The Riddle

Geht es euch auch so…? Morgens in die Küche stellt man das Radio an und es läuft immer zufällig The Riddle  von Nik Kershaw.  Die Wahrscheinlichkeit das The Riddle  gerade läuft ist ziemlich hoch, handelt es sich doch bei dem Song nachweislich um einen Evergreen. Jeder kennt den Song, auch wenn jeder  das garnicht unbedingt will. Es ist mit vielen musikalischen Relikten aus der vorletzten Dekade des letzten Jahrhunderts so. In Stein gemeißelte Pop-Phrasen die man nicht überhören kann, auch wenn man sie sich längst überhört hat. Dabei schwingt bei jedem neuen Hören die Frage mit, ob die Songs noch für sich selbst stehen, oder ob sie auf einer Endlosschleife verharren, die allein marktwirtschaftlichen Aspekten geschuldet ist. Stichwort: Kundenbindung, Werbezeit verkaufen. Bloss niemanden auf dem Weg zur Arbeit mit neuen Songs überfordern! Diese Gassenhauer sind schließlich so middle of the road,  dass sie möglicherweise die größtmögliche Schnittmenge von Musikgeschmack überhaupt abbilden, was die Wahrscheinlichkeit des unvorgesehenen Senderwechsels dämpft. Die middle of the road  wurde mit diesen Evergreens geteert: Last Christmas, The Final Countdown, Unchain My Heart (Coverversion, Joe Cocker), Simply The Best, Urgent, the Riddle. Es ist klar: Wer zweimal in einer solchen Aufzählung vorkommt, ist, oder vielmehr – war – ein Superstar.

Nik Kershaw, geboren in Ipswich, Suffolk, England schrieb The Riddle  im Alter von 26 Jahren. Er hatte im Frühjahr 1984 mit Human Racing  bereits ein Album mit zwei Top-10 Hits am Start. Was ihn nicht davon abhielt im Oktober des gleichen Jahres ein zweites Album nachzulegen. Das gleichnamige Titelstück The Riddle,  ist neben den besagten Hits des ersten Albums, wahrscheinlich sein bekanntester Song. Vielleicht erkannte man bei seinem Label MCA das Potential des neuen Hit-Lieferanten und wollte mit The Riddle  gleich noch in das Weihnachtsgeschäft einsteigen. Eile war geboten, schnell mussten die Stücke fertig werden, um noch rechtzeitig auf dem Gabentisch zu landen. Das Texten wurde irgendwie zur Nebensache.

Mir erging es jedenfalls so – das ist überhaupt erst der Grund mich mit diesem Stück Musik auseinanderzusetzen – mit jedem Hören des Songs wurde er mir schleierhafter. Ich stellte irgendwann fest, dass ich einfach nicht zum Kern der Botschaft vordringen konnte. Gab es die? Braucht es die überhaupt? Ein Popsong hat normalerweise schon eine identifizierbare Aussage, sei es die enttäuschte Liebe, oder die Hoffnung auf Erlösung (was ja meistens das Gleiche ist). Das besagte The Riddle  ist auf eine penetrante Art nihilistisch und dabei leider sehr eingängig. Textlich geht es anscheinend um Hobbits, die in Erdlöchern verschwinden und seltsame Kleidung dabei tragen. Hä? Ich verstand es einfach nicht. Wie konnte ein Lied mit einem derart schwachsinnigen Text zum Hit mutieren? Warum werde ich seit Jahren damit gequält?

Bei genauerem Hinhören fällt der betonte Offbeat auf, es handelt sich bei dem Stück Musik demnach, jedenfalls im weiteren Sinn, um Reggae. Mit diesem, Dudelsack-Marschmusik-Gedudel am Anfang und im Breakdown-Part, also der Stelle vor dem letzten Refrain, ist wahrscheinlich die unwürdigste Verschmelzung von Stilen vollzogen, die musikalisch möglich ist. Gedudel und hellhäutiger Reggae. Das war – jede Spielart für sich genommen – damals nichts Ungewöhnliches und trat des Öfteren auf. Gedudel: Solsbury Hill, Rhythm of my Heart.  Bleichgesichts-Reggae: Do You Really Want to Hurt Me, Spirits in the Material World.  Aber beides in einem Song? Eine Zumutung! In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts allerdings eine mögliche musikalische Option. Die Strukturen waren alt: Major Labels, zugkräfige Seilschaften. Die Inhalte neu: Synthesizerklänge und die Lust sie in jeder Lebenslage zu verschwenden. Die Marketingmittel noch wirksam: MTV und Billboards. Da ging so einiges.

Wie ich nun bei meiner Recherche feststellen mußte, wurde ich durch mein Verständnis der englischen Sprache nicht getäuscht: Der junge Nik Kershaw  hatte tatsächlich einfach nur nach Versmaß gereimt: Ja, es handelt sich bei dem Text tatsächlich um nicht-zusammenhängende, gequirrlte Scheiße. Vielen Dank für diese Zeitverschwendung! Bei jedem Hörvorgang hatte mein Hirn vergeblich versucht diesem enigmatischen Nonsens irgendwelchen Sinn zu entlocken. Das ist soetwas wie die Höchstrafe für den bewußten Hörer von Radiomusik. Du mußt hinhören weil du etwas verstehen willst – und das obwohl dir die Musik überhaupt nicht gefällt – nur, um anschließend festzusetellen, dass es – wie auch sonst im Pop – garnichts zu verstehen gibt. Riddle in the middle.

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