsse vorsichtig sein, mit den neuen Mitbewohnern, sollte zunächst das zwischenpflanzliche Gefüge beobachten. Entwickelt sich Futterneid, oder besteht die Bereitschaft die vorhandenen Nährstoffe untereinander zu teilen? Wie sind die Verwandtschaftsverhälnisse, stammen sie von der gleichen Tomatenart ab? Ich hatte schon ein paar Geschichten aus der Welt des Grünzeugs gehört, die mich auf beunruhigende Weise an die Menschenwelt erinnerten. Ich riet ihm seine Führsorge gerecht auf die Stauden zu verteilen, um Eifersüchteleien – sozusagen – im Keim zu ersticken.

Vor einer Weile habe ich einen Artikel über das sogenannte Wood Wide Web  gelesen. Einer nützlichen Einrichtung von Mutter Natur, die mit Hilfe eines waldumspannenden Pilzgeflechts dafür sorgt, dass es zwischen den Bäumen gerecht zugeht. Dabei dient das symbiotische Pilzgewebe nicht nur zur Verteilung von Ressourcen, sondern auch dem Austausch von Pflanzeninformationen. Der Waldbodenpilz: Das Modem der Baumwurzel. Hoffentlich sind die alten Bewohner des Tomatenbeets so freundlich und informieren auch die Neuankömmlinge per Beet-LAN  über herannahende Fraßfeinde und stille Düngerreserven. Denn: Geteiltes Beet ist halbierter Lebensraum. (aus Tomatensicht gefühlt)

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